Alltagsritt

IMG_2021Der Anfang ist schwer. Mein Kind holpert im Sattel auf und ab als sei es ein willenloser Spielball höherer Gewalt. Sich auf ein Pferd einlassen ist eine beängstigende, den Bauch und Kopf aufwühlende Sache, die mit Geduld und Durchhaltevermögen zur Herzenssache wird. Auch in der zweiten und dritten und vierten Stunde holpert das Kind, findet beim Trab nicht den Rhythmus des Pferdes, knallt mit dem Hinterteil immer wieder schmerzhaft in den Sattel. Beim ersten Galopp fällt das Kind in den weichen Sand. Mit weit aufgerissenen Augen steht es auf, klopft sich den Sand vom Hosenboden und geht entschlossen auf das Pferd zu, nimmt es am Zügel und schwingt sich wieder auf seinen Rücken. Seine Hände zittern leicht. Weiter gehts. Nach dem Runterfallen soll man ohne Nachdenken sofort wieder aufsteigen.

Alte Reiterweisheit.

Nun reiten beide Kinder seit einem Jahr. Sie haben sich durchgebissen. Durch unfreundliche Reiterställe (warum sind alle Reiterställe unfreundlich -ist das ein Qualitätsmerkmal, welches ich nicht kapiere???), das Gewirr von Trensen und Martingals und Sattelgurten und tausend Misserfolgen. Weil sie es lieben, den Pferdegeruch, die wuscheligen Mähnen und der Wind, der ihnen beim Galopp um die Nase weht.

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Der September ist der Monat, in dem ich jedes Jahr unseren neuen Rhythmus finden muss. Dieses Jahr war er besonders wild, gebärdete sich unfreundlich, warf mich mehrmals ab und ich fand mich wieder auf meinem Hosenboden, verwirrt und zornig. Und dann wieder kam er versöhnlich auf mich zugetrabt und wärmte mich.

Unsere Große kam auf die weiterführende Schule im Nachbarort. Das bedeutete für alle eine gewaltige Umstellung. Ganztagsschule. Ein müdes Kind, das sich mit allen Kräften bemüht, sich an der neuen Schule gut einzuleben. Ein Geschwisterkind, das mittags ihre Spielkameradin vermisst. Ein Wochenplan, der völlig neu ausgetüftelt werden will und weil er nicht mehr funktioniert wie vor den Ferien, miste ich ihn aus. Damit Raum zum Leben bleibt. Damit wir einen Rhythmus finden, bei dem wir nicht schmerzhaft aneinanderknallen. Ich möchte nicht jeden Morgen mit dem Gefühl aufstehen, dass uns ein weiterer Tag völlig überwältigen wird (Und natürlich gibt es solche Tage, darf es auch geben, aber sie sollen nicht die Mehrheit ausmachen).

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Wir haben unseren Rhythmus nun gefunden und schwingen mit. Gelegentliche Bocksprünge bleiben nicht aus. Aber es bleibt Zeit zum Bauen von Baumhäusern, für Teestunden und Skateboardrunden, zum Kochen von Apfelmus und zum Feiern eines 45. Geburtstages.

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Wie oft wirft uns das Leben in den Sand. Manchmal müssen wir eine Weile liegenbleiben. Da wäre die alte Reiterregel vom sofortigen Aufsteigen falsch verstandene Tapferkeit und der Tassenspruch „Aufstehen, Krone richten, weitergehen“ ein zu kleines Pflaster für eine zu große Wunde.

Aber auf unseren ganz normalen Alltag dürfen wir aufsteigen, unseren Rhythmus finden und wenn es an allen Ecken und Kanten klemmt, müssen wir kurz nochmal absteigen, nachjustieren, die Zügel lockerlassen und dem Alltag Zucker geben.

PS: Diese Woche bin ich in der Schweiz. Wenn du Zeit hast, dann komm nach Winterthur oder Zürich – ich freue mich, dich dort zu sehen!

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3 Kommentare zu „Alltagsritt

  1. Wo habt ihr denn einen freundlichen Reitstall gefunden? Suche schon seit einem Jahr die unsre Tochter und hab das gleiche Gefühl…
    Gerne eine Privatmail an mich.
    Liebe Grüße, Mona

  2. Hallo Veronika

    Ich kann gut mit Dir mitfühlen, unsere Älteste ist auch in die 5.Klasse und damit Ganztagsschule gekommen. Dein Vergleich mit dem reiten passt auch bei uns.
    Vielen Dank für deinen Impuls.
    Liebe Grüße von Christina aus Ditzingen im Schwabenländle.

  3. Wahrscheinlich sind die Reitstallleute unfreundlich, weil sie wissen, dass es ohnehin genug Pferdemädchen gibt und es nicht schlimm ist, wenn sie ein paar Eltern vergraulen.
    Allerdings hat das nix mit Kundenfreundlichkeit zu tun …

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