Neuer Raum

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Ich wache zur Zeit immer mindestens eine Stunde vor dem Weckerklingeln auf. Manchmal mitten in der Nacht. Ich möchte mein Bett anschreien und ihm befehlen, mich sofort wieder in den Schlaf zu wiegen. Aber es starrt mich nur zerwühlt an. Seufzend steh ich auf, brühe mir koffeinfreien (!!) Kaffee. Dann starre ich meine Bibel an. Mein Schreibzeug. Frust liegt in der Luft. „Wie soll ich dich lesen, wenn ich gerade mit so vielen deiner Aussagen Probleme habe?“ Und dann doch wieder. Gute Worte. Jesusworte. An ihnen halte ich fest. An ihnen gibt es für mich nichts zu rütteln. Dafür rüttle ich umso mehr an anderen Glaubensdingen, die ich jahrelang für die unumstößliche Wahrheit hielt. Gott hat einen Plan für dein Leben. Gib nur Jesus alles ab, dann wird’s schon. Die Bibel ist in allen Dingen klar und eindeutig. Gott gibt uns nicht mehr, als wir tragen können. Die einen sind drinnen, die anderen draußen.

Dann nehme ich mein Schreibzeug zur Hand. Und schreibe: ….

….Mit meinem Glaubensleben war es in den letzten Jahren wie mit einem Zimmer, in dem ich mich zunehmend fremd fühlte. „Wer hat das hier so vollgestellt? Woher kommt all dieses Zeug?“ Ein zugemüllter Raum, der mir die Luft zum Atmen und Denken und Leben nahm. Dinge, die ich fraglos übernommen hatte. Dinge, die andere in mein Zimmer platzierten und ich aus angstvoller Höflichkeit nicht Nein gesagt hatte.

Was macht man denn, wenn ein Zimmer aus allen Nähten platzt? Man entrümpelt. Holt Kisten und Kartons und packt alles hinein. Die Möbel stellt man in den Flur. Manches wandert sofort auf den Sperrmüll. Weg, weg damit. Und dann?

Der Raum ist leer. Licht flutet hinein. Es kommt an Stellen, die jahrelang keines mehr gesehen haben. Meine Stimme hallt in der Leere. Wird von den Wänden als Echo zurückgeworfen. Zunächst Panik. Verlorenheit. Wie will ich denn nun diesen Raum gestalten? Was darf wieder hinein? Was nicht mehr?

Ich stelle etwas hierhin und dorthin. Prüfe. Verschiebe. Besorge ein gewagtes Möbelstück, das nicht harmonisch ins Gesamtbild passt. Hole ein altes Stück vom Sperrmüll zurück, dessen Wert ich übersehen habe. Ich brauche Neues. Und Altes. Nebeneinander. Gewagte Stilbrüche. Ich möchte mich selbst in diesem Zimmer wiederkennen und nicht den Stil anderer kopieren.

Nun lade ich zögerlich andere in meinen neuen Raum ein, der immer noch kleine Baustellen hat. Aber ich mute es den Menschen zu, meine „Unfertigkeit“ auszuhalten.

Aber Moment! Etwas fehlt noch. Das Herzstück. In die Mitte des Raumes kommt das Sofa. Groß ist es. Ich möchte, dass Jesus hier mit mir abhängt. „Gefällt es dir hier?“ frage ich ängstlich. „Ehrlich gesagt,“ gibt er zurück „ist mir deine Einrichtung nicht so wichtig. Hauptsache wir beide sind zusammen.“ Kurze Pause. „Aber die Couch. Ja, die gefällt mir. Wo hast du die her?“

 

 

7 Kommentare zu „Neuer Raum

  1. Danke für diesen Text. Er beschreibt haargenau mein Glaubenszimmer, in dem es gerade sehr leer und kahl aussieht.
    Aber auch ich will das Sofa wieder in die Mitte stellen! Dazu hast du mich heute ermutigt.

  2. Danke für deine Bildsprache. Ich suche schon die ganze Zeit nach den passenden Bildern. Mein Raum ist leer. Da steht nur noch das Sofa. Nur, oder vor allem, oder genug? Ich wünsche mir so sehr wieder mehr Leben in diesem Raum, aber die alten Möbel passen nicht mehr. Auf der anderen Seite war da früher sehr, sehr viel Mobiliar und das Herzstück war zugefüllt. Ich hoffe du lebst dich gut ein, in deinem Raum. Dass er dir passen möge und dein Herz mit Frieden füllt. Liebe Grüße

  3. Sehr schönes und passendes Bild. In diesem Zimmer stehe ich auch gerade.
    Ja, genau dass, würde Jesus sagen. So kenne ich IHN. Mit IHM drin, wird das Zimmer
    gemütlich, hell und freundlich.Liebe Grüße

  4. So geht es mir gerade auch…allerdings befinde ich mich gerade an dem Punkt,an dem ich beginne zu entrümpeln und noch ratlos im Türrahmenstehe und nicht weiß was zuerst weg kann und wie ich es schaffen soll mich entspannt auf dieses Sofa zu setzen!

    Habe ein Buch gelesen was irgendwie viele Glaubenssätte und das gemeindeleben wie wir es kennen in Frage stellt…tja und jetzt heißt es:Such das Sofa und ihn!

  5. liebe veronika,
    das berührt mich sehr und ich denke: ja, jesus, genau das bist du.
    ich erlebe gott auch als so flexibel, was die „einrichtung“ angeht (oder auch: ob links laufen oder rechts den weg nehmen, hauptsache das ziel im blick). das unterschätzen wir oft. wir denken, gott will es genau so oder so, kriegen uns dabei vielleicht sogar in die haare und dabei ist gott so viel großherziger als wir.
    ja, es gibt dinge, die er mag und dinge, die er nicht mag. es gibt regeln, ja. aber in allem ist er viel gnädiger als wir denken.
    und vielleicht sind es gar nicht so viele starre regeln, wie wir mal gedacht haben (die uns das zimmer voll gemacht haben, die luft genommen haben…)
    jesus hat so viel erfahrung mit menschen. mit unterschiedlichen menschen.
    er ist erstaunlich flexibel.
    carina

  6. Gefühlt habe ich grad gar nicht so richtig einen Raum für mich. Nicht mal in mir drin. Drei kleine Kinder trampeln mit Gejuchze und Geschrei überall durch. Ich habe ihnen die Tür geöffnet. Meistens sind sie mit mir drin in diesem Raum, der mal mir gehörte. Irgendwann werden sie wohl gehen. Vielleicht muss ich dann gründlich renovieren? Das weiß ich aber noch nicht. Für jetzt ist es gut so. Auch da ist Jesus. Er schaut mich über die Köpfe der Kinder hinweg liebevoll an und freut sich mit mir über das Leben.

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