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Vor ein paar Tagen wanderte ich mit einer Freundin durch den frostigen Wald, durch pittoreske Dörfer, unter Mammutbäumen, durch Schluchten entlang bizarrer Eisformationen und Wasserfälle. Bergauf, bergab, bergauf, bergab.

Der Atem formte Wölkchen. Atemlos erzählten wir von dem, was uns bewegt, beglückt, bedrückt. Und zwischendrin – in den kleinen Gesprächspausen – murmelte die Freundin Gedichtverse wie unfertige Gebete. „Ich lerne gerade Gedichte auswendig“, entschuldigte sie sich.
Meine innere Granny verehrt alles Anachronistische – aus der Zeit Gefallenes. Und Gedichte auswendig lernen – wie praktisch, wenn man irgendwo in einer Schlucht ohne Handyempfang oder in einer Notsituation oder am Sterbebett eines geliebten Menschen aus dem Gedächtnis tröstende und lebensspendende Worte ins Herz hängen kann.
Wäre es nicht schön, wenn das Auswendiglernen genauso ein Comeback wie der analoge Lifestyle feiern würde? (Trendforscherinnen und Trendforscher beobachten seit einiger Zeit einen Wandel in der Gesellschaft: eine „Rückkehr des Analogen“. Ob dem tatsächlich so ist, kann ich schwer belegen – und auch nicht, ob das eine anhaltende Bewegung ist. Aber ich wünsche es mir so!)
Zum Abschluss unserer Wanderung ächzten wir zwei Kilometer bergauf durch eine Klamm, der Pfad buckelte an einem Bergbach entlang. Wir blieben stehen, bewunderten die Bäume, deren Wurzeln sich an die Felsen klammerten. Da deklamierte die Freundin diese Zeilen von Wendell Berry, die uns beide schon so oft getröstet hatten:
When despair for the world grows in me
and I wake in the night at the least sound
in fear of what my life and my children’s lives may be,
I go and lie down where the wood drake
rests in his beauty on the water, and the great heron feeds.
I come into the peace of wild things.
*(Deutsche Übersetzung siehe unten)
Während wir uns Schritt für Schritt dem Bergkamm näherten, dachte ich über den Zustand der Welt nach, zuckte zurück wie ein Kind, das zu nahe an einen heißen Ofen gerät. Es ist inmitten der Informationsflut und des Alarmismus ein Ding der Unmöglichkeit, die Belastungen und Ängste nicht zu spüren. Es sei denn, man ist ein Eisklotz.
Was mich innerlich verbrennt:
Die zunehmende Unfähigkeit, andere Meinungen auszuhalten. Die Dämonisierung der „Anderen“. Die zunehmende Unfähigkeit eines konstruktiven Dialogs. Zögerliche Politik. Übergriffige Politik. Gehässige Polemik aus dem Mund von Politikern. Maßnahmenabbau gegen den Klimawandel. Der Aufstieg radikaler Kräfte, des Antisemitismus, des Hasses. Das Wiedererstarken des Patriarchats. Von den Kriegen ganz zu schweigen.
Niemand ist nicht betroffen.
Die Risse gehen durch uns selbst. Durch Freundschaften, Familien, Gemeinden.
Ich habe Freundschaften verloren. Weil ich z.B. etwas differenzierter über den Israel-Gaza-Konflikt denke und spreche.
Manche Beziehungen bekommen einen seltsamen Unterton. Die Leichtigkeit ist verschwunden, man sieht sich neuerdings gezwungen, auf Zehenspitzen zu schleichen.
…

Danke 🙂