Was will ich eigentlich?

IMG_6612_edited-1Schon morgens lag ein feucht-warmer Dunstschleier über dem Tal. Ich cremte die Kinder mit Sonnenlotion ein, schmiss ein paar Toasts in Richtung Tisch und füllte noch schnell eine Waschmaschine mit Schwitzewäsche. Ich hatte mir fest vorgenommen, heute früh schwimmen zu gehen. Sogar in den Kalender und ganz oben auf meine To-Do-Liste habe ich es mir geschrieben. Würde ich es nicht vermerken, dann bliebe ich letztendlich doch zu Hause. Und das obwohl ich frühmorgendliches Schwimmen liebe!

Aber weil in den letzten Monaten immer so wahnsinnig viel zu tun war, habe ich verlernt, auf mich selbst zu achten. Jaja, eigentlich geht es mir mittlerweile auf den Zeiger – die Betonung, dass wir Mamas uns Zeit für uns selbst nehmen müssen. Das klingt immer ein bissl opfermäßig. Denn eines habe ich gelernt: Zeit ist doch immer irgendwie da. Nicht viel und mit Babies tatsächlich verschwindend gering. Aber würden wir nur weniger auf unser Handy glotzen, hätten wir mir doch einige Zeitnischen, in denen wir zur Ruhe und zu uns selbst kämen.

Fakt ist, ich habe mir in den vergangenen Monaten selbst nichts mehr Gutes getan, es immer auf später verschoben. Bis ich gar nicht mehr wusste, was ich eigentlich wirklich möchte und was mir tatsächlich gut tut. Wann immer diese Frage mich streifte, stierte ich mit blankem Blick in die Gegend, zuckte dann mit den Achseln und ging den Rasen mähen oder irgendwas streichen.

Aber Anfang der Woche fiel mir das Schwimmen ein. Jawoll! Heute früh geriet mein felsenfester Beschluss kurz ins Wanken, weil heute – wie immer – so furchtbar viel zu tun war. Aber ich ließ das schmutzige Frühstücksgeschirr stehen, packte meinen Badeanzug ein und gesellte mich zur feucht-fröhlichen Morgenrunde der Senioren, die im kühlen Nass über ihre Gebrechen klagten und über die Nachbarn lästerten. Ich ließ mich auf dem Rücken treiben, was den Vorteil hatte, dass das Wasser in meinen Ohren das nervige Seniorengeschwätz dämpfte. Eine halbe Stunde lang fühlte ich mich von den Zehen bis zu den Haarspitzen federleicht. Unbeschwert.

Kaum war ich aus dem Wasser, hatte der Alltag mich am Schlafittchen und der Schweiß perlte wieder ungebremst über meinen Rücken. Ich war heute trotz Schwimmen keine geduldigere Mutter, keine ausgeglichenere Ehefrau. Dafür macht mich diese Hitze allzu aggressiv. Aber ich bin wieder ein bisschen mehr auf der Spur, mir meine Lebensfreude zurückzuholen. Ich finde es nur echt schwer, die Richtung zu finden. Denn das, was mir vielleicht vor einem oder zwei Jahren Freude gemacht hat, juckt mich teilweise heute kein bisschen mehr.

Vielleicht muss ich nur öfter den Laptop zuklappen und in mich hineinhorchen. Horchen, was mein Herz höher schlagen lässt. Schwimmen zum Beispiel. Oder Reisen. Im Cafe schreiben. Morgens auf der Terrasse in Ruhe Kaffee trinken. Bücher. Manche Dinge lassen sich realisieren, wenn ich sie fest einplane. Andere eher nicht. Reisen tue ich zurzeit nur mit Google Street View. Da fahre ich mit dem Finger durch ganz New York und denke nur: Haaaaaaaach!!!

Jetzt geht dieser heiße Tag zu Ende. Ich trage noch schnell den nächsten Schwimmtermin im Kalender ein und fläze mich mit einem Buch auf die Terrasse. Zeit ist immer. Und auch, wenn es nur die kleine halbe Stunde am Abend oder am frühen Morgen ist.

Wisst ihr momentan, was euch gut tut? Was lässt euer Herz höher schlagen? Nehmt ihr euch die Zeit? 

 

 

 

13 Kommentare zu „Was will ich eigentlich?

  1. Liebe Veronika
    Ich kämpfe am gleichen Punkt.
    Der Sommer ist so herrlich.
    Voller Gießkannen, Beeren ernten und verarbeiten,Kräuter schneiden, Gemüse kochen…
    Und all die herrlichen Dinge verbrauchen soviel Zeit des Tages, dass für schönes Unnützes so wenig bleibt.
    Ich muss mir mein schwimmen auch unbedingt wieder als Termin eintragen. Dann klappt es am besten.
    Sonnige Grüße

  2. Nabend ☺. Schöner Beitrag. Ich habe ja das Gefühl, dass man es Mamas tatsächlich immer wieder sagen muss. Ich habe im Moment so viele um mich herum, die verlernt haben, auf ihre Bedürfnisse zu hören. Das tut auf Dauer niemandem gut.
    Ich habe das Lesen so vor circa einem halben Jahr für mich wieder entdeckt. Ich habe immer gern und viel gelesen, aber in den letzten Jahren eher mit weniger Leidenschaft und nebenbei. Ich habe Bücher nicht mehr verschlungen, bin nicht mehr so tief eingetaucht in andere Welten, habe mich nicht mehr so tief berühren lassen und konnte gut auch mal ein paar Wochen ohne Buch sein. Das hat sich wieder geändert und darüber bin ich froh. Lesen bietet mir jetzt wieder echte Zerstreuung.

  3. Du sprichst mir aus dem Herzen, liebe Veronika! Es ist IMMER viel zu tun und wenn nicht, dann findet sich was für die ToDo-Liste, von dem ich glaube, dass es unbedingt erledigt werden muss…bei mir ist das Schwimmen diesen Sommer auch bisher zu kurz gekommen, dabei LIEBE ich es!

  4. Bücher lesen – zusammen mit Freunden / Familie gut essen – NICHT vor einer Serie verhocken, eine Folge ist ja mal okay, aber mehr treibt mich dann nur um 😉 Auf diesem Weg noch: hab deine Briefe an deine jüngere Ichs in der Joyce sehr genossen und mich wiedererkannt. Deinen Artikel zu lesen hat mir gut getan!
    Lg, Miriam

  5. Ich stehe morgens ziemlich gruselig früh auf (5:00 Uhr) um in Ruhe auf der Terrasse meinen Morgenkaffee zu trinken und langsam wach zu werden. Den trinke ich im Winter auch, aber im Sommer draußen ist es viiiel schöner.
    Da ich vollzeit Berufstätig bin, mit ordentlich Anfahrtszeit nutze ich diese zur Zeit und höre ordentlich laut Musik, die ich richtig gerne höre. (Zur Zeit Michael Patrick Kelly.)
    Aber ehrlich, es sind nicht nur die Mamas sondern auch die Papas (jedenfalls der, mit dem ich verheiratet bin), die sich auch mal Zeit für sich nehmen müssen, was sich oftmals als schwierig erweist, wenn neben Beruf und Kind auch noch die pflegebedürftigen Eltern dazukommen.
    Ich habe anscheindend die „Gabe“ auch mal was liegen zu lassen und z.B. zu lesen und in den Garten zu starren und Vögel zu beobachten. Nur leider machen sich die Aufgaben nicht von alleine und dann kommt auch schon mal das schlechte Gewissen oder massive Eile auf.
    Alles nicht so leicht.

    Genießt den Sommer!!!

    Rosalina

    1. Ich gehe jeden morgen alleine laufen.
      Allerdings wenn nicht gleich loslaufe,wirds nix mehr…dann bete ich auf einer bank das vaterunser und laufe wieder heim
      Maria

  6. Liebe Veronika In welcher Ausgabe der Joyce finde ich denn die Briefe an dein jüngeres Ich? Ich würde den Artikel nämlich gerne lesen:-)
    Sonnige Grüsse

  7. Liebe Veronika,
    nicht nur als Mama verlernt man auf sich selbst zu achten. Sei getrost ;0)
    Der Tag, die Arbeit, die Menschen und Aufgaben die auf uns warten , rauben schleichend und ständig unsere Kräfte.
    Aber diese Heilige Momente, die wir in uns hineinhorchen sind ein Gotte’s Meldung
    und wir müssen unsere Herzen öffnen um das erkennen/hören zu können.
    Ich wünsche dir, mir und uns eine gesegnete Sommerzeit mit vielen solchen schönen Momente.
    PS.: habe dein Buch gekauft und lese ich wie jemand ein guter Tasse Kaffee
    auf der Terasse genießt ….das ist auch ein Stück Urlaub daheim :0)
    Herrlich…. :0)
    Viele liebe Grüße!!!
    Ellen

    1. Hallo Ellen, du hast völlig recht. Unser schneller Lebensstil kann jeden aussaugen, egal ob Mutter, Vater, Single, Teenie usw… Ich wünsch dir heute viele kleine heilige Momente, in denen du zur Ruhe kommst. Liebe Grüße zurück!

  8. Am Morgen bevor es heiss ist, durch Wiesen und Wälder laufen, dem Vogelgezwitscher zuhören, die Aussicht geniessen, das tut mir gut! Nur brauche auch ich immer wieder einen „Stupf“, es kostet mich Überwindung zeitig genug loszugehen. Gerade am Morgen gibt es tausend andere Sachen, die ich auch tun könnte und die auch leichter gehen, wenn es noch kühl ist. Wenn es am Tag heiss ist, hilft nur noch Schatten und Hängematte… 😉 Einen guten Tag wünsche ich dir, mit einer kleinen Abkühlung zwischendurch!

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