Die Party ist vorbei

IMG_6353Heute ist Aschermittwoch. Aber es fühlt sich an, als wäre bereits seit zwei Jahren Aschermittwoch, nicht wahr? Die Party ist vorbei. Ostern ist zu weit weg.
Ich wehre mich innerlich gegen neue Realitäten, stampfe einem Kind gleich mit dem Fuß auf, dem man sein Spielzeug weggenommen hat und pflege den naiven Wunsch, alles möge wieder gut sein.

Das ist es aber nicht. Und das war es auch noch nie. Wir gepamperten, weißen Mittelständler mit Bausparvertrag in der Tasche und Zweitwagen vor dem Haus erlagen einer Illusion, aus der wir nach und nach erschreckt aufwachen und Angst bekommen, Inflation und kriegerische Drohgebärden könnten unseren Wohlstand und damit unsere trügerische Sicherheit wegfressen.

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Ich bin sicher, du schleppst gerade dein eigenes Bündel an Gefühlswelten mit dir herum: Angst, Zorn, Unsicherheit, Traurigkeit, Sehnsucht, Verwirrtheit.

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Und vielleicht ist Aschermittwoch ja genau der richtige Tag, um diesen Gefühlen ihren rechtmäßigen Platz freizuräumen, sie anzuschauen und vor allem auszuhalten. Wir müssen sie nicht wegdrücken mit noch mehr Geschäftigkeit oder dem dritten Gläschen Wein oder der Pralinenschachtel. Alles hat seinen Platz und seine Zeit.

Und nun ist eben die Zeit der Reue und des Fastens. Worte, vor denen ich intuitiv zurückschrecke. Ich liebe mein Netflix und die Schokolade und das Verdrängen.

Zwei Jahre lang setzte ich mit der Fastenzeit aus: „Hey, ich muss schon auf so vieles verzichten, ich muss nicht noch künstlich etwas draufpacken!“

Aber nun bedeutet sie mehr als nur eine fromme Pflichtübung, mehr als nur der Hintergedanke, man könne mit Süßigkeitenverzicht ein paar Kilos loswerden, mehr als nur eine feine kleine Frühjahrskur fürs eigene Gemüt.

Diesmal ist die Fastenzeit eine Solidaritätsbekundung. Mit dem Mitmenschen, dem – egal wo auf der Welt – sein Recht auf Sicherheit, Wasser, Essen und Leben gewaltsam entrissen wurde. Mein Verzicht macht die Welt nicht zu einem besseren Ort, aber er schärft mein Bewusstsein, drängt mich zum Gebet.

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Weißt du, was mir gerade sehr zu schaffen macht?

Es ist die Gleichzeitigkeit des Lebens. Ich stehe auf, koche mir Kaffee, schicke meine Kinder zur Schule und gehe meinen Alltagsarbeiten nach. Und abends lege ich mich müde in mein warmes Bett. Schlafe sieben Stunden ohne Unterbrechung.

Und in Kiew hausen Menschen in U-Bahn-Schächten.

Im Jemen sind 13 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht.

Im Nordosten Syriens bringt der IS weiteres Leid über die geplagten Menschen.

Während ich Hochbeete für meine Eltern baue, zerstören Bomben tausend Kilometer von hier Heimaten.

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Während ich den Geburtstag meines Vaters im Kreis der Familie feiere, werden an der polnischen Grenze Familien auseinandergerissen.

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Während ich meinen Einkaufswagen im Supermarkt bis an den Rand mit Lebensmitteln fülle, halbiert die Welthungerhilfe die Rationen für die ausgehungerten Menschen im Jemen.

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Während ich mit meinen Kindern vor dem warmen Ofen Twister spiele, gehen Kinder in syrischen Lagern auf die Suche nach Feuerholz.

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Fasten ist wie eine unsichtbare Brücke. Zwischen meiner Normalität und dem Leid. Es macht mich durchlässiger. Es ist ein Auf-die-Knie-gehen. Sich auf Augenhöhe mit dem Leid Christi zu begeben. Und damit mit dem Leid des Nächsten.

Und vielleicht können wir nicht nur etwas weglassen in der Fastenzeit, sondern auch etwas neues einüben?

Spenden*. Gastfreundschaft. Gebete. Trotzige Hoffnung. Meditation. Erbarmen.

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Ich möchte in diesem Jahr jeden Tag das Nagelkreuzgebet von Coventry beten.
Machst du mit?

Alle haben gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten. (Römer 3, 23)

Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse,

Vater, vergib.

Das Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr Eigen ist,

Vater, vergib.

Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet,

Vater, vergib.

Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der Anderen,

Vater, vergib.

Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge,

Vater, vergib.

Die Gier, die Frauen, Männer und Kinder entwürdigt und an Leib und Seele missbraucht,

Vater, vergib.

Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott,

Vater, vergib.

Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem anderen, wie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus. (Epheser 4, 32)

*Jemen: Welthungerhilfe
Ukraine: Diakonie Katastrophenhilfe
Syrien: Welthungerhilfe

**Nach der Zerstörung der Kathedrale von Coventry (Großbritannien) am 14./15. November 1940 durch deutsche Bombenangriffe ließ der damalige Dompropst Richard Howard die Worte „Vater vergib“ in die Chorwand der Ruine meißeln. 

Diese Worte bestimmen das Versöhnungsgebet von Coventry, das die Aufgabe der Versöhnung in der weltweiten Christenheit umschreibt. Das Gebet wurde 1958 formuliert und wird seitdem an jedem Freitagmittag um 12 Uhr im Chorraum der Ruine der alten Kathedrale in Coventry und in vielen Nagelkreuzzentren der Welt gebetet.

12 Kommentare zu „Die Party ist vorbei

  1. Danke für diesen wundervollen Post! Ich bete mit, ich leide mit, und ja, die Gleichzeitigkeit des Lebens. Während andere ein Haus verlieren, bauen wir eines auf… Vater, vergib.

  2. Ich bin so fassungslos…wütend… enttäuscht.
    Hier in meinem Bett Long Covid – trotz aller möglichen Impfungen, Hygieneregeln usw.

    Dort diese bösartigen Bomben, die vernichteten Leben und Existenzen, der Hass, die Lügen, die Machtgier…

    Gestern der neue IPCC-Bericht. Katastrophal.
    Und alle Meere dieser Welt sind schon mit Plastik verseucht….

    Wo ist er denn, der Gott mit der starken, helfenden, heilenden Hand?
    Worauf wartet er, seit 2000 Jahren?

    Wir schaffen es nicht, die Welt gut zu machen und Frieden zu erhalten. Das Böse ist immer so viel mächtiger.
    Gott hat versagt mit seinem Liebes-Reich. Wir versagen täglich mit unseren kleinen Liebes-Bemühungen. Und die Welt geht vor die Hunde. Immer und immer wieder.
    Worauf wartet er, seit 2000 Jahren?
    Wann kommt sie denn endlich, die Auferstehung?

  3. Lieben Dank für deine Worte und das Gebet aus Coventry,ich stand schon dort in der ausgebombten Kathedrale und las ‚Vater vergib ‚und damit waren wir Deutschen gemeint!!
    Ja,ich werde das auch beten in der Fastenzeit ,
    Elisabeth,

  4. Ich danke dir für diesen wunderbaren Blogpost. Auch mir ging es heute am Aschermittwoch so – ich „faste“ doch schon seit zwei Jahren! Warum jetzt noch eine Bürde mehr aufladen? Deine Worte haben mich aufgerüttelt. Ich nehme sie mir zu Herzen und nutze die Fastenzeit um an Menschen zu denken, die so viel mehr Leid ertragen müssen, als eine wegen Corona geschlossene Kita. Danke fürs Erden!

  5. Irgendwie bin ich aktuell raus aus dem Beten. Dass es irgendwo eine*n Gott geben soll, die sich für uns interessiert, kommt mir über die Jahre immer unwahrscheinlicher vor. Und ich beneide euch so sehr, dass ihr Vertrauen habt und glaubt.

    1. Ich versteh dich so gut. Von meinem Glauben sind auch nur noch Fetzen übrig, das Vertrauen brüchig geworden. Aber ich denke: Ganz ohne kann und will ich nicht. Was hält dann noch?

      1. Ja, das frag ich mich auch. Was hält dann noch? Irgendwie geht’s. Und mir hilft mein Wissen, dass auch wieder andere Glaubensphasen kommen werden. Wahrscheinlich.

  6. Ich leide mit mit jeder, jedem mit, der an dem zerbricht, was uns Religion, Erfahrung und Tradition über Gott erzählt. Und ich kann nur sagen, dass sich das Weitersuchen, das Dranbleiben an Jesus lohnen, er ist so viel besser und schöner und kostbarer als wir uns ihn so oft in unseren von Religiosität verworrenen Herzen ausmalen!
    „„Das Evangelium ist Gottes Kraft zum Heil jedem, der glaubt.“ (Rö 1,16) Wenn der Glaube kein Heil bewirkt, müssen wir der Wahrheit ins Gesicht blicken: entweder ich glaube der Wahrheit nicht oder das, was ich glaube, entspricht nicht der Wahrheit.“ Das ist ein Zitat aus dem Buch „Das Evangelium des Friedens“ von James B. Richards. Ich bin dabei, mein immer mal wieder verworrenes Herz zu überzeugen. Ich sage ihm wieder und wieder: „Lass dich von der Wahrheit überzeugen, denn nur die Wahrheit macht frei! Wenn du dich unfrei fühlst, suche dich Wahrheit weiter. Wenn du sie gefunden hast, beginne sie zu glauben.“
    Was Jesus am Kreuz vollbrachte, ist dabei der Dreh- und Angelpunkt. Der folgende Text bringt das ganz gut zum Ausdruck:

    https://www.der-neue-bund.de/liebes-herz-lass-dich-von-der-wahrheit-ueberzeugen/

  7. Du hast mit deinem Bloggpost meine innere Zerrissenheit in Worte gefasst. Vielen herzlichen Dank dafür! Wie kann ich Frühlingsdeko aufstellen, während andere ihre Häuser fluchtartig verlassen müssen. Ferien planen, während andere nicht einmal Geld für das Notwendigste haben, etc. Es gibt so viele Ungerechtigkeiten. Du hast recht, wir können beten, Anteil nehmen, spenden, Nächstenliebe leben und wer mag, auch fasten. Vor allem können wir immer wieder die Nähe Gottes suchen und in unserem Alltag, in unserem Umfeld versuchen, Liebe weiterzugeben, uns gerecht verhalten, verständnisvoll und nicht verurteilend zu sein. Und uns trotz all der Zerstörung auf dieser Erde und all dem Bösen, auch bewusst an all dem Schönen freuen und dafür dankbar sein. An Kinderlachen, der erwachenden Natur, dem Sternenhimmel, unserem gemütlichen Zuhause, unseren Freunden, unserer Familie. Liebe, Glaube, Hoffnung, daran will ich festhalten. Zur Zeit hat die Hoffnung einen viel grösseren Stellenwert, nein, überhaupt erst eine Bedeutung bekommen.

  8. Das mit der Gleichzeitigkeit beschreibst du so gut! Und ich musste dabei an einen deiner letzten Posts in der Story bei Insta denken, wo einer twitterte, dass es ihm peinlich wäre, wenn er vor paar Wochen wegen Grundrechten / Demokratie auf die Straßen gegangen wäre (oder so in der Art). Auch hier in unserem Land möchten wir in einer wahren Demokratie leben und die fängt im Kleinen an. Ist das demokratisch, wenn der BKK Vorstand gefeuert wird, weil er von höheren Impfnebenwirkungen-Zahlen spricht? (Aktuell in der Berliner Zeitung).
    Ich schätze dein reflektiertes, differenziertes Schreiben sehr – und vermisse es beim C. – Thema. Ich kann verstehen wenn Du angetriggert bist von den radikalen evangelikalen Impfgegenern. Nur sind es noch viele andere Menschen, die ehrlich bemüht sind, differenziert und mit gesundem Menschenverstand zu reflektieren. Die Wahrheit ist nicht schwarz- weiß. Brückenbauer braucht die Welt und Menschen, die nicht spalten. Das habe ich bei manchen Posts zu diesem Thema von dir vermisst.

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