Meine Zehnerjahre

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Ich – mit Durchblick und skinny Schal- vor zehn Jahren

Zeit ist etwas Wunderbares, wenn ich sie vertrödeln kann. Wenn sie sich dehnen lässt und am Ende immer noch genug übrig ist, um mit der Familie Brettspiele zu spielen oder Filme zu sehen. Nach Weihnachten verlangsamt sich die Zeit und folgt damit einem mysteriösen Naturgesetz, das keiner beweisen aber doch jeder fühlen kann. Es sind mir die schönsten Tage im ganzen Jahr.

Ich habe mein Arbeitszimmer ausgemistet (nicht weil ich es plante, sondern weil ich plötzlich richtig Lust darauf hatte). Stunden verbrachte ich mit Büchern und Strickzeug auf der Couch. Ein Puzzle liegt angefangen auf unserem Esstisch. In den Kinderzimmern spielen Wollmäuse Verstecken unter den Betten. Das Putzen habe ich auf die erste Schulwoche verschoben. Zwischen den Jahren plagt mich kein schlechtes Gewissen. Lieber fülle ich Seite um Seite in meinem Tagebuch mit Rückschau. Mit Staunen habe ich bemerkt, dass ein weiteres Jahrzehnt dem Ende zugeht und die 20er Jahre anklopfen.

Global betrachtet war dies ein Jahrzehnt, in dem die Weltordnung ins Wanken geriet. Das Gefühl am Ende dieser Dekade ist eines, das sich wie Götterspeise schwer fassen lässt. Man möchte Weltenflucht betreiben, vorher aber noch kurz der AfD und Donald Trump ans Schienbein treten und empfindet doch eine sehr große Verwirrung über die guten alten Werte „richtig“ und „falsch“, die vor meinen Augen verschwimmen, wie die Buchstaben auf meiner Tastatur (ich finde meine Brille diesen Morgen nicht).

Aber die Zehnerjahre privat betrachtet – nun, das ist eine ganz andere Geschichte. Wir erleben viele Tage und Lebensabschnitte so, als würden wir auf der Stelle treten. Als würde sich nie etwas ändern! Und erst in der Retrospektive siehst du die Berge, die du gemeistert hast, die Täler, aus denen du wieder herausfandest, die fruchtbaren Gärten, in denen dir Rast geboten wurde. Magst du mit mir zurückblicken?

Ohne Plan und mit vielen Fragen stand ich da im Dezember 2009, absolut ahnungslos, was mich erwarten würde. Ich bin kein großer Planer, sondern lasse das Leben passieren und greife zu, wenn eine Idee vorbeiflattert und sich Möglichkeiten bieten. Das Scheitern, ja das darf auch eine Möglichkeit sein, denn das Hinfallen tut weit weniger weh als ewiger Stillstand.

Mein Rückblick:

Ich bin Mutter einer zweiten Tochter geworden UND habe die Baby- und Kleinkindphase mit einen Minimum an Schlaf überlebt.

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Unsere Ehe ist bewahrt geblieben durch Stürme und Täler hindurch.

Ich habe 20 Kilo ab- und wieder zugenommen. Den Teufelskreis der Diäten habe ich für immer hinter mich gelassen, wie auch meine Waage und übe mich in radikaler Selbstliebe.

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Wirklich gute neue Freunde sind in mein Leben getreten. Und siehst du, das hätte ich nie zu träumen gewagt.

Freunde haben mein Leben verlassen.

Wir haben ein Haus gekauft und renoviert und schlagen zarte Wurzeln an einem neuen Ort.

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Mir wurde die Kolumne in der Family angeboten, die ich nun seit sieben Jahren schreibe.

Ich habe vier Bücher geschrieben (wann, so frage ich mich, WANN und WIE??). Und einen Jahresplaner konzipiert.

Meine extreme Bühnenphobie ist verschwunden und nun bin ich als Referentin unterwegs und liebe es.

Ich habe ein gut gehendes Fotobusiness aufgebaut und nach ein paar Jahren wieder eingestampft.

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Es war ein Jahrzehnt des großes Lernens.
Stricken, Nähen, Quilten, Sticken, Brot backen, Einwecken, einen neuen Garten anlegen, Kleidung reparieren, Photoshop, meine eigene Businessfrau sein, Kosmetik selber machen, reden vor vielen Menschen, Yoga.

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Ich habe unendlich viel Zeit mit meiner größten Liebe verbracht: Bücher. Diese Autoren hatten es mir angetan: Henri Nouwen, Ruth Pfau, Anselm Grün, Anne Lamott, Wendell Berry, Sarah Bessey, Frederick Buechner, Jen Hatmaker, Amanda Soule, Donald Miller, Rachel Held-Evans, Shauna Nieqist, Tomas Sjödin, Martin Schleske, Christina Schöffler, Jennifer Zimmermann und so viele andere!

Ich bin trotz und mit Kindern viel gereist: Spanien, Frankreich, Italien, Österreich, Schweiz, Polen, USA, Israel, Holland.

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Mein Glaube hat sich gewandelt. Ich bin  ausgestiegen aus meiner alten evangelikalen Welt und einiger ihrer Weltanschauungen. Früher war ich mir so sicher, wie Gott ist und wie er zu wirken hat. Heute bin ich das nicht mehr und mein Glaube hat sich auf Jesusliebe reduziert.

 

Wo auch immer du heute bist – innerlich und äußerlich – so wünsche ich dir, dass du mit hoch erhobenem Kopf und Hoffnung im Herzen in das neue Jahrzehnt gehst. Dass du bewahrt bleibst vor großem Schaden und harten Herzen und Humorlosigkeit. Gott segne deine Wege über Berge und durch Täler. Durch Wüsten und fruchtbare Gärten. Bis du endlich dort bist, wo du wirklich hingehörst.

 

Ich kenne dein zurückliegendes Jahrzehnt nicht, aber ich würde mich freuen, wenn du mir in den Kommentaren ein paar Schlaglichter nennst. 

 

 

 

 

22 Kommentare zu „Meine Zehnerjahre

  1. Hallo Veronika
    In einem Jahrzehnt kann viel passieren, so auch in meinem Leben. Wir sind mit einem Kind von USA wieder nach Deutschland gezogen, haben ein Haus gekauft, Kind 2 und 3 kamen später, ich hab als Tagesmutter kurz gearbeitet und bis heute als nachtbereitschaft in einem Wohnheim für wohnungslose Frauen und seit kurzem auch wieder in der Pflege. Meine Liebe zum nähen hab ich auch wieder entdeckt, viel Sport ausprobiert : Body Pump, Body Balance, body fit, anti Gravity Yoga , Pilates, klettern, schwimmen, wandern, canyoning. Hab auch 10 Kilo abgenommen und nur 2 wieder zugenommen. Ich übe mich auch in Selbstliebe und selbstannahme. Ich habe mein Ehrenamt von frauenfrühstück zu royal Ranger gewechselt.
    Ich war auch in einigen Ländern : USA, Italien, Frankreich, Spanien, Kroatien, Schweden, Dänemark, Österreich und hab stille Wochenenden für mich entdeckt.
    Bin mal gespannt was das nächste Jahrzehnt so bringt, der Ausblick ist auf jeden Fall spannend.
    Viele liebe Grüße aus dem Schwabenland Christina

  2. Vielen lieben Dank!
    Meine 10er Jahre wurden geprägt durch
    *10 Jahre Musikgarten-Kurse
    *10 Jahre Blockflötengruppen
    *10 Jahre im eigenen Haus und Garten
    *Gesangsunterricht – Hofer Kammerchor -Cantabile Regensburg
    *Bücher von Rachel Naomi Remen „Aus Liebe zum Leben, Zsuzsa Bank, Pia Ziefle, Pascal Mercier, Hanns-Josef Ortheil, Stephanie Stahl
    *CDs von Nils Landgren „Christmas with my friends“, Von Otter&Costello „For the stars“, Christine Maria Rembeck „Engelslicht und Dornenschatten“
    *Konzerte für Gesang und Orgel zum Thema Engel
    *Salonmusik zusammen mit neuer Freundin
    *Träume vom eigenen Café
    *neue Freundinnen und 20- bzw. 30jährige Jubiläen alter Freundschaften
    *Smartphone, facebook, whatsapp und Instagram
    *50. Geburtstag feiern dürfen

    Alles Gute und viel Segen wünscht mit lieben Grüßen
    Ulrike

  3. Wir haben viel erlebt in den 10er Jahren: mein Mann hat sich taufen lassen und wir sind gemeinsam in eine neue Gemeinde aufgenommen worden (2011). Ich habe meine Ausbildung als Augenoptikerin in 2012 abgeschlossen , unser erstes Kind ist 2013 in die Schule gekommen, 2014 sind wir in eine andere Stadt, in ein Haus gezogen. 2014 habe ich einen Job bei dem besten Optiker angefangen. Was war 2015??? Achja wir waren zum ersten Mal zu dritt im Urlaub an der Ostsee.
    2016 bin ich mit Zwillingen schwanger geworden ich habe meinen 30. Geburtstag gefeiert,und im Dezember 2016 waren wir dann eine 5-Köpfige Familie. 2017 haben wir ein größeres Auto gekauft ,und dann habe ich eine Woche alleine mit den Kindern Urlaub gemacht. Die Große wurde im Gymnasium eingeschult. Ich habe wieder angefangen beim Optiker zu arbeiten (bis jetzt nur als Minijob).
    2018? Komisch, war 2018 so unspektakulär?
    2019 waren wir in Österreich und in Cornwall im Urlaub, meine Eltern sind umgezogen (von NRW nach Bayern), ich habe mit dem Kindergottesdienst in unserer Gemeinde angefangen und deinen Blog entdeckt. In den 10 Jahren habe ich von Kleidergröße 38 -46 alles getragen. Jetzt bin ich bei 44 und es fühlt sich noch nicht so ok an,aber die Waage ist in den Keller verbannt worden und ich möchte gern wieder Sport machen, damit ich mir in den 20ern meinen Traum vom Surfen lernen erfüllen kann. Ich möchte nicht dünn,sondern nur fit werden!
    Danke für deine Aufforderung die 10 Jahre mal Revue passieren lassen, hat Spaß gemacht.
    Ich wünsche dir ein tolles neues Jahrzehnt!

  4. Ich wünsche dir und einer Familie von Herzen ein behütetes Neues Jahr 2020, Gottes Segen und Kraft für deine so wertvolle Arbeit. Dass du die Herzen vieler Menschen mit deinen Vorträgen berühren kannst. Ich liebe den Vers so den Gotte Abraham zuspricht und uns alle : Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein !
    Herzliche Grüße Magda

  5. „Mein Glaube hat sich auf Jesusliebe reduziert“ Wow, das ist genau mein Empfinden im Moment. Je länger das Leben so geht, desto weniger unumstößlich werden die Glaubens- und Lebensüberzeugungen! Ich finde es sehr beruhigend, wenn es anderen auch so geht! Vielen Dank für deine Ehrlichkeit in diesen Dingen. Das übe ich gerade: authentisch zu sein, dazu zu stehen, wie es um mich und meine Überzeugungen und meinen Glauben steht.

  6. Danke für deinen Rückblick – ich schätze deine Ehrlichkeit sehr (und deine Texte und dein Buch ebenso).
    Meine spontanen Schlaglichter:
    – Mutter von zwei Herzenskindern geworden
    – in 3 verschiedenen Wohnungen im gleichen Haus gelebt und doch nicht angekommen innerlich
    – viele Herausforderungen mit den Kindern gemeistert, viele negative Blicke ertragen, mich oft gefragt wie ich den Tag überstehe und doch abends dankbar auf dem Sofa gesessen
    – viele gesunde Jahre und zwei Krankenhauszeiten, die mir wieder deutlich gemacht haben, wie beschenkt ich bin
    – Freunde verloren durch unsere besondere Familienkostellation
    – eine Ehe, die dem Sturm trotzt und (aus)hält
    Dankbar – beschenkt – geliebt.
    Viele Grüße Nadine

  7. Liebe Veronika, danke für die Idee , auf die letzten 10 Jahre zurückzublicken. Das grade zu Ende gegangene Jahr war geprägt von sehr viel Dankbarkeit. Dankbarkeit darüber das wir , insbesondere mein Kind, 10 Schuljahre einigermaßen unbeschadet überstanden haben. Ich kann aus vollem Herzen sagen : Gott sei Dank ! Es waren harte Jahre, in dehnen ich zur Schulpflichtgegnerin wurde und meine Ehe zerbrach. Aber ich habe auch eine Gemeinde gefunden, in der ich mich zu Hause fühle, und neue Freunde. Dein Satz “ Mein Glaube hat sich auf Jesus-Liebe reduziert“ passt auch für mich. Er war immer da, und das Glück , ihn an meiner Seite zu haben, in seinem tiefen Frieden zu leben, ist mir das wichtigste überhaupt geworden. Und wenn es auch immer wieder mal Momente gab , wo mir dieser Friede abhanden kam, so wußte ich, wo ich ganz schnell wieder hin will. Diesen Frieden, und reichen Segen, wünsch ich Dir, und uns allen.
    Viele Grüße von der Bergstraße
    Heidrun

  8. Liebe Veronika
    Ich liebe dich und deinen Blog!
    Die letzten 10 Jahren waren ein Höhenflug von allem.
    Vor 10 Jahren habe ich meinen Mann kennengelernt und geheiratet( ziemlich entschlossen und schnell 🙂 ). Zusammen haben wir 4 gesunde Kinder, in tatsächlich fünf Jahren bekommen. Vor zweieinhalb Jahren sind wir aufs Land gezogen auf einen abgelegen Bauernhof ( ein Traum denn wir schon lange in unseren Herzen trugen, auch schon bevor wir uns kennenlernten ).
    Wir haben nicht aktiv gesucht, es ist einfach passiert.
    Wir wohnten dann mit unseren vier Kinder , zwei Jahre in der kleinen Wohnung vom Bauernhaus ( zwei Schlafzimmer , kleine Küche und Wohn und Essbereich waren bescheiden aber gemütlich). Das Haupthaus mussten wir komplett umbauen. Aus einen Jahr Umbau würde dann zwei und vier Monate 🙂
    Es war eine herausfordernde Zeit in der wir, aneinander wuchsen und üs auch immer wieder Zeit als Family und Ehepaar einräumten.
    Wir erfuhren viel Hilfe und Unterstützung und wir konnten trotz allem auch ein Zufluchtsort sein für ein paar Menschen die wir begleiten durften in schweren Zeiten.
    Es hat auch immer wieder Kraft gekostet aber wir wurden auch beschenkt.
    Und das eigentliche war, dass wir nicht verbissen daran waren um unseren Traum zu verwirklichen.
    Es ist schön zu wissen dass, mein Mann und ich ein gutes Team sind. Das wir so ziemlich jedes Abenteuer zusammen meistern können. Höhen und tiefen.
    Ich bin dankbar für unseren Glauben der uns verbindet und uns auch stärkt. Und dass wir uns gegenseitig auch mal stehen lassen können wie wir sind( nicht immer einfach für mich ).
    Ich freue mich auf die nächsten 10 Jahre. Unsere Kinder begleiten im Älterwerden. Neue Abenteuer in Angriff nehmen etc. Als Ehepaar weiter zusammenwachsen und und und ….

    1. danke besonders für diesen rückblick. dieser gibt mir gerade kraft:

      ‚…wir konnten trotz allem auch ein Zufluchtsort sein für ein paar Menschen die wir begleiten durften in schweren Zeiten.‘

      ich will dieses jahr selbst zuflucht geben und merke, wie dieser prozess vieles innerlich & äusserlich in bewegung setzt….

      euch allen ein wunderbares 2020!
      andrea

  9. Soooo inspirierend! Hab mich gleich hingesetzt und meine Zehnerjahre beleuchtet. Sprengt leider hier den Rahmen … aber zusammenfassend kann ich sagen: Ich bin beschenkt und reich. Ich bin gewachsen und habe gelernt. Ich bin nicht mehr die selbe – Gott sei Dank!
    Und ich bin sehr gespannt auf die nächsten Zehn …

  10. Vielen Dank für deinen Rückblick… und die vielen weiteren, die daraufhin hier folgten 🙂 Ja, manchmal ist es ganz gut und vor allem auch spannend, die größeren Zeitabschnitte in den Blick zu nehmen.

    Für mich waren die vergangenen 10 Jahre die ersten ohne meine Mama – darüber habe ich hier ein bisschen geschrieben:
    http://allgaiers.com/eine-decade-ohne/

    Aber für einen richtigen Jahresrückblick bzw. Jahrzehntrückblick habe ich noch nicht die Zeit und Ruhe gefunden. Leider. Mal sehn, ob ich das jetzt, wo die großen Kinder wieder in der Schule sind, noch irgendwann schaffen werde.
    Es ist nämlich sehr gut, wenn man zwischendurch inne hält und schaut, was da so alles war. Vor allem, wenn man wie ich eine Bewahrerin ist 😉 Das hab ich von Deinem Frauenfrühstücksvortrag im November unter anderem für mich mitgenommen. Keine neue Erkenntnis, aber es wurde mir von der Bedeutung wieder neu wichtig. Ja, so bin ich in meinem Wesen! Und genau darum ist mir auch das Schreiben so unglaublich wertvoll und wichtig.

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