Familie, Gedanken, Glaube, Schreiben

Ein Rezept für Lebensstürme

IMG_6085Der Weihnachtsglanz ist abgeblättert. Zurück bleiben ein paar Tannennadeln hinter der Truhe und Ernüchterung. Different year, same situation.

Nicht nur das Auto braucht dieser Tage am Morgen eine Anwärmphase, auch wir Menschen, die in diesem Haus wohnen und nun der normalen Alltagsroutine anheim fallen. Es wachen keine kleinen Mädchen mehr auf mit großem Kuschelbedürfnis, sondern grummelige Teenager. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass sich zum Beginn der Pubertät das Gehirn gewaltig umbaut. (Sind Neurolog*innen hier? Könnt ihr das bestätigen?)

Dieser Umstand könnte erklären, warum Teenager das Gedächtnis einer 100-jährigen Omi haben. Die Vergesslichkeit führt Krieg gegen uns und sie kämpft mit brutalen Waffen. Nicht nur meine Kinder sind betroffen, auch ich. Dank an die Wechseljahre. Letztens saß ich doch fünf Minuten auf der Couch und versuchte mich an den Namen einer lieben Freundin zu erinnern. Ich wollte ihr eine Nachricht schreiben, wusste aber nicht, unter welchem Buchstaben ich sie in meinem Handy suchen sollte. Ich durchforstete panisch jeden Winkel meines Kopfes nach ihrem Namen: Andrea, Sabine, Ruth, Pamela? Alles falsch. (Kann man Gehirnschmerzen vom Nachdenken bekommen? Neurologe*innen, könnt ihr das bestätigen?) Ich ging dann das Alphabet durch, in der Hoffnung, dass der entsprechenden Buchstaben die Lösung brächte. Hat funktioniert.

So viele Dinge können uns Angst machen:

Ein nachlassendes Gedächtnis
Veränderungen in der Familie
Eine Diagnose
Der Klimawandel
Ein neuer Lebensabschnitt
Die Unsicherheiten, die uns schon seit zwei Jahren anhaften
Ein Jobverlust
Dinge, die außerhalb unserer Wirkungskraft einfach passieren
Zerbruch von Beziehungen

Das alles sind keine Ausnahmen, sondern Nebenwirkungen dieses verrückten, zerbrochenen Lebens, das wir alle leben. Nur dumm, dass wir dazu weder unseren Arzt noch Apotheker befragen können. Diese können uns zwar chemische Rezepte gegen die Angst an die Hand geben, aber keine Lösungen. Und vielleicht soll die Angst auch gar nicht gelöst werden. Sondern anvertraut werden. 

Die Lebensstürme nicht stillen, sondern in ihnen die göttliche Hand ergreifen. Wie auch immer das für dich aussehen mag.

Für mich sieht das dieser Tage so aus:

Mitten in diesem Sturm bin ich ruhig in dir. Ich bete nicht so sehr für einen glücklichen Ausgang, sondern für inneren Frieden, was auch immer kommen mag. Ich bete, dass ich meine Waffen niederlege, mit denen ich auf die Angst schieße und stattdessen deine stilleren Werkzeuge in die Hand nehme: Geduld, Erbarmen, Großzügigkeit, Demut, Wahrheit und Liebe.

Ich hoffe, ich vergesse dieses Gebet nicht wieder.

Aber gegen das Vergessen hilft das Aufschreiben.

Was ich hiermit getan habe.

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Einfache Adventszeit, Familie, Freundschaften, Gedanken, Weihnachten, What would Grandma do

Was wir 2022 unbedingt tun sollten

 

IMG_6091Gefühlt schreibt jeder Anfang Januar über Vorsätze. Tja. Ihr wisst ja, was ich von guten Vorsätzen halte. Ich schaffe es fünf Minuten, den Bauch einzuziehen. Spätestens Mitte Januar lasse ich ihn wieder hängen. In der Form, wie Gott  Schokolade  Wechseljahre ihn formten. Ich halte gar nichts von New Year, New Me! Ich bin ein Fan von New Year, Old me. 

In allen Lebenslagen hilft mein Leitsatz: What would Grandma do? Grandma hält nichts von Detox, sondern kocht dir eine Hühnersuppe und nimmt dir das Handy aus der Hand, mit dem du symbiotisch verwachsen bist. „Kind, jetzt iss erstmal was und verbring Zeit mit mir.“ 

Hühnersuppe und Menschen. Nähren und Nähe. Früh ins Bett gehen. Gute Bücher lesen. Die Vernunft in allen Lebenslagen walten lassen. Mit dem auskommen, was man hat. Kuchen essen mit Menschen, die man liebt. Briefe schreiben. 

Apropos Briefe schreiben. Zum neuen Jahr kitzelt es mich in den Fingern, alten Besitz los zu werden. Kennt ihr das?

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Ich habe seit meiner Kindheit alle Briefe aufgehoben, die ich jemals erhalten habe. Drei große Boxen füll(t)en sie. Das war ein Vergnügen zwischen den Jahren, jeden Brief nochmal in die Hand zu nehmen, manche davon zu lesen, Vergessenes wieder aufleben zu lassen und dann auszusortieren. Zeitzeugnisse sind dabei. Der Briefwechsel in den 80er Jahren mit einer Brieffreundin aus der DDR, die ich dann mit 15 Jahren (!!) alleine mitten in den Umbruchswirren in ihrer „Platte“ besuchte. Der Austausch mit einer Freundin 1993 über Klimawandel, Solingen und Neonazis (hat sich wenig geändert seit damals). Die Briefe, die mir meine Eltern in alle Welt sandten. Und meine allerersten Emails, die ich mir Ende der 90er Jahre am klobigen Arbeitscomputer ausdruckte, weil ich sie wie wertvolle Briefe behandelte. 

Manche Absender sind mir heute noch liebe, teure Menschen. Da schließt sich der Kreis. Hier, dreißig Jahre später. Dankbar, dass sie geblieben sind. Menschen, mit denen ich mir keine Briefe mehr schreibe, aber für die ich anderweitig Platz mache in meinem Leben. 

Pflegen wir in der Schnelllebigkeit der modernen Kommunikation die altmodischen Wege: Laden wir an unseren Tisch ein, backen wir einen Kuchen, rufen wir an, interessieren wir uns für das Leben des anderen. Denken wir an Geburtstage, schreiben wir Postkarten aus dem Urlaub. Sind wir zur Stelle, wenn wir Trost und Hühnersuppe vorbeibringen können. Verabreden wir uns für einen Abend oder ein ganzes Wochenende. 

Räumen wir 2022 ein Eckchen in unserem Leben frei, das wir für die Menschen reservieren, die uns lieb und teuer sind. Verschieben wir es nicht auf später.

Grandma wäre stolz auf uns! 

 

(P.S.: Wenn du mehr von „Grandma“ lesen willst, dann empfehle ich dir meinen Insta-Account @whatwouldgrandmado)

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So fängt der Januar schön an. Wiedersehen mit einer Freundin, die 17 Jahre in der Versenkung verschwunden war. 

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Silvester mit meiner Freundin Sally…..

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….und mit meiner Familie.

Familie

Bestandsaufnahme

Das Wichtigste ist erledigt: 

Die Aktionen rund um Weihnachten sind geplant! Da wäre ein Kindergeburtstag. Eine Einladung. Verwandtschaftsbesuche. Und die leidige Frage: was machen wir Silvester? Der Pokal für die lahmste Silvesterfeier geht auch im Jahr 2021 an uns: Raclette, Dinner for One und um 11 Uhr ins Bett. Gähn. 

Ich ziehe den Hut vor euch Frauen, die ihr viele Stunden außer Haus arbeitet UND dann noch Weihnachten managt. Wie macht ihr das? Und warum managen hauptsächlich wir Frauen Weihnachten? Mein Kopf implodiert leise. 

Meine Listen, die hier überall herumflattern, sind meine Rettungsanker. Aber zwischendrin nehme ich mir Zeit für eine Liste, die ich nicht abarbeiten, sondern mit Dankbarkeit anschaue. 

 

Bekommen: Jeden Morgen ein kleine Gabe aus meinem Freundinnen-Adventskalender. Heute: Nordmanntannen zum Selbstziehen. Mein Mann: Wird das noch was bis Weihnachten?

 

Denken: Dass euch mein Auftritt beim ERF Talkwerk interessieren könnte? Ganz großartig in der Talkrunde waren auch der Autor Titus Müller und Esther Theumert, die ein Frauenhaus führt.

 

(Verrückt, dass ich den Beitrag gar nicht schauen möchte, weil ich mich da nicht ansehen mag. Das spricht für die ganze weirde Komplexität meines Menschseins)

Kochen: Nicht viel. Schell muss es gehen. Curry Ramen zum Beispiel. 

Trinken: Kaffee mit Hafermilch. Yep, die Kids und ich stellen um auf pflanzliche Milch. 

Lesen: The Bible tells me so. Das rote Adressbuch. Tanz unter Sternen. Und ganz herrlich-schnulzig-sommerlich: Im Garten deiner Sehnsucht

Machen: Linoldruck auf Weihnachtskarten. 

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Erinnern: Ich bin vor fast 13 Jahren Mutter geworden. Die nächsten Tage werde ich ganz fürchterliche Sentimentalitätsanfälle bekommen. 

Sehen: Ich habe mir heute ein Abbruchgebäude angesehen. Tja. Was man nicht alles in der Adventszeit macht. Seit Ewigkeiten suche ich nach alten Sandsteinen. Geduld zahlt sich immer aus: Ich bin fündig geworden! Ich muss nur die Anlieferung zahlen. Der Frühling und neue Gartenprojekte aka Gartenmauer können kommen. 

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Finden: Und beim Besichtigen des Abbruchhauses zog ich ein paar Schätzchen aus dem Dreck. 

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Hören: Meine Weihnachtsplaylist. Ein Gang durch die Jahrzehnte meiner diversen Musikgeschmäcker. Da ist mal alles dabei von Country, Hiphop, Soul, Klassik etc. 

https://open.spotify.com/embed/playlist/4JLhWWtw2ZRi3qMiCb0oUa

Wünschen: Einen Termin zu Boosterimpfung. Und richtig gute, feine Lino-Cutter. 

Genießen: Nachmittags, wenn es dunkel wird, Kerzen anzünden. Kaffee trinken. Nichts tun. 

Anerkennen: Die Leistung der Lehrer*innen an der Schule meiner Kinder. 

Essen: Ich würde hier zu gerne schreiben, dass ich mich dieser Tage nur von gesunden Salaten ernähre. Das ist ein Teil meiner Ernährung. Der andere Teil besteht aus Pfeffernüssen und Lebkuchen. 

Fertigstellen: Mein Endlos-Stickprojekt, das ich nun in ein Kissen verwandle. 

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Lieben: Das Zusammensein mit meiner fast 13-jährigen. Sie ist einfach cool. Sie geht mit mir in den evangelischen Gottesdienst. Freiwillig! Sie diskutiert mit mir über Rassismus und Vorurteile und hat bereits verstanden, dass diese Denkmuster durch unser System automatisch in die Köpfe rutscht. „Ich will so nicht denken, aber dann passiert es einfach. Ich glaube, man müsste in den Kindergärten Kinder aller Religionen und Hautfarben und mit Behinderung zusammenbringen.“ Bäm. 

Und ich liebeliebeliebe meine instafreie Zeit. Ich kann es nicht häufig genug wiederholen. Auch wenn ich euch damit auf die Nerven gehe. 

Kaufen: Irischen Whiskey. Ich will Baileys selber machen. Als Geschenk für meinen Mann. Pst, nicht verraten!

Anschauen: Bloß nichts Düsteres. Gilmore Girls. Landfrauenküche. Lebenslinien (Sehr empfehlenswert in der BR Mediathek). Familie Stone. Bo und der Weihnachtsstern. 

Und die YouTube-Videos meiner Tochter. Wie zum Beispiel diesen Vlog , in dem ich staunend erfahre, dass das Kind am Samstag freiwillig um halb sieben Uhr morgens aufsteht. Da schläft die Mutter noch, während der Spross Videos dreht. (Lasst ein Daumenhoch, ein Abo und/oder einen Kommentar da. Das Mädchen freut sich!). 

Hoffen: Dass nächstes Jahr wieder ein anderer Advent möglich sein wird. Einer, in dem wir viel mehr Freunde und Familie treffen werden!

Tragen: Auf jeden Fall nicht meinen neuen Beanie, den ich mir genäht habe (Anleitung hier). Den okkupiert meine Jüngste. Egal. Ich habe haufenweise Bündchenstoff bestellt und werde einen ganzen Stapel nähen. Super Lastminute-Geschenk! 

Bemerken: Die vielen kleinen Weihnachtsecken in den Zimmern meiner Töchter. 

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Glauben: Dass nichts mich von der Liebe Gottes trennen kann. Ja, auch nicht die Zweifel, die Einsamkeit, das Zerbröckeln alter Glaubensgewissheiten. 

Warten: Auf ein neues Schreibprojekt

Fühlen: Dankbarkeit. Für euch grandiose Leser*innen. Für diesen kleinen Ort im Internet. 

 

Und jetzt seid ihr dran. Übernehmt die Liste in euren eigenen Blog. Oder schreibt dazu was in die Kommentare: 

 

Bekommen: 

Denken: 

Kochen:

Trinken: 

Lesen:

Machen: 

Erinnern: 

Sehen: 

Finden:

Hören: 

Wünschen:

Genießen:

Anerkennen:

Essen:

Fertigstellen:

Lieben:

Kaufen:

Anschauen:

Hoffen:

Tragen:

Bemerken:

Glauben:

Warten:

Fühlen:

 

 

Familie

Ein kleiner Glaube reicht.

IMG_5922Ich habe drei Kisten mit Weihnachtsdeko und jedes Jahr schwöre ich mir, dass ich gnadenlos ausmisten werde. Aber ich bringe es nicht übers Herz, die selbstgebastelten Engel und Nikoläuse und Sterne aus der Kindergartenzeit in die kalte Mülltonne zu werfen. Also dürfen sie noch ein Weilchen bleiben. 

Wenn du jetzt aber denkst, dass der Inhalt dieser drei Kisten in unserem Haus jeden Quadratmeter besetzt, hast du dich getäuscht. Die meiste Weihnachtsdeko bleibt mit den Kindergartensternen in der Kiste. Mit den Jahren dekoriere ich immer weniger. Und weniger. Ich finde Gefallen an der Schlichtheit. Das Überfrachtete, das Auge ermüdende erschlägt mich.

Da halte ich mich gerne an Coco Chanel, die sagte: „Werfen Sie einen Blick in den Spiegel, bevor Sie das Haus verlassen, und legen Sie wenigstens eine Sache wieder ab.“ 

So ist es auch mit dem Glauben. Wer mir folgt, weiß, dass ich in den letzten Jahren viel hinterfragt und ausgemistet habe (in post-evangelikalen Kreisen nennt man das auch dekonstruieren). Ich bin nicht mit allen Fragen und Zweifeln fertig, aber ich habe meinen Frieden damit gemacht, dass ich nicht fertig bin und vielleicht nie fertig sein werde. Ich habe schrille Dekoration und unnützes Beiwerk in die kalte Mülltonne geworfen. 

In mir ist es still geworden. Ich kleiner Mensch muss nicht alle Antworten auf die ganz großen Fragen haben. Ein schlichter Glaube ist an die Stelle des Pompösen getreten. Einer, dem oft die großen Worte fehlen. Keine schwärmerischen Gebete beten möchte. Keine Predigten hören muss, um spirituell zu überleben. Es ist ein inneres Aufgehobensein. Wie ein kleiner Vogel in der Hand dessen, der es gut meint. 

Mein Glaube ist nicht weniger, er ist nur einfacher geworden.

Ich überfrachte ihn nicht mehr mit Optimierungen und noch mehr Sehnsucht nach großartigen Gotteserfahrungen, sondern ich freue mich an dem, was ist. Es ist befreiend, sich zu befreien. Kein schlechtes Gewissen mehr, wenn ich mal wieder das Beten vergessen habe. 

Einfachheit. Schlichtheit. Direktheit. Da klemm ich ein kleines Lichtchen an meinen Glaubenszweig und lass es brennen. Das reicht, um es mir hell in meiner Seele zu machen. Das Licht reicht auch noch für ein paar Leutchen um mich herum. Da brauch ich keine 2000-Volt-Lichtanlage. 

Ich finde Gott dieser Tage in dem letzten Krümelchen Geduld am Abend, wenn noch schnell Französisch-Vokabeln abgefragt werden müssen (aber diese Geduld ist äußerst fragil!). Ich finde sie zwischen zerfledderte Seiten geliebter Bücher. In den warmen Falten meines Stricktuchs, das mir den Rücken wärmt. Im Licht, das mir manchmal unerwartet durch die dicke Wolkenschicht zublinzelt. 

Heute hat mir eine Freundin eine kleine goldene Papiergirlande geschenkt. Ich habe sie hier- und dorthin getragen. Geprüft, ob sie eine Überladung oder Einladung sein könnte. Jetzt hängt sie am Buchregal. Sie fängt die rar gewordenen Sonnenstrahlen ein, bricht sie in tausend Stücke und wirft sie wie Konfetti in den Raum. 

 

Familie

Ich wähle Freude

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Ich habe mir die Freude verboten. Wie kann man sich freuen in Zeiten, die einen niederdrücken wollen?

Freude? Nein, die war in meinem Gefühlsrepertoire der letzten Wochen nicht enthalten. Nur Angst, Sorge, sehr viel Negativität und vor allem Wut. „Dieses Mal fühlt es sich aussichtsloser an,“ so konstatierten wir gestern in unserem Book Club, der nun wieder per Zoom stattfindet. Denn ja – wir beschränken unsere Kontakte freiwillig – und hoffen auf eine starke Zunahme von Impfungen, Vernunft und Besonnenheit.

Am Ende unserer Zoom-Sitzung überwog aber der Entschluss zur trotzigen Freude.
„Wir sollten gerade in diesen Zeiten das tun, was uns Freude bringt!“

Und das schließt ja das Dunkle, das Schwere, das Unsichere nicht aus. Es darf beides nebeneinander stehen. Ich kann blubbernde Freude über den fallenden Schnee vor dem Fenster empfinden und am Abend die kalten Sorgen vor Gott ausschütten. Ich kann mir einen opulenten Adventskalender gönnen und Trauer über das empfinden, was nicht ist. Wir dürfen Kerzen anzünden, die kitschige Weihnachtsplaylist lauthals mitsingen, Plätzchen backen und unser Herz von den Nachrichten bewegen lassen.

Gerade jetzt brauchen wir Freude. Und wenn es nur winzige Freudenmomente sind. Komm, wir stehlen sie uns einfach! Und dann teilen wir sie großzügig mit anderen!

Seit einigen Tagen bereits bleibe ich den sozialen Medien fern und ich kann wieder atmen, mich fokussieren und vor allem das: Freude und Kreativität und Freiheit empfinden. Ich muss mich nicht mehr über alles und jeden aufregen und überall mitreden und überhaupt die Welt retten. Ich rette mich selbst. Und meine Freude.

All diese Dinge, oh ja, sie haben mein Herz auftauen lassen:

  • Die Vorbereitungen und das Feiern des 11. Geburtstags unserer Jüngsten.
  • Der Besuch des Wildparks Mergentheim.
  • Puzzeln
  • Sticken (unsere Tochter hat zum Geburtstag einen eigenen Stickkorb bekommen)
  • Kerzendrehen
  • Weihnachtliche Heimlichkeiten in allen Zimmern
  • Viele viele Tassen Kaffee aus meiner Weihnachtstasse
  • Dem Schnee zuschauen
  • Sarah Besseys Advent Book
  • Linoldruck
  • Pakete für die Diakonie packen
  • Freunden das eigene Herz ausschütten und sich von ihnen wieder zusammensetzen lassen
  • Kitschige Heile-Welt-Bücher und kernige Theologie
  • Flanellbettwäsche

Und was rettet deine Freude in diesen Zeiten?

Familie

Die neue Haustür

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Endlich haben wir unsere neue Haustür. 

Das alte Exemplar stammte aus den Zeiten als Adenauer Kanzler war. Der Wind pfiff an undichten Stellen herein und sie war der Traum eines jeden faulen Einbrechers. Wer heutzutage eine Haustür beim Schreiner bestellt, braucht viel Geduld. Fast solange wie wir auf das Ende der Pandemie warten, hatten wir auch auf die Haustür gewartet.

Nun ist sie da. Und mir hüpft das Herz vor Freude, wenn ich sie auf und zu ziehe. Sie gibt lediglich einen sanften Laut von sich. Kein Scheppern mehr, wenn sie ins Schloss fällt. Herrlich. Und es zieht auch nicht mehr so garstig in den kalten Monaten im Hausflur. 

Ich wünschte, ich hätte auch so eine einbruchsichere, isolierte Tür, die ich zuschmeißen kann, wenn die ganze Welt zu mir hereinströmen möchte. Das Problem ist nur, dass ich die Welt in meiner Hosentasche herumtrage. Alle Konflikte, alle Nachrichten, meine Arbeit, meinen Kalender, meine Listen, die Meinungen von Millionen Menschen. 

Meine Fähigkeit, die Tür hinter mir zu schließen ist brüchiger als unsere alte Haustür. Es schlüpft immer etwas durch, verfolgt mich in den Schlaf und zerfranst meine Gedanken und mein Tun. 

Oh, wie gerne würde ich mich in diesen Novembertagen völlig abschotten. Die Nachrichten ignorieren. Heiteren Optimismus versprühen. Das Handy mal einen ganzen Tag ausschalten. So tun, als wäre die Welt da draußen halbwegs in Ordnung. 

Aber vielleicht soll ich mich gar nicht so komplett abschotten. Mich hinter meiner neuen Tür verschanzen. Ein Mensch, der nicht mehr hinausgeht, nicht mehr hinhört, sich nicht mehr einmischt, ist kraftlos geworden. Oder wie Jesus sagt, der hat kein Salz. 

Wenn wir unsere Türen verschlossen halten, kann auch niemand mehr hinein. Dann kann keiner mehr Licht für uns sein, Farbe in unser Alltagsgrau bringen. Aber ich möchte aufpassen, wen und was ich hereinlasse.Wenn ich die Tür immer geöffnet habe, kommt eben nicht nur das Gute herein, sondern auch der Einbrecher, der ungebeten durchs Privateste trampelt und dort herumwühlt.  

Diese Woche hat mir ein kluger Mensch gesagt, wie wichtig es sei, in dieser Zeit reduziert zu leben. Nicht nur im ganz physischen Sinne. Sondern auch auf der mentalen Ebene. Da muss man sich die wichtigen Fragen stellen: Soll ich mich in jede Kontroverse stürzen? Soll ich auf alles reagieren, was mir da entgegenkommt? Muss ich zu allem meine Meinung sagen, mich hineinziehen lassen in alles Konfliktreiche?

Reduziert leben bedeutet doch, seine eigene Kraft, seine Zeit gezielt einzusetzen und sich nicht wie eine klapprige Tür im Wind so lange hin- und herumwerfen zu lassen, bis die Türangeln ermüden und zu quietschen beginnen. Und ich verstehe mich so unglaublich darauf, mich hin- und herwerfen zu lassen. Gerade in diesen Zeiten. Ein Wunder, dass ich noch nicht selbst zu quietschen begonnen habe. 

Ich stehe immer wieder am Anfang dieses Lernprozesses. Meine Impulsivität macht es mir manchmal sehr sehr schwer. Und natürlich auch mein Messiaskomplex, mit dem ich die Welt retten und sowieso immer recht haben will. 

Das ist meine Arbeit im November. Ein guter Türsteher sein. Genau kontrollieren, wer herein darf und wer bitteschön draußen in der Kälte bleibt. Reduziert leben. Das Wesentliche in den Blick nehmen. Und mich nicht von den Gewalten hin-und herwerfen lassen. 

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Ich hab ein paar Links für dich: 

  • Mein Gespräch beim ERF. Nachzuhören hier
    ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
  • Künstler brauchen in dieser Zeit Unterstützung.
    Meine Freundin Sally Grayson, Musikerin und Künstlerin, startet eine großartige Aktion: Sie malt wunderschöne Auftragsbilder. Vielleicht eine Idee für Weihnachten? Schaut mal hier. (Die Seite wird es demnächst auch in deutscher Version geben). 
    +++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
  •  Vielleicht magst du aber auch zu Weihnachten Bücher verschenken?
    Ich hab noch einige Exemplare dieser vier Bücher im Vorrat: 
    Coffee & Jesus
    Problemzone Frau
    Heiliger Alltag
    Hoffnung leuchtet
    Hier kannst du direkt bei mir bestellen
    Ich signiere sie auch sehr gerne auf Wunsch. 
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  • How we end consumerism
  • Die Matheleugnerin
  • Patchwork mal ganz anders

Familie

Zehn Dinge im November

Wenn man längere Zeit nicht bloggt, dann wird man überwältigt von der Frage, den richtigen Einstiegspunkt zu finden. Das Leben ist voll und bunt und überhaupt wo soll man anfangen.

Ich habe mir überlegt, dich heute mal wieder in meinen Alltag mit hineinzunehmen. Durch die verschiedenen Bereiche gehen und schauen, was sich da so tut. Und was mich bewegt.

1. Bücher
Ich wünschte, ich wäre eine Leserin, der es völlig genügt, nur ein Buch auf dem Nachtisch zu haben. Aber in dieser Hinsicht bin ich leider un-er-sätt-lich. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich eine sogenannte „Scannerin“ bin (Die Erkenntnis sprang mich in dem Buch an mit dem bescheuerten Titel „Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast. Mehr dazu unter Punkt 2).
Die letzten Bücher, die ich las und für wirklich, wirklich gut befunden habe:

2. Scanner-Persönlichkeit
Du findest das Wort „Scanner-Persönlichkeit“ befremdlich? Ich auch. Aber dahinter verbirgt sich eine sehr befreiende Erkenntnis, mit der ich mich selbst besser verstehe. Die Kurzdefinition: Die Scanner-Persönlichkeit ist vielseitig interessiert und langweilt sich schnell. Sie kann sich schnell in verschiedenste Bereiche einarbeiten und wenn sie einmal etwas für sich erschlossen hat, dann wird’s für sie uninteressant. Sie gerät vor allem in der Berufsfindungsphase in größte Nöte, kann sich nicht entscheiden.

Vielleicht leben wir im Zeitalter übertriebener Selbstanalysen. Aber: Ich kann hinter jeden Satz ein Ausrufezeichen setzen, so sehr definiere ich mich damit. Und hey, manche Kategorien führen zu mutigerem Selbstverständnis. Das bin ich. So bin ich gestrickt. Und es ist überhaupt nichts verkehrt daran, dass ich tausend Bälle in der Luft habe.

Verkehrt habe ich mich gefühlt, als ich vor der Berufswahl stand wie ein Äffchen vor einem Korb mit tausend leckeren Obstsorten. Wonach soll ich zuerst greifen? Und dann hab ich mich (typisch Scanner) für nichts Wirkliches entschieden. Mal hier ein bisschen Kibbuz, mal dort ein bisschen Fliegerei, mal hier ne Ausbildung und dann – haha! – reise ich um die Welt und werde Bloggerin.
Und genau aus dem Grund habe ich nicht das EINE Thema, dem ich mein ganzes Schreiben widme. Deshalb werde ich mich immer den Themen widmen, die mich anspringen. Seien es Nachhaltigkeit, Kreativität mit Kindern, Feminismus, Gastfreundschaft, Alltägliches oder Reisen.
Ich kann mich nicht nicht nur einer Sache widmen. Das geht gegen meine ganze Persönlichkeit. Deshalb wirst du hier immer einen bunten Blumenstrauß an ALLEM finden. Oder eine Liste von zehn random Dingen.

3. Sticken
Ich habe das Sticken wieder für mich entdeckt. Kreuzstich. Love it. Macht süchtig. Nicht nur mich, sondern ich habe auch meine Tochter angestickt….äh…..steckt.


4. Draußen
Der Garten legt sich zur Ruhe. Es gibt noch ein paar letzte Herbsthimbeeren und mein obligatorisches Wintergemüse: Lauch, verschieden Kohlsorten, Rote Beete, Sellerie und Feldsalat. Ich liebe den Novembergarten. Ein letztes Aufbäumen der Farben, bevor alles im stillen Braun versinkt.

5. Declutter
Ich habe so unendlich viel ausgemistet in den letzten zwei Monaten. Meine Güte, wieviel kann ein Mensch horten, der sich theoretisch dem Minimalismus verpflichtet hat? In Zukunft werde ich noch stärker wie ein Luchs aufpassen, was mir ins Haus kommt. Denn Besitz bindet Zeit, Geld und Energie. Stundenlang stellte ich Kram bei Ebay Kleinanzeigen ein, machte einen Instagram-Flohmarkt. Das ist keine Nebenbeschäftigung, sondern gefühlt eine 40-Stunden-Woche! By the way, braucht irgendjemand ein Dia-Lichtpult? Nein? Klar. Kein Mensch schießt mehr Dias. Ich hätte da auch noch eine Alt-Blockflöte.

6. Krank
Die letzte Woche lag ich ausgeknockt im Bett oder auf dem Sofa. Nein, Gott sei Dank kein Corona. Nur eine gute alte Erkältung. Genug Zeit, um das neue Buch von Caroline Kebekus auf Spotify zu hören.

7. Pandemie
Echt? Schon wieder? Um mich herum erkranken immer mehr Leute an Corona. Die Zahlen machen nicht wirklich Freude. Ich wägte mich in falscher Sicherheit. Dachte, wir hätten unser kollektives Trauma hinter uns gelassen. Stattdessen kickt es uns gerade dorthin, wo es richtig weh tut. Wenn du noch nicht geimpft bist, dann bitte ich dich hiermit inständigst, es zu tun. Zum Wohle aller. Danke.

8. Es will noch nicht so recht weihnachten….
Ich versuche mich im Strohsternebasteln. Aber ich check es nicht. Das hier ist alles, was bei meinem kläglichen Versuch entstand.


9. Nähen
Noch ein Fail der letzten Wochen: Ich wollte mir aus diesem Stoff ein T-Shirtkleid nach einem Burda-Schnitt nähen.

Burda, ist das dein Ernst? Mir ist noch nie so eine katastrophale, lückenhafte, unverständliche Anleitung in die Finger gekommen. Da sind selbst Freebooks aus dem Netz tausendmal besser! Nun sitze ich hier mit einem halbangefangenem Kleid, komme nicht weiter, traue mich nicht weiter. Und dabei wollte ich doch so gerne Blumen im November tragen.


10. Seelentröster


Was immer gelingt: Rosinen-Zimt-Sauerteigbrot (Zutaten für 2 Brote)

Zutaten Teig:
125 g Sauerteig
500 ml warmes Wasser
200 ml Milch
1 Ei
1100 g Mehl (ich nehme halb Dinkelvollkorn und halb Weizenmehl)
70 g weiche Buttter
1 1/2 TL Salz

Füllung:
1 Tasse Rosinen
Orangensaft
1 Tasse Zimtzucker

Stelle aus allen Zutaten einen Teig her. Er sollte in der Küchenmaschine ca. 10 Minuten lang kneten. Wundere dich nicht: er ist sehr weich. Soll so sein. Wenn er doch noch etwas zu flüssig ist, dann füg noch mehr Mehl hinzu.

Jetzt lässt du den Teig zugedeckt an einem warmen Ort 3-5 Stunden stehen.

In der Zwischenzeit weichst du die Rosinen ein. Gebe sie in eine Schüssel und gieße Orangensaft dazu, so dass die Rosinen knapp bedeckt sind. (Ich stelle die Füllung nach Gefühl her, deshalb hab ich hier auch keine genauen Angaben. Du kannst das nach Geschmack abändern. Z.B. Cranberries oder getrocknete Birnenstückchen statt Rosinen verwenden)

Nimm zwei Kastenformen und fette sie ordentlich ein.

Nach der der Ruhezeit gibst du großzügig Mehl auf deine Arbeitsfläche ein und kippst den Teig darauf. Den teilst du in zwei Stücke. Nimm das eine Stück, ziehe und drücke es in die Breite und Länge, so dass du am Ende ein Rechteck vor dir liegen hast. Muss nicht superordentlich und supergenau sein. Die Teigbreite sollte der Breite deiner Kastenformen entsprechen.

Jetzt bestreue die Oberfläche mit der Hälfte der abgetropften Rosinen und des Zimtzuckers. Rolle das Rechteck der Länge nach vorsichtig auf. Mir hilft dabei ein Teigspatel. Behutsam wie ein Baby in die Kastenform legen.
Mit der anderen Teighälfte ebenso verfahren.

Zudecken und an einem warmen Ort weitere zwei Stunden ruhen lassen.

Den Ofen auf 200 Grad Ober-/Unterhitze vorheizen. Ca. 1 Stunde backen.

Schmeckt besonders gut getoastet!


Familie

Wanted: Besonnenheit!

Letzte Woche war ich das erste Mal in meinem Leben in einem Fernsehstudio. Und zwar beim ERF Fernsehen mit meinem Buch „Problemzone Frau“. Soviel vorweg: Ich bin nicht fürs Fernsehen geboren. Lasst mich weiterhin Bücher schreiben in meinem einsamen Kämmerlein und ab und zu eine linkische Story auf Instagram teilen.

Der Fernsehauftritt fühlte sich wie der erste Schultag an einer neuen Schule an: Was und wer kommt auf mich zu? Habe ich beim Griff in den Kleiderschrank richtig gelegen? Kann ich auf alle Fragen eine allgemein verständliche Antwort geben (oder werde ich aus Nervosität plappern wie ein geistloser Wasserfall?)? Werden die mich mögen? Werden andere besser sein als ich?

Vor der Aufzeichnung ließen wir uns das Mittagessen schmecken und dabei konnte ich die anderen Teilnehmer der Talkrunde beschnuppern. Neben mir saß ein wahrhaftiger Popstar der Gegenwart: Eine Virologin. Mirjam Schilling, eine junge Frau (neuerdings nenne ich Frauen Mitte 30 jung), die an der Uni Oxford an der Interaktion zwischen Viren und dem angeborenen Immunsystem forscht. Sie hat ein Buch darüber geschrieben. Und sie kennt sich natürlich auch mit dem Corona-Virus und den Impfungen aus. Mir brannten zwischen meiner Falafel und dem Couscous tausend Fragen auf der Zunge. Ich hielt mich höflich fünf Minuten zurück, denn die arme Frau muss sicherlich tagtäglich ein regelrechtes Fragen-Bombardement ertragen. Aber ihre Gelassenheit gab mir letztendlich den Mut, sie nach ihrer Einschätzung der aktuellen Lage zu befragen. Ihre sachlichen, fundierten Aussagen waren wie sanfte Chillout-Musik nach einer Nacht in einem dröhnenden Technoclub. Wohltuend in einer Zeit der schrillen, aufgeheizten Debatten. Unser Gespräch erinnerte mich daran, dass Besonnenheit eine fast vergessene Tugend ist, die einer dringenden Renaissance bedarf.

Ich weiß nicht, wie es euch geht. Aber bei mir hat das Treibgut aus Verschwörungstheorien und Impfhysterien und neuer frommer Gesetzlichkeit einen gewissen emotionalen Schaden angerichtet. Nicht, dass ich mich an dieses Treibgut hängen möchte. Aber mir tut es in der Seele weh, dass gerade in meiner Ecke der christlichen Welt so viele Menschen – ja schon fast gierig! -nach dem Treibgut greifen und immer mehr aus der Realität weggespült werden. Ich fühle mich abgehängt.

Und mich bedrängen schmerzhafte Fragen und Erkenntnisse wie:

Warum fühle ich mich in der evangelikalen Ecke mittlerweile so alleine?
Wo gehöre ich denn hin, wenn ich einer Virologin Glauben schenke (die ihr Fachwissen nicht aus YouTube-Videos bezieht, sondern dafür *shocking!* jahrelang studiert hat)?
Warum „muss“ ich in Gesprächen mit anderen verheimlichen, dass ich geimpft bin? (Leider passiert es, dass ich dafür gerade in frommen Kreisen stellenweise angefeindet werde)
Ich weigere mich, mich der apokalyptisch-christlich aufgeheizten Hysterie und dem daraus resultierenden Verfolgungskomplex anzuschließen.
Wie kann ich falsche Schuldgefühle entlarven und unschädlich machen, die auftreten, wenn man sich aus alten Frömmigkeitsmustern löst? Wenn ich die Bibel differenzierter betrachte und unterschiedliche Lesarten stehen lassen kann?

Wir brauchen sehr viel mehr ruhige Besonnenheit. Die finden wir (ICH!) aber nicht in den Kommentarspalten diverser sozialer Medien und in aufgeheizten Debatten. Ich impulsives Menschlein bin der Frage nachgegangen, wie ich Besonnenheit kultivieren kann, und ich bin zu diesen Antworten gekommen (magst du deine eigenen Erfahrungen hinzufügen?):

Mich und meine Deutungshoheit nicht so fürchterlich ernst nehmen. Überhaupt haben wir das Lachen verlernt. Vor allem über uns und unsere eigenen Dummheiten.

Den Stimmen kluger, erfahrener, ausgewogener Menschen zuhören.

Stille suchen.

So wenig Online-Nachrichten und soziale Medien konsumieren wie möglich.

Meinen Drang zum Rechthabenwollen wie einen kratzigen Wollpulli ausziehen. Die Erleichterung folgt auf dem Fuß.

Menschheitsgeschichte studieren. Dann wird schnell klar, dass früher nicht alles besser war.

Einen gesunden Tagesrhythmus einüben: Frische Luft. Gute Arbeit. Es gut sein lassen. Mit Menschen gemeinsam essen. Am Abend Handy und Laptop ausschalten. Vernünftige Bücher lesen. Beten.

Und ich finde Besonnenheit in der Hinwendung zu einem lebensbejahenden Gott. Einem Gott, der die Viren erschaffen hat und unsere Gehirne und Virologinnen und unseren Verstand. Einem Gott, der immer für das Leben ist und der sich hartnäckig dem menschlichen Schubladendenken entzieht. Einem Gott, der klare Worte spricht und sich dann wiederum ins Mysteriöse zurückzieht, so dass wir nicht in Versuchung kommen, ihn zu deuten. Einem Gott, der Gerechtigkeit liebt und immer IMMER ganz besonders die Randfiguren:

Alle, die sich abgehängt fühlen.

Alle, deren Seele in der Coronazeit einen Knacks bekommen haben.

Alle, die mit ihrer Frömmigkeitsform und Glaubensgeschwistern nicht mehr klar kommen.

Alle, die es schwer haben, sich aus manipulativen Verstrickungen herauszuwinden.

Alle, die sich verwirrt und überfordert fühlen.

Alle, die genug damit zu tun haben, ihren Alltag zu bewältigen und doch vom Gefühl geplagt werden, nie genug zu tun.

Alle, die sich auf den Intensivstationen und in der Pflege einen Burnout holen.

Ihr seid Helden.

Szenenwechsel: Der Drehtag ging zu Ende, ich sagte, was ich sagen wollte. Und hörte den anderen Talkteilnehmern zu. Die Virologin flog zurück zu ihrer Arbeit nach England. Und ich habe einen Beutel Catering-Donuts und den Entschluss zur Besonnenheit mit nach Hause genommen. Die Donuts sind aufgegessen, die Besonnenheit muss erst noch eingeübt werden.

Drei Dinge zum Ende:

  1. Mein Buch Coffee and Jesus geht bereits in die zweite Auflage. Machst du mit mir eine Flasche Sekt auf?
  2. Herzliche Einladung zu zwei Frauenabenden im November. Bist du dabei?
  3. Bitte lass dich impfen zum Wohle der Allgemeinheit. Just saying.

Familie

Brückenbau statt Mauerbau

In den letzten Tagen ist in mir Trauer aufgebrochen. Wut. Zorn. Und dann wieder Trauer.

Wir haben uns gründlich verhakt. Mit wir meine ich die zwei Lager der progressiven und extrem konservativen Christen, die momentan im Netz miteinander ringen. Sie streiten über so „dringliche Dinge“ wie Aspekte der Sexualethik und die Gefährlichkeit eines Theologiestudiums (die Welt brennt, aber wir verpulvern unsere Munition für Schlafzimmer- und Hörsaalfragen?)

Ich erwische mich selbst dabei, wie ich mich von meiner eigenen Aufregung gefangen nehmen lasse, von meiner Wut darüber, dass man mir den Glauben abspricht, weil ich mehrere Lesarten der Bibel befürworte. Von meiner Trauer darüber, dass viele junge Menschen von den Absolutheiten, die junge Christfluencer*innen unreflektiert in die Welt setzen, in ihrem Glauben verunsichert werden.

Wir sollten alle mehr beten und weniger instagrammen.

ICH sollte mehr beten und definitiv weniger Zeit auf Instagram verbringen.

Ich möchte etwas finden, das uns verbindet. Heilt.

Dabei ist mir dieser Text eingefallen, den ich vor fast genau einem Jahr für die Family-Zeitschrift verfasst habe und den ich mit Euch teilen möchte:

Dieser Tag, an dem ich diesen Artikel schreibe, ist der 9. November. Unweigerlich – wie jedes Jahr – denke ich an die Reichskristallnacht. Ich hätte mir keinen besseren Zeitpunkt für dieses Thema wählen können: In der düstersten Zeit unseres Volkes hatten Lagerdenken und Nazi-Ideologie dazu geführt, dass jüdische Mitbürger misshandelt wurden und Synagogen brannten, während viele ihrer christlichen Nachbarn zuschauten. Manche applaudierten. Das, was noch vor wenigen Jahren zuvor undenkbar schien, war Wirklichkeit geworden. Endlich durfte man offen seinen Rassismus und Antisemitismus zeigen. 

Nur wer blind ist, erkennt keine Parallelen zur Gegenwart. 

Man meint ja, dass früher alles besser war. Pustekuchen. Ja, vor dem World Wide Web wussten Fanatiker weniger voneinander. Das kam unserer Weltengemeinschaft zugute. Nun sind sie bestens vernetzt und fressen sich in unser Denken und unsere Emotionen. Im Netz blühen die wildesten Fakes und nur wenn man sich radikal aus den sozialen Medien raushält, kann man sich dem entziehen und seinen Seelenfrieden wahren. Mein Algorithmus zeigt mir manchmal verstörend anders denkende Menschen. Der Ton ist schärfer geworden. Die Rhetorik spaltend. Auch unter uns Christen. Unsere Weltbilder bestehen aus ausgehärtetem Stahl. Und das ist es ja, was die momentane Situation der Lagerbildungen so schwierig macht: Unsere Weltbild ist immer ganz eng verknüpft mit unserer Identität, mit unseren innersten Überzeugungen. Und wenn andere dieses Bild in Frage stellen, fühlen wir unser Selbst in Frage gestellt. Dann ziehen wir ganz schnell Mauern hoch und bilden Lager, in denen wir unser Weltbild bestätigt bekommen. 

Ich nehme mich da gar nicht aus. Wie oft empöre ich mich über Trump-Wähler, Christen in der AfD, Verschwörungsgläubige? Wie oft schmeiße ich alle AfD-Wähler in einen Topf, rühre wütend um und markiere ihn mit „Nazis“? Und wie oft empören sich andere abfällig über mich als „Gutmenschen“? 

Wir verspielen unsere Chance auf ein echtes Verstehen, wenn wir den anderen mit einem radikalen Etikett versehen und auf Nimmerwiedersehen in einer Schublade verschwinden lassen. Natürlich möchte ich hier betonen, dass ich niemals auch nur einen Millimeter nach rechts rücken würde – aber wenn wir lernten, hinzuhören, anstatt die Nazikeule auszupacken, könnte der andere vielleicht sogar bereit sein, einen Millimeter Richtung Nächstenliebe zu rücken. Wie wäre das?

Ich glaube, dass unsere Zeit mehr Brückenbauer statt Mauernhochzieher benötigt. Und obwohl ich mich liebend gerne in mein Lager zurückziehen möchte und ein bisschen mehr meine Feindbilder pflegen würde, so ist es mir doch ein noch viel größeres Anliegen, das Brückenbauen zu lernen. Pfeiler um Pfeiler in den Boden aus Missverständnissen und Trennung und Hass zu rammen. Ob der andere dann die Brücke überqueren möchte, liegt nicht in meiner Verantwortung. Aber ob ich den ersten Pfeiler in die Hand nehme, schon. Eine gespaltene Gesellschaft kann keine gute Zukunft bauen. 

Die letzten Monate waren enorm herausfordernd. Wenn ich mich im Kreis drehe und nicht mehr weiß, was ich eigentlich noch beten soll, dann hilft mir das Vater- Unser. Der Kern unseres Glaubens. Das Gebet, das wir alle gemeinsam sprechen: Verschwörungsgläubige, Trumpwähler, Rechthaber, Gutmenschen. Wenn wir genau hinhören, können wir feststellen, dass das Vater-Unser ein äußerst subversives Gebet ist:

Vater Unser im Himmel: 

Mit diesen schlichten Worten erkenne ich an, dass nicht nur ich Gottes geliebtes Kind bin, sondern auch der Mensch, der auf Facebook Verschwörungstheorien verbreitet und der verkorkste Nachbar und der Christ mit Rechtsdrall. Diese Sicht entschuldigt nicht, aber sie weitet das Herz für Gottes skandalöse Wahrheit: Dass alle Platz und Gnade bei ihm finden. Ich ordne mich ein in eine Weltengemeinschaft, die soviel größer ist als meine Filterbubble. Ich bin nur eine unter ganz vielen. Das macht demütig und still. 

Geheiligt werde dein Name: 

Manchmal merken wir gar nicht, wie wir uns in Ideologien verbeißen. Es ist verlockend, sich der Komplexität der Welt zu entziehen, indem wir simplen Lösungen folgen und diese als Allheilmittel anpreisen. Und manchmal folgen wir blindlings Menschen, die diese Lösungen anbieten. Unsere aufkochenden Gefühle machen wir zur Leitschnur unserer Handlungen und Worte. Unüberlegt hinterlassen wir bissige Kommentare im Netz (Mit Worten ist es wie mit einem Curry. Iss es nicht frisch, sondern lass es eine Nacht durchziehen.)

Es ist immer klüger, einen Schritt zurückzugehen und sich selbst zu überprüfen, wo man das wirklich Wichtige aus dem Blick verloren hat. Geheiligt werde dein Name. Nicht indem ich Ungeprüftes weiterleite. Nicht indem ich Öl ins brennende Feuer kippe. Nicht indem ich dazu beitrage, dass Hass und Lügen zum Flächenbrand werden. Gottes Name heiligen wir, wenn wir uns und unsere vermeintliche Deutungshoheit nicht so furchtbar ernst und wichtig nehmen. 

Dein Reich komme: 

Ich glaube, dass Gottes Reich keine Zukunftsmelodie für fromme Schwärmer, sondern tagtäglich bereits in Arbeit ist. Und damit ist keine politische Agenda gemeint. Gottes Reich zeigt sich nicht durch die Großen und Lauten dieser Welt, sondern an den Rändern der Gesellschaft. Überall dort, wo Nackte gekleidet, Gefangene besucht, Kranke versorgt, Hungrige gespeist, Gäste willkommen geheißen werden. Jesus ist im Gesicht des Anderen, des Fremden, des Unterdrückten zu finden. Ist es nicht großartig, wie Gottes Reich all unsere Wertsysteme und Anschauungen auf den Kopf stellt? 

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. 

Gott braucht keine Fürsprecher, keine Moralapostel, keine Wächter am Tor der biblischen Korrektheit. Kurz: niemand ist der verlängerte Arm Gottes auf Erden. Natürlich gibt es geistliche Leiter, die eine besondere Verantwortung tragen. Aber dort, wo Feindbilder gepflegt werden, Ideologien auf den Thron gehoben werden und die Eigenschaft zur eigenen demütigen Reflektion schwindet, ist das immer ein Warnzeichen. Ab und an sollten wir alle einen Schritt zurücktreten, unsere Ansichten und Werte auf den Prüfstand stellen und das Loslassen üben. Gott wirkt mysteriös und oft völlig entgegen unserer Erwartungen oder luftiger Deutungshoheiten. 

Unser tägliches Brot gib uns heute

Manchmal stehe ich besonders früh auf, um einen Brotteig anzusetzen. Am Abend ziehe ich dann duftende Brotlaibe aus dem Ofen, die schneller verzehrt sind, als ich „Sauerteig“ sagen kann. Es ist der ewige Kreislauf aus Hungrigsein und Sattwerden, der uns daran erinnert, dass wir bedürftige Menschen sind. Soviel uns auch trennen mag, einen uns unsere Grundbedürfnisse, die allen Menschen gleich sind: Das Bedürfnis nach Nahrung und Wasser, nach Luft, Gesundheit, Angenommensein, Liebe, Schlaf, Sex, Nähe. Ich glaube sogar, dass fast alle Konflikte aus ungestillten Bedürfnissen entstehen. Es hilft, den anderen durch die Linse seiner Bedürfnisse zu sehen, die ich mit ihm teile.

Und vergib uns unsere Schuld

Rechthaben ist wie ein Drogenrausch. Wir wetzen unsere Wörter wie Klingen, legen uns klug klingende Argumente zurecht. Es bleibt jedoch nicht aus, dass uns der Teppich unter den Füßen weggezogen wird und unser strahlender Heiligenschein Flecken bekommt. Ganz tief drinnen kriechen Zweifel hoch und je länger wir uns auf dem Holzweg befinden, desto fester zementieren wir unsere Ansicht nach außen. Ich weiß wovon ich rede. Denn ich bin Expertin darin.

Um Vergebung bitten zu können ist aber einer der wichtigsten Brückenpfeiler hin zu einer geeinteren Gesellschaft. In seinem Buch „Dialog statt Spaltung“ nennt der Autor Patrick Nini die Fähigkeit zur eigenen, ehrlichen Reflexion integrative Intelligenz. Ohne sie ist seiner Meinung nach kein Brückenbau möglich. Nichts baut Brücken schneller und stabiler als Zugeben von Fehlern und Schuld. 

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Die größten Brückenbauer waren diejenigen, deren Kernwert die Vergebung war: Nelson Mandela. Martin Luther King. Gandhi. Itzchak Rabin. Es ist eine kontraintuitive Handlung, die den wenigsten von uns leicht fällt. Aber immer, wenn ich an meinem Groll festhalten will, denke ich die Worte der Autorin Anne Lammt: Nicht zu vergeben ist wie Rattengift zu trinken und darauf zu hoffen, dass die Ratte stirbt.

Erlöse uns von dem Bösen

Ein falscher Friede deckt Ungerechtigkeit zu, der weiterhin gärt, bis es zur Explosion kommt, wie wir es in der Black Lives Matter-Bewegung erst kürzlich beobachten konnten. Aufarbeitung von Ungerechtigkeit, Schuld, Hass, klare Abgrenzung von toxischen Einflüssen und Beziehungen sind schmerzhaft und doch so essentiell wichtig. Unrecht muss Unrecht genannt werden dürfen. Denn baufällige Brücken sind gefährlich. Wir müssen sie einreißen, ein neues Fundament bauen, bevor wir wieder neu aufeinander zugehen können. 

Und führe uns nicht in Versuchung

Meide gewisse Kommentarspalten. Halte dich nur kurz oder gar nicht in sozialen Medien auf. Erweitere dein Wissen und wende es nicht an, um jemand anderen in Grund und Boden zu stampfen. Poliere nicht dein Image. Bible niemanden nieder.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. 

Ich glaube aus ganzem Herzen an das göttliche Versprechen, dass wir eines Tages alle an einem Tisch sitzen werden. Dort werde ich dann vielleicht neben dem unausstehlich gesetzlichen Gemeindevorsteher, der schrillen Charismatikerin, dem verbitterten AfD-Wähler sitzen und mich empören, wie die UM GOTTES WILLEN dort hin gekommen sind. Und dann wird Gott, der uns gerade seinen ausgezeichneten Wein serviert, mir augenzwinkernd zuraunen: Und die fragen sich, warum sie ausgerechnet neben einer rechthaberischen Freigesinnten sitzen müssen. Laut ruft er uns allen zu: Und jetzt lasst uns zuprosten! 

Familie

Hinkende Hoffnung

Ich habe soeben einen kompletten Blogeintrag gelöscht. Er hat mir nicht gefallen. Ach, er hat nur problematisiert. Und ganz ehrlich habe ich vom Problematisieren gerade die Schnauze gehörig voll. Mit jeder Faser meines Seins sehne ich mich nach Leichtigkeit. Nach dem Geschmack von Hoffnung. Und ich finde, sie liegt in der Luft. Sie liegt im erneuten Sterben der Natur und dem Wissen darum, dass alles Leben wiederkommt.

Und das Leben kommt wieder! Ja, vor allem jetzt im Oktober. Es kriecht aus seinem Loch, in das es sich vor 19 Monaten scheinbar verkrochen hatte. Ich geh wieder zum Frisör und ins Theater. Und ich kann mit Freunden im Café sitzen. Gestern traf ich mich zum ersten Mal wieder mit meinem Book Club und wir haben das mit griechischen Snacks und Wein gefeiert. Ich kann wieder meiner Arbeit als Referentin nachgehen. Wir hatten einen bunten, lustigen Flohmarkt auf unserem Hof. Leise Ideen sprudeln, wie das Leben in Gemeinschaft aussehen könnte. Ich feiere einen erneuten Herbst, in dem ich nicht müde werde, mich am Feuerwerk der Natur sattzusehen.

Hoffnung kommt nach dieser schweren Zeit mit einem Hinken daher. Sie hat einige Schläge einstecken müssen. Aber auch wenn sie nun ein wenig zerfleddert ist, so will ich sie mir überziehen wie diesen alten Pullover, von dem ich ganz vergessen hatte, dass ich ihn besitze. Er hat ein paar Stockflecken und leichtes Pilling. Die Flecken wasche ich aus und ich ziehe den Pulli über und freue mich, dass ich ihn noch habe. So viele Erinnerungen hängen an diesem Kleidungsstück. Erinnerungen, die mich tragen, weil sie mir wie ein Echo aus der Vergangenheit zurufen, dass das Leben lebenswert ist.

Ich ziehe mir diesen alten Pulli über und der vertraute Geruch, das Gefühl auf der Haut trösten mich. Es gibt Dinge, die ändern sich nicht. Das Laub, das zu Boden segelt. Der Duft reifer Quitten. Ewige Worte. Oktoberregen. Ein Herz, das sich nach Hoffnung sehnt. Ein Gott, der dem Herzen antwortet.

PS: Am 2. November werde ich im Maxhaus Düsseldorf über Hoffnung reden.