Was passiert mit mir, wenn die Kinder zu Teenagern werden?

Hallo, schön, dass du wieder da bist!

Eigentlich wollte ich mal wieder eine Liste mit acht oder elf Dingen schreiben. Was ich gerade lese und höre und backe und so. Mein Alltag ist aber gerade so eintönig, abgesehen von meinem Garten, der sich von Tag zu Tag verändert und mich nicht in Ruhe lässt mit seinen Monster-Zucchini. Ich würde dich also mit einer Liste recht langweilen.

Zusammengefasst besteht mein Leben momentan aus Schreiben. Und aus Konfliktbewältigungen. Wir leben in einem Teenagerhaushalt. Das macht sich an allen Ecken und Enden bemerkbar. Weder gewinne ich automatisch bei Trivial Pursuit wie früher („Waaaaas, du weißt nicht, wieviele Planeten unser Sonnensystem hat, Mama?“). Noch besteht seitens der Kinder ein ausgereiftes, umsichtiges Verhalten in Küche und Bad . Die grauen Haare auf meinem Haupte sind Zeuge meiner unendlichen Geduld und Zerknirschtheit. Wie lange dauert es denn, bis sich eine Persönlichkeit zu Ende entwickelt hat? Und mit ihr ein Sinn für Ordnung und Pünktlichkeit? Wann? WANN?

Nun. Ich will ja nicht jammern. Meine Teenies sind entzückend. Letztens besuchten sie aufgerüscht ihre erste Schülerparty, betranken sich an Cola und sangen den ganzen Heimweg lang „Cordula Grün“ und „Wellermann“. Abends kümmern sie sich um ihre Kaninchen, wobei der Dekoration des Geheges ein höherer Stellenwert beigemessen wird als dem Ausmisten des Kaninchenklos. Sie lieben ihre Kaninchen und ihre wöchentlichen Reitstunden und Albernheiten und tiefsinnige, ehrliche Diskussionen. Wenn du mich fragst, ob das Teeniealter anstrengender ist als das Kleinkindalter, dann würde ich sofort mit Ja antworten. Und mit Nein. Es ist beides.

Das Anstrengendste an der ganzen Sache sind gar nicht die emotionalen Achterbahnfahrten, die dieses hormongeplagte Alter mit sich bringen. Sondern dass ich nun in einem Ozean der Ratlosigkeit schwimme.

Am Anfang des Lebens bekommst du einen Reiseführer in die Hand gedrückt, der die großen Stationen beschreibt: Schule. Ausbildung. Arbeiten. Heiraten. Kinder bekommen. Arbeiten. Kinder großziehen. Und an dieser Stelle ist der Reiseführer zu Ende. Es kommt nur noch das Inhaltsverzeichnis. Aber es ist doch noch soviel Leben übrig!

Ich hatte das Glück alle diese Orte bereisen zu dürfen. Hinter die Großen Punkte habe ich einen Haken gesetzt. Ich habe mein Heil in frommen Phrasen, einfachen Antworten und Schwarz-Weiß-Denken gesucht. Die Komplexität der mittleren Jahre zwingt mich aber Gott sei Dank dazu, nach einer tieferen Spiritualität, nach mehr Ehrlichkeit zu suchen. Nach neuen Wegen des Seins, des Glaubens, des Miteinanders. Könnte es sein, dass die Zeit der Teenager-Wehen auch die eigenen Geburtswehen sind, die etwas Neues ankündigen?

Die alten Griechen kannten zwei Begriffe für Zeit: Chronos und Kairos (diesen beiden Begriffen hatten sie Götter zugeordnet)

Chronos ist der unbarmherzige Vater der Zeit. Derjenige, der seine Kinder verschlingt. Wir spüren ihn jeden Tag: in der Phase der Ausbildung, des Studiums, der Familiengründung, der Berufstätigkeit. Unsere Zeit ist eng getaktet und uns sitzt das beklemmende Gefühl auf der Brust, dass wir der Zeit immer zwei Schritte hinterherhinken.

Chronos ist Fremdbestimmung, die die eigene Stimme übertönt. In der ersten Lebenshälfte machen wir es allen anderen recht, sind gute Pflichterfüllerinnen, „Häkchensetzerinnen“. Und darüber vergessen wir oft, was wir selbst wollen und können und denken.

Kairos ist der „günstige Augenblick“. In der christlichen Theologie ist damit „Gottes Zeitpunkt“ gemeint. Zeit, in der wir Gott begegnen – wie auch immer.

Könnte es sein, dass die zweite Lebenshälfte, die Menopause, Gottes Kairos für uns Frauen ist? Eine Zeit, in der wir aus alten Rollenbildern und überflüssigen Verpflichtungen heraustreten? Ein günstiger Zeitpunkt, Altes von uns abzustreifen?

Ich spüre den Kairos herannahen. Die Sachzwänge, der häusliche Nestbautrieb der Kleinkinderjahre, der hohe Anspruch an mich selbst und andere, das Streben nach Perfektion und Lifestyle-Idealen – sprich: der Chronos – fällt von mir ab wie eine Hülle, die ich nicht mehr brauche. Sie ist mir zu klein geworden.

In der zweiten Hälfte meines Lebens will ich meiner eigenen Stimme zuhören. Der Stimme meines Herzens, der Stimme meines Verstandes. Und der Stimme meiner Intuition – dort, wo der Heilige Geist wohnt.

Gottes Kairos ergreifen: Etwas von unserer Liste streichen. Den angebotenen Kuchen essen. Ja sagen zu einer Begegnung. Die Stille suchen. Dem Geschrei der Welt entfliehen. Uns mitten hineinwerfen in die Welt und ihre Schönheit. Unser ganz eigenes Ding machen ohne es in den sozialen Medien zu posten. Nein sagen, wenn wir nein meinen. Uns Hilfe suchen. Unseren eigenen Lebensrhythmus leben. Bessere Bewältigungsstrategien erlernen. Das Staunen zulassen. Toxischen Umgebungen entfliehen. Uns unabhängig von der Meinung anderer machen und uns abhängig voneinander machen.

Wenn Kairos die Zeit ist, die von Gott erfüllt ist, dann sage ich aus vollem Herzen Ja zur zweiten Lebenshälfte mit ihren grauen Haaren und Verlusten und neuen Familienmitgliedern und Aufgaben. Und dem Hineinwachsen in mein eigenes Leben.

4 Kommentare zu „Was passiert mit mir, wenn die Kinder zu Teenagern werden?

  1. Super wertvolle Gedanken zum 2.Lebenshälfte. Ich möchte auch mehr Kairos und weniger Chronos in meinem Leben Raum haben lassen.

  2. Danke für die Erinnerung an Chronos und Kairos. Mit einem Bein dort mit dem anderen da. Ich weiß wovon ich mehr möchte, wo ich reinwachsen möchte. Wohltuend. Noch ist so einiges getaktet, aber manches darf auch aus dem Takt geraten und lebe ich schon. Wie schön gemeinsam unterwegs zu sein. Liebe Grüße Kerstin

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