Reisen, USA

Stürmische Zeiten

Litchfield (Connecticut)

„If you don’t like the New England weather, just wait a few minutes“, so entschuldigt sich der Campingplatzbesitzer für das heutige Wetterchaos. Wir haben heute alles – außer Schnee. Nachts: trommelnder Dauerregen. Morgens: grau. Vormittags: Sonne. Mittags: Orkan.

Wir wollen nach Hartford, das Haus anschauen, in dem Mark Twain gelebt und die meisten seiner Bücher geschrieben hat. Unvergessen natürlich Huckleberry Finn (und Tom Sawyer, den ich aber nie so toll fand wie Huck). Ein Baum macht uns einen Strich durch die Rechnung…er beschließt, sich dem Orkan zu beugen und das mitten durch die Stromleitung. Die pendelt nun einen Meter über der Ausfahrt, so dass wir gefangen sind. Ich habe mal als Mädchen eine Geschichte gelesen über ein Unwetter, bei dem einige Stromleitungen runterkamen. Zwei Jungs kamen diesen Leitungen zu nahe, der nasse Bode leitete den Strom und die beiden wurden regelrecht gebrutzelt. Diese Story bekomm ich nicht aus dem Kopf und ich werde ganz nervös, als der Campingplatzbesitzer die Leitung mit einer Stange so weit anhebt, dass Armin drunter durchfahren kann. Amelie und ich halten gebührenden Abstand, ich habe keine Lust, gebraten zu werden. Jetzt muss nur ein Windstoß kommen und das Kabel von der Stange wehen, dann landet es auf dem Dach der dicken Berta! Ich halte die Luft an…..und schiebe Armin, der Schritttempo fährt, in Gedanken an: „Fahr doch schneller. FAHR DOCH ENDLICH SCHNELLER – das tust du doch sonst AUCH!!!!“ Der Wind macht aber gerade Pause, unser Camper steht endlich sicher auf der anderen Seite des Stromkabels. Mein Puls geht wieder auf Normalfrequenz zurück.

Endlich auf der sicheren Seite!
Endlich auf der sicheren Seite!

Es ist schon Nachmittag, die Zeit reicht nur noch für einen kleinen Ausflug nach Litchfield. Es ist eine schöne Gegend, nicht so rau wie Vermont, eher so wie das Hohenloh’sche. Litchfield hat viele historische Wohnhäuser, sehr edel, sehr gepflegt, very New England.

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In einem Laden für Küchenaccessoires komme ich endlich zu meinem Messbecher für amerikanische Maßeinheiten (warum haben die sich noch nicht unserem metrischen System angepasst? Müssen genauso eine Extrawurst haben wie die Briten mit dem Fahren auf der VERKEHRTEN Seite!). Ich liebe amerikanische Backrezepte (allein schon die Cookies…), aber jedes Mal steh ich verzweifelt in meiner Küche und weiß nicht, wie viel ein Cup ist. Ein Becher? Welcher Becher? Eierbecher, Kaffeebecher, Tupperbecher??? Ab jetzt kann ich solchen verzwickten Backsituationen gelassen entgegensehen…

Die Verkäuferin bekommt vor Sehnsucht ganz feuchte Augen, als sie erfährt, dass wir aus Deutschland sind. Sie hat vier Jahre in Mainz gewohnt und noch einige Jahre mehr in der Schweiz (die Schweizer Fastnacht sei gegen die Mainzer ein Dreck, so ihr Statement). Nun lebt sie ihren Enkeln zuliebe wieder in den USA. Die leben in New York und New York sei verglichen mit Europa gar nicht so übel.

Wir bekommen von ihr einen treffsicheren Restauranttipp. Dort esse ich ungelogen den besten Salat meines Lebens (Babyspinat, Radicchio, Mandarinen, Pak Choi, rote Zwiebeln, Cashewnüsse, Mandarinen und Kingprawns an einer Sesam-Ingwer-Vinaigrette). Oh. My.God.!! Hätte ich noch zwei weitere Bier getrunken, wäre ich völlig enthemmt in die Küche gerannt und hätte mich in Anbetung vor den Koch geworfen!

Mir spannt jetzt noch, Stunden später, der Ranzen. Und das nur von einem Salat. Wir geht es dann erst Armin, der ein Steak von der Größe eines Schulranzens verdrückt hat? Eines muss man den Amis lassen: Sie können wirklich kochen. Und das richtig, richtig gut. Deshalb hab ich sie auch ein bisschen gern.

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