Gedanken, Glaube, Reisen, USA

Shake me up!

North Adams (Massachusetts) – Litchfield (Connecticut)

Wir sind  mittlerweile Profis im morgendlichen Schnellaufbruch! Ha! Turbofrühstück, Wasser ins Gesicht klatschen, Amelie anziehen, alles verstauen und losfahren. Ich habe heute Lust auf moderne Kunst. Und das habe ich wahrlich nicht oft. In einem umgebauten Fabrikgebäude in North Adams befindet sich das Massachusetts Modern Museum of Art. Dort soll es gigantische Skulpturen und Installationen geben. Als ich aber in meinem extra ausgewählten Boheme-Outfit (nur die dicke Intellektuellen-Hornbrille fehlt) vor der Eingangstür stehe, sehe ich, dass heute geschlossen ist. Reiseführer vorher lesen lohnt. Ich glaube, die moderne Kunst und ich werden keine Freunde mehr….

Ich hole mir an der niedrigen Decke zum Führerhaus eine ordentliche Beule und auf der Weiterfahrt fluche und kühle ich abwechselnd. Es kann nur besser werden und das tut es auch. Wir machen einen Abstecher zum Hancock Shaker Village.

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Also, was die Shaker sind bzw. waren, muss ich kurz erklären. Das ist nämlich echt kurios: das war eine im 18. Jahrhundert gegründete Sekte, deren Anhänger und Gründerin von England in die USA auswanderten. Shaker hießen sie, weil sie in der Anbetungszeit so sehr vom Heiligen Geist ergriffen wurden, dass sie zu zittern und zu tanzen anfingen. Das zum Teil dann stundenlang. Die Shaker lebten zölibatär, also keusch. Im Haupthaus lebten auf der einen Seite die sogenannten Brüder, auf der anderen Seite die Schwestern. Die Sekte pflanzte sich nur durch Neu-Eintritte weiter. Zunächst kam mir so ein Shakerleben sehr seltsam und wenig erstrebenswert vor, aber eine Museumsangestellte im Shakerkostüm erklärte: Damals lag die Lebenserwartung der Frauen bei 29 Jahren. Sie bekamen oft bis zu 18 Kinder und jede dritte starb im Wochenbett oder bei der Geburt. Die Siedler waren entweder Farmer oder übten ein Handwerk aus. Ein schlechtes Jahr und sie waren dem Hungertod geweiht. Nun, im Gegensatz zu solchen Prognosen war die Konvertierung zu den Shakern DER Lottogewinn! Frau ist von der Qual des Gebärens befreit (Sex gab es ja offiziell nicht mehr) und gewinnt damit an Lebensqualität, die Gemeinschaft sorgt für jeden Einzelnen, eine breite Produktionspalette sorgt für relativen Wohlstand. Hier herrschte ein frühes Prinzip eines funktionierenden Sozialismus!

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Ich bin echt platt! Alles, was hier hergestellt wurde, zeugt von höchstem Qualitätsanspruch (die Shaker lebten unabhängig von „der Welt“, produzierten also alles, was sie benötigten selbst): Kleidung, Möbel (die Shakermöbel werden auch heute noch zu sehr hohen Preisen gehandelt), Werkzeug, Küchenutensilien, Gebäude, Besen usw. Sie waren Cracks in der Kräuterheilkunde, im Gartenbau und in der Landwirtschaft. Alles ist bis ins letzte Detail ausgetüftelt und auf höchste Effizienz ausgelegt. Die Erklärung dafür liegt in ihrer geistlichen Überzeugung: Die Arbeit ist ebenfalls ein Dienst für Gott, sozusagen Anbetung, und sollte deshalb so gründlich und perfekt wie möglich erledigt werden.

Ich denke über meine tägliche Arbeit nach, die ich meistens als frustrierend empfinde: Die gewaschene Wäsche wird wieder schmutzig, der gewischte Boden wieder staubig und sobald ich die Fenster geputzt habe, kommt nach Murphys Gesetz ein Regentief. Das gleiche gilt für die gewechselte Windel, kaum ist die frische dran, dann hat Amelie nichts Besseres im Sinn, als sich zu erleichtern. Bin ich dann abends mit der Arbeit halbwegs fertig und das Kind ist im Bett, dann seh ich im Spiegel eine abgekämpfte und müde Veronika, die mit dem, was sie geleistet hat, unzufrieden ist.

Ich merke: Ich kann an den Umständen wenig ändern (es sei denn, ich stell eine Putzfrau ein….boah, das wäre echt dekadent!), aber ich kann meine Sichtweise der Dinge in eine andere Richtung lenken. Selbst die Bibel spricht davon, dass ich mit meiner täglichen Arbeit Gott ehren soll. Was heißt das? Ich glaube, dass meine momentane Bestimmung die ist, für meine Familie da zu sein, dass Gott mich genau da einsetzt. Das ist wie im Job: der Chef überträgt mir eine Aufgabe („Vroni, erfinde mal ne neue Eiscremesorte!“), dann möchte ich das auch so gewissenhaft und gründlich wie möglich ausführen. Chef soll zufrieden sein, ich möchte zufrieden sein und der Rest der Welt soll sich an einer neuen Eissorte ergötzen.

Also, warum soll ich dann nicht auch meine Familie und meinen Boss im Himmel mit meiner täglichen Hausarbeit zufrieden stellen?

Jetzt hab ich schon wieder so elend viel geschrieben…und dazu noch eine halbe Predigt. Aber ich fühle mich ermutigt. Das wollte ich einfach mal aufschreiben. So. Danke auch an die Shaker, die mich neu inspiriert haben. Wer hätte das gedacht?

...und darauf ein Heineken
...und darauf ein Heineken

2 Gedanken zu „Shake me up!“

  1. Liebe Familie Smoor!
    Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, dass ich über unsere Tochter Rebecca an Ihrer tollen USA-Reise teilnehmen darf. Da mein Mann und ich letztes Jahr auch in Boston waren und wir ausgesprochene USA-Fans sind, verfolgen wir Ihre spannenden Reiseberichte mit größtem Interesse und viel Vergnügen. Sie machen das einfach spitze!!
    Das wollte ich Ihnen kurz weitergeben und Ihnen noch ein paar schöne Urlaubstage wünschen mit einer guten, beschützten Heimkehr!
    Herzlichst,
    Susanne Walter

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    1. Hallo liebe Frau Walter!
      Klar können Sie gerne unseren Blog lesen, er ist ja öffentlich und für jeden zugänglich, den es interessiert! Schön, dass Sie uns auf diese Weise begleiten…und wir hoffen, dass Sie auch bald wieder die Möglichkeit haben, in die Staaten zu reisen!
      Ganz liebe Grüße
      Die Smoors

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