Wenn dich heute deine Arbeit anödet….

Und wieder frage ich mich an diesem Vormittag, wie ich denn das Wäschezusammenlegen und das Aufräumen und Kochen und Putzen rasch hinter mich bringen kann, bevor ich mich an die wirklich wichtige Arbeit machen kann.

(Wichtige Arbeit: Das ist der landläufigen Meinung nach die, die ordentlich bezahlt und gesehen und gelobt wird).

Auf dem Weg in den Keller fällt mir der überquellende Bioeimer auf, bücke ich mich nach achtlos hingeworfenen, dreckigen Socken und füttere noch schnell die Kaninchen. Währenddessen rotiert es in meinem Kopf: Was ist noch im Kühlschrank? Ich kann doch nicht schon wieder Pfannkuchen backen. Heute muss etwas Nahrhaftes auf den Tisch. Und ich gehe in den Garten, pflücke zwei dicke Blumenkohlköpfe, grabe ein paar Frühkartoffeln aus und pflücke eine Salatgurke. Auf dem Weg ins Haus leere ich den Bioeimer, zupfe ein paar Unkräuter und mache mir eine Gedankennotiz, dass ich heute noch unbedingt die Löcher in meinen Leggings stopfen sollte. Ich seufze, atme tief ein und aus, lasse die Schultern hängen und spüre erst jetzt, wie angespannt mein Nacken ist.

Eine Stunde später stehen Blumenkohlbratlinge, Kartoffelbrei und Gurkensalat auf dem Tisch. Das ist ein todsicheres Lieblingsessen der Kinder und ich muss keine Tischrevolte befürchten.

An solchen Tagen wie heute muss es erst fünf oder sechs Uhr Abends werden bevor ich mich an die „wirklich wichtige“ Arbeit machen kann. Aber dann bin ich meist schon so müde und ausgelutscht, dass ich mich in den Garten setze und den Bienen zusehe. Das ist zwar nicht produktiv, aber enorm meditativ. Ich lasse meine Gedanken von der Leine, während die Bienen um mich herum nicht anders können als ihrer eigenen Arbeit nachzugehen. Sie sind sich so ähnlich, meine Gedanken und die Bienen. Sie taumeln mal hierhin, mal dorthin. Verweilen nur kurz, streifen ihr Ziel und tasten alles ab, was halbwegs interessant erscheint. Die Bienen landen beim Borretsch. Meine Gedanken landen bei Gott.

Dieser Tage mag ich nichts anfangen mit meinen alten Gottesbildern, die von König oder Herr oder Löwe sprechen. Alles, was nur im entferntesten mit Kampfbegriffen getränkt ist, stößt mich ab. Vielleicht, weil ich einen Muttergott dieser Tage nötiger habe als einen, der für mich kämpft. Ich hatte in meinem Leben zwei oder drei intensive Gottesbegegnungen und ansonsten schaut mein Glaube völlig unspektakulär aus. Vielleicht betreibe ich nicht genügend geistliche Verrenkungen, wer weiß. Vielleicht ist mir ein minimalistischer Glaube näher als einer mit viel Zierrat. Und dann muss ich lachen, als mir ein kleines Licht aufgeht inmitten der Bienen und des Borretsch. Da ist ein Gott, der für mich seit langem im Alltag so sehr viel greif- und erfahrbarer ist als in einem pompösen Gottesdienst. Weil er nämlich den Dreck hinter mir wegräumt. Weil er die Kartoffeln und den Blumenkohl und die Gurken (und den Borretsch natürlich!) wachsen lässt, die uns nähren. Weil ihm fruchtbarer Dreck unter den Fingernägeln klebt. Weil er sich unermüdlich nach dem Unkraut in meinem Herzen bückt. Weil er das Kaputte sucht und repariert. Weil er uns kleidet und abends mit Gnade zudeckt und sie in alle Ritzen stopft, damit uns in der Dunkelheit nicht kalt wird.

Gott verrichtet ja die gleiche Arbeit wie ich! Das ist eine so schlichte Wahrheit. Wie viel lieber hätten wir einen Gott der Sensationen, des Glitters, der großen Gefühls-Erfahrungen. Er ist oft im Flüstern, selten im Sturm. Und dieser Alltag, das ist das Flüstern Gottes. Eine schlichte Einladung, die wir oft wie billige Werbung unachtsam in den Mülleimer werfen, weil sie nicht verlockend genug ist.

Morgen früh, wenn ich das Frühstück richte und nach dem Putzeimer greife, möchte ich mich daran erinnern, dass ich eine heilige Arbeit verrichte. Auch Gott ist bereits da, ebenso älter und grauer wie ich, der aber im Gegensatz zu mir nicht müde wird, nach seinem Putzeimer zu greifen und den Tisch zu decken und alle zum Essen zu rufen. Wenn Gott seine Arbeit ernst nimmt(er könnte uns etwas über langweilige Routinen erzählen!), will ich meine Arbeit auch ernst nehmen.

Ihr lieben, wunderbaren, großartigen Blogleser*innen! Wie kann ich euch danken? Euch allen, die ihr das letzte Mal etwas in meinen „Hut“ geworfen habt und dabei auch noch so liebe Worte mitgeschickt habt. Ihr seid absolut grandios – Danke, Danke, Danke ❤️

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Auch heute stelle ich wieder in guter alter Straßenkünstler-Manier meinen Hut auf. Wenn dir der Beitrag gefallen hat, dann darfst du gerne etwas reinschmeißen für einen Kaffee, ein bisschen Wolle oder Schokolade.

Danke.

2 Kommentare zu „Wenn dich heute deine Arbeit anödet….

  1. Ich habe mal in einem Gespräch mit dem Högschden über sein Wort „ich habe dich nach meinem Bild geschaffen“ nachgedacht und dann die alles entscheidende Frage gestellt:
    „Hast du also auch graue Haare?“
    und er so, leise lachend, „natürlich!“
    Das werf ich jetzt in deinen Hut.

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