Pause…

Eigentlich wollte ich ja eine Blog-Sommerpause einlegen. Gerade mag ich meine eigene Stimme nicht mehr lesen. Und irgendwie lockt mich die Vorstellung eines mega-faulen Sommers, nur ab und zu unterbrochen von ein paar Schreib-Sessions für mein Buch, Last-Minute-Trips zum Rewe und Joggingrunden ums Dorf.

Aber ein letzter Blog-Eintrag muss sein.

Gestern Nacht kam mir vor dem Einschlafen ein revolutionärer Gedanke: Was, wenn ich aufhörte, gewissen Wunschvorstellungen hinterher zu jagen und endlich akzeptierte, dass dieses Leben und die Menschen in ihm und meine Beziehungen bruchstückhaft, beschädigt und unvollkommen sind? Ich war mit einem Schlag wieder hellwach und mich bewegte das starke Gefühl, dass der Gedanke nicht von mir stammte. Er war so glasklar. Und vor allem so befreiend, dass ich am liebsten vor Erleichterung geheult hätte.

Dann sprang mir heute auf Facebook zwischen hysterischen Fussball-Meldungen und Hausfrauen-Weisheiten folgender Satz ins Auge:

What screws us up most in life is the picture in our head of how it’s supposed to be. 

Meine Wunschvorstellung in allen Aspekten des Lebens stimmt so selten mit der gelebten Realität überein. Und genau in dieser Diskrepanz vermischen sich Unzufriedenheit, Bitterkeit und Undankbarkeit zu einem Cocktail, der so lange in mir gärt, bis ich giftig werde. Ich leide zum Beispiel unter dem Drang, Menschen um mich herum ändern zu müssen. Oder kontrollieren zu müssen. Um meiner Wunschvorstellung ähnlicher zu werden.

Ich hätte zu gerne perfektere Freundschaften, eine perfektere Ehe, einen perfekteren Körper, perfektere Kinder…..und und und…

Ich besitze immer noch eine Jeans aus dem Jahr 2000, weil ich die Vorstellung nähre, irgendwann wieder reinzupassen.

Ich lese Bücher und Magazine zum Thema Ehe und Kindererziehung, um auch in dem Bereich meiner Wunschvorstellung näher zu kommen.

Ich habe 40-Wochen-Pläne und Kurse durchgezogen, um der Christ zu werden, der ich immer sein wollte.

Fakt ist: Ich werde nach zwei Kindern nicht mehr in die Jeans passen.

Fakt ist: Meine Art, eine Ehe zu führen und meine Kinder zu erziehen ist extrem unperfekt.

Fakt ist: Ich werde nie der demütig-nette Christ sein, der ich gerne sein würde.

Fakt ist: Es gibt keine perfekte Freundschaft, keine perfekte Ehe, keine perfekten Kinder.

Aber vielleicht passiert etwas ganz anderes, Besseres mit mir? Könnte das sein?

Ich lerne gerade wieder ein gesundes Maß an Essen und Bewegung. Ist das ein Lernprozess, in dem Gott mir sagen will, dass ich auf die Jeans pfeifen darf und lieber wieder ungehemmte Freude am Essen und an meinem Körper haben soll?

Darf ich lernen, dass ich geliebt bin, auch wenn ich in meiner Ehe und Kindererziehung mehr stolpere als einen glatten Lauf absolviere? Darf ich Ja sagen zu mir, mit meinen Ecken und Kanten und trotzdem die Demut lernen, diese ein wenig abschleifen zu lassen?

Darf ich auf diese leise Stimme hören, die mir mitten im Lärm von 40-Wochen-Programmen zuflüstert, dass meine Gottesbeziehung reicht?

Darf ich mich dem Rhythmus des Lebens hingeben und lernen, dass dieser im Wechsel Höhen und Tiefen mit sich bringt? Und der Menschen neu ins Leben hinein spült und andere fort trägt?

Darf ich ein neues Lied in meinem Herzen anstimmen? Ein Loblied auf dieses tatsächliche Leben und nicht auf die Wunschvorstellung davon? Das Enttäuschungen, Speckpölsterchen, schweren Stunden, Müdigkeit, nervige Menschen und Rote Beete preist?

Ich drück jetzt den Pausenknopf bis Ende August und werde diesen Gedanken nachhängen und einen völlig unperfekten Sommer mit meiner unperfekten Familie in diesem unperfekten Haus feiern.

 

11 Kommentare zu „Pause…

  1. Heute kam Brene Browns “Die Gaben der Unvollkommenheit“ an ( mich treibt gerade das gleiche Thema um). Vielleicht brauchst du ja noch ein bisschen Literatur für das gemütliche Liegestuhl- Ausruhen.
    Eine tolle Sommerpause!
    Melanie

  2. Gehe grad mal wieder auf deinen Blog seit langem und bin total erstaunt, denn genau dieser Artikel trifft bei mir mitten ins Herz! Danke dir! Ich bin genau am gleichen Punkt und brauche genau diese Gedanken 🙂

  3. Vielen Dank für deine vielen ehrlichen Gedanken. Es tut so (!!!!!) gut, wenn ehrlich darüber geschrieben wird, wie es einem als Mutter geht. Mit allen Hoch’s und Tief’s. Danke dir dafür. Habe deinen Blog gerade erst neu entdeckt (über die Zeitschrift „Family“) und will nun regelmäßig vorbei schauen. Gott segne dich!

  4. Liebe Veronika,

    bin gerade dank deiner letzten Mail hier gelandet und BAMM – voll erwischt! Danke für deine guten Gedanken für alle unperfekten Lebensmodelle – wir Mütter (und auch Väter) scheinen so oft zu scheitern und verzweifeln an unausgesprochenen Erwartungen – es tut gut, den Gedanken zuzulassen, dass das alles schon gut genug ist und nicht noch perfektioniert werden muss.

    Herzliche Grüße aus WÜ – Anett

    1. Hallo Anett, so „hören“ wir uns wieder. Schön!! Ich freu mich, dass du auf meinen Blog gestoßen bist. Ab Ende August gibt es wieder frische Gedanken zu meinem Mutter-Chaos-Kreativ-Alltag…
      Liebe Grüße zurück
      Veronika

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