Surfen

Ich sitze gestrandet in der Garage.

Wie konnte es soweit kommen, dass ich mich von einer Welle der Überforderung und Wut habe mitreißen lassen? Diese Welle hat mich heute morgen in eine wilde Brandung hineingerissen und schließlich gleichgültig auf dem harten Sand der Realität wieder ausgespuckt.

Ich sitze in meinem Auto und wünsche mir, dass ich den Morgen noch einmal zurückspulen kann. Zu dem Punkt, als unsere Familiengewässer heute früh noch ruhig dahinplätscherten.  Dann kamen verschüttete Milch, um Aufmerksamkeit buhlende Kinder, vergessene Brotdose, dreckige Küche, Wäscheberge, sich vor mir auftürmende Pflichten und ein kleiner Clinch mit meiner besseren Hälfte dazu. An manchen Tagen schaffe ich es wie ein Surfer auf solche Wellen aufzuspringen und über sie hinweg zu reiten, um hinterher erstaunt festzustellen, dass es gar nicht so schwer war.
Aber heute hat mich diese Welle aus Anforderungen überrollt. Ich merkte, wie mir die Luft im Hals stecken blieb und langsam der Ärger in mir hochkroch.

Anstatt geduldig zu reagieren, stimmte ich in den globalen Mütter-Frust-Chor ein: „Warum muss ICH immer allen hinterher räumen?? Ich hab es S.A.T.T.!“
Anstatt auf die Bedürfnisse meiner Kinder einzugehen, schmiss ich sie aus der Küche.
Anstatt ein paarmal tief einzuatmen und den Fokus auf gute Dinge zu legen, hielt ich die Luft an und knallte mit der Tür.

Ich habe meine Kinder zum Weinen gebracht und mein Mann war, glaub ich, heute früh mal zur Abwechslung froh, zur Arbeit gehen zu können.

Das fühlt sich mies an.

Anfang der Woche las ich eine Bibelstelle, die ich bisher immer überlesen hatte:

Im Gehorsam gegenüber der Wahrheit habt ihr eure Seelen rein gemacht, frei für die Liebe unter Brüdern und Schwestern, die keine Verstellung kennt; so liebt denn einander aus reinem Herzen, ohne nachzulassen! 1. Petrus 1, 22

Mir geht der Vers nach. Denn das ist es was ich unbedingt lernen will: Lieben – ohne Verstellung!

Anfang der Woche dachte ich, Gott fordert von mir, dass ich jeden Menschen aufrichtig gern haben muss. Völlig abgesehen von Sympathiewerten und eigener Befindlichkeit. Dieser Gedanke fiel mir schwer, denn aus mir selbst heraus KANN ich nicht immer 100% lieben. Und deshalb war ich heute morgen angesichts meines offensichtlichen Versagens umso frustrierter. Aber dann keimte folgender Gedanke in mir auf:
Hätte ich heute morgen die Zähne zusammengebissen, die über mir zusammenschlagende Welle ertragen, dann wäre das keine aufrichtige Liebe gewesen! Nicht meinem Mann, meinen Kindern und mir selbst gegenüber. Denn heute habe ich aber gelernt, dass Liebe ohne Verstellung auch Folgendes bedeuten kann:

Grenzen in Liebe und Klarheit ziehen
Eigene Bedürfnisse und Überforderung klar (und unhysterisch!) kommunizieren
Ärger und Wut im Gebet an Gott abgeben und um Liebe beten

Ich muss mich also denen gegenüber, die ich liebe NICHT verstellen!! Das ist unglaublich befreiend…

Gott bringt mir gerade soviel über Liebe bei. Und das ganz anders als ich dachte. Ich hatte gehofft, ich würde diese Woche auf einer Wolke aus Glückseligkeit und brennender Liebe dahin schweben. Stattdessen versuche ich die Wellen des Alltags zu surfen. Dabei schlucke ich viel Wasser, schlage hart auf dem Sand auf.

Aber ich gebe nicht auf, sondern wage mich wieder und wieder ins Meer des Lebens hinaus.

6 Kommentare zu „Surfen

  1. Hallo Veronika,

    vielen Dank für Ihren tollen und ehrlichen blog! Sie haben eine wunderbar mitreissende Art, über sich und Ihr Leben zu berichten… einfach wohltuend.

    Bin selber schwangere Mama eines fast 2-jährigen Sohnes, der gerade seinen Willen entdeckt und mich mit seinen Zornausbrüchen täglich an meine Grenzen bringt.

    Ihr blog ermutigt mich sehr oft! Danke!

    Ich wünsche Ihnen einfach alles Liebe… und dass Sie es immer öfter schaffen auf die Welle aufzuspringen und über sie hinweg zu reiten, und nicht überrollt zu werden!

    Liebe Grüße und Gottes Segen!
    Dagmar

    1. Hallo Dagmar,
      vielen lieben Dank für Ihr Feedback! Ich denke, es tut als Mama gut zu erleben, dass man mit seinen Gefühlen und mit seiner (zeitweisen) Überforderung nicht alleine ist. Das ist einer der Gründe, warum ich diesen Blog schreibe….Das Schreiben hilft zu reflektieren und somit gut über die Wellen des Alltags zu kommen 🙂
      Oh je Zornausbrüche kenne ich auch (von mir UND meinen Kiddies). Das ist wirklich anstrengend und fordernd! Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie durch diese Zeit getragen werden und immer wieder kleine Oasen im Alltag finden!
      Liebe Grüße
      Veronika

  2. Hallo Smoorbaer, gestern bin ich auf deinen Blog gestoßen und finde ihn sehr ermutigend und ehrlich. Ich bin zwar nicht mehr in der Kleinkindphase, kenne sie aber sehr gut. Gerne würd eich deinen Blog auf meinen (lebensart-ina.blogspot.com) verlinken. Wäre das i.O.? Ich finde es schön in den verschiedensten Lebensumständen auch das Leben mit Jesus zu beleuchten.
    Herzliche Grüße
    Ina

      1. Das freut mich. Dann wirst du in den nächsten Tagen auf meiem Blog erscheinen. Liebe Grüße und einen schönen Tag dir
        Ina

Kommentar verfassen