Ehe, Freundschaften, Gedanken, Glaube

Was am Ende bleibt

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Die Scheibenwischer quietschen monoton den Novemberregen von der Scheibe. Draußen beugen sich die fast kahlen Bäume vor dunkler Nässe. Wir fahren Richtung Münster und ich trippele mit den Füßen vor Aufregung. Aus Gewohnheit blicke ich nach hinten, auf den Rückfahrersitz. Aber da ist niemand. Keiner, der wegen Hunger-Pipi-Durst-Langeweile bläkt. Nur wir zwei. Nicht in Mission „Eltern“. Sondern als Ehepaar. Das ist ungewohnt und ich freue mich auf einen Stadtbummel mit anschließendem Hotelaufenthalt irgendwo auf dem Land. Außerdem ist es Armins 40. Geburtstag. Wir müssen möglichst oft mit Sekt-Kuchen-Kaffee anstoßen. Weshalb wir auch nicht viel von Münster sehen werden, weil wir immer auf der Suche nach einem Café oder ähnlichem sind.

Ich nehme mein Uralt-Handy aus der Handtasche und blicke aufs Display. Eine SMS. Ja, Wahnsinn! Ich verschicke selten SMS. Ich bekomme selten welche. Meistens sehe ich sie eh erst ein, zwei Tage später (könnte ich das meinem 20-jährigen Ich erzählen!!). Ich vergesse immer, dass ich ein Handy besitze (vielleicht will ich mir bald auch wieder ein Telefon mit Wählscheibe anschaffen…wer weiß?).

Die SMS ist von einer Freundin, deren Mutter gerade irgendwo zwischen Leben und Tod schwebt. Vor wenigen Tagen war sie noch halbwegs gesund. Jetzt ringt sie um ihr Leben. Die SMS klingt nicht gut. Ich will anrufen. Aber dann traue ich mich nicht. „Ich will doch jetzt nicht stören.“ Armin meint trocken vom Fahrersitz: „Wenn alle ihre Freunde so denken, dann meldet sich niemand bei ihr.“ Also rufe ich an. Die Mama ist seit dem Vorabend tot. Wir weinen. Das Herz meiner Freundin ist eine klaffende Wunde. Ihr Schmerz quillt heraus, durchs Handy, in alle meine Fasern. Der Regen peitscht gegen die Scheibe.

Als ich auflege, hallen noch einige Worte meiner Freundin nach: „Mütter sind etwas Heiliges“ und „Es gibt ein zu Spät“. Ich blicke aus dem Fenster und spüre der Sperrigkeit dieses Tages nach. Da war Ärger am Morgen, weil das Kind nicht hörte. Und prickelnde Vorfreude über ein Wochenende nur für uns. Da wurde mit Sekt auf 40 Jahre Leben angestoßen. Hektik, als wir aus der Tür gingen. Zweisamkeit im Auto. Tränen über den Tod. Trauer mit der Freundin. Feiern mit dem Mann. Shoppen im Oxfam-Shop. Sterne-Menü und Barvergnügen am Abend.

Das Leben verläuft weder logisch noch linear, sondern es haut uns gerne alles auf einmal um die Ohren. Was heute noch sicher und selbstverständlich ist, wird morgen zertrümmert. Und was zertrümmert ist, setzen wir notdürftig wieder zusammen. Wir lachen laut, schluchzen auf, beten, fluchen, freuen uns unbändig, leiden stumm. Und das alles manchmal innerhalb weniger Minuten. Und es darf sein. Kein Entweder-Oder. Sondern ein Nebeneinander.

Das Leben ist chaotisch, auch wenn wir es noch so krampfhaft zu ordnen versuchen. Und dann wollen wir Antworten auf drängende Fragen, als ob diese Welt und wir Menschen uns nach logischen Grundsätzen richten würden. Warum ist die Mama meiner Freundin trotz so vieler Gebete nicht am Leben geblieben? Ich will eine Antwort und schüttele meine Faust Richtung Himmel.

Und gleichzeitig richte ich ein stummes „Danke“ Richtung Himmel. Für ein traumhaftes Ehe-Wochenende.

Gott bleibt stumm. Ist ok so. Nur hoffe ich, dass er bei meiner Freundin nicht stumm bleibt, sondern sie in einer Weise tröstet und ihr Hoffnung ins Herz pumpt, wie kein Mensch es kann.

Am Ende bleibt doch immer nur Gott.

2 Gedanken zu „Was am Ende bleibt“

  1. von Erich Kästner, aus der Gedichtreihe „Die 13 Monate“

    Der November

    Ach, dieser Monat trägt den Trauerflor.
    Der Sturm ritt johlend durch das Land der Farben.
    Die Wälder weinten. Und die Farben starben.
    Nun sind die Tage grau wie nie zuvor.
    Und der November trägt den Trauerflor.

    Der Friedhof öffnete sein dunkles Tor.
    Die letzten Kränze werden feilgeboten.
    Die Lebenden besuchen ihre Toten.
    In der Kapelle klagt ein Männerchor.
    Und der November trägt den Trauerflor.

    Was man besaß, weiß man wenn man´s verlor.
    Der Winter sitzt schon auf den kahlen Zweigen.
    Es regnet, Freunde, und der Rest ist Schweigen.
    Wer noch nicht starb, dem steht es noch bevor.
    Und der November trägt den Trauerflor.

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