Familie, Gedanken, Glaube, Schreiben

Ein Rezept für Lebensstürme

IMG_6085Der Weihnachtsglanz ist abgeblättert. Zurück bleiben ein paar Tannennadeln hinter der Truhe und Ernüchterung. Different year, same situation.

Nicht nur das Auto braucht dieser Tage am Morgen eine Anwärmphase, auch wir Menschen, die in diesem Haus wohnen und nun der normalen Alltagsroutine anheim fallen. Es wachen keine kleinen Mädchen mehr auf mit großem Kuschelbedürfnis, sondern grummelige Teenager. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass sich zum Beginn der Pubertät das Gehirn gewaltig umbaut. (Sind Neurolog*innen hier? Könnt ihr das bestätigen?)

Dieser Umstand könnte erklären, warum Teenager das Gedächtnis einer 100-jährigen Omi haben. Die Vergesslichkeit führt Krieg gegen uns und sie kämpft mit brutalen Waffen. Nicht nur meine Kinder sind betroffen, auch ich. Dank an die Wechseljahre. Letztens saß ich doch fünf Minuten auf der Couch und versuchte mich an den Namen einer lieben Freundin zu erinnern. Ich wollte ihr eine Nachricht schreiben, wusste aber nicht, unter welchem Buchstaben ich sie in meinem Handy suchen sollte. Ich durchforstete panisch jeden Winkel meines Kopfes nach ihrem Namen: Andrea, Sabine, Ruth, Pamela? Alles falsch. (Kann man Gehirnschmerzen vom Nachdenken bekommen? Neurologe*innen, könnt ihr das bestätigen?) Ich ging dann das Alphabet durch, in der Hoffnung, dass der entsprechenden Buchstaben die Lösung brächte. Hat funktioniert.

So viele Dinge können uns Angst machen:

Ein nachlassendes Gedächtnis
Veränderungen in der Familie
Eine Diagnose
Der Klimawandel
Ein neuer Lebensabschnitt
Die Unsicherheiten, die uns schon seit zwei Jahren anhaften
Ein Jobverlust
Dinge, die außerhalb unserer Wirkungskraft einfach passieren
Zerbruch von Beziehungen

Das alles sind keine Ausnahmen, sondern Nebenwirkungen dieses verrückten, zerbrochenen Lebens, das wir alle leben. Nur dumm, dass wir dazu weder unseren Arzt noch Apotheker befragen können. Diese können uns zwar chemische Rezepte gegen die Angst an die Hand geben, aber keine Lösungen. Und vielleicht soll die Angst auch gar nicht gelöst werden. Sondern anvertraut werden. 

Die Lebensstürme nicht stillen, sondern in ihnen die göttliche Hand ergreifen. Wie auch immer das für dich aussehen mag.

Für mich sieht das dieser Tage so aus:

Mitten in diesem Sturm bin ich ruhig in dir. Ich bete nicht so sehr für einen glücklichen Ausgang, sondern für inneren Frieden, was auch immer kommen mag. Ich bete, dass ich meine Waffen niederlege, mit denen ich auf die Angst schieße und stattdessen deine stilleren Werkzeuge in die Hand nehme: Geduld, Erbarmen, Großzügigkeit, Demut, Wahrheit und Liebe.

Ich hoffe, ich vergesse dieses Gebet nicht wieder.

Aber gegen das Vergessen hilft das Aufschreiben.

Was ich hiermit getan habe.

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Einfache Adventszeit, Familie, Freundschaften, Gedanken, Weihnachten, What would Grandma do

Was wir 2022 unbedingt tun sollten

 

IMG_6091Gefühlt schreibt jeder Anfang Januar über Vorsätze. Tja. Ihr wisst ja, was ich von guten Vorsätzen halte. Ich schaffe es fünf Minuten, den Bauch einzuziehen. Spätestens Mitte Januar lasse ich ihn wieder hängen. In der Form, wie Gott  Schokolade  Wechseljahre ihn formten. Ich halte gar nichts von New Year, New Me! Ich bin ein Fan von New Year, Old me. 

In allen Lebenslagen hilft mein Leitsatz: What would Grandma do? Grandma hält nichts von Detox, sondern kocht dir eine Hühnersuppe und nimmt dir das Handy aus der Hand, mit dem du symbiotisch verwachsen bist. „Kind, jetzt iss erstmal was und verbring Zeit mit mir.“ 

Hühnersuppe und Menschen. Nähren und Nähe. Früh ins Bett gehen. Gute Bücher lesen. Die Vernunft in allen Lebenslagen walten lassen. Mit dem auskommen, was man hat. Kuchen essen mit Menschen, die man liebt. Briefe schreiben. 

Apropos Briefe schreiben. Zum neuen Jahr kitzelt es mich in den Fingern, alten Besitz los zu werden. Kennt ihr das?

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Ich habe seit meiner Kindheit alle Briefe aufgehoben, die ich jemals erhalten habe. Drei große Boxen füll(t)en sie. Das war ein Vergnügen zwischen den Jahren, jeden Brief nochmal in die Hand zu nehmen, manche davon zu lesen, Vergessenes wieder aufleben zu lassen und dann auszusortieren. Zeitzeugnisse sind dabei. Der Briefwechsel in den 80er Jahren mit einer Brieffreundin aus der DDR, die ich dann mit 15 Jahren (!!) alleine mitten in den Umbruchswirren in ihrer „Platte“ besuchte. Der Austausch mit einer Freundin 1993 über Klimawandel, Solingen und Neonazis (hat sich wenig geändert seit damals). Die Briefe, die mir meine Eltern in alle Welt sandten. Und meine allerersten Emails, die ich mir Ende der 90er Jahre am klobigen Arbeitscomputer ausdruckte, weil ich sie wie wertvolle Briefe behandelte. 

Manche Absender sind mir heute noch liebe, teure Menschen. Da schließt sich der Kreis. Hier, dreißig Jahre später. Dankbar, dass sie geblieben sind. Menschen, mit denen ich mir keine Briefe mehr schreibe, aber für die ich anderweitig Platz mache in meinem Leben. 

Pflegen wir in der Schnelllebigkeit der modernen Kommunikation die altmodischen Wege: Laden wir an unseren Tisch ein, backen wir einen Kuchen, rufen wir an, interessieren wir uns für das Leben des anderen. Denken wir an Geburtstage, schreiben wir Postkarten aus dem Urlaub. Sind wir zur Stelle, wenn wir Trost und Hühnersuppe vorbeibringen können. Verabreden wir uns für einen Abend oder ein ganzes Wochenende. 

Räumen wir 2022 ein Eckchen in unserem Leben frei, das wir für die Menschen reservieren, die uns lieb und teuer sind. Verschieben wir es nicht auf später.

Grandma wäre stolz auf uns! 

 

(P.S.: Wenn du mehr von „Grandma“ lesen willst, dann empfehle ich dir meinen Insta-Account @whatwouldgrandmado)

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So fängt der Januar schön an. Wiedersehen mit einer Freundin, die 17 Jahre in der Versenkung verschwunden war. 

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Silvester mit meiner Freundin Sally…..

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….und mit meiner Familie.

Aufatmen im Advent, Einfach Advent, Einfache Adventszeit, Gedanken, Glaube, Weihnachten

Spazierengehen mit Bonhoeffer

Aus den Schornsteinen steigen dicke Wolken auf, die sich scharf gegen den eisigen Morgenhimmel abzeichnen. Die Sonne lockt nach draußen. Sie täuscht uns. Die Kälte ist ein Erschrecken. Aber auch eine Wohltat, wenn man zu lange Zeit im überheizten Raum zubrachte. Dann trinkt man die kalte Luft wie einen edlen Wein.

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Jeden Tag gehe ich mindestens eine halbe Stunde nach draußen, egal bei welchem Wetter. Den Schweinehund nehme ich an die Leine und zerre ihn hinter mir her. Auf meinen Spazierwegen ist Zeit, um meine Gedanken auf Wanderschaft zu schicken. Sie arbeiten immer zuerst ihre Listen ab: „Hast du an den Rehbraten gedacht? Welchen Kuchen backst du deiner Tochter zum Geburtstag? Und wie kommst du an die Karten, die du unfrankiert und in völliger geistiger Umnachtung in den Briefkasten geworfen hast?“ Wenn sich der Nebel der Alltäglichkeiten gelichtet hat, wird es transzendenter. Haaaach. Dann stellen sich die ganz großen, grundlegenden Lebensfragen.

„Was ziehe ich Heiligabend an?“

Wenn diese Frage zufriedenstellend geklärt ist (Spoiler: Das ist sie nie), dann denke ich an Bonhoeffer. Den lese ich gerade täglich. Nur kurze Abschnitte, denn seine Kost ist eine hochkalorische. So hochkalorisch wie meine Aachener Printen, von denen ich mir täglich ein Eckchen abbreche. Aber zurück zu Bonhoeffer. Er schreibt:

„Große Gewaltige gibt es immer nur wenige, aber um so mehr kleine Gewaltige, die, wo sie nur können, ihre kleine Gewalt spielen lassen und die nur einem Gedanken leben: immer höher hinaus! Gottes Gedanke heißt anders; er heißt: immer tiefer hinab, in die Niedrigkeit, in die Selbstvergessenheit, in die Unansehnlichkeit. Und auf diesem Weg begegnen wir Gott, nirgendwo sonst.“

Wir erleben es gerade selbst, wie wir von Gewalten hin und her geworfen werden. Wie wir oft selbst zu Gewaltigen mutieren. Denn es ist doch nur allzu menschlich, auf Ohnmacht mit Aggression, auf Unsicherheiten mit grober Lautstärke zu reagieren.

Gott stellt alles auf den Kopf.

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Unser ganzes Wertesystem. Nicht nur ein bisschen. Er krempelt es um wie einen Weihnachtspulli von rechts auf links. (Ein Schelm, wer hier ein politisches Wortspiel vermutet)

Das Niedrige liebt er. Das Verlorene sucht er. Das Zertretene repariert er. Den Außenseiter nimmt er in die Mitte. Religiöse Eiferer hinterfragt er. Den Verbrecher segnet er.

Wie wäre es, wenn wir dieser Tage einiges auf den Kopf stellten? Um genau in dieser Abwärtsbewegung Gott zu treffen?

Wie wäre es, wenn wir…

….auf Ohnmacht mit trotziger Zuversicht

….auf unsere Feinde mit Segen (bless you, GEZ und AfD)

….auf unseren Stolz mit ehrlicher Selbstreflexion

….auf den Verschwörungscousin mit radikaler Liebe

…auf Schimpfen mit der Suche nach Lobenswertem

…auf Gesetzlichkeiten mit Humor

…auf ungebetene Belehrungen mit Stille

reagierten?

Gott hat sein größtes Wunder genau an dem Ort getan, wo es niemand erwartet hatte. In einem dreckigen Futtertrog.

Auch wenn es dieser Tage schwerfällt, weil uns so manches niederdrücken mag: Lasst uns Augen und Herzen weit aufmachen. Für eisige Schönheiten am Morgen und die Wahrheit, dass Gottes Liebe und Segen an den unmöglichsten Orten zu finden ist.

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Danke, dass ihr mit mir durch dieses Jahr gegangen seid. Mitten in dieser Pandemie ist dieser Ort wie ein kleines Lagerfeuer, an dem ich meine Geschichten und meine Gedanken mit euch teilen darf. Danke für jedes gute Worte, für jeden Kommentar, für jede Mail, für jede Unterstützung. Seid gesegnet, wo auch immer ihr seid. Feiert einander, feiert euch selbst, feiert den, der sich in den dreckigen Futtertrog gelegt hat.

Frohe Weihnachten!

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Dankbarkeit, Garten, Gedanken, Glaube, Haushalt

Wenn dich heute deine Arbeit anödet….

Und wieder frage ich mich an diesem Vormittag, wie ich denn das Wäschezusammenlegen und das Aufräumen und Kochen und Putzen rasch hinter mich bringen kann, bevor ich mich an die wirklich wichtige Arbeit machen kann.

(Wichtige Arbeit: Das ist der landläufigen Meinung nach die, die ordentlich bezahlt und gesehen und gelobt wird).

Auf dem Weg in den Keller fällt mir der überquellende Bioeimer auf, bücke ich mich nach achtlos hingeworfenen, dreckigen Socken und füttere noch schnell die Kaninchen. Währenddessen rotiert es in meinem Kopf: Was ist noch im Kühlschrank? Ich kann doch nicht schon wieder Pfannkuchen backen. Heute muss etwas Nahrhaftes auf den Tisch. Und ich gehe in den Garten, pflücke zwei dicke Blumenkohlköpfe, grabe ein paar Frühkartoffeln aus und pflücke eine Salatgurke. Auf dem Weg ins Haus leere ich den Bioeimer, zupfe ein paar Unkräuter und mache mir eine Gedankennotiz, dass ich heute noch unbedingt die Löcher in meinen Leggings stopfen sollte. Ich seufze, atme tief ein und aus, lasse die Schultern hängen und spüre erst jetzt, wie angespannt mein Nacken ist.

Eine Stunde später stehen Blumenkohlbratlinge, Kartoffelbrei und Gurkensalat auf dem Tisch. Das ist ein todsicheres Lieblingsessen der Kinder und ich muss keine Tischrevolte befürchten.

An solchen Tagen wie heute muss es erst fünf oder sechs Uhr Abends werden bevor ich mich an die „wirklich wichtige“ Arbeit machen kann. Aber dann bin ich meist schon so müde und ausgelutscht, dass ich mich in den Garten setze und den Bienen zusehe. Das ist zwar nicht produktiv, aber enorm meditativ. Ich lasse meine Gedanken von der Leine, während die Bienen um mich herum nicht anders können als ihrer eigenen Arbeit nachzugehen. Sie sind sich so ähnlich, meine Gedanken und die Bienen. Sie taumeln mal hierhin, mal dorthin. Verweilen nur kurz, streifen ihr Ziel und tasten alles ab, was halbwegs interessant erscheint. Die Bienen landen beim Borretsch. Meine Gedanken landen bei Gott.

Dieser Tage mag ich nichts anfangen mit meinen alten Gottesbildern, die von König oder Herr oder Löwe sprechen. Alles, was nur im entferntesten mit Kampfbegriffen getränkt ist, stößt mich ab. Vielleicht, weil ich einen Muttergott dieser Tage nötiger habe als einen, der für mich kämpft. Ich hatte in meinem Leben zwei oder drei intensive Gottesbegegnungen und ansonsten schaut mein Glaube völlig unspektakulär aus. Vielleicht betreibe ich nicht genügend geistliche Verrenkungen, wer weiß. Vielleicht ist mir ein minimalistischer Glaube näher als einer mit viel Zierrat. Und dann muss ich lachen, als mir ein kleines Licht aufgeht inmitten der Bienen und des Borretsch. Da ist ein Gott, der für mich seit langem im Alltag so sehr viel greif- und erfahrbarer ist als in einem pompösen Gottesdienst. Weil er nämlich den Dreck hinter mir wegräumt. Weil er die Kartoffeln und den Blumenkohl und die Gurken (und den Borretsch natürlich!) wachsen lässt, die uns nähren. Weil ihm fruchtbarer Dreck unter den Fingernägeln klebt. Weil er sich unermüdlich nach dem Unkraut in meinem Herzen bückt. Weil er das Kaputte sucht und repariert. Weil er uns kleidet und abends mit Gnade zudeckt und sie in alle Ritzen stopft, damit uns in der Dunkelheit nicht kalt wird.

Gott verrichtet ja die gleiche Arbeit wie ich! Das ist eine so schlichte Wahrheit. Wie viel lieber hätten wir einen Gott der Sensationen, des Glitters, der großen Gefühls-Erfahrungen. Er ist oft im Flüstern, selten im Sturm. Und dieser Alltag, das ist das Flüstern Gottes. Eine schlichte Einladung, die wir oft wie billige Werbung unachtsam in den Mülleimer werfen, weil sie nicht verlockend genug ist.

Morgen früh, wenn ich das Frühstück richte und nach dem Putzeimer greife, möchte ich mich daran erinnern, dass ich eine heilige Arbeit verrichte. Auch Gott ist bereits da, ebenso älter und grauer wie ich, der aber im Gegensatz zu mir nicht müde wird, nach seinem Putzeimer zu greifen und den Tisch zu decken und alle zum Essen zu rufen. Wenn Gott seine Arbeit ernst nimmt(er könnte uns etwas über langweilige Routinen erzählen!), will ich meine Arbeit auch ernst nehmen.

Ihr lieben, wunderbaren, großartigen Blogleser*innen! Wie kann ich euch danken? Euch allen, die ihr das letzte Mal etwas in meinen „Hut“ geworfen habt und dabei auch noch so liebe Worte mitgeschickt habt. Ihr seid absolut grandios – Danke, Danke, Danke ❤️

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Auch heute stelle ich wieder in guter alter Straßenkünstler-Manier meinen Hut auf. Wenn dir der Beitrag gefallen hat, dann darfst du gerne etwas reinschmeißen für einen Kaffee, ein bisschen Wolle oder Schokolade.

Danke.

Gedanken, Glaube

Im Dunklen gehen.

„Die Nacht, in der das Fürchten wohnt, hat auch die Sterne und den Mond.“
Mascha Kaléko

Endlich dürfen die Mädchen wieder reiten. Ihr größte Leidenschaft. Zwar nur im wöchentlichen Wechsel, aber immerhin. Das ist unser meist gebrauchtes Wörtchen in dieser Zeit. Immerhin.

Immerhin haben wir einen Garten. Immerhin können wir in den Wald. Immerhin haben wir immer genug Essen im Kühlschrank. Immerhin haben wir eine gute medizinische Versorgung. Immerhin sind die Schulen geöffnet.

Immerhin.

Mein Mann geht neuerdings täglich am Abend eine Runde spazieren. Im Dunklen. Ich begleite ihn nie, weil ich den Reiz des Im-Dunklen-Spazierens nicht nachvollziehen kann. Aber gestern Abend stand ich dann vor dem Reitstall, in dem gerade meine Jüngste verschwunden war, um dort immerhin eine halbe Stunde Westernreiten zu dürfen, und ich beschloss eine Runde im Dunklen zu gehen.

Ui. War das finster auf der kleinen Nebenstraße, die rechts und links von mannshohem Gestrüpp gesäumt war. „Ich wette, ein Mann würde hier fröhlich-pfeifend ohne erhöhte Stresshormone entlangschlendern“, murmelte ich wütend in meinen dicken Schal. In den Tiefen meiner Manteltasche fand ich eine Mini-Taschenlampe. Was noch bis vor einer Stunde Sträucher und Bäume waren, entpuppten sich jetzt als starre Geistgestalten, die mich stumm anblickten. Eine Maus raschelte ohrenbetäubend laut im Unterholz und brachte mein Herz zum Klopfen.

Ich bog in einen Feldweg ab. Mein Herzschlag beruhigte sich. Freie Fläche. Ich roch die nasse, schwere Erde. Kuhmist. Alte Zuckerrüben. In der Ferne flackerten die Lichter der Stadt. Über mir die Sterne. Zum Takt meiner Schritte formte ich stille Worte, die wie junge Hund durcheinander purzelten. Jedes wollte zuerst drankommen und gehört werden: Corona…..Müde….bitte gib Kraft…..meine Kinder…..alleine….vermisse…..Sehnsucht….traurig.

Nichts lenkte mich ab von der stillen Zwiesprache mit dem Himmel. Da waren nur ich und die Dunkelheit und die fernen Lichter und Gott. Im Dunklen ist mehr Platz für unsere Ängste. Aber auch für Sein. Trost. Frieden.

Ich muss öfter mit meinem Mann durch die dunklen Abende spazieren. Gerade jetzt, wo alles, was im Frühjahr und Sommer noch so leicht war, sich schwer wie Lehmklumpen an mich hängt.

Die Lehmklumpen nach meinem Spaziergang im Dunklen ließ ich an meinen Stiefeln trocknen. Später werde ich sie leicht abklopfen können. Immerhin.

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PS: Lust auf einen virtuellen Frauenabend am kommenden Freitag, den 20. November? Hier halte ich einen Vortrag zum Thema: Roots – Halt finden in einer entwurzelten Welt.

Klinkt euch mit ein!

Familie, Gedanken

Uuuuuund Corona geht weiter…..

Die Nachricht kam Sonntag im Wald. Ich graste das Unterholz nach Steinpilzen ab. An meiner Pilzstelle wuchs dieses Jahr leider nichts außer undefinierbarer orangefarbener Pilze, die ich nicht kannte. Zu trocken war es gewesen. Der Regen, der fiel, erreichte kaum den Waldboden. Aber zurück zur Handynachricht. Da stand ich also wie ein Männlein im Walde, ganz still und stumm. Amelies Schule sollte einige Tage geschlossen werden. Corona. Bäm. Na gut. Wir haben Routine. Das bekommen wir hin.

Zwei Tage später. Ich knie im Dreck und versenke Narzissenzwiebeln im lehmigen Gartenboden. Das Handy mal wieder. Bing. Weitere Nachricht von der Schule. Ach ja, das Gesundheitsamt hat ein bisschen verzögert reagiert. Amelies Klasse muss tutto completti in Quarantäne. Bäm. Na gut. Wir kriegen das hin. Nach gefühlt fünf Jahren Coronazustand haben wir Routine. Pläne werden gekappt, Bücher daheim aufgestockt, ein Kuchen gebacken.

Meine Kinder haben bisher alle Coronamaßnahmen willig und tapfer und ohne ein negatives Wort geschluckt. Regelrecht hineingewachsen sind sie in eine neue Normalität und waschen sich ohne Aufforderung ordentlich die Hände und haben ihre Maske immer parat. Aber nun zerbröselt es meine Große. Die Pandemie ist eine schwere Decke, die sich im Sommer kurz ausgelüftet hat und die sich nun wieder auf uns legt. Alles, was wir tun können, ist abwarten, Abstand halten und schon mal alle Pläne für Herbst und Winter auf Eis legen. Unseren Seelen eine Hornhaut verpassen. Unsere Herzen in Dickfelligkeit packen.

Ich suche Therapie im Garten als gäbe es ein Morgen. Blumenzwiebeln verteile ich in unserer Wiese, die auch dieses Jahr nicht zu einem Rasen wurde. Stauden pflanze ich, unansehnlich sind die meisten zu dieser Jahreszeit. Ich gestalte und erträume mir einen Garten und erst nächstes Jahr im Sommer wird diese Arbeit Früchte und Blüten tragen. Ich pflanze ein ganzes Beet voller Feldsalat, den essen hier alle gerne und reichlich. Tief in den kalten Boden stecke ich soviele Knoblauchzehen wie noch nie. Sie treiben bereits aus. Ich kippe unseren Küchenabfall auf unseren Komposthaufen Nr. 1 und werde Haufen Nr. 2, der sich in dunkle Erde verwandelt hat, heute durchsieben. Sie wird die kahler werdenden Beete zudecken.

Es gibt ein Morgen. Tief in unsere Herzen hat Gott eine taktgebende Hoffnung hineinprogrammiert. Jeden Morgen erhebt sich die Sonne, erhebt sich unser Körper und unsere Seele. Im Herbst und Winter sind sie schwerfällig und müde. Kaum schafft es die Sonne sich gegen den Oktobernebel zur Wehr zu setzen. Die Narzissenzwiebeln werden schlafen. Meine Kinder lernen am Küchentisch. Ich schreibe. Und putze. Und backe Brot um Brot, das schneller aufgegessen ist als ich neuen Sauerteig ansetzen kann. Es gibt ein Morgen, sonst würden wir das Heute nicht leben. Und alles, was wir heute tun, kann eines Tages aufblühen. Nicht die großen Heldentaten, sondern unsere hartnäckige Treue. Vielleicht nächstes Jahr im Frühling. Oder erst in der nächsten Generation, die sich in der Zukunft Geschichten erzählen wird von uns Alten, die es schafften, hoffnungsvoll, pragmatisch und handelnd durch die Corona-Pandemie und die Klima-Krise zu steuern. Hoffen wir, dass sie sich genau diese Geschichte erzählen werden! Und dass sie die Stauden und Zwiebeln weiterpflegen, die wir einst in dunklen Zeiten pflanzten.

PS: Morgen Abend bin ich in der FEG Karlsruhe zum Thema:

Slow Down – Wege der Entschleunigung.

Ich freue mich so sehr, wenn du mit dabei bis! Das Ganze kannst du dir live und online ansehen. Mehr Infos hier:

Bilder, Gedanken, Slow Living

Antreiber und Privatgrundstücke

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Wenn die Zucchini reifen und die Erbsen aus ihren Schalen kullern, dann ist Sommer. Dann zieht es mich mehr in den Garten und weniger an den Laptop. Ihr kennt das Spiel schon, nicht wahr? Ich mache Blogpause. Schreibpause. Gar nicht so einfach als Freiberuflerin, wo die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit verschwommen sind und der innere Antreiber das Abhängen im Garten oder am See oder mit dem Strickzeug kommentiert: „Du könntest jetzt aber noch…!“ oder „Andere arbeiten auch den ganzen Abend….!“

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Aber mittlerweile bin ich ziemlich gut darin, dem Antreiber die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Privatgrundstück – Betreten verboten!

Der Sommer ist mein persönliches Privatgrundstück. Eine Scheibe, die ich mir vom Jahr abschneide und mir selbst schenke.

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Aber noch müssen wir ein paar Wochen durchhalten, weiterhin das Present Perfect Progressive und die Primzahlen und das Revolvergebiss lernen. Ich verabschiede mich trotzdem schon an dieser Stelle, denn ich habe diese Pause bitter nötig zum Aufladen meiner kreativen Batterien.

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Ich wünsche dir einen wunderbaren Sommer, ein Durchatmen in dieser ungewissen Zeit, ein Trotzdem-das-Leben-feiern!

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Gedanken, Glaube

Die erste Liebe

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Der Mittsommer ist da und ich fahre mit dem Fahrrad durch die Wiesen in den Nachbarort, kaufe Kräuter in der Gärtnerei, rede mit Bekannten in der Post und auf dem Rückweg feiere ich Geburtstag mit einer Freundin. Sie hat sich getraut, ihre Freunde einzuladen und gemeinsam auf ihrer lauschigen Terrasse essen wir Käsekuchen und Brausebonbons und endlich kann ich all die lieben Gesichter wiedersehen, die mir in den letzten Monaten gefehlt hatten.

Wir sind sofort mittendrin im Reden. Was war bei dir los in den letzten Monaten? Ich höre Geschichten. Viel Alltägliches. Viel Coronalastiges. Und eines wird mir klar: Wir bemühen uns alle, dieses Leben richtig zu machen. Es gut hinzubekommen. Und doch scheitern wir an uns selbst, an dem Anderen und an dieser Welt. Diese Welt, die wie ein kranker Patient auf der Intensivstation liegt, während wir bienenfreundliche Stauden pflanzen und unsere Kinder unterrichten und versuchen, weniger Fleisch zu essen und mit Sekt auf neue Lebensjahre anstoßen.

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Ich komme zurück nach Hause, die Sonne steht tief und die Schatten sind lang, aber die Dunkelheit wird noch lange nicht kommen. Die Tomaten gieße ich mit lauwarmem Regenwasser.

Das Dunkel der Welt greift nach mir in der Nacht und ich kann nicht schlafen. Wenn die Nächte so kurz sind, verlernt mein Körper das Schlafen. Bis 2 Uhr wälze ich mich im Bett. Um 5 Uhr erwache ich wieder. So voller Unruhe. Ich muss weniger Nachrichten sehen.

Und weil ich mich festhalten muss an ewigen Wahrheiten, an göttlichen Weisheiten, schlage ich heute früh die Bibel auf und lese die Offenbarung.

Guter Tipp: Wenn du unter innerer Unruhe und Angststörungen leidest, dann ist die Offenbarung das allerletzte Buch, das ich dir empfehle!

Aber mich drängte es, diese Stelle mit der ersten Liebe lesen. Wo Jesus zu seiner Gemeinde in Ephesus spricht:

„Du hast geduldig für mich gelitten, ohne aufzugeben.  Aber ich habe gegen dich einzuwenden, dass ihr nicht mehr wie am Anfang in der Liebe lebt.  Erkenne doch, wie weit du dich von deiner ersten Liebe entfernt hast! Kehre wieder zu mir zurück und bemühe dich so, wie du es am Anfang getan hast.“ (Offenbarung 2, 3-5)

Falls du schon ein paar Jahre mit Jesus unterwegs bist, dann verwette ich mein ganzes Vermögen, dass du irgendwann eine Predigt zu diesem Thema gehört hast. Wie wir UNS NOCH MEHR ANSTRENGEN MÜSSEN, UNS WIEDER GANZ VERLIEBT IN JESUS ZU FÜHLEN. Wenn wir ein kleines Predigt-Bullshit-Bingo spielten, kämen auch die Begriffe Leidenschaft, inneres Feuer, lau, Begeisterung und Staunen darin vor.

Nach solchen Predigten versuchte ich so richtig dolle verliebt in Jesus zu sein. Und weißt du was? Das klappte ungefähr 2 1/2 Stunden. Wenn ich gut drauf war, auch 3 Stunden. Und dann war ich wieder lau und leidenschaftslos.

Es ist der ewige Kreislauf aus schlechtem Gewissen und Besserungsversuchen, den wir Christen tausende Male durchlaufen. Und Jesus steht daneben und schüttelt den Kopf.

Schau: wenn ich versuchte, das Gefühl zu reproduzieren, welches ich für meinen Mann in den ersten Monaten hatte, dann ist das künstlich. Natürlich liebe ich ihn, aber anders als am Anfang. Und mit Jesus geht es mir genauso. Das ist eine Liebe, die wächst und tiefer wird. Eine, die einen kleinen dicken Bauch bekommt, weil sie manchmal ein bisschen bequem wird. Jesus will nicht unsere künstliche Liebe, sondern unsere Beständigkeit, unser Festhalten, auch wenn uns der dicke Bauch manchmal im Weg ist.

Was ich zwischen den Zeilen des Appells an die Gemeinde in Ephesus entdecke: „Warum lauft ihr vor meiner Liebe weg? Erinnert euch an den Freudenschock, als ihr entdeckt habt, wie sehr ihr geliebt seid! Es ist ja prima, was ihr als Gemeinde alles auf die Beine stellt, aber das Wichtigste sind nicht eure Programme und Stärken, sondern die Fähigkeit, euch lieben zu lassen.“

Es geht nicht darum, dass ich eine alte Emotion für ein paar Stunden oder Tage reanimiere, sondern dass ich mich lieben lasse, da wo ich gerade bin.

Es ist so viel einfacher zu lieben, als sich lieben zu lassen. Die leise Scham will uns einflüstern, dass wir diese Liebe gar nicht verdienen, nicht wahr? Lass dich zuerst lieben. Und dann kannst du lieben. Und genau das ist die heilige Reihenfolge, die empörende Gnade, die alles auf den Kopf stellt.

Dieser Liebe ist es egal, wie du heute aussiehst, was du kannst und wer du bist. Diese Liebe spricht deinen Namen aus, wie du ihn noch nie gehört hast, mit einem Wissen um dich, mit einer Akzeptanz, nach der du dich im Inneren sehnst. Lass dich von dieser Liebe lieben. (Ja, auch wenn du dich windest bei dem Gedanken. Lerne, dass du es wert bist). Ich bin so schlecht darin, mich lieben zu lassen, dass ich nur kleine Kostproben davon bekomme, aber alleine die reichen, um mich weich zu machen für die Nöte dieser Welt.Wenn unser Liebestank leer läuft, ergeht es uns wie den Ephesern. Wir funktionieren prima, aber unsere Motive werden nicht mehr aus Liebe gesteuert.

Ich liebe mit löchriger Liebe, oft verzerrt von eigensüchtigen Motiven, und sie wird nie reichen, um perfekte Beziehungen – weder zu Menschen noch zu Gott – zu leben. Aber ich will lernen, die heilige Reihenfolge der Liebe zu leben. Immer wieder neu.

„Und das ist die wahre Liebe: Nicht wir haben Gott geliebt, sondern er hat uns zuerst geliebt und hat seinen Sohn gesandt, damit er uns von unserer Schuld befreit.“

1. Johannes 4, 10

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Gedanken, Glaube

Reduziert!

Wenn ich diesem Lebensabschnitt einen Namen geben dürfte, dann diesen:

Reduziert.

Nicht im Sinne von billigem Sonderangebot. Sondern die Essenz suchen und leben. Es war keine bewusste Entscheidung, kein Marie-Kondo-Enthusiasmus. Angefangen hat es mit einer diffusen Sehnsucht nach: Weniger. Ruhe. Klarheit. Konzentrierter Kraft. Selbstbestimmung. Gegenkultur.

IMG_3007_edited-1IMG_3012_edited-1Das alles schlummert schon viele Jahre in mir und hat auf diesen Raum hier abgefärbt.  Die letzten Corona-Monate wirkten als Katalysator. Noch reduzierter. Kein Shopping (was ich hasse wie die Pest). Keine Treffen. Keine geistlichen Angebote. Kein Ausgehen. Keine Reisen. Kein Urlaub. Was brauche ich tatsächlich für ein gutes Leben? Für einen gewichtigen Glauben?

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Und wisst ihr was? Mir fehlt nichts. Gar nichts. Manchmal frage ich mich, ob etwas nicht mit mir stimmt!

Nehmen wir zum Beispiel meinen Glauben und vergleichen ihn mit den Kunstepochen. Gestartet bin ich mit einer überbordenden Barockphase. Überfrachtet. Goldgeglitzer. Hoch, höher, ganz hinauf. Die Engel fielen zu Boden. Am Zierrat fraß der Zahn der Zeit. Und nun ähnelt mein Glaube dem Bauhaus: Schnörkellos. Und doch in seiner Reduziertheit und Einfachheit wunderschön. Raum zur Entwicklung und für eigene Ideen und Gedanken ist jede Menge vorhanden. Aber momentan möchte ich einfach nur in diesem großen Raum sitzen und still sein. Das Echo der Gedanken sortieren. Was wurde mir übergestülpt und muss als Zierrat auf die Müllkippe? Was entspringt meinem eigenen Herzen? Was tatsächlich dem Herzen Gottes?

So werde ich noch eine Weile hier sitzen. Still sein. An einem Buchprojekt arbeiten. Dem Regen zusehen und mich über diesen Segen freuen. Dem inneren Drängen nach Rückzug nachgeben.

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Und ich denke über eure Kommentare und Mails nach, die mich nach meinem letzten Eintrag hier erreichten. Ich habe alles sehr aufmerksam gelesen und mein Herz tanzte Samba. Vielen Dank für jedes persönliche Wort – ich habe sie alle abgespeichert (ich würde jedem von Euch so gerne ausführlich antworten, das würde aber leider meinen Zeitrahmen sprengen). Ihr habt das bestätigt, was mir selbst auf dem Herzen liegt. Worüber soll ich schreiben? Von allem ein bisschen und hauptsächlich über das pure Leben, wie es mir in die Quere kommt. Ganz ohne Branding.

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Garten, Gedanken, Glaube, Politisches

Dieses Land wäre ein Irrenhaus, wenn nicht……

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Die Eisheiligen sind da. Mich hatte es ja bereits im sommerlichen April gejuckt, die Tomaten und Kürbisse und Paprika und Sonnenblumen ins Freie zu setzen. Im stürmischen  Gärtnerfieber passiert so etwas schon mal schnell. Man überschätzt die Lage. Und dann, wenn man sich Mitte Mai sicher fühlt: BÄM! FROST! ALLES HINÜBER!

Es ist eine alte Weisheit, die wir im Zuge der Klimaerwärmung schon fast über Bord geschmissen haben: Pflanze frostempfindliche Pflanzen erst nach dem 15. Mai, der kalten Sophie ins Freie. Oder:

Vor Nachtfrost du nie sicher bist,
bis Sophie vorüber ist.

Während links und rechts bereits vor Wochen Tomaten ins Freie gesetzt wurden, hielt ich meine Gärtnerwut im Zaum. „Dieses Jahr kommt kein Frost mehr!“ „Die Eisheiligen sind wissenschaftlich nicht untermauert.“ „Wir haben doch die Klimaerwärmung!“ So unkten voreilige Gärtnerfreunde über den Gartenzaun.

Und ich bekam FOHO  –  Fear of Harvesting Out: „Sicher werden alle anderen einen Monat vor mir Tomaten ernten können!“ Aber meine Mutter mit 60-jähriger Gartenerfahrung mahnte am Telefon: „Warte ab. Es sind doch nur noch zwei Wochen, dann kannst du die Wetterlage besser abschätzen.“

IMG_2902Und jetzt? Jetzt freue ich mich, dass meine Tomaten im Warmen stehen und dem Frost dort draußen die Zunge rausstrecken.

Die Lage dort draußen, jenseits unserer kleinen Garten- und Balkonparadieschen, ist voller Menschen dieser Tage, die nicht abwarten können. Sie scharren seit Wochen mit den Füßen. Wollen hinaus. Ihre Freiheit. Ihre Selbstbestimmtheit. Wie trotzige Kinder stampfen sie auf den Boden. Ich kann uns Menschen ja verstehen. Unsere Ängste und Unsicherheiten. Aber können wir nicht einfach ein bisschen länger abwarten? Auf diejenigen hören, die schlichtweg mehr Erfahrung haben, als auf windige Möchtegernexperten über den Gartenzaun?

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Wohin ist unsere anfängliche Solidarität? War sie nur ein Strohfeuer? Ein kurzer Mairegen auf ausgetrocknetem Boden, wo er in den Rissen spurlos versickerte? Sind wir eine Generation von Menschen, die so verweichlicht sind, dass sie eine unangenehme Situation nicht aushalten?

Dieses Land würde ganz anders aussehen ohne die Menschen, die seit Wochen still Solidarität üben: Ohne die Mütter und Väter, die ohne Murren und Zetern ihre Kinder daheim unterrichten, auch wenn es mühsam ist. Ohne diejenigen, die sich nicht von Hysterien und abstrusen Theorien aufstacheln lassen. Ohne diejenigen, die auch heute aufstehen, gute Worte sprechen, sich um Benachteiligte kümmern, Abstand halten und trotzdem Nähe schenken. Ohne Menschen, die sich gegen Lügen stemmen. Ohne diejenigen, die treu für die Politiker beten und die Masken tragen. Ohne die breite Masse der Vernunft und Besonnenheit.

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Dieses Land wäre ein Irrenhaus ohne euch, ein kalter elender Ort, an dem die zarte Pflanze Solidarität und Nächstenliebe erfrieren würde. Ein Ort ohne Vertrauen. Ohne Liebe. Ohne Hoffnung.

Bleiben wir noch ein bisschen länger daheim. Schicken wir die geifernde Angst in die zweite Reihe und überlassen wir die Bühne den stillen Treuen, den Erfahrenen, den trotzigen Liedern und der Vernunft.

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