Warum mein Glaube nicht mehr funktionierte

Ich glaube, es war im Jahr 2014 oder 2015, als mich mitten im Gottesdienst unserer Freikirche Müdigkeit und Widerwille übermannte. Lange hatte ich diese Gefühl weggedrängt, mir die Finger in die Herzensohren gesteckt. Als freikirchlich geprägte Person lernt man seinem eigenen Gefühl zu misstrauen. Denn der „Mensch ist von Grund auf böse“ und es zählt letztendlich nur das Reden Gottes (oder das Reden des Pastors, Seelsorgers usw.).

Aber was, wenn Gott sich eben doch über unsere Gefühle, unser Herz ausdrückt?

In jenem Sonntagmorgengottesdienst schob ich meinem Mann einen Zettel zu. Der Inhalt: „Ich will nicht mehr in diese Gemeinde und den Gottesdienst.“ Vorne wurde mal wieder über die Erlösung gepredigt und ich dachte: „Wie oft muss ich denn noch erlöst werden?“

Mein Mann nahm mit Pokermiene einen Stift zur Hand und kritzelte auf die Rückseite des explosiven Zettels: „Ich auch nicht.“

Wir waren an einen Punkt geraten, an dem wir nicht mehr konnten und nicht mehr wollten. Die giftige Begleiterscheinung meines Glaubens waren das schlechte Gewissen nie genug zu glauben, nie genug zu dienen, nie genug zu missionieren, nie genug zu Leidenschaft zu besitzen. Nie genug erlöst zu sein.

Der wahre Glaube war wie eine Möhre, die vor meiner Nase baumelte, immer war ich kurz davor, aber nie erreichte ich sie. Ich mochte nicht mehr jeden Sonntag wie ein Kleinkind angepredigt werden, um danach im Alltag festzustellen, dass mein eigenes Leben weit von irgendeinem Geist erfüllten, evangelikalen Ideal entfernt ist.

Viele Christen um mich herum waren damit beschäftigt, ihren eigenen Glaube zu optimieren und das Worship-Team und den Gottesdienstablauf und die eigene Moral. Mir war das alles zu klein, zu eng und selbstzentriert geworden. …

18 Kommentare zu „Warum mein Glaube nicht mehr funktionierte

  1. Liebe Veronika, du schreibst mir aus der Seele. Ich bin auch Freikirchlich geprägt und bis heute kann ich mich noch immer nicht von diesem Gefühl „nicht zu genügen“ befreien. Das merke ich, es ist schrecklich und irgendwie immer präsent. Hast du es geschafft? Wenn ja wie?

    1. Liebe Julia,
      ich kenne das Gefühl, nicht zu genügen, sehr gut. Es ist hilfreich zu erforschen, woher das Gefühl stammt und was es auslöst. Einen allgemeingültigen Weg gibt es nicht. Aber was mir geholfen hat: Gute Freunde, die mir zur Seite standen. Viel, viel, viel Geduld. Und Älterwerden 🙂

  2. Ich verstehe das so gut, Veronika. Ich spüre im Augenblick auch viele Steinchen im Schuh und sollte die wohl mal ausschütteln. Danke für deine Geschichte.

  3. Vielen Dank für deinen Beitrag. Ich bin landeskirchlich geprägt wenn auch in einem doch eher engen und pietistischen Umfeld. Kenne auch freikirchliche Gemeinden. Habe schon manche Schätze dort entdeckt, aber insgesamt ist mir das zu konservativ und einseitig geprägt. Viele evangelikale Haltungen habe ich in den letzten Jahren „dekonstruiert“. Bei mir gehts gerade noch einen Schritt weiter. Ich will lernen zu meinem Glauben zu stehen, der auch sein darf wenn ich in Gebetsgemeinschaften still sein möchte, der Lobpreis mag aber mit sehr vielen Liedern inhaltlich nicht klar kommt, der sich lieber in praktischen Dingen zeigt, und der nicht immer wachsen muss um noch näher bei Jesus zu sein. Ich will nur Sein, nur ich und meine Beziehung zu Gott.

  4. Liebe Veronika, vielen Dank für deine Worte! Auch ich kenne diesen Druck, es noch nicht in den Kreis der ‚wahrhaftigen Christen‘ geschafft zu haben. Tatsächlich kam mein großer Umbruch, als ich angefangen habe, in der Nordkirche zu arbeiten. Mein Chef war nach dem Studium gerade ein Jahr im Amt und suchte jemanden, der/die Lust auf neue Wege hatte. Das hat mich sehr angesprochen und bis heute nicht enttäuscht. Wir gehen neue Wege in unserer Gemeinde, scheinbar zum Ärger der Älteren, weil sie sich leider oft nicht an das Neue gewöhnen mögen. Tatsächlich besteht die Gemeindearbeit weiterhin zu 75% aus (gewohnter) Seniorenarbeit. Und regelmäßig bekommen wir zu hören, dass ‚das doch schon immer so war‘. Aus meiner Sicht muss sich ein gelebter Glaube auch weiter entwickeln. Und wenn wir weiterhin alles wie früher machen, verliert der Glaube seinen Wert, egal ob freikirchlich oder in der Landeskirche. Ein großer Teil meines Glaubens besteht tatsächlich gerade aus meiner beruflichen Tätigkeit: Ich darf aktiv daran mitarbeiten mit der Kirche auf einem neuen Weg zu gehen. Glaube ist so viel mehr, als sonntags im Gottesdienst zu sitzen und sich bepredigen zu lassen!

    1. Hi liebe Cree,
      das ist echt ärgerlich – sorry, dass dir das passiert. Schalt deinen Ad-Blocker aus, browse mit Chrome und Versuchs noch mal. Wenn es immer noch nicht klappt, dann melde dich bitte bei mir.

  5. Liebe Veronika, ich verstehe dich sehr gut. Ich bin landeskirchlich sowohl pietistisch als auch evangelikal groß geworden. So viele Regeln, so viel, wie etwas zu sein hat, so viel schwarz und weiß. Den ersten Freund geheiratet – kein Sex vor der Ehe. Die Ehe ist zerbrochen. Oh nein, das geht doch nicht ( ich habe es mir auch anders erträumt, gewünscht). Dann einen Nichtchristen geheiratet. Das geht doch gar nicht. Die Kontakte wurden weniger – wie passt man rein. Nun bin ich alleine mit zwei Kindern, wieder ein Zerbruch vor 5 Jahren. Da waren kaum welche, die mitgetragen haben, die ausgehalten haben. Ich bin nicht mehr in die Gemeinde – hat niemanden interessiert. Mein Glaube hat sich geändert, mein Freundeskreis hat sich geändert. Ich habe mich geändert: bin genug, bin geliebt – vor Gott, von Gott. Meinen Glauben habe ich nicht verloren. Ich habe mich umgemeinden lassen, hier wo ich lebe, eine Dorfgemeinde. Kein Worship, kein Begrüßungsteam, kein … da fällt mir so viel ein. Hier kann ich sein. Eine kleine Hauskirche von vier Menschen, wir beten, wir hören, lassen uns beschenken. Ich habe die alten Schuhe ausgezogen, Steine raus, polieren, neu besohlen (lassen), … und mal sehen, wohin der Weg geht.
    Danke für die Bücherlist. So viele Schätze: einige bekannte und andere zum neu Entdecken.
    Segenregen von deiner Kerstin

  6. Liebe Veronika.
    Ich weine. Ich bin auch auf diesem Weg, den du schon einige Schritte weiter vorausgegangen bist. Deine Worte sind wie Balsam auf meiner Seele. Ein Flüstern von Jesus, der mir sagt, es ist gut. Deine Gedanken führen dich nicht von mir weg. Ich bin größer und geheimnisvoller.
    Ich hab das Gefühl, ich hab alles verloren. Alles ist zusammengebrochen, was ich seit meiner Kindheit mit Zähnen und Klauen verteidigt habe. Es war, als wäre Jesus wirklich gestorben. Nur ein Mensch. Der vielleicht irgendwann mal gelebt hat.
    Ich war auch im ersten Moment glücklich, dass es noch mehr Menschen gibt, die ihren Glauben dekonstruieren. Aber je mehr ich dort las, desto mehr merkte ich, es gibt eine Grenze. Da wird es mir zuviel. Da passe ich dann auch nicht rein. Wohin gehöre ich denn jetzt?
    Ich wünschte, ich könnte mich zu dir und deinen Freundinnen setzen und endlich mal reden. Einfach reden und weinen und wieder hoffen. Dein Glaubensbekenntnis schreibe ich ab. Und nehme es auf in mein Herz.
    Ich danke dir so sehr, für deine Worte, die mich so abholen, so berühren. Danke, dass durch deine Worte, Jesus leise zu mir flüstert und ich es endlich wieder hören kann. Danke! ♥️

    1. Ich habe über ein Jahrzehnt Content kostenlos zur Verfügung gestellt. Nun stand ich vor der Wahl: Entweder das Bloggen einstellen, da ich mir eine Arbeit außer Haus suche oder mit dem Bloggen zum Familieneinkommen beisteuern. Wenn du es durchrechnest wirst du feststellen, dass es so viel wie eine Tasse Kaffee im Monat kostet 🙂

  7. Schade, bei mir klappt das mit dem ganzen Text anscheinend auch (noch) nicht, trotz Anmeldung…
    Es endet bei mir bei „Mir war das alles zu klein, zu eng und selbstzentriert geworden. …“

    Komischerweise kann ich die Posts mnachmal erst dann im Ganzen lesen, wenn ein neuer dazugekommen ist und ich dann auf „previous post“ gehe… Finde ich aber irgendwie schade, wenn ich immer erst warten muss, bis der nächste geschrieben ist, um den alten Beitrag zu lesen.

    Liebe Grüße!

  8. Liebe Veronika,
    musste beim Durchlesen deines Beitrages schmunzeln, denn ich habe diesen Sommer auch einen Artikel zu diesem Thema auf meinem Blog veröffentlicht https://dankbargesegnet.wordpress.com/2022/08/12/fischgratglauben/. Bei mir waren es nicht die schmerzenden Steine im Schuh, sondern die Fischgräte, die in meinem Leben schon fast gefährlich wurden. 
    Dein ehrliches Erzählen tat gut und ich konnte mich sehr, in deinen beschriebenen Ängsten und Gefühlen, wiederfinden. Besonders deine anfänglichen Bedenken, lau zu werden, kenne ich nur zu gut. Dabei habe ich durch den Ablösungsprozess von Kirche, endlich meine persönliche Leidenschaft und Identität in Gott entdeckt. 

  9. Liebe Veronika
    Danke für deinen Text und deine Offenheit.
    Ich sehe, wie auch mein Glaube sich gewandelt hat. In meiner Jugend besuchte ich eine evangelikale Landeskirche (Schweiz) und das Jugendangebot einer charismatisch geprägten Organisation. Ich liebte die Mischung, aber fühlte mich schon damals in keinem voll Zuhause, irgendwie nur in der Mischung.
    Durch eine theologische Ausbildung durfte ich noch mehr „Mischung“ kennen lernen. Mit Mischung meine ich verschiedene Gemeinden und Glaubensrichtungnen, mit unterschiedlichen Prägungnen und Schwerpunkten.
    Später half mir ein Umzug, am neuen Ort konnte ich freier glauben, da waren keine Menschen, die mich schon kannten und dachten, sie wüssten wie ich glauben sollte und schon immer tat.. Und eim weiterer Schritt geschah dank Corona, ich genoss die freien Sonntagmorgen. Und jetzt geniesse ich die Mischung von Gottesdienstbesuchen und freien Sonntagmorgen. Mein Glaube ging nicht verloren, weil ich am Sonntag nicht in den Gottesdienst konnte😉.

    Dankbar bin ich für unseren Ort. Hier gibt es immer wieder gemeindeübergreifende Gottesdienste (katholisch, reformierte, freikirche,…). Da kommen so viele Stärken zusammen, z.b. die grosse Ehrfurcht vor Gott neben Gott als Freund. Irgendwie triffts das so gut. Wieder eine „Mischung“.

    Keine Ahnung ob meine Worte für dich / euch Sinn ergeben. Ist noch schwierig, alles in Worte zu fassen. Bewundernswert wie du Veronika das immer wieder schaffst.

  10. Liebe Veronika,

    Der katholische Glaube war in meiner Kindheit fester Bestandteil der Sonn- und Feiertage. Fast jeder im Dorf ging zur Heiligen Messe oder nahm an feierlichen Dorf-Prozessionen teil. Im Rückblick erscheint mir das alles völlig surreal. Ich sehe und erkenne die Scheinheiligkeit dieser Veranstaltungen, fühle mich jedoch gleichzeitig verloren und ein wenig orientierungslos. Ich habe Angst, Gott nicht zu genügen in meinem In-den-Sonntag-leben und ich bin mir nicht sicher, was Gott eigentlich von uns „hier unten“ erwartet… Will er, dass wir in anbeten? Möchte er „vergöttert“ werden?

    Dein Blog, liebe Veronika, ist mir eine sehr wertvolle Stütze, schon seit einigen Jahren (auch wenn ich es jetzt erst geschafft habe das Abo abzuschließen…), ich hoffe sehr noch viele deiner klugen und hilfreichen Beiträge lesen zu dürfen! (no pressure… 😉

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