Du bist nicht tot! – Hoffnung am Montag

An manchen Tagen, vor allem Montagen ist mir, als läge die Welt in den letzten Atemzügen. Das vermuteten die Menschen sicherlich auch während der Pest, des 30-jährigen Krieges und während der Auslöschung ganzer Städte vor 75 Jahren.

So manch einer treibt den Zustand noch voran, immer näher ran an den Abgrund, angefeuert von Verdrossenen, die krakeelen und zetern und die Hände in die Luft werfen und im Supermarkt trotzig null Abstand halten: Das nutzt doch nichts. Das ist doch alles Lüge. Klimaschutz. Atemschutzmasken. Beten. Ökologischer Landbau.

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Aber, ach, es ist in solchen Zeiten immer schwieriger den Hoffnungsweg zu wählen. Ich biege manchmal ab in Richtung Abgrund, der mich wie ein Magnet anzieht, starre hinein und meine, es wird nie wieder besser mit uns, mit der Erde.

Letzte Woche war ich in Versuchung, mich selbst zur Pessimistin zu degradieren, in den Chor der Klagenden und Wütenden und Aluhutträger einzustimmen. Versteht mich nicht falsch, Klage und Wut haben ihren absolut wichtigen, berechtigten Platz (ausgenommen Aluhüte), aber wenn wir nur noch wie hypnotisiert um diese Themen kreiseln, wird unser Radius klein und damit wirkungslos, entsteht aus Klage und Wut blinde Hysterie.

Kaum hatte ich meinen letzten Blogeintrag über wiedergewonnene Kraft veröffentlicht, bröckelte diese nach zwei sehr anstrengenden Homeschoolingtagen, einer Handvoll trüber Gedanken und unsicherer Zukunftsaussichten. Karma is a bitch, wenn du den Mund zu voll nimmst.

Nun sitze ich auf unserer sonnigen Terrasse, höre dem Vogelkonzert zu (und versuche Dürre und Blaumeisensterben auszublenden) und lese endlich mal wieder in der Bibel. Ich bin eine unregelmäßige Bibelleserin, wage mich oft nicht ran, weil ich zuviel auf dem fromm geprägten Vorwurfs- und Appell-Ohr höre.

Aber hier: die Tochter des Jairus. Das Mädchen, das im Sterben liegt und deren verzweifelter Vater Jesus am Ärmel zu seinem Haus zerrt. Bis Jesus dann endlich dort ankommt, ist es zu spät. Trauernde und Neugierige und  Tratschsüchtige blockieren den Eingang, geben sich ihrer lauten orientalischen Klage hin. Und dann eine typische Jesus-Aussage: „Was lärmt und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, sondern es schläft.“ (Markus 5, 39). Das ist schon eine Frechheit im Angesicht des Todes solch eine Hoffnungsaussage zu machen! Der Trauerchor stutzt, lacht ihn aus. Kein frohes Lachen, sondern ein spottendes. Aber Jesus nimmt Mutter und Vater an die Hand, geht mit ihnen in die Kammer des Mädchens und sagt schlicht: Thalita kum! Mädchen steh auf!

Und so geschah es.

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Dann die nicht minder weniger wichtige Aussage von Jesus: „Gebt ihr etwas zu essen.“

Wir sehen  vor unseren Augen, auf unseren Bildschirmen und Nachrichtenkanälen, wie die Welt stirbt. Und auf einer ganz anderen Ebene sagt Jesus: „Was lärmt und weint ihr? Diese Welt ist nicht tot, sie schläft nur.“

Diese Welt mit ihrem Leid und ihren verkrümmten Menschen und den Ungerechtigkeiten schläft, es ist Nacht, wir sehen nur ominöse Hoffnungsumrisse in unserer Ohnmacht. Aber sie ist nicht dem Tode geweiht.

Jesus fordert zwei Dinge, die zutiefst körperlich und radikal und simpel sind:

Steh auf.
Iss.

Das Mädchen hat ein neues Leben geschenkt bekommen, aber es ist kein Happy End, nur ein neuer Anfang. Sie wird immer wieder fallen, aufstehen, hungrig werden und essen. Aber sie lebt nach diesem geschenkten zweiten Leben anders – da bin ich mir sicher – sie weiß, dass der Tod nur temporär ist und seinen Giftstachel verloren hat. Mit einem Auge hat sie die Welt im Blick, mit dem anderen die neue Wirklichkeit.

Wir müssen mit einem Auge die Welt sehr gut im Blick behalten, wie sie momentan ist und laut klagen und immer wieder aufstehen. Aber lasst uns das andere Auge auf Jesus gerichtet lassen, der uns wieder und wieder ruft: Steh auf. Du bist nicht tot. Ich habe dich nicht aufgeben. Dich nicht und auch den Rest der Welt nicht. Du bist die Veränderung, die diese Welt braucht (Ach, das klingt so fürchterlich vollmundig fromm – aber damit meine ich, dass dein Umfeld – so klein es auch sein mag – genau dich heute braucht).

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Und wenn wir uns dann benommen aufrappeln, nach langen mühsamen Homeoffice-Tagen, nach Konflikten und finanziellen Sorgen, mittendrin in Krankheit und Bedrohung, dann stehen wir unsicher auf unseren Beinen. Vielleicht reicht es nur für ein mühsames „Jesus-hier-bin-ich!“. Und dann fordert er kein grandioses Heldentum, sondern dass du isst. Dass du dich stärkst, dir selber etwas zum Wohle tust. Dass du gewappnet bist für das neu geschenkte Leben, das du heute erleben darfst.

Nach einer Woche voller Konflikte und anstrengender Homeschoolingstunden und Sorgen sitze ich im schwächer werdenden Licht dieses Sonntags, dieser Atempause und füttere mich selbst mit dem, was ich mir den Rest der Woche verwehrt habe: Gute Jesusworte, Pfannkuchen mit Erdbeermarmelade und einen richtig schlechten Krimi. Und morgen früh stehe ich wieder auf.

 

 

 

 

7 Kommentare zu „Du bist nicht tot! – Hoffnung am Montag

  1. Liebe Veronika,

    wie gut tun mir deine Blog-Einträge 🙂 DANKE für so viel teilhaben lassen!!!

    Ich schätze es sehr, dass ich auch bei dir immer wieder ein Ab- und Aufwärts spüre…genau so geht es mir auch.

    Ich habe zwar kein Homeschooling mehr bei meinen erwachsenen Söhnen zu leisten, die jetzt allerdings auch wieder in unserem Haushalt leben. Was auch für sich eine komische, ungewohnte Situation ist…hatten wir doch inzwischen, zumindest während der Woche, einen zwei Personenhaushalt 🙂 Ich balanciere dennoch in meinen eigenen Gefühlen zwischen Zuversicht und Resignation. Meinem Beruf kann ich derzeit nur am Schreibtisch nachkommen und das ist in meiner Schulform (Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung) kaum zufriedenstellend möglich. Und die besondere Schulform bedingt auch, dass ein großes Fragezeichen über uns schwebt, wie wir irgendwann mal wieder werden unterrichten können. Wo wir doch zu unseren Schüler*innen eine absolut notwendige Kontakt-Nähe leben müssen… Wo wird das hinführen frage ich mich immer…und „sehe“ die Schüler*innen zu Hause, wo die Eltern deutlich an ihre Grenzen kommen und unsere Schüler*innen wohl immer schon zu den Einzigen gehörten, die sich nach den Ferien (manche schon nach Wochenenden) auf Schule freuten…und oftmals uns Lehrer*innen in die Arme schlossen, vor lauter Freude des Wiedersehens. Und nun dauern diese Zwangsferien schon so lange an und kaum ein Ende ist in Sicht…

    Da du auch ein absolut kreativer Mensch bist, lasse ich dich an meinem derzeitigen Seelenwärmer teilhaben. Hier bei uns im Ruhrgebiet (Ruhrpott) gibt es die Aktion Pottsteine: Steine werden bemalt und auf Spazierwegen ausgelegt. Wer einen findet, kann ihn mitnehmen und sollte ihn irgendwann wieder auswildern, an einen neuen Platz legen. Das alles kann bei Facebook gepostet werden.

    Mich faszinieren Steine. Sie sind immer wieder willkommene Urlaubsmitbringsel; ich kann mich darin verlieren am Strand nach besonderen Steinen Ausschau zu halten…und habe schon viele zu Hause liegen :-)) Das brachte mich auf die Idee diese Aktion aufzugreifen, aber etwas zu erweitern…. Warum nur für das Auge einen Anreiz bieten? Die Seele kann doch auch noch gestreichelt werden durch ein gutes, tröstendes, ermutigendes Bibelwort, dachte ich mir und so habe ich #gottsteine initiiert. Ich gestalte Steine und schreibe auf die Rückseite einen Verweis auf eine Bibelstelle. Wenn ich sie auslege, hoffe ich, dass sie und ihr Bibelwort die Seele berühren:

    Vielleicht freut es dich, auch einmal von anderen Menschen zu hören, wie sie in Coronazeit klar kommen, bzw. Mutmacher/Seelenhalt suchen 😉

    Ich schicke herzliche Grüße in den Süden des Landes,

    Claudia Benninghoff (Voerde, NRW)

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  2. Wow, Veronika, ich danke Dir. In dunklen Stunden denke ich manchmal: so geht es nur mir, so ungeduldig und schwach bin nur ich, ich kann sowieso nichts ändern.
    Und manchmal höre ich dann eine Predigt, die mich abholt. Und manchmal ist es auch ein Blog, der mir zeigt, dass ich nicht alleine bin. Dankeschön! Und ich wünsche Dir weiterhin Hoffnung und Inspiration! Viele Liebe Grüße aus der Oberlausitz von Jule

  3. Hallo Veronika, vor einigen Jahren hattest du auf deinem Blog einen Worthausvortrag verlinkt. Seitdem bin ich glücklich befreite Zuhörerin. Vor einer Woche hörte ich dort einen Vortrag zu der Bibelstelle, die du oben erwähnt hast. Er ist Teil des Vortrags zu der Geschichte über die blutflüssige Frau. Tipps sind ja meist ein bisschen doof, aber vielleicht interessiert er dich, falls nicht, ist es auch gut – oder du kennst ihn schon? Schöne Grüße

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