Der Lilien- und Spatzen-Gott

Letztens sprach ich mit einer Freundin über Hausarbeit. Sie erzählte mir, dass sie beim Putzen und Kochen und Autofahren Podcasts lauscht und wie sehr sie das liebt und dass sie mehrere Podcastfolgen hintereinander hört. Ich habe das auch versucht, denn alle Welt scheint dies zu tun. Aber wie sehr ich mich auch bemühe, mich darauf einzulassen: Ich kann daran keinen Gefallen finden. Pro Woche höre ich einen Podcast. Ganz bewusst. Mehr verkrafte ich nicht. Ich mag es nämlich, unabgelenkt den Geräuschen des Tages zuzuhören: Dem Brutzeln der Zwiebeln in der Bratpfanne. Dem Mahlschlund des Müllautos. Dem Quietschen des Lappens auf den Fensterscheiben. Dem Klackern der Tastatur. Dem Rauschen des Wasserhahns und dem Ticken der Uhr. Dem Wind im Kirschbaum. Je nach Jahreszeit ändert sich der Alltagssoundtrack. Jetzt im Sommer dominiert der Vogelgesang und der Gewitterdonner und das Zirpen der Grillen. Wenn es kälter wird, ist es das Knacken des Feuers im Kamin, das Rascheln des Laubs auf dem Weg zum Bäcker, das Plätschern des kalten Novemberregens und knirschende Schritte im Januarschnee.

Alltagsmusik macht mich auf seltsame Art glücklich.

Und ich mag es, dem Summen meiner eigenen Gedanken zuzuhören. Sie bestehen weniger aus zusammenhängenden Worten, sondern aus Bildern und Gefühlen. Manchmal halte ich inne, mitten im Tun und lasse mich hinabsinken an meinen innersten Ort. Dort wo ich ganz und gar zu Hause bin. Dort, wo Gott sich ein kleines Lager als Mitbewohner gebaut hat und mich mit Wärme überschüttet, wenn ich vorbeischaue. Dann tauche ich wieder auf. Zurück in meinen Alltag. Zurück an die Tastatur, an den Herd, in den Garten.

Dieses Hinabsinken und Hinhorchen machen mich auf seltsame Art glücklich.

Abends gehe ich nun immer eine kleine Runde spazieren. Nach meiner COVID-Infektion fange ich wieder ganz bei Null an. Und ich merke, wie sehr ich diese kleinen Schneckentempo-Runden liebe. Ich schnaufe an meinem Vorgarten vorbei, überquere eine Straße, laufe den Hügel hinunter, den Weinbergen entgegen, vorbei an Maisfeldern und Hecken und Apfelbäumen und grasenden Kühen. Selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht schnell laufen. Ich setze die Füße langsam auf. Halte immer wieder an. Hole tief Luft. Und weil ich gar nicht schneller gehen kann, beginne ich Dinge zu sehen. Richtig zu sehen. Ich bleibe bei den Kühen stehen und unterhalte mich mit ihnen. Ich höre dem Knirschen meiner Schritte auf dem Kiesweg zu. Ich bewundere die Äste des Apfelbaums, die sich unter der Last der reifen Früchte biegen.

Diese Abendrunden machen mich auf seltsame Art glücklich.

Es passt zu mir. Das langsame Gehen. Das Anschauen. Das Hinabsinken in mich selbst. Dem Lauschen der Alltagsmusik. Ich werde nicht müde, dieses Leben und seine Begegnungen und seine Köstlichkeiten und seine Herausforderungen und seine Rätsel zu lieben. Wir sind eben auch für die Freude geschaffen. Sicher machen dir ganz andere Sachen als mir Freude. Podcasts vielleicht oder Open-Air-Konzerte oder ein Mosch-Pit oder Aperol Spritz oder Minecraft.

Wann immer dieser Tage sich Freude in deinem Leben ausbreitet, greife zu. Erlaube sie dir. Wir müssen nicht erst warten, bis alle Kriege und Hungersnöte und Inflationen und Ungerechtigkeiten und Gefahren gebannt sind. Das wäre wie mit angehaltenem Atem durchs Leben zu gehen. Mich zu freuen, bedeutet keinen Verrat an dem Leid anderer Menschen. Sondern dass ich dem Leben zugewandt bleibe. Gott zugewandt bleibe. Dem anderen zugewandt bleibe.

Es gibt ein Gebot in der Bibel, das ich selten gebrochen habe. Dem ich von Herzen gerne folge: „Schaut die Lilien auf dem Felde.“

Ich glaube, dieses Gebot ist nicht nur eine Aufforderung, Sorgen abzuschütteln, sondern eine Einladung zur Freude. Natürlich könnte man sagen: Es gibt wirklich wichtigeres als Lilien. Ja, die gibt es.

Und trotzdem blickt Jesus auf die Alltagsdinge und sagt: Schau die Lilien an. Und die Spatzen. Und den Hefeteig. Und den Weinkrug. Das Brot. Die Schafe. Das Holz. Schau, schau, schau!

Ich kann nur an Gott glauben, weil er auch ein Fleisch-und-Blut-Gott ist. Ein Lilien- und Spatzen-Gott. Ein Fisch- und Brot-Gott. Einer, der sich jeden Tag tausende Mal in den kleinsten Dingen offenbart, wenn wir uns die Freude und das Staunen und das Hinsehen erlauben. Wenn wir unsere Geschäftigkeit unterbrechen und die Nachrichtenseite schließen und Gedankengebäude verlassen.

Aber am schönsten ist Freude, wenn wir sie teilen können.

Deshalb bist du an der Reihe. Was macht dir gerade Freude? Wo hast du den Lilien- und Spatzen-Gott heute erfahren?

8 Kommentare zu „Der Lilien- und Spatzen-Gott

  1. Liebe Veronika, das passt ja gerade krass gut für meine Situation! Komme gerade aus einer Therapiesitzung, in der ich mit meinem Therapeuten verhandelt habe, wie ich denn einigermaßen zufrieden leben soll, wenn in der Welt vieles so schlecht läuft. Und Zack, kommt da eine Antwort von dir. Werde ich mir ausdrucken und an den Kühlschrank hängen.

  2. Liebe Veronika,
    mal wieder von Herzen DANKE für deinen Post. Ich finde mich darin wieder- Hausarbeit erledigt ich (fast) immer ohne Podcasts etc. Mein Hirn braucht das einfach nicht…
    Ich habe gerade einfach dem kurzen leichten Regenschauer gelauscht und mein Gesicht gen Himmel gehalten. Da hab ich den Lilien- und Spatzen- Gott erfahren.
    Liebe Grüße
    Rahel

  3. Die etwas abgekühlte Luft, das Fallen der Regentropfen, meine neu eingeführte „yoga“Einheit am Morgen und Abend und dabei Gottes Stimme hören, die blühende Natur und der barfüßige Gang durch den Garten, das bereitet mir gerade Freude.

  4. Danke für den Post. Nicht höher, schneller besser sondern bewusst schauen, bewusst fühlen, bewusst tun. Hab Dank für deine Worte. Viel zu oft tun wir viel zu viel nebenbei. Jetzt im Sommer bewusst Farben sammeln und auch im Schneckentempo im fie Blöcke ziehen.

  5. Guten Abend.
    Meine Kinder bereiten mir Freude.
    Eben gebackene kleine Hefebrötchen.
    Der Anblick von Pampas Gras (schreibt man das so???😅)

    Und ich wollte dir heute noch schreiben, dass ich es toll finde, wenn du uns Leser mit einbeziehst! Als Kommentatoren. Falls wir mal Fragen beantworten sollen, kannst du ja im nächsten Blogpost ja auch die „Ergebnisse“ posten. (Ich hoffe, das war verständlich 🤦🏽‍♀️)
    Ganz liebe Grüße von Stefanie.

  6. Hallo Veronika!Wieder ein sehr schöner Beitrag. Mein „Lilienmoment“ war heute das Planschen im Bach mit einer Freundin und unseren Kids. Sonne, das Plätschern des Wassers und viel Grün rundherum. Ich habe genossen, was „da“ ist und versucht, ganz im Jeztt zu sein- nicht im Morgen und Übermorgen… GlG Karoline

  7. „Mich zu freuen, bedeutet keinen Verrat an dem Leid anderer Menschen. Sondern dass ich dem Leben zugewandt bleibe. Gott zugewandt bleibe. Dem anderen zugewandt bleibe.“

    Daran werde ich gerade aktuell so erinnert, weil so viele Leute Angst vor steigenden Energiepreisen und die allgemeine Verteuerung der Lebensmittel und so weiter haben, und #IchBinArmutsbetroffen und so weiter. Rein finanziell gehöre ich dazu, aber ich gehöre nicht dazu, weil ich einen habe, der den ganzen „Lebensstress“ für mich trägt und der sich um mich kümmert, und zwar nicht nur ausreichend fürs Existensminimum, sondern MEIN BECHER FLIEẞT ÜBER — so viel.
    http://vorgarten2969157.garden/2022/08/05/wir-wollen-in-wuerde-leben/
    Ich wollte den Artikel tatsächlich ohne Erwähnung von Jesus schreiben (weil es auf Nicht- und Andersgläubige halt oftmals komisch und befremdlich klingt), aber es ging einfach nicht.
    Er ist der Kleber, der die Brocken meines Daseins beieinander hält, und dann bin ich gleich wieder beim Glücklichsein.

    Übrigens, Veronika, es gibt noch eine Bibelstelle, die du wohl gerne befolgst: „Freuen dürfen sich alle“. (ich weiß, das ist nur der halbe Satz, aber diese Hälfte geht deutlich besser ohne die andere Hälfte als umgekehrt.)

  8. Gestern Abend, nachdem es kühler wurde, eine einfache, auf dem Garten-Gaskocher zubereitete Gemüsepfanne genossen. Ein paar Vögel und Wespen als Gäste…

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