Ich habe mich wiedergefunden – Postkarten aus Kanada

Ich fühle mich in meinem Leben und Alltag gut aufgehoben. Ein bisschen zu gut. Denn zwischen all den Routinen und Abläufen und Pflichten ist ein Stück von mir eingeschlummert. Oh, wie bin ich aufgewacht auf meiner Soloreise nach Kanada! Wie ein eingeschlafenes Bein, das sich kribbelnd zurückmeldet.  „Hallo, du bist ja noch da!“ Ich bin Mutter und Ehefrau und Autorin und Alltagsbewältigerin. Aber auch noch jemand ganz anderes, der kopfüber eintauchen will in fremde Kulturen und Gespräche mit Anderslebenden und Kunst und Kreativität und Abenteuer. Da ist etwas Pulsierendes, Sehnendes, Wildes, das nie genug Platz im Alltag hat. 

Ich summte vor Ideen und diesem seltenen Glück, das man empfindet, wenn man ganz in der Gegenwart ist. Ohne einen Gedanken an gestern und morgen. Oder an Pflichten. Wie schnell man plötzlich in Kontakt mit anderen Menschen kommt, wenn man Zeit hat: Ich lernte einen chinesischen Künstler kennen, eine kanadische Studentin, einen griechischen Obdachlosen, eine vietnamesische Schülerin, eine brasilianische Solo-Reisende, eine jamaikanische Rentnerin, einen Indigenen und so viele mehr. Ich hörte Geschichten, seltsame, tragische, herrliche. Ich schlürfte jede Minute dieser Reise – auch die schwierigen – wie kostbaren Champagner. Die Stadt berauschte, ärgerte, inspirierte mich. 

Und so frage ich mich nach diesen Tagen, die mir jetzt zu Hause vorkommen wie ein schöner Traum, was ich mitnehme. Diese Frage muss ich rasch beantworten, denn schon greifen die Alltagspflichten mit ihren Tentakeln nach mir und wollen die zarten Pflanzen neuer Ideen und Wünsche ersticken. 

Da ist nämlich der Wunsch in mir nach viel mehr Kunst. Mich ergebnisoffenen, kreativen Prozessen hinzugeben. Mich mit Stift und Papier hinzusetzen und eine Stunde zu schreiben und zeichnen. Mit alten Stoffen zu spielen. Kunst für den Garten zu gestalten. Linolschnittentwürfe zu zeichnen. In mir summt es. Als hätten mich Stadt, Begegnungen, Kunst, Essen elektrisch aufgeladen.

Weißt du, was ich noch mitgenommen habe? Die Erkenntnis, dass diese Welt neben all ihren Schrecklichkeiten immer noch ein wunderbarer Ort ist. Das hat mir Hoffnung gemacht. Auf ein Morgen. Auf ein Miteinander trotz aller Unterschiedlichkeiten. Mit ganz viel Kunst. Und gutem Essen. 

 

 

 

 

 

Toronto Islands – eine vorgelagerte Inselkette mit den nettesten kleinen Cottages, wo ich gerne meinen Zweitwohnsitz eröffnen würde. Man braucht ja noch Träume fürs Alter….

 

 

 

Kensington Market. Das bunteste und schrägste Viertel Torontos. Natürlich MUSSTE ich mir dort ein Hostelzimmer buchen….

…und das war auch genau richtig so. Schräg gegenüber gibt es nämlich die besten Pies der Stadt. Ich probierte mich durchs Menü: Banana Cream Pie. Ontario Sourcherry Pie. Coconut Cream Pie. Key Lime Pie. Für Pie lass ich alles stehen und liegen. Alles. 

Außer diesen Mango-Crepes. Ich habe in meinem Leben noch nie etwas so Gutes gegessen. Ich schwöre. Dafür würde ich sogar Pie links liegen lassen. 

Morning Glories soweit man blickt. 

 


Die Art Gallery of Ontario. Ein Buffett für Kunstliebhaber. 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vielleicht hast du schon einmal von den Residential Schools gehört? Ein junger Indigener, den ich im Bus kennenlernte, erzählte mir, dass es im Interesse Kanadas liegt, diese Geschichte nicht in die Welt hinauszuposaunen. Nichts hat die Reputation dieses Landes in den letzten Jahren stärker erschüttert als dieses stockdunkle Kapitel seiner Geschichte: Residential Schools wurden von Kirche und Staat zwischen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und 1996 betrieben. Es handelte sich um internatartige Schulen ausschließlich für Kinder der kanadischen Ureinwohner, also der First Nations, der Inuit und der Métis. Ein ehemaliger Schüler erklärte das Ziel dieser Schulen kurz und treffend: Den Ureinwohner im Ureinwohner zu töten. Indigene Kinder wurden ihren Eltern weggenommen und in diesen Einrichtungen gewaltsam ihrer Kultur, Namen (oft erhielten Kinder nur eine Nummer), Sprache, Kleidung und Traditionen beraubt. So sollten sie sich einfügen in eine weiße Gesellschaft. Psychische und physische Gewalt war an der Tagesordnung, die Sterberate extrem hoch. Noch heute finden sich immer wieder Massengräber. 

Das löst viele Fragen in mir aus über Kirchengeschichte und die Repräsentation Gottes durch seine Nachfolger in unserer Welt. Über Schuld und Versagen und vergiftete Gottesbilder und Macht und weißes Patriarchat. 

 

 

 

 

 

 

 

Ich weiß nicht, warum ich Hauseingänge und Vorgärten so liebe. Sie drücken soviel über die Menschen aus, die hinter diesen Türen wohnen, nicht wahr? 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach ein paar Tagen ging es nach Peterborough, einer kleinen Collegestadt östlich von Toronto. Dort wohnt meine Tante. Als ich sie vor 22 das letzte Mal besucht hatte, versprach ich wiederzukommen. Dass es so lange dauern würde, hätte ich nicht gedacht. Aber du weißt ja wie das ist: Das Leben passiert und Ehe und Kinder und überhaupt….

 

Wir führten stundenlange Gespräche und machten Spaziergänge und kochten gemeinsam und sahen The Great British Baking Show an und gingen ins Städtchen zum Kaffeetrinken und besuchten einen indigenen Kunsthandwerkmarkt und hatten es wunderbar nett. 

„Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen.“
Peter Ustinov

 

 

 


 


 

 

 

„Jedes Kind zählt – Sie haben uns begraben, wussten aber nicht, dass wir Samen sind“
Diese Schilder sieht man dieser Tage in Kanada häufig – vor allem in Reservaten. 

 

 

 

 

 

 

 

7 Kommentare zu „Ich habe mich wiedergefunden – Postkarten aus Kanada

  1. 🧡💚DANKE ❤️💙für alle deine Worte und Bilder! Danke für deinen Aus-Blick in die 🌎, alles Schöne 🌈🌞, Bunte und auch das Traurige 🖤🤍 und Unfassbare, an dem du mich – uns alle – teilhaben lässt 🤗!!
    Ich könnte an der Stelle noch so viel sagen/schreiben 😊 (ohne Ende, würden Freunde sagen🙈😅)…. Doch ich versuche es mal in diesen drei Sätzen : Du sprichst mir aus dem Herzen💓 UND Was du mit uns teilst,
    steht im Grunde für so viele andere Ecken in der Welt, gleich bei uns nebenan oder auch in unseren Herzen.
    DOCH Hoffnung gibt es wenn wir es / uns wahrnehmen, miteinander sprechen und versuchen einen neuen, gemeinsamen Weg zu gehen.
    Liebe Grüße Bettina

  2. Wundervolle Bilder und Worte!! Ich liebe Deine Beiträge, liebe Veronika, und freue mich von Herzen, dass Du sie mit uns teilst.

  3. Danke für diese wunderbaren Bilder die so viel ausdrücken! Du schaffst es den richtige Ausschnitt zu fotografieren. Deine Art zu fotografieren ist eine Gabe ich mag alle deine Bilder sehr! Danke fürs teilen dieser Reise!!

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