Familie, Gedanken, Reisen

Das Kämmerchen tief in mir

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So kann es gehen, dachte ich mir nach diesem Wochenende. Da denkste, du schwimmst oben, und dann gehst du unter wie ein Stein. 

Das hört sich sehr viel dramatischer an als es in Wirklichkeit ist. Das Drama spielt sich bei mir unter der Oberfläche ab, dort ganz tief drinnen in einer kleinen Kammer, zu dem kein anderer Mensch Zugang hat und dessen Schlüssel ich oft selbst verbummele. Was sich darin abspielen mag, oft weiß ich es gar nicht so genau, weil es nämlich Mühe macht, nach dem Schlüssel zu suchen, den weiten Weg zu dem Kämmerchen zu gehen und dann auch noch nachzusehen, was dort drin denn eigentlich los ist.

Das Leben hat es im letzten Jahr ganz wunderbar mit mir gemeint. Ich hatte eine Phase, in der ich tatsächlich ganz viel Bock auf andere Menschen hatte, in der ich leistungsfähiger als die ganzen 10 Jahre zuvor war, in der ich Vergnügen an lauter Musik und Tanzen hatte. Der hochsensible Anteil in mir, dort unten im kleinen Kämmerchen schwieg. Manchmal musste ich mich kneifen. Wirklich? Ich, die normalerweise keinerlei Musik im Auto ertrage, drehe Guns ’n Roses bis zum Anschlag auf und gröle etwas von grünem Gras und Paradiesstädten? Ich, die Kraft aus dem Alleinsein und der Ruhe schöpfe, bade so oft es geht genüsslich in Gemeinschaft mit Anderen?

Das Wochenende verbrachte ich mit einer Gruppe ganz wunderbarer, starker, inspirierender Frauen. Ich hatte mich zu diesem Wochenende angemeldet, denn ich war ja im Höhenflug. Mehr, ich will mehr von diesem lauten, vollen, guten Leben!

Schon auf der weiten Hinfahrt spürte ich ein inneres Stottern, eine leise Weinerlichkeit, das Klappern des Schlüssels zum Kämmerchen. Nein, das darf nun nicht wahr sein! Ich drängte das Gefühl zur Seite. Aber mit jeder Stunde wuchs dieses Unwohlsein. Was mich die letzten Monate belebt hatte – Lautes Lachen, Geselligkeit, neue Eindrücke – fühlte sich mit einem Mal bedrohlich an. Ich spürte, ich musste mal wieder hinunter in die Kammer steigen. Einen Check mit mir selbst durchführen.

Und was entdeckte ich dort unten? Mein hochsensibler Anteil hat sich nach langer Ruhephase zurückgemeldet. Ich wollte ihn zurück ins Kämmerchen stopfen, abschließen, den Schlüssel wegwerfen. Denn, ja immer noch, heiße ich sie nicht willkommen: Meine feinen Antennen und ihre Signale. Ich ging viel alleine spazieren an diesem Wochenende und war tieftraurig, dass ich mich abkapseln musste. So gerne hätte ich laut und lustig Geselligkeit gefeiert wie die anderen Frauen.

„Kannst du dich nicht einmal zusammen reißen?“ schimpfte ich mit mir und haderte noch ein bisschen mehr. Und dann gab es diesen Moment, in dem die Wahrheit so klar hervortrat wie eine Septemberlandschaft an einem glasklaren kühlen Morgen. „Warum rechnest du dir deinen hochsensiblen Anteil immer noch als Schwäche an, wenn er gar keine ist?“ 

Kann es denn sein, dass Gott mich genau damit geschaffen hat und mir einen wertvollen Schlüssel in die Hand drückte? „Den wirst du brauchen fürs Leben, denn deine Seele – sie will blühen, aber du musst besonders gut auf dich achten. Ich habe einen Rückzugsort für dich.“ 

Meine vermeintliche Schwäche, die ich wegschließen will – sie ist meine Stärke. Nein, sie kommt nicht laut und bunt und knallig daher. Sondern in Form von Alleinsein, Gedichtelesen, Kunst betrachten, sich in der Natur verlieren. Sie ist der Nährboden, aus dem alles wächst.

Manchmal schweigt mein hochsensibler Anteil. Das ist der Zeitpunkt zum Blühen und Tanzen. Und dann meldet er sich zu Wort. Dann wird es Zeit für den Rückzug, die Blätter abzuwerfen, sich in seine innere Kammer zu begeben und seine Seele zu nähren.

Ich habe an dem Wochenende anders aufgetankt als erwartet. Mit Bibeltexten und einsamen Seespaziergängen. Tiefen Gesprächen mit wenigen Frauen und Rückzug. Das laute Lachen kommt auch wieder. Aber erstmal darf der Herbst Einzug halten.

Ihr findet mich in meinem gemütlichen Kämmerchen, ich habe nicht abgeschlossen, aber der Weg zu mir ist ein bisschen mühsamer als sonst. Aber ihr seid herzlich willkommen. Bringt Kuchen mit.

 

 

 

 

 

 

 

6 Gedanken zu „Das Kämmerchen tief in mir“

  1. Danke für Deine Ehrlichkeit. Hochsenibel ist eine Eigenschaft, keine Schwäche.
    Erfordert eben einen etwas anderen Lebensstil, als der, der zur Zeit als hip und chic gilt.
    Gut, dass Du Dich gehört und einen sehr ruhiges Programm gemacht hast.
    Auf nen Kaffee komm ich gern vorbei und bring auch Kuchen mit, aber nur, wenn es Dir wirklich gut tut.

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    1. Liebe Veronika.
      Ein Segen, dich kennengelernt zu haben. Tatsächlich geht mit JOMO nach. Erwische ich mich doch immer wieder in FOMO. Deine Worte sind ehrlich und vielleicht sogar Vorbild für die „Ode an sich selbst“. Für Eigenheiten und Eigenarten, die nicht eigenartig sondern einzigartig sind und mit denen es sich mehr als zu leben lohnt.
      Also „Mut zur Lücke“ und auf einen Kuchen würd ich dich wohl gern mal wieder treffen.

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      1. Hi Tschul du Hammerfrau! Ich fand es auch mega, dich kennenzulernen…und ja, da gäbe es sicher noch mehr, was ich von dir erfahren möchte. Auf einen Kuchen. hoffentlich irgendwann!

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  2. So schön, Deine Worte!
    Machen sie mir doch Mut, mich so in Ordnung zu finden, wie ich bin.
    Auch ich bin eine, die ganz viel Alleinsein und Rückzug braucht – was jedoch in meiner Welt nicht akzeptabel scheint. Umgeben von Menschen, die anscheinend viel mehr auf die Reihe kriegen als ich, mache ich meistens noch weiter, wenn meine Grenze schon lange überschritten ist.Und fühle mich doppelt schlecht: Weil ich mich missachtet habe – und weil ich der Welt trotzdem nicht genüge.
    Ich möchte mutig sein, mich so anzunehmen, wie Gott mich gemacht hat. Und zu entdecken, warum er mich so gemacht hat. Das geht nur, wenn ich mein Anders-Sein zulasse, egal, was die anderen denken. Danke für Deine Ehrlichkeit!

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