
Die Eisheiligen sind da. Mich hatte es ja bereits im sommerlichen April gejuckt, die Tomaten und Kürbisse und Paprika und Sonnenblumen ins Freie zu setzen. Im stürmischen Gärtnerfieber passiert so etwas schon mal schnell. Man überschätzt die Lage. Und dann, wenn man sich Mitte Mai sicher fühlt: BÄM! FROST! ALLES HINÜBER!
Es ist eine alte Weisheit, die wir im Zuge der Klimaerwärmung schon fast über Bord geschmissen haben: Pflanze frostempfindliche Pflanzen erst nach dem 15. Mai, der kalten Sophie ins Freie. Oder:
Vor Nachtfrost du nie sicher bist,
bis Sophie vorüber ist.
Während links und rechts bereits vor Wochen Tomaten ins Freie gesetzt wurden, hielt ich meine Gärtnerwut im Zaum. „Dieses Jahr kommt kein Frost mehr!“ „Die Eisheiligen sind wissenschaftlich nicht untermauert.“ „Wir haben doch die Klimaerwärmung!“ So unkten voreilige Gärtnerfreunde über den Gartenzaun.
Und ich bekam FOHO – Fear of Harvesting Out: „Sicher werden alle anderen einen Monat vor mir Tomaten ernten können!“ Aber meine Mutter mit 60-jähriger Gartenerfahrung mahnte am Telefon: „Warte ab. Es sind doch nur noch zwei Wochen, dann kannst du die Wetterlage besser abschätzen.“
Und jetzt? Jetzt freue ich mich, dass meine Tomaten im Warmen stehen und dem Frost dort draußen die Zunge rausstrecken.
Die Lage dort draußen, jenseits unserer kleinen Garten- und Balkonparadieschen, ist voller Menschen dieser Tage, die nicht abwarten können. Sie scharren seit Wochen mit den Füßen. Wollen hinaus. Ihre Freiheit. Ihre Selbstbestimmtheit. Wie trotzige Kinder stampfen sie auf den Boden. Ich kann uns Menschen ja verstehen. Unsere Ängste und Unsicherheiten. Aber können wir nicht einfach ein bisschen länger abwarten? Auf diejenigen hören, die schlichtweg mehr Erfahrung haben, als auf windige Möchtegernexperten über den Gartenzaun?

Wohin ist unsere anfängliche Solidarität? War sie nur ein Strohfeuer? Ein kurzer Mairegen auf ausgetrocknetem Boden, wo er in den Rissen spurlos versickerte? Sind wir eine Generation von Menschen, die so verweichlicht sind, dass sie eine unangenehme Situation nicht aushalten?
Dieses Land würde ganz anders aussehen ohne die Menschen, die seit Wochen still Solidarität üben: Ohne die Mütter und Väter, die ohne Murren und Zetern ihre Kinder daheim unterrichten, auch wenn es mühsam ist. Ohne diejenigen, die sich nicht von Hysterien und abstrusen Theorien aufstacheln lassen. Ohne diejenigen, die auch heute aufstehen, gute Worte sprechen, sich um Benachteiligte kümmern, Abstand halten und trotzdem Nähe schenken. Ohne Menschen, die sich gegen Lügen stemmen. Ohne diejenigen, die treu für die Politiker beten und die Masken tragen. Ohne die breite Masse der Vernunft und Besonnenheit.

Dieses Land wäre ein Irrenhaus ohne euch, ein kalter elender Ort, an dem die zarte Pflanze Solidarität und Nächstenliebe erfrieren würde. Ein Ort ohne Vertrauen. Ohne Liebe. Ohne Hoffnung.
Bleiben wir noch ein bisschen länger daheim. Schicken wir die geifernde Angst in die zweite Reihe und überlassen wir die Bühne den stillen Treuen, den Erfahrenen, den trotzigen Liedern und der Vernunft.

Ach, Veronika! Ein wundervoller Text! Danke!
Liebe Veronika! Danke für deinen Beitrag! Ich lese deinen Blog schon eine ganze Weile. Es ist spannend von deinem Leben und Alltag zu lesen. Auch ich bin eine Mutter, die schon seeehr lange zu Hause bei ihren Kindern ist (meine vier Mädchen sind jetzt 16,14,12 und 10). Und ich bin dankbar dafür, das ich das kann. Grad jetzt wieder, wo sie zu Hause sind mit Homeschooling…, wir eigentlich im Sommer umziehen wollen (der dritte Umzug mit den Kindern) und wegen der Coronaumstände noch nicht wissen wohin. Mein Mann ist Pastor und bloggt schon eine Weile unter erlebtblog.wordpress.com, falls du mal in einen Blog von einem Mann reinschauen möchtest 🙂 Ich bin sehr dankbar für gute Blogs die ich lesen kann,
so wie deinen.
Liebe Grüße und Gottes Segen für dich und deine Familie, Mirjam
Liebe Veronika, tausend Dank für diese weisen Worte! Mit Tomatenpflanzen kenne ich mich nicht aus, aber ich verstehe trotzdem die Analogie. Und was Du zur gesellschaftlichen und politischen Lage schreibst, treibt mich selbst seit Tagen um. Ich bin dankbar dafür, dass Menschen in Deutschland Verantwortung übernehmen und auch vor unbequemen Entscheidungen nicht zurückschrecken (obwohl es mir selbst auch nicht uneingeschränkt Spaß macht…). Hoffentlich halten wir alle weiter gemeinsam durch – danke fürs Dran- Erinnern ! Eine reiche Ernte wünscht Barbara
Danke für diesen wunderbaren Text! 💕
Oder wie meine oma sagen würd, erst nach der Sopherl pflanzen.
Liebe Veronika,
das ist es genau, was auch mich gerade so sehr bewegt – in meinem winzigen Gärtchen und noch viel mehr in unserer Gesellschaft. Es macht mich traurig, wie die Situation zu kippen scheint, Zusammenhalt und Vernunft bröckeln… Du hast gute Worte dafür gefunden!
Viele Grüße
Maria
Liebe Veronika,
es tut gut, zu lesen, dass es doch auch noch mehr vernünftige, geduldige Menschen gibt. Die Sorglosigkeit und der Egoismus vieler stimmt mich sehr nachdenklich….können wir uns so wenig „bescheiden“?
Ich dachte langsam, wir denken alleine so skeptisch. Das geht alles viel zu schnell!!
Eine gute Restwoche, und dass die Tomaten nächste Woche in YFreiheit dürfen:).Meine stehen auch bereit;)
Herzlichen Glückwunsch!
Dies ist mein Artikel des Tages. https://vorgarten2969157.garden/2020/05/14/selig-sind-die-geduldigen/
Liebe Veronika,
Ich lese regelmäßig deinen Blog, habe alle deine Bücher gelesen und bin immer sehr begeistert und auch berührt von deinen guten Gedanken.
Dieser Blogeintrag hat mich allerdings dazu bewogen, kurz mein Empfinden der Situation zu schildern, da ich diesmal leider nicht mit dir übereinstimmen kann.
Ich persönlich finde es sehr schlimm wie sehr in den letzten 3 Monaten Angst und Panik um sich gegriffen haben und auch noch greifen. Wie sehr es die Medien geschafft haben, die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen finde ich beispiellos und gefährlich.
Angst war und ist noch nie ein guter Ratgeber gewesen. Wie lange soll sie unser Leben noch dominieren?
Kinder tragen jetzt Masken in Schulen (wovon mehrere Experten und sogar die WHO abraten)?
Menschen mit Herzinfarkten und Schlaganfällen trauen sich nicht mehr in die Kliniken aus Angst vor der Ansteckung?
Krebstherapien und Tumorbehandlungen werden verschoben weil sämtliche Kapazitäten für Covid19 Patienten frei gehalten werden (die aber nicht da sind)?
Viele Menschen stehen vor den Trümmern ihrer Existenz und wissen nicht wie es weitergehen soll?
Nein tut mir leid – es geht meiner Meinung nach aktuell nicht mehr darum solidarisch zu sein und möglichst alles stillschweigend zu erdulden was die Politik vorgibt.
Mittlerweile gibt es zahlreiche Experten, die nicht Sars Cov 2 seine Gefährlichkeit absprechen (ja Risikogruppen sollten geschützt werden) aber die hinterfragen, ob die Maßnahmen, die die Regierung vorgibt noch in einem Verhältnis stehen gegenüber dem Schaden, den sie anrichten.
Weltweit sind seit Dezember (also in fast 6 Monaten in 188 Ländern) ca. 300.000 Menschen an oder mit Covid 19 gestorben.
Zum Vergleich: innerhalb von 3 Monaten sterben alleine in Deutschland ca. 225.000 Menschen.
Ein absolut tödliches Virus?
Mitterweile gibt es zahlreiche Studien, die dies nicht bestätigen. Ja sogar das BIM hat kluge Menschen, die ihre Arbeit machen und zu dem Schluss kommen (aufgrund valider Daten und der Expertise von Wissenschaftlern), dass das Coronavirus ein großer „Fehlalarm“ ist und für den Großteil der Bevölkerung keine Gefahr besteht.
Die größte Gefahr zur Zeit wie ich finde besteht darin, keine offene Diskussion zuzulassen zwischen den unterschiedlichen Ansichten der Experten. Da werden diejenigen, die eine andere Meinung haben als „Verschwörungstheoretiker“ betitelt. Menschen, die gerade demonstrieren sind entweder rechts, links oder esoterisch.
Ich glaube es sind Menschen wie du und ich, aus der Mitte unserer Gesellschaft, die auf die Straße gehen für ihre Rechte und Meinungsfreiheit, die immer schwerer zu werden scheint, in der heutigen Zeit.
Mir fällt hierzu noch ein Bibelvers von Paulus ein, der es meiner Meinung nach gut auf den Punkt bringt: “ Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“
(2. Timotheus 1,7).
Ich denke, dass wir auch oder gerade als Christen dazu aufgefordert sind, kritisch zu hinterfragen, was gerade in diesem Land passiert und Stellung zu beziehen.
Gott sei Dank tun dies schon viele Menschen in den sozialen Medien, in Gesprächen mit Freunden und Bekannten und auf den Straßen- nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.
Liebe Verena,
wie gut, dass wir auch unterschiedlicher Meinung sein dürfen – immer noch ein so wertvolles Merkmal unserer Demokratie. Ich bin voll und ganz für offene Diskussion, so lange sie nicht völlig abstruse Theorien beinhält, die beim leisesten Windhauch in sich zusammenfallen.
Zum Thema Angst: Der Bibelvers aus Timotheus wird ja zurzeit häufig zitiert. Ich mag ihn sehr, aber er kann auch leider dazu genutzt werden, uns ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn wir Angst empfinden. Das ist nun mal kein steuerbares Gefühl. Oder wie der Theologe Thorsten Dietz sagt: Nicht Angstfreiheit, sondern Angstfähigkeit ist die Haltung des Glaubens. Denn vertrauen, glauben heißt nicht: Ich habe keine Angst mehr, sondern vielmehr: Ich vertraue letztendlich auf etwas, was letztlich stärker ist als mich bedroht. Vielleicht bin ich deshalb kein ängstlicher Mensch, auch in dieser Situation nicht. Die Angst schürt in vielen Menschen diese trotzigen Aggressionen, die wir momentan in den Netzwerken und auf den Straßen zu sehen bekommen. Leider sehe ich diese trotzige Aggression auch und gerade bei vielen Christen. Sie steht übrigens auch einem vernünftigen Diskurs im Wege, weil man sich hier alles so zurechtbiegt, dass es ins eigene Argumentationsgerüst passt.
Aber Vorsicht – ja, da bin ich mit an Bord. Ich lasse meine Kinder nicht ohne Helm Fahrrad fahren. Ich ziehe ihnen Schwimmflügel an, wenn sie noch nicht schwimmen können. Wir schnallen uns im Auto an (als die Anschnallpflicht in Kraft trat, gab es auch da großen Gegenwind – heute lachen wir drüber). Wir schließen Versicherungen ab. Und aus Vorsichtsgründen tragen wir momentan Masken. Selbst wenn sie sich im Nachhinein als sinnlos herausstellen sollten, so what? Was ist daran so fürchterlich bei einem 15-minütigen Einkauf eine Stoffmaske zu tragen? Ich verstehe die ganze Aufregung nicht und fühle mich auch nicht in meinen Grundrechten eingeschränkt.
Wir stehen als Menschheit in einer Situation, die schwer greifbar ist und uns zeigt, wie wenig wir letztendlich selbst in der Hand haben. Unsere Regierung versucht unseren Kahn durch diesen Sturm hindurch zu manövrieren, aber sie haben leider keine Kartenmaterial, keine Routenbeschreibungen, kein erprobtes Equipment, auf das sie zurückgreifen können.
Wissenschaftler (Campus Göttingen) haben nachgewiesen, dass alle drei Maßnahmenpakete – Absagen von Großveranstaltungen, Kontaktverbot und Schließungen von Schulen und Kindergärten – die Fallzahlen niedrig hielten.
Andernfalls hätten wir jetzt hier Zustände wie in Italien oder den USA. Nur weil jetzt hier die Katastrophe ausbleibt (eben dank der Maßnahmen), sinkt die Akzeptanz der Maßnahmen.
Ich sehe allerdings auch – wie du – die Dinge, die jetzt über Bord gehen: Bedrohte Existenzen und verschobene Krebsbehandlungen und Eltern am Limit. Hier stellen sich Fragen, die sich nicht einfach mit platter Rhetorik lösen lassen, sondern eingebettet sind in das kollektive Erleben, dass wir eben nicht über alles die Kontrolle haben. Da hilft es nur zu forschen, zu fragen und die Spannung des Nichtwissens und Nichtkönnens auszuhalten.
Wir Christen sollten uns in dieser Zeit durch Zugewandtheit auszeichnen, nicht schon wieder durch Motzerei und Endzeitgeschwafel. Den Schwächsten helfen, denen die vereinsamen, unseren Kindern zugewandt sein (und ihre Betreuung nicht ständig als Last laut deklamieren – auch wenn es das ist. Reißen wir uns doch bitte noch ein bisschen zusammen).
So, als Christin habe ich hiermit Stellung bezogen. Das kann und darf ich hier, weil wir in einer pluralistischen Gesellschaft leben, in der weder Recht noch Meinungsfreiheit ausgehebelt wurden. Und das dürfen auch alle, die gerade auf die Straße gehen. Ein Hoch auf die Demokratie.
Liebe Grüße
Veronika