Im Dickicht

IMG_9217Gestern Abend bin ich auf den Boden gekracht. Nur zehn Minuten wollte ich in der Hängematte ruhen, mich vom Abendlicht bescheinen lassen und den Kindern beim Spielen zusehen. Dann riss die Schnur. Warum auch immer, das sei dahin gestellt. Mein Hinterteil machte mit einer Wurzel schmerzhafte Bekanntschaft und ich blieb im Gras liegen. Ich hatte keine Lust mehr aufzustehen. Die Ameisen krochen meinen Arm hinauf. Vielleicht war etwas gebrochen? Die Kinder tanzten verlegen um ihre Mutter herum und holten dann Armin, der ebenfalls verlegen um mich herumtanzte. Zumindest ein Kühlpack für meinen verlängerten Rücken bekam ich in die Hand gedrückt.

Es war der traurige Höhepunkt der letzten Tage. Ein bisschen musste ich ja schon grinsen, als ich ameisenübersät und mit Beule am Hintern auf dem Boden lag. Wieder typisch.

Ein paar Kindersachen wuchsen mir in den letzten Tagen über den Kopf und überwucherten mein Herz mit Sorgenunkraut. Unfriede im Haus führte zu vielen anstrengenden Gesprächen. Die Heizungsanlage gab ihren Geist auf und nun warten wir seit Tagen auf einen neuen Brenner (Kalt duschen ist übrigens nur halb so schlimm wie den Abwasch mit kaltem Wasser zu erledigen). Meine Seele war in Schieflage geraten und alle sonst nebensächlichen Sorgen (Der Keller ist ein Chaos! Das Dach muss noch ausgebaut werden! Wie finde ich hier jemals Freunde? Der Garten muss gemacht werden!) traten plötzlich in 3-D-Qualität wie ein Hologramm vor mein Auge.

Erwachsensein ist echt anstrengend. Manchmal gehe ich in letzter Zeit in den unaufgeräumten Keller und sehe meinen alten Rucksack an. Den mit den vielen Flaggen-Aufnähern. Oder ich träume davon, ein Wochenende ganz alleine wegzufahren. Aber dann schaue ich auf meinen Kalender und seufze. Ach ja, ich muss ja jetzt erwachsen sein, meine Pflichten erledigen, die Kinder zu anständigen Wesen erziehen, Geld verdienen und Kuchen für diverse Feste backen.

Ich bin überzeugt, dass einige von euch von schwereren, „echteren“ Sorgen niedergedrückt werden. Aber Sorgen vergleichen zu wollen ist genauso unsinnig wie Erfolge zu vergleichen. Jede Last ist individuell schwer und wir brauchen keine Olympiade der Nöte zu betreiben um festzustellen, dass jedes „Päckchen“ niederdrücken kann.

Die Müdigkeit weicht seit Tagen nicht. Ich möchte mich irgendwo verkriechen, den Kalender in die Ecke pfeffern, mich auf einen einsamen Berg stellen, an einen Strand legen und endlich wieder befreit aufatmen.

Ich finde Gott in dieser Zeit zwischen den Zeilen, nicht auf dem Berg oder am Strand. Mitten im Sorgendickicht halte ich inne und möchte beten. Mir fehlen die Worte. Ich bin es leid „Konsum-Gebete“ zu  sprechen. Dabei fühle ich mich nicht wohl (Gott, mach bitte dies und das). Aber das Vater-Unser bete ich alle paar Stunden und abends am Bett meiner Kinder.

Und ich finde einen Gott, der eben oft nicht unkompliziert einschreitet, sondern der bei mir sitzt. Wenn ich aus dem Dickicht nicht herausfinde, wenn ich auf dem Boden liege, wenn die Kraft ausgeht.

Vielleicht ist das wichtigste, das ich heute tun kann, einfach aufzustehen. Nicht liegenbleiben und warten, dass ein Wunder geschieht.

Denn manchmal ist das Wunder das ganz Kleine: Das Aufstehen, auch wenn man liegenbleiben möchte. Das Bleiben, auch wenn man lieber den Rucksack aufschnallen und in die weite Welt ziehen möchte. Das Weitermachen mit Minimal-Kraft. Das Beten, auch wenn die Worte fehlen. Das Aushalten von Menschen und Sorgen, auch wenn sich man am liebsten die Ohren zuhalten möchte. Die Liebe, auch wenn man sie gerade nur mit frisch gewaschener Wäsche, einem gesaugten Boden und einer gekochten Mahlzeit ausdrücken kann.

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17 Kommentare zu „Im Dickicht

  1. Liebe Veronika, danke fürs Teilen. Es geht mir zur Zeit grad ähnlich, da tut es einfach nur wohl, deinen Text zu lesen. – Und dein Wohnzimmer sieht einfach nur SUPER aus!

  2. „Erwachsensein ist echt anstrengend.“ – da sagst Du was!!! Wir sind dabei nicht allein, Gott ist bei Dir und hält deine Hand, er tröstet Dich und nimmt Dich in den Arm … dafür können wir echt dankbar sein! Alles Liebe – Anett (die auch im Moment lieber einen Erwachsenen als Beschützer hätte und selbst gerade mal Kind sein möchte …)

  3. Hallo Veronika.

    Vielen Dank für deinen Blog und deine Bücher. Beides wurde schon mehrfach weiterempfohlen bzw. verschenkt.
    Du beschreibst den Alltag so herrlich und es ist immer wieder eine Oase für mich, bei dir zu lesen und meine Seele an deinen Bildern zu nähren.

    Das Problem mit dem „Wohlstandsbeten“ kenne ich. Ich bin in einer Freikirche als Tochter eines Gemeindeleiters aufgewachsen und kenne das „Gemeindebuisness“. Vor einigen Jahren schlichen sich ähnliche Gedanken bei mir ein wie bei dir (bez. Gemeinde) und ich war innerlich schon weg.
    Ich hatte keinen wirklichen Zugang mehr zu Gott und habe ihn nirgends wirklich entdeckt. Dann bin ich zu einer christlichen Beraterin gegangen (es ging primär um andere Probleme) und während dieser Arbeit an mir durfte ich erleben, dass Gott sich zeigte und immer da war und ist.
    Warum schreibe ich das alles? Gerade das Thema Gebet hat mich lange beschäftigt und tut es immer noch, weil ich nicht glaube, dass diese Art des „Wohlstandbetens“ förderlich für die Beziehung zu Gott ist. Eine andere Art zu beten und zu glauben habe ich zum einen in dem Buch „Glaubensriesen – Seelenzwerge“ von Peter Scazzero gefunden und zum anderen in Predigten von Tobias Teichen und Johannes Hartl. Vielleicht kennst du die ja auch. Ich wollte das nur als Tipp nennen, denn mir hat es sehr viel gebracht.

    Ich wünsche dir immer wieder Mut aufzustehen und weiter zu machen in der Gewissheit, dass Gott es gut mit dir meint und dich sieht.

    Ich freue mich auf noch viele Blogeinträge und hoffentlich ein neues Buch von dir ;-).
    Viele liebe Grüße
    Juliane

  4. Liebe Veronika,

    ich danke Dir mal wieder für das Teilen Deines Lebens und Deiner Gedanken.
    Zurzeit muss ich mich im Aushalten von Menschen und Sorgen üben und würde mir wirklich gerne die Ohren zu halten. Und wenn ich immer sagen würde, was ich denke, hätte ich vermultich keine nähere Verwandtschaft mehr.
    Du hast mich heute wieder ermutigt, doch auszuhalten und dranzubleiben.

    Ganz liebe Grüße von
    Rosalina

  5. Danke für deine Worte. Sie tun so gut. Mir geht es seit längerem ähnlich….und hier ist nicht mal mehr der Boden gesaugt.
    Gut, dass du immer wieder aufstehst und zupackst, das ist so wertvoll und wie du selbst schreibst, ein Wunder. Dein Kraftakt. Ich wünsche dir Zeit, die Seele irgendwo baumeln zu lassen und ein Kissen in das du heimlich und kurz reinheulen darfst und eine Mutter-Göttin, die dir die Tränen danach wegwischt und dich frisch gestärkt in die Spur schickt.

  6. Danke!

    …von einer, die jeden Moment ihr drittes Kind kriegen könnte, nebenbei mit den beiden anderen zurecht kommen muss und die heute so müde ist, dass sie nur von Gnade lebt.

  7. Als ich deinen Blogeintrag heute las, war ich gerade am Heulen (nicht deinetwegen natürlich!). Zuviel geschimpft, zuviel gebrüllt. Zuviel gründlich schiefgegangen, zuviel bockige Kleinkinder und zuwenig Geduld. Und der Tag noch nicht mal zur Hälfte geschafft. Eine Welle von Überforderung, Ohnmacht und Einsamkeit schwappte über mich. Und dann las ich, befand, Du hättest Recht und ging erstmal die Terasse kehren. Dann brach der Besen ab, ein Knie blutete und eine Rolle Klopapier kann wirklich in sehr winzige Schnipsel zerrupft werden. An manchen Tagen muss man schon sehr genau suchen, um das kleine Wunder zu finden. Ein paar Stunden habe ich ja noch…danke für deine Worte, sie haben mich getröste, trotz allem

  8. Liebe Veronika,
    Wie schön und treffend du das mal wieder in Worte gepackt hast…. von den Päckchen, die niederdrücken und den Tagen, an denen erwachsen sein nicht gerade das ist, was sich gut anfühlt.
    Es tat sehr gut, das alles zu lesen , denn es gibt mir mal wieder das Gefühl, mit meinen Gedanken und Gefühlen nicht allein zu sein!! Und in diesem Sinne ist es Mut machend und tröstend …
    Danke!
    Sei gesegnet!

  9. für mich ein Tag voller Traurigkeit, weil unsere Kollegin heute ihre 18 jährige Tochter verloren hat, die letzte Woche einen schweren Autounfall hatte…..ich leide mit dieser Mutter, die ihr Mädchen verloren hat und bete, dass sie nicht daran zerbricht.

    1. Das ist absolut furchtbar…der Super-Gau! Es tut mir von Herzen Leid für deine Kollegin. Und ich kann nachvollziehen, wie schwer es dich treffen muss. Viel Kraft für den Weg, der vor dir liegt!

      1. Danke, Veronika! Im Kolleginnenteam ist es ähnlich wie in einer Familie, man arbeitet, lacht, streitet, leidet aneinander und miteinander. Am liebsten würde ich mich in eine Ecke setzen neben die Mutter in Sack und Asche und trauern und klagen, so wie bei Hiob. Der hat noch viel mehr verloren. Das Leben kann soooo schmerzhaft sein! Und wie hochsensibel wir Menschen auf Verluste reagieren!

  10. Vielen Dank für deine Worte! Erwachsen sein ist wirklich anstrengend. Wie schön aber, dass du die Erfahrung machst, dass Gott an deiner Seite ist und du dort Kind sein darfst!

  11. Liebe Veronika,
    danke für diesen Post. Mir geht es gerade ähnlich – bei Dir kann frau sich einfach immer wiederfinden ;-). Und das Seil wäre bei mir schon früher heruntergekracht ;-). Und es ist okay, einfach „nur“ das Vater-Unser zu beten… Herzliche Grüße, Christina

  12. Autsch- war mein 1. Gedanke. Ich finde mich immer wieder in deinen Worten. Ich lag auch am Wochenende in der Haengematte- zum Glueck ist sie nicht gerissen.
    Aber auch ich kaempfe gerade mit dem Erwachsen sein, zu gerne wuerde ich die Decke ueber den Kopf ziehen, meine Mama anrufen, damit sie mir eine Tasse warme Milch mit Honig bringt und die Welt und die Erwachsenen Pflichten ignorieren. Oder meinen Rucksack packen und in eine einsame Huette am See verschwinden. Aber geht leider nicht.. Also tief einatmen, Kaffee trinken und Erwachsen sein. Und das Vater-Unser beten.

  13. Ich wusste ja, dass es eine gute Idee ist, kurz die Lernerei zu unterbrechen und deinen Blog zu lesen. Ich bete momentan auch nur mehr oder weniger wortlos, weil mir die Kraft zum formulieren fehlt. Alles Liebe aus Bayern!

  14. Liebe Veronika, danke für deine ehrlichen Worte. Auch ich finde mich darin wieder. In diesem Sinne: Aufstehen, Krone richten und weitergehen…. Alles Liebe !

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