Die Macht des Ausschnitts

Ha, erwischt! Gib zu: Du hast heute auf meinen Blog nur wegen des Titels geklickt.

Jaja, die Macht des Ausschnitts. Früher konnte er nicht groß genug sein, um sich einen Ehemann zu angeln oder eine Beförderung zu bekommen (ersteres hat gut funktioniert).

Heute ist ein großer Ausschnitt nicht mehr angesagt. Weil er zu viel zeigt. Zuviel echtes, normales Leben. Das wollen wir doch gar nicht sehen und zeigen. Wir wollen nur Ausschnitte präsentieren, die andere vor Neid grün werden lassen.

Gestern habe ich noch schnell ein Brot gebacken (sonst hätten wir IKEA-Knäckebrot frühstücken müssen). So hübsch, nicht wahr? So gestellt….

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Das ist die Macht des (Bild-)Ausschnitts.

Ich habe rausgezoomt und damit wird unser Morgen-Chaos sichtbar. Leere Milchflaschen, Schlafanzüge, angeschnittene Gurken, dreckiges und sauberes Geschirr in fröhlicher Umarmung

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Ich präsentiere in meinem Blog vorzugsweise die Ausschnitt-Bilder (wir reden hier nicht mehr von meinem Dekollete, falls noch nicht bemerkt….). Man könnte fast drauf reinfallen, nicht wahr? Dass mein Leben jeden Tag idyllisch und gestylt und aufgeräumt und bullerbü-mäßig daher kommt.

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Lasst euch nicht täuschen. Auch nicht von anderen Bloggern. Es braucht nicht mehr als gutes Licht (das hatte ich bei diesen Fotos heute definitiv nicht), ein Händchen für Fotografie und Ästhetik, ein ordentliches Bildbearbeitungsprogramm.

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Andererseits habe ich schon immer gerne Details aufgenommen. Weil ich im Chaos, im mittelmäßigen Licht des Alltags das Besondere nicht übersehen möchte. 

Meine Kamera lehrt mich genau hinzusehen. Im Einfachen das Außergewöhnliche sehen. Nicht achtlos an einem Laib Brot oder einem Farbkasten oder einem Vogelnest oder einem Lego-Bauwerk vorübergehen. Anhalten. Ganz nahe rangehen. Bild-Ausschnitt festlegen. Auslösen. Staunende Freude über die vielen kleinen Wunder an meinem Wegesrand.

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Vielleicht können wir heute das Besondere im Chaos sehen? Und uns dran freuen, anstatt uns über dreckige Geschirrstapel und verstreutes Spielzeug zu ärgern?

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Und hören wir auf, Instagrammer und Blogger für ihr scheinbar perfektes, geordnetes Leben zu beneiden. Sie beherrschen einfach nur die Macht des Ausschnitts. Und des perfekten Filters…..

 

 

 

 

20 Kommentare zu „Die Macht des Ausschnitts

  1. So und nicht anders!
    Meine Schwester meinte mal man sollte mal einen Blog aufmachen und ihn: „Das unperfekte Leben“ nennen 😀

  2. Coole Idee! Man weiß es ja eigentlich, aber vergisst es doch viel zu oft, wenn man andere
    um ihr scheinbar perfektes Leben beneidet, weil man eben nur den Ausschnit sieht.
    Vielen Dank für die Erinnerung.
    Liebe Grüße
    Alex

  3. Ach, wie gut da tut! Danke, Veronika!
    Ein grosses Dankeschön übriges auch für dein wunderbares Buch. Es ist so inspirierend, berührend, humorvoll und ermutigend. Ein richtiger Schatz. Und ich habe damit erst noch das perfekte Weihnachtsgeschenk für meine Freundinnen gefunden!
    Eine schöne Adventszeit wünscht
    Salome

  4. Dreckiges und sauberes Geschirr in fröhlicher Umarmung….
    das klingt wundervoll!
    Das werde ich mir merken!
    Danke, dass wir bei dir nicht nur Ausschnitte bekommen, sondern auch so viele lebendige und alltägliche Einblicke,
    das ist immer wieder soooo wohltuend!
    LG Kathrin

  5. Dankeschön!
    Ich vergesse gerne, daß auch andere Familien auch im Chaos leben und wir nicht alleine sind. Ich werde versuchen, meine Ausschnitte am Tag zu finden und mich an ihnen zu erfreuen. (z.B. immer wieder diesen Blog zu lesen!)

  6. Jau, genau so ist es und es tut gut es sich immer mal wieder vor Augen zu führen.
    Auf irgendeinem super-perfekten Blog gab es mal so einen ähnlichen Beitrag und die Dame erklärte wie es wirklich bei ihr ausschaut und wieviel Zeit sie in einen Post investieren muss…boah…ich konnte mir nur an die Stirn klatschen und hab eine gute Zeit lang die Blogs mit diesem Wissen gelesen…wir sind alle nur Menschen, haben alle nur 24 Stunden am Tag und man weiß eben nie genau wie es bei all den wundereschönen, immer aufgeräumten und super gestylten Blogs drumherum ausschaut. Aber ich gebe zu ich hatte es schon wieder verdrängt und war manchmal schon wieder ein bisschen neidisch auf die vielen schönen Wohnungen, Ausflüge, die perfekten Frauen, die alles können und offensichtlich alles zeitlich hinbekommen-nur ich nicht. 😉 Daher Danke für dein offenes Post!!!—und auch ich genieße dein Buch und habe die Postkarte auf meiner Küchenfensterbank stehen. Es tut gut und die Postkartenserie gefällt mir außerordentlich gut! 🙂
    Du lieber Schreiberling bist mit all‘ deinen Texten (egal ob Zeitschrift, Blog oder Buch) eine wirkliche Bereicherung in meinem Leben! 😉

    Einen schönen Adventsabend wünscht dir
    Maike

  7. Danke liebe Veronika.Das war mal wieder ein Post,der es auf den Punkt gebracht hat.Ich habe auch immer bei anderen Bloggern nur auf den Auschnitt geschaut und war nach einer Weile so frustriert,das ich zuerst meinen Blog überabeitet habe und nur noch lauter „Ausschnitte“ präsentiert habe.Dadurch verlor er an Authentzität,ich die Lust am Bloggen und somit liegt mein Blog im Moment auf Eis.Danke für deinen Mut.Ein sehr aufbauender Post.
    Liebe Grüße Pipppi

  8. Hallo Veronika! Genau so, wenn nicht schlimmer, sah es gestern in meiner Küche aus, nachdem ich mit meinen drei Kindern Plätzchen gebacken habe…ich habe mich im Vorfeld innerlich darauf eingestellt, aber das Ausmass der Verwüstung war immens! Welchen Ausschnitt ich fotografiert habe? Glückliche Kinder un die Büchse mit den fertigen Keksen, die ICH zum grössten Teil selber dekorierte, weil die Kinder nach 1 Stunde in der Küche lieber etwas anderes spielten ….(-;

  9. Danke – das tat einfach nur gut. Ich liebe Blogs und schöne Fotos (Blog habe ich selber einen, die Fotos tue ich mir im Moment nicht an), aber sie hinterlassen manchmal das schale Gefühl, dass Unordnung, Chaos und Dreck nur zum eigenen Zuhause gehört. Deshalb DANKE.

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