Alte Schätze neu gehoben

Ich war ein „armer“ Teenager. Verglichen mit anderen Kids bekam ich weniger Taschengeld und der Inhalt meines Kleiderschranks war übersichtlich. Völlig verständlich in einem landwirtschaftlichen Haushalt, in dem fünf Kinder großgezogen wurden. Ich kannte es nicht anders. Und wollte es auch nicht anders. Denn es gab so vielfältige Möglichkeiten, sein Taschengeld aufzubessern. Die allererste, zu der ich griff, war von Misserfolg gekrönt. Ich zog von Haus zu Haus, klingelte und versuchte mein wild klopfendes Herz zu beruhigen. Wenn sich die Tür öffnete, setzte ich mein mitleiderregendstes Gesicht auf und fragte schüchtern: „Haben Sie einen Job für mich?“ Ich dachte dabei an: süße Kälbchen füttern, Pferde spazieren führen und Hundebabies versorgen. Vielleicht hätte ich sogar den Abwasch gemacht. Aber soweit kam ich in meinen Verhandlungen gar nicht. Ich erntete jedes Mal schallendes Gelächter. Und ein gönnerhaftes Schulterklopfen. Das war alles. Der Arbeitsmarkt und ich waren geschiedene Leute. Ich wandte mich dem freien Handel zu. Besser gesagt: dem Flohmarkt. Zunächst durchstöberte ich mein Kinderzimmer, unseren Haushalt, die Scheune, den Dachboden. Kisten um Kisten füllten sich mit Geschirr, Büchern, Schallplatten und nutzlosem Dekokram. Es war die Zeit der Wende und die DDR-Bürger, die in den Westen strömten, überfluteten auch die Flohmärkte. Ich hätte nicht glücklicher in meinen kapitalistischen Bestrebungen sein können. Denn sie rissen mir selbst den hässlichsten Plunder aus der Hand, in der Hoffnung einen Hauch der westlichen Wohlstandskultur abzustauben. An manchen Tagen ging ich mit 300 Mark heim.

Heute befinde ich mich lieber auf der anderen, konsumorientierten Seite. Ich besuche Flohmärkte, scanne die Stände mit meinem Kennerblick, verhandle und schleppe Tüten voll herrlichem Plunder nach Hause. Ich liebe die Idee, dass nutzlos gewordene Dinge für einen anderen plötzlich wieder Wert gewinnen. Sie entrinnen ihrem Schicksal, auf dem Müll zu landen oder lebenslang in irgendwelchen Sperrmüllkisten ihrer wahren Bestimmung vorenthalten zu bleiben.

Am letzten – sehr heißen – Wochenende durchkämmten wir seit sehr langer Zeit mal wieder einen Flohmarkt. Ich war im Flohmarkt-Himmel! Und ich entdeckte ein paar Schätze, über die zwar mein Mann den Kopf schüttelte, aber denen ich nun liebevoll ihren Ehrenplatz in ihrem neuen Zuhause zugewiesen habe.

Ein Kommentar zu „Alte Schätze neu gehoben

  1. Reiche Ausbeute! Ich bin zwar überhaupt kein Flohmarktfan, aber habe anderswo meine „Macken“.

    Himmelsfliege

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