Familie, Gedanken, Glaube, Reisen

Heilende Kur

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Da saß ich im Frühsommer bei meinem Hausarzt und fragte unsicher nach einer Mutterkindkur. Ich litt ja an nichts Lebensbedrohlichem. Weder hatte ich einen Burnout. Noch große körperliche Beschwerden (die Schlafstörungen und Rückenschmerzen ließ ich nicht zählen). Ich trug auch nicht die Bürde einer Alleinerziehenden oder Trauernden oder einer psychisch Erkrankten.

Aber ich spürte die letzten 10 Jahre in jedem Winkel meines Körpers und meiner Seele. Die große Müdigkeit. All die nie zu Ende gedachten Gedanken. All die Lebensthemen, die auf der Wartebank saßen und nicht zum Zuge kamen, weil anderes immer Vorrang hatte. Ich spürte die hinter uns liegende Renovierungszeit. Die psychische Arbeitsbelastung. Das Alles-alleine-schaffen müssen. Weil der Mann viel arbeitet. Und die Eltern weit weg leben.

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Ich bekam meine Kur und direkt nach Weihnachten packte ich das Auto voll mit Schneehosen, Lego, Büchern und Kindern. Den Mann ließ ich im Nachweihnachtschaos zurück. Katze, Kaninchen und Igel würden ihm wohl Gesellschaft leisten. Und ganz so traurig war er nun auch nicht angesichts der drei einsamen Wochen, in denen er das Monopol über TV und Küche hat. Hallo Sherlock Holmes und Tiefkühlpizza! Jeder braucht seine Kur. Auch mein Mann.

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Diese Zeilen schreibe ich von meinem Kurzimmer aus. Der Blick fällt nach draußen auf eine schneebedeckte Berglandschaft. Meine Laufschuhe dampfen noch von der langen, morgendlichen Walkingstrecke und die Schneehosen trocknen auf der Heizung. Eigentlich hatte ich gar nicht vor während dieser Zeit zu bloggen. Denn ganz oben auf meiner Zielliste für die Kur steht: Zweckfreie Zeit (wurde mir tatsächlich so von meiner Ärztin hier verschrieben!). Das ist mal ne Therapie….zweckfreie Zeit ….das sollte Pflicht für alle Muttis sein.

Die Lust am Schreiben sprudelt nach langer Zeit wieder. Sie war unter meinem Alltagsschutt begraben. Den spült die Kur nun mächtig weg. Die ersten Tage herrschte tatsächlich Sturmflut in meinem Inneren. Alles, was ich in den letzten Jahren weggedrückt hatte, spülte der Sturm an den Strand meiner Seelenlandschaft.

Übersät war er mit Bruchstücken, die ich aufsammelte, lange ansah, trauerte, darüber redete und betete.

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Ich komme aus dem alten Jahr mit seiner Ansammlung aus Erfolgen, Begegnungen, Wunden, Traurigkeiten und kann nicht einfach so alles beiseite schieben und beschließen: Ab heute wird alles anders. Das Gewesene ist der Kompost, auf dem Neues wachsen wird.

Anders will ich nicht sein. Nur die Frau aus mir hervorholen, die unter dem Schutt begraben ist.

Es gibt keine Pläne fürs neue Jahr. Auch kein Wort. Ich möchte mich nicht mit Vorsätzen  überfrachten. Eher will ich mir selbst freundlich gesinnt sein. Meinen Heilungsweg weitergehen.

Hm. Ich muss das noch üben. Freundlich und wertschätzend mit mir zu reden.

Heilung kann nur stattfinden, wenn wir uns in den Sturm stellen. Vor den Wellen nicht davonlaufen. Die Hand anderer Menschen ergreifen. Dem Heiligen Geist Raum in uns geben. Vielleicht auch radikale Maßnahmen ergreifen, wie z.B. eine Kur, eine Therapie, das Aussprechen der eigenen Wahrheiten, Beten, sich aus toxischen Beziehungen lösen, für sich selbst einstehen.

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Wer sich an sein Leben klammert, der wird’s verlieren, nicht wahr?

An was klammern wir uns, von dem wir glauben, es würde uns Leben schenken, aber in Wirklichkeit in Unfreiheit führt?

Sind es ungute, familiäre Verstrickungen? Das heimliche Snacken in der Nacht? Unsere Überfrachtung mit Arbeit? Ungesunde Anpassungen an Erwartungen anderer, an Gemeindekultur, die nicht zu uns passt? Ein übertriebenes Workout-Programm? Selbstoptimierungspläne? Die Sucht nach Anerkennung? Das Verharren in Opferhaltungen?

Meine eigene Sturmflut hat sich beruhigt. Sie hat mich nicht umgeworfen, nur ordentlich  wachgerüttelt. Zurück bleibt eine neue Klarheit. Themen, die ich bearbeite. Über die ich zu gegebener Zeit schreiben werde (Hallo, neues Buch!).

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Ich hoffe, ihr konntet euch zum Jahreswechsel ein wenig Zeit nehmen, um auch euer Leben mit viel Freundlichkeit und Wohlwollen zu betrachten. Und einen neuen, unüberfrachteten Ausblick  auf die Zukunft bekommen. Ich freue mich, wenn wir auch im neuen Jahr hier in meinem Blog gemeinsam miteinander abhängen. Der Austausch mit euch in den letzten 10 Jahren ist mir so wertvoll geworden. Vielen Dank, dass es euch gibt!

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PS: Alle Fotos hab ich in der Breitachklamm geschossen. Einer meiner Lieblingsorte!

 

 

 

9 Gedanken zu „Heilende Kur“

  1. Liebe Veronika

    Heute muss ich mal wieder einen Kommentar hinterlassen. Und zwar möchte ich dir sagen, dass ich deine Ehrlichkeit und die Echtheit deines Blog’s unglaublich schätze! Als wir über die Festtage mit meiner Familie zusammen am Tisch sassen haben wir darüber gesprochen, wie oft Social Media und Co. dazu genutzt werden, um sich im besten Licht und nur von der schönsten Seite zu präsentieren und das es so oft ein falsches Bild abgibt. Und (zumindest bei mir!) löst es unbewusst oder auch bewusst, unglaublich Druck aus und hinterlässt ein Gefühl von „ich krieg das nicht auf die Reihe“. Bei dir ist das anders und das möchte ich dir zusprechen!

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  2. Liebe Veronika! Deine Worte berühren mich tief. Ich wünsche Dir und Deinen Mädchen noch eine heilende Zeit. Schöpft Kraft und genießt Euer Beisammensein! Deine Photos sind wunderschön! Wir waren im Juni in der Breitachklamm und ich werde dieses Abenteuer mit Kleinkind und Baby im Kinderwagen einen Tag nach starkem Regen wohl nie vergessen… man sagte uns, dass der Weg mit Kinderwagen gut machbar sei…
    Du hast eine wunderbare Begabung Deine Gedanken in Worte und Bilder zu fassen – ich freue mich auf Dein nächstes Werk und bis dahin auf jeden weiteren Blogeintrag!
    Liebe Grüße aus Eckernförde,
    Britta

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  3. Liebe Veronika,
    als ich im Frühjahr 2018 auch zur Mutter-Kind-Kur war, war diese Zeit ein wichtiger Schritt um wieder mich selber besser wahrzunehmen- ich hatte mich in den letzten Jahren durch verschiedene Belastungen selbst aus dem Blick verloren. Dadurch hat sich (komischerweise?) diese Jahr unter den Freundschaften und in der Gemeindezugehörigkeit einiges verändert- toxische Beziehungen kann man manchmal mit Abstand besser erkennen. So eine Kur kann nur der Zündfunke sein um einen Motor wieder zu starten. Ich bin sehr dankbar dafür in einem Land zu leben in dem es solche Möglichkeiten gibt! Nutze die Zeit zur Standortbestimmung und neu die Segel auszurichten. Gottes Segen und seine Weisheit dafür wünsche ich Dir! Esther

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  4. Danke für deine Worte! Sie haben wieder mal direkt zu mir ins Herz gesprochen. So viel wahres hast du ausgedrückt und bei mir auch angestossen. Ich freue mich für dich, dass du zur Ruhe kommen konntest, Kompost anhäufen konntest und nun auf den Frühling hoffst,
    wo neues entsteht.
    Sei ganz lieb gegrüsst!
    Smaragd0504

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