Medizin

img_6799_edited-1Die Katzen miauen. Ich hatte es gestern nacht nicht übers Herz gebracht, sie auszusperren und in der Kälte schlafen zu lassen. Kurz öffne ich die Terrassentür, um Vogelfutter aufzufüllen. Der Frost schenkt mir eine eisige Umarmung.

img_6770_edited-1 Ich muss Amelie ein paar mal wecken, sie hat sich bis zur Nasenspitze in ihre Decke vergraben. Sie hustet, schnieft und dreht sich zur Wand. Ich mache ihr eine Tasse Tee mit Honig. War sie gestern schon krank? Ich überlege, welche Medizin ich noch im Haus habe und schaue in unserem Heile-Segen- Korb nach, den ich neben dem Drucker geparkt habe. Der Korb beinhaltet alles, was man auf die Schnelle braucht, um ein Wehwehchen zu lindern: Salbei-Bonbons, Pflaster, Dinkelkissen, Engelwurzbalsam, Thymian-Myrte-Balsam, Wärmflaschen, Ringelblumensalbe, ein Segensgebet.

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Alles da. Gut.

Wie schön wäre es, wenn ich gegen die großen schwärenden Wunden der Welt auch die passende Medizin aus einem Heile-Segen-Korb zaubern könnte. Eine Medizin für verwundete Seelen, ausgepowerte Kämpfer, sterbende Kinder, ausgebeutete Frauen, ausweglose Situationen. Ich denke an Aleppo, Standing Rock und Jemen. Ich denke an kranke Freunde, depressive Bekannte, Scheidungsopfer in meinem Umfeld

Ich habe nicht viel in meinem Korb. Aber das, was ich darin finde, will ich heute mit vollen Händen austeilen: Meine Worte. Eine Karte für eine Freundin. Ein Gebet für Aleppo. Einen kleinen Nikolausstiefel für mein syrisches Kind. Heiße Suppe für meine Familie. Frischgestrickte Stulpen für mein frierendes Kind. Zeit für meine Kinder und Freunde.

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Wir werden die großen Wunden der Welt nie vollständig heilen können. Denn die Arznei dafür hat ein Anderer. Aber wir alle haben ein bisschen Medizin, die wir heute im Kleinen weitergeben können. Welche ist deine? Und welche brauchst du vielleicht gerade selber?

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9 Kommentare zu „Medizin

  1. Liebe Veronika, heute hast du mir etwas Medizin aus deinem „Heie-Segen-Körbchen“ gegeben! Ich kämpfe mit einer Dauergenervtheit über den Alltag, die ständig kranken Kinder, das Jammern und Weinen, dass mich gerade total herunterzieht, meine Unfähigkeit dadrüber zustehen, das Chaos in meiner Wohnung, den neuen Fliesenboden, der immer wieder reißt und meine Unfähigkeit, dass alles zu ignorieren und eine besinnliche Adventsstimmung zu verbreiten….ich wünsche mir Geistliche Hochmomente und Manchmal eine Idylle a la Hollywood, aber leider ist das nicht drin! und inmitten des Frustes nehme ich dein Buch in die Hand (habe ich zu meinem 30sten Geburtstag bekommen) und du sprichst vom Heiligen Alltag! Deine Worte sprechen genau in meinen Frust hinein und helfen mir wieder einwenig aus meiner Genervtheitsspirale….Medizin pur! Vielen Dank

  2. Schöne Bilder… schöne Worte… ich freue mich immer wieder von Dir zu lesen und zu schauen. 🙂 Dein neues Buch liegt auch noch auf meinem Nachttisch (…und noch viele andere Bücher, die ich noch lesen wollte, und wo ich nicht so dazu komme…).
    Ich wünsche mir mehr Geduld für mich, wenn meine Mädchen grad eine anstrengende Phase haben… und ich freue mich, wenn Gott mir immer wieder mal ins Ohr flüstert, wie ich mich in manchen Situationen verhalten soll und was meiner Grossen grad hilft… eine Umarmung zur richtigen Zeit, Verständnis, ein offenes Ohr… Liebe…
    Deine für Deine Worte, die immer wieder zum Nachdenken anregen.
    Liebe Grüsse
    Claudine

  3. Danke für diesen schönen Text. Mir kamen mal wieder die Tränen, weil ich auch diesen Wunsch habe alles in dieser Welt zu heilen und nichts oder viel zu wenig dazu beitragen kann. Vor allem diese Lieblosigkeit macht mich fertig. Nicht nur in den Krisen- und Kriegsgebieten dieser Welt, sondern die Lieblosigkeit, die ich in meinem Umfeld und an mir beobachte. Warum ist das so? Wann ist sie uns verloren gegangen? Und wieso können wir sie nicht finden und konservieren?…liebe Grüße Lissy

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