Was wenn?

„Wenn Sie bitte hier unterschreiben würden, Herr und Frau Smoor.“ 

Schluck!  Kritzelkratzel…..

„Vielen Dank und herzlichen Glückwunsch! Sie haben nun ihr Leben, ihre Seele, ihre Zukunft und ihre Kinder an unsere Bank verkauft.“ 

Wir hatten heute Morgen unseren Termin bei der Bank. Hauskredit unterschreiben. Auf der Hinfahrt war uns beiden etwas übel und in meinem Magen tobte eine Horde Kakerlaken. Gleichzeitig war ich auch blubberig glücklich. Wir sind unserem Ziel ganz nahe: ein Heim schaffen! Ursprünglich hatte ich ja vor, dass wir beide verkleidet als Panzerknacker mit Dollar-Zeichen-Sack in der Bank auftauchen. Mein Mann fand die Idee nicht ganz so prickelnd wie ich. Hätte vielleicht unserer Kreditanfrage negativ entgegenwirken können…..

In völlig biederem Aufzug saßen wir dann im Büro des Kundenberaters. Im Gespräch mit ihm spielten wir so ziemlich jedes Worst-Case-Szenario durch: Tod des Ehepartners, Erwerbsunfähigkeit des Hauptverdieners, Eltern werden Pflegefall und das Sozialamt pfändet jedes Haar auf unserem Kopf, Arbeitsplatzverlust usw. Da wurde es mir ganz eng in der Kehle. Aber dann erklärte ich den Schreckensszenarien trotzig „Na und?“, nahm den blauen Kuli und unterschrieb schwungvoll. Wir können uns nicht gegen jede Eventualität absichern. Und Sorgen will ich mir darum auch nicht machen.Die kann ich mir dann machen, wenn ein Schreckensfall tatsächlich eintritt. Aber vorher lass ich mir davon doch nicht den Wind aus den Segeln nehmen!

Auf der Heimfahrt traf mich die Erkenntnis, dass ich in der Lebensmitte angekommen bin. Kleine Kinder, alternde Eltern, Haus renovieren und abbezahlen, sparen für die Rente, Urlaub in Italien, Stützstrümpfe benötigen, den ganzen Laden am Laufen halten, eine Brille kaufen. Wann ist das denn bitte passiert??

Die Lebensmitte. Das ist die Zeit der vielen, schweren „Was wenns?“:

Was, wenn wir den Kredit nicht abbezahlen können?

Was, wenn meine Kindern nicht aufs Gymnasium kommen?

Was, wenn meine Eltern sterben?

Was, wenn das jetzt schon alles war?

Was, wenn meinen Kindern etwas passiert?

Was, wenn ich älter werde?

Was, wenn ich nicht genug zum Verdienst beitragen kann?

Was, wenn meine Kids in die Pubertät kommen?

Was, wenn meine Traum-Küche bei Ikea ausverkauft ist?

So. Da wär ich also. In der Lebensmitte. Wo Leichtigkeit und Freude mal ganz schnell von den „Was wenns?“ zerbröselt werden können.

Um die Mittagszeit legte ich mich kurz auf die Couch. Die Aufregung und die „Was-wenn-Stimmen“ ebbten langsam ab. Ich hörte die Kinder im Nebenzimmer. Sie spielten Schule. Draußen schimpften Spatzen. Ein Skateboard ratterte die Gasse entlang. Ein Nachbar mähte Rasen. Nichts hatte sich verändert. Alles hatte sich verändert.

Ich hab mich dann mal wieder für die Freude entschieden. Denn die ist leider nicht automatisch da. Ich muss sie mir jeden Tag neu erkämpfen. Indem ich zwischen all den Aufgaben, Anforderungen, Sorgen, Erledigungen hinsehe, hinhöre, mein Herz stille werden lasse. Solange ich meine Freude noch habe, solange ich sie mir immer wieder zurückerobere, verstummen die „Was-wenn-Stimmen“ zu niedlichen Piepsstimmchen.

Auch in der Lebensmitte gibt es soviele wunderbare Nischen, in denen Freude lauert. Sie ist vielleicht nicht so offensichtlich und schrill wie in Jugendjahren. Ja, sie ist eher wie ein scheues, zartes Reh. Man muss warten, locken, innerlich still werden. Und dann ist sie auf einmal da. Und überstrahlt so manches „Was wenn?“.

IMG_0419_edited-1IMG_0412IMG_0389_edited-1IMG_0399IMG_0423_edited-1IMG_0407_edited-1IMG_0443IMG_0382_edited-1IMG_0401_edited-1IMG_0402_edited-1IMG_0452

 

 

18 Kommentare zu „Was wenn?

  1. Was, wenn wir den Kredit nicht abbezahlen können?
    a) der Kredit wird neu verhandelt auf eine längere Laufzeit mit niedrigerer Tilgung
    b) Haus wieder verkaufen und etwas zur Miete suchen
    c) aussitzen, bis man wegen Kreditschulden im Gefängnis (früher: Schuldturm) landet
    d) das Gute bei a bis c: man muss deswegen nicht sterben

    Was, wenn meine Kindern nicht aufs Gymnasium kommen?
    a) eigentlich kommt heute jeder aufs Gymnasium, der nicht in die Sonderschule gehört – daher eine theoretische Frage
    b) wenn trotzdem kein Gymnasium: weder Eltern noch Kinder werden deswegen sterben – es besteht sogar die Möglichkeit einer sinnvollen Lebensgestaltung ohne Abitur

    Was, wenn meine Eltern sterben?
    a) sie werden sterben – wahrscheinlich innerhalb der nächsten 20 bis 30 Jahre
    b) dann zeigt sich beim Erben die Qualität eurer Geschwisterliebe
    c) vielleicht kannst Du dann den Hauskredit ein bisschen tilgen (siehe 1)

    Was, wenn das jetzt schon alles war?
    a) das liegt hauptsächlich an Dir; DU lebst und solange darfst DU gestalten

    Was, wenn meinen Kindern etwas passiert?
    a) man kann jeden Tag darüber grübeln; durch die Ventilation solcher Gedanken wird man das Wohl der Kinder nicht sichern können

    Was, wenn ich älter werde?
    a) älter wirst Du automatisch, jeden Tag genau 1 Tag älter
    b) in spätestens 60 -70 Jahren bist Du tot. Ich denke nicht, dass die Medizin für Deine Generation schon den 120er Durchschnitt schafft, daher meine pessimistische Prognose
    c) Du kannst jeden Tag leben – 24 Std lang. Egal, ob mit 40, 50,60….

    Was, wenn ich nicht genug zum Verdienst beitragen kann?
    a) ich weiß nicht, ob ihr Zugewinngemeinschaft vereinbart habt oder Du einen Ehevertrag unterschrieben hast, der Dich an die Wand stellt, wenn Du monatlich nicht den vereinbarten Tribut löhnen kannst
    b) Selbst in letzterem Fall musst Du primär nicht sterben

    Was, wenn meine Kids in die Pubertät kommen?
    a) das werden sie und das wird interessant. Entweder sie kooperieren, weil die Liebe trägt oder sie kooperieren nicht und sagen 10 Jahre später: „war ich vielleicht ein Scheißkind“ , weil die Liebe trägt.

    Was, wenn meine Traum-Küche bei Ikea ausverkauft ist?
    a) dann kaufst Du Dir eine andere
    b) dann bleibst Du bei Deiner jetzigen
    c) dann kannst Du mehr tilgen und die Befürchtungen von Frage 1 werden abgeschwächt… oder auch nicht 🙁

    …übrigens sind es natürlich 9 ziemlich sinnlose Fragen, reine Zeiträuber. Ich lebe HIER UND JETZT. Planungen und Wünsche in Richtung 5 Jahre oder gar länger sind zumindest bei mir noch nie Realität geworden. 1 Jahr, manchmal sogar 2 Jahre waren gerade noch überschaubar. Der Rest liegt im gleißenden Gegenlicht und wird nicht sichtbar.

    Conclusio: KEEP COOL, BABY

    1. Super! Manchmal hilft es einfach, die „Was wenn’s“ so am Nacken zu packen. Das Gedankenkarussel dreht leider auch oft bei mir so manche überflüssige Runde …

    2. Danke Jo für diese wunderbaren Antworten- es gab eine Zeit wo ich Gott noch nicht kannte- nur im falschen Bild kannte – da habe ich versucht solche „was wäre wenn“ alleine zu stemmen- geheiratet, Haus gekauft, Kind gekriegt- und es wurde immer schwerer…
      Heute bin ich so dankbar zu meinem himmlischen Vater rennen, stolpern, krabbeln, hüpfen zu dürfen- je nach Tagesform- und ihm diese Lasten hinzulegen.
      Mein Leben ist definitiv nicht leichter oder ruhiger geworden- aber ich habe einen Anker in allen Stürmen.
      Und diesen Anker dürfen alle die genug vom „muss alles alleine hinbekommen“ haben in Anspruch nehmen!
      Was wäre wenn das wahr ist???!!!
      Gottes Segen für Euch alle!
      Esther

  2. Diese „was,wenn…?“ kenn ich auch nur zu gut ohne in der Lebensmitte zu sein. Bei mir drehen sich die Gedanken bevorzugt um solche Schreckensszenarien. Gestern im Hauskreis dann Psalm 23, was ich erst so mittelinteressant fand (gibt es eine Bibelstelle, die noch öfter zitiert wird?), aber irgendwie hat es mich gepackt und hat Gott mir mal wieder die Zusage gegeben, dass er als mein Hirte den Überblick hat und meine Sorgen in der Hand hält.
    Alles Gute euch für die spannende Zeit! Lg, Miriam

  3. Wow, herzlichen Glückwunsch zum Haus, liebe Veronika! Ich freu mich für Euch!
    Und ja, ich kenne auch diese Zweifeln und Fragen und sie können ganz schön hartnäckig sein. Schön, wenn man mit Freude und Mut darauf reagiert!
    Liebe Grüße, Lena!

  4. Hallo Veronika,

    oh ja, das hat nix mit der Lebensmitte zu tun. Haha, wobei, die rückt hier j auahc so viel näher.
    Die Worte von Jo werde ich ausdrucken, bzw. auch mich umformulieren, haha.
    Übrigens: Ikea-Küchen sind gar nicht so … gut! Wir hatten/haben einen Schreiner und der war super toll. Hat sich toll eingebracht, viiiiel viiiiel energie und Zeit genommen und einfahc ein echter Handwerker mit guten Ideen. UND: es war nicht so viel teurer!
    LG Nicola

  5. … und was, wenn es klappt? alles Gute für euch und boa ur toll, ich bin vom haus kauf noch sooo weit entfernt! (meine Schwestern sind auch nicht aufs gymnasium und sind trotzdem/gerade weil auch erfolgreich! weobei erfolg ja von person zu oerson anders aussieht, die eine ist erfolgreich verheiratet und hat soeben erfolgreich ein Baby bekommen, die andere ist erfolgreich in der Zuckerbäckerausbildung und die dritte ist erfolgreiche studentin und ich bin erfolgreiche krisenschieberin, trotz gymnasiumabschluss haha)
    Ihr macht das schon! Alles liebe und einen großen drücker!

  6. Guten Morgen liebe Veronika,
    Ich folge Dir nun schon einige Zeit als „stille Leserin“ und ich freue mich immer auf die neuen Einträge von Dir! Ich bin 41 und Mama von 2 Mädchen (10 und 6 Jahre) und Hausbesitzerin! Du sprichst mir so oft aus der Seele und hälst mir den Spiegel vor! Dein Beitrag heute hat mich sehr berührt und genau zum richtigen Zeitpunkt! Ich danke Dir von Herzen für Deine Offenheit uns Leserin gegenüber!
    Ich wünsche Dir/ Euch einen schönen Tag
    Liebste Grüße Nicole

  7. Hallo Veronika,
    irgendwie kann ich über den Beitrag „Mit 300 gegen die Wand“ nicht kommentieren. Aber hier sitze ich mit feuchten Augen und leide mit dir und MUSS antworten. Ich hoffe, du findest es… Aus Erfahrung weiß ich, wie enttäuschend und schrecklich deine Lage ist. Und du kannst dir nicht vorstellen, dass darin irgendetwas Gutes oder Sinnvolles steckt. Sieht ja auch nicht so aus… Aber verlier bei aller verständlicher Wut nicht das Vertrauen und die Zuversicht! Ich glaube, du wirst im Nachhinein (😝) sehen, dass Gott noch etwas viel Besseres vorbereitet hat. So ist es mir schon zweimal gegangen: Alles schien verloren, alle Arbeit umsonst, keine Alternative. Und dann, als ich aufgegeben hatte, fällt mir etwas Besseres, das ich vorher nicht bemerkt hatte, einfach so in den Schoß. Erstaunlich! Ich bete darum, dass es dir auch so gehen wird. LG Elina

Kommentar verfassen