Spazierengehen mit Bonhoeffer

Aus den Schornsteinen steigen dicke Wolken auf, die sich scharf gegen den eisigen Morgenhimmel abzeichnen. Die Sonne lockt nach draußen. Sie täuscht uns. Die Kälte ist ein Erschrecken. Aber auch eine Wohltat, wenn man zu lange Zeit im überheizten Raum zubrachte. Dann trinkt man die kalte Luft wie einen edlen Wein.

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Jeden Tag gehe ich mindestens eine halbe Stunde nach draußen, egal bei welchem Wetter. Den Schweinehund nehme ich an die Leine und zerre ihn hinter mir her. Auf meinen Spazierwegen ist Zeit, um meine Gedanken auf Wanderschaft zu schicken. Sie arbeiten immer zuerst ihre Listen ab: „Hast du an den Rehbraten gedacht? Welchen Kuchen backst du deiner Tochter zum Geburtstag? Und wie kommst du an die Karten, die du unfrankiert und in völliger geistiger Umnachtung in den Briefkasten geworfen hast?“ Wenn sich der Nebel der Alltäglichkeiten gelichtet hat, wird es transzendenter. Haaaach. Dann stellen sich die ganz großen, grundlegenden Lebensfragen.

„Was ziehe ich Heiligabend an?“

Wenn diese Frage zufriedenstellend geklärt ist (Spoiler: Das ist sie nie), dann denke ich an Bonhoeffer. Den lese ich gerade täglich. Nur kurze Abschnitte, denn seine Kost ist eine hochkalorische. So hochkalorisch wie meine Aachener Printen, von denen ich mir täglich ein Eckchen abbreche. Aber zurück zu Bonhoeffer. Er schreibt:

„Große Gewaltige gibt es immer nur wenige, aber um so mehr kleine Gewaltige, die, wo sie nur können, ihre kleine Gewalt spielen lassen und die nur einem Gedanken leben: immer höher hinaus! Gottes Gedanke heißt anders; er heißt: immer tiefer hinab, in die Niedrigkeit, in die Selbstvergessenheit, in die Unansehnlichkeit. Und auf diesem Weg begegnen wir Gott, nirgendwo sonst.“

Wir erleben es gerade selbst, wie wir von Gewalten hin und her geworfen werden. Wie wir oft selbst zu Gewaltigen mutieren. Denn es ist doch nur allzu menschlich, auf Ohnmacht mit Aggression, auf Unsicherheiten mit grober Lautstärke zu reagieren.

Gott stellt alles auf den Kopf.

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Unser ganzes Wertesystem. Nicht nur ein bisschen. Er krempelt es um wie einen Weihnachtspulli von rechts auf links. (Ein Schelm, wer hier ein politisches Wortspiel vermutet)

Das Niedrige liebt er. Das Verlorene sucht er. Das Zertretene repariert er. Den Außenseiter nimmt er in die Mitte. Religiöse Eiferer hinterfragt er. Den Verbrecher segnet er.

Wie wäre es, wenn wir dieser Tage einiges auf den Kopf stellten? Um genau in dieser Abwärtsbewegung Gott zu treffen?

Wie wäre es, wenn wir…

….auf Ohnmacht mit trotziger Zuversicht

….auf unsere Feinde mit Segen (bless you, GEZ und AfD)

….auf unseren Stolz mit ehrlicher Selbstreflexion

….auf den Verschwörungscousin mit radikaler Liebe

…auf Schimpfen mit der Suche nach Lobenswertem

…auf Gesetzlichkeiten mit Humor

…auf ungebetene Belehrungen mit Stille

reagierten?

Gott hat sein größtes Wunder genau an dem Ort getan, wo es niemand erwartet hatte. In einem dreckigen Futtertrog.

Auch wenn es dieser Tage schwerfällt, weil uns so manches niederdrücken mag: Lasst uns Augen und Herzen weit aufmachen. Für eisige Schönheiten am Morgen und die Wahrheit, dass Gottes Liebe und Segen an den unmöglichsten Orten zu finden ist.

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Danke, dass ihr mit mir durch dieses Jahr gegangen seid. Mitten in dieser Pandemie ist dieser Ort wie ein kleines Lagerfeuer, an dem ich meine Geschichten und meine Gedanken mit euch teilen darf. Danke für jedes gute Worte, für jeden Kommentar, für jede Mail, für jede Unterstützung. Seid gesegnet, wo auch immer ihr seid. Feiert einander, feiert euch selbst, feiert den, der sich in den dreckigen Futtertrog gelegt hat.

Frohe Weihnachten!

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9 Kommentare zu „Spazierengehen mit Bonhoeffer

  1. Liebe Veronika, Ich gehöre zu den stillen Mitlesern, will dir aber endlich mal schreiben und danken. Du schreibst und drückst aus, was mir oftmals durch den Kopf schwirrt, was oft nur ein Gefühl ist, eine Sehnsucht, was ich aber selber nicht zu fassen bekomme, geschweige denn, es ausdrücken kann. Und dann kommt eine Email von dir mit dem neusten Blogartikel, den ich seufzend lese und ein Amen hinzufüge. Du sprichst mir so oft aus der Seele und ermutigst mich, da wo ich bin, Licht zu sein – und sei es noch so klein. Viele kleine Lichter machen sehr hell. Wir gut, dass wir als Christen keine Einzelkämpfer sind, sondern zusammen strahlen. Jeder an dem Ort, wo Jesus ihn hingestellt hat, aber dennoch durch ihn verbunden. Sei gesegnet! Ich wünsche dir ein fröhliches Fest mit deiner Familie und vor allem dem Geburtstagskind Jesus. Alles Liebe, Caroline

  2. Liebe Veronika,

    es tut immer wieder so gut, deine Mails zu lesen. Ich freue mich jedes Mal darüber!!! Vielen Dank!!!

    Du hast einfach ein mega Talent zum Schreiben!!!

    Voll schön war es auch, dich dieses Jahr persönlich beim Kaffeeplausch auf Blachuts Terrasse kennenzulernen. 😊

    Jetzt wünsch ich dir und deiner Family ein ganz fröhliches, gesundes und gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Start ins neue Jahr!

    Bis dann und liebe Grüße

    Julia

  3. Liebe Veronika, vielen Dank für deine schönen Zeilen. Immer wieder erfreue ich mich über deine wunderbaren Worte!
    Ich wünsche dir und deiner Familie ein wunderschönes Weihnachtsfest und einen guten Start ins neue Jahr! Bleibt alle gesund!!! Danke für dein Licht.
    Liebe Grüße Luci

  4. Wunderbare Gedanken, wunderbar formuliert – Danke für all diese vielen Ermutigungen und Freudenmomente, die durch jeden deiner Blogartikel samt den immer so seelenvollen Fotos in diesem Jahr in mein Leben kamen!!
    Ein frohes Weihnachtsfest wünscht dir und deiner Familie mit lieben Grüßen Ulrike

  5. Liebe Veronika,

    ein großes Danke an Dich!
    Deine Texte waren und sind für mich eine Inspiration, Ermutigung und oft auch ein Trost, dass jemand „da draußen“ auch an vielen Stellen so tickt und kämpft und hofft und glaubt….
    Frohe Weihnachten!
    Herzlichst,
    Kathrin

  6. Liebe Veronika, ich habe während meiner Besinnungstage Anfang November dein Buch Problemzone Frau gelesen, das mich sehr inspiriert hat und dann habe ich deinen Blog entdeckt. So berührende Gedanken und Bilder! Von Herzen Danke dafür. Gesegnete Weihnachten wünsche ich dir.

  7. Liebe Veronika,
    danke für deine inspirierenden Worte, die doch zum Nachdenken und Nachspüren anregen.
    Gerade in unserer heutigen Zeit ist es doch so wichtig dem Negativen mit Positivem zu begegnen. Der Wunsch ist da, aber wie oft merke ich, dass ich mal wieder nicht mit der nötigen
    Geduld reagiert habe. Und dann darf ich das doch immer wieder Jesus hinhalten und mich von ihm ermutigen lassen weiter dran zu bleiben.
    Schön, wenn man auch immer wieder menschliche Ermutigung erfährt durch Menschen wie dich , die auch auf diesem Wege sind.
    Dir und deiner Familie wünsche ich Gottes reichen Segen für das neue Jahr, bleibt gesund und behütet und weiterhin viele gute Gedanken.

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