Familie, Gedanken, Glaube

Was Anne Frank mit meinem Leben zu tun hat

Ich habe heute morgen dieses Kapitel ausgegraben, das ich ursprünglich für „Heiliger Alltag“ schrieb. Es schaffte es aber nicht ins Buch. Ich hole das Kapitel aus der Mottenkiste und lüfte es hier. Es passt gerade so gut zu meinem Leben!
Mach dir eine Tasse Kaffee und nimm dir 15 Minuten Zeit. Das hier ist ein bisschen länger als meine üblichen Blogeinträge….

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„O ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will den Menschen, die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.“ – Anne Frank, Tagebucheintrag, 5. April 1944

Auf dem Schreibtisch stapeln sich Papiere, mein neues Buchprojekt verläuft schleppend, in meiner Inbox stauen sich unbeantwortete Emails, von denen ich sicher einige wieder übersehen werde, die Steuererklärung ist überfällig und das Katzenklo ist voll. Ich bin ein bisschen gelähmt angesichts des Arbeitsbergs. Soll ich den Anfang wagen oder einfach alles am Besten anzünden? Die Versuchung ist groß. „Mamaaaaa, ich will heute das blaue Shirt nicht anziehen, das ist doof!“ reißt mich meine  Tochter aus meinem Kopfkino. Seufzend zwinge ich mich dazu, ihr geduldig und liebevoll zu begegnen. „Komm, wir schauen mal nach, was dein Kleiderschrank hergibt.“ Ich öffne ihn und mir fällt ein Kleiderberg entgegen. Zeit, mal wieder auszumisten.

 

Am besten fange ich mit einer Tasse Kaffee und einer Runde Facebook an. Sozusagen als Aufwärmrunde vor der Bergbesteigung. Mein Kaffeekonsum ist dieser Tage Mount-Everest-mäßig. Am liebsten würde ich mir den ganzen Tag Katzenvideos auf Youtube ansehen und Schokoriegel futtern. Meine Kinder wären davon begeistert und ich wäre eine Weile die coolste Mutter auf Gottes Erdboden. Nach einer Stunde im Internet und nach dem dritten Kaffee fühle ich mich null aufgewärmt, sondern nur sehr müde. Ich schleppe mich auf meinen Arbeitsberg, der dummerweise in der Zwischenzeit nicht kleiner geworden ist.

Mein Alltag fühlt sich zur Zeit  so grau und unbedeutend an. Ich sehe nichts von Gottes Großartigkeit, keine Durchbrüche, kein grandioses Wachstum, kein Erleben. Das heiligste an mir ist momentan nur die hübsche Anstecknadel, die ich zur silbernen Konfirmation stolz entgegen genommen habe.

Ich zwinge mich jeden Tag zu schreiben. Gerne würde ich über etwas Großes schreiben. Stattdessen schreibe ich auf, dass ich müde und zornig bin, wo ich scheitere und wo ich Erfolg habe, was meine Kinder gesagt haben und dass mein Mann mich angelächelt hat, dass ich Apfelgelee gekocht habe und bald der erste Schnee fällt. Und dass ich dann im Garten einen Schnee-Engel machen werde.

Wenn ich dann lese, was ich geschrieben habe, schäme ich mich und mir wird dabei ein wenig schlecht. Klein, belanglos, klingt mein Leben. Scham. Sie steuert soviel von mir. Sie hat mich früher dazu bewegt, Seiten aus meinen Tagebüchern herauszureißen. Die Teile meines Lebens, die nicht meinen Idealen entsprachen, musste ich löschen.

Manchmal verbringen mein Mann und ich einen kompletten Tag in Amsterdam. Die Eltern meines Mannes wohnen an der niederländischen Grenze in einem typischen Backsteinhaus. Wenn wir sie besuchen, parken wir unsere Mädchen bei ihnen und fahren weiter Richtung Amsterdam. Dann drehen wir die Musik, die WIR mögen, im Autoradio bis zu äußersten Lautstärke auf, singen laut anstößige Lieder mit und futtern Schokolade, ohne dass wir sie mit gierigen Kindern teilen müssen. Das Leben kann so schön sein.

In Amsterdam werden wir immer ein wenig unvernünftig. Das liegt vielleicht an der Cannabis-geschwängerten Luft und den lockeren Sitten. Wir parken in der Innenstadt, wohlwissend, dass wir dafür ein Vermögen zahlen müssen. Und dann stopfen wir uns voll mit Strop-Waffeln, indonesischer Rijstafel und Chocomel. Nach einer Stunde in Amsterdam ist uns immer schlecht. Die Übelkeit kompensieren wir mit noch mehr Geld-Rausschmeißerei. Ich kaufe mir schrille Kleidung auf dem Flohmarkt, die besten Pralinen der Welt in der Staalstraat, Tulpenzwiebeln auf dem Blumenmarkt und Rembrandt-Playmobilfiguren. „Jetzt hab ich ein schlechtes Gewissen. Wir haben uns überfressen und eine Menge Plunder eingekauft. Wir sollten wenigstens noch ein bisschen Kultur machen“, ermahne ich uns beide. Ein Van-Gogh-Gemälde zu betrachten würde den luxuriösen Trip nach Amsterdam wenigstens ein bisschen rechtfertigen.

Aber Kunstmuseum erscheint uns zu anstrengend. Das Anne-Frank-Haus jedoch, das wollen wir uns ansehen. Ich kenne den Weg dorthin auswendig, durch einige kleine Gassen, über die Herengracht und Keizersgracht. Kreischende Möwen schweben über unseren Köpfen. Vorbei an jahrhundertealten Herrenhäusern. Durch die Grachten weht eisiger Wind. Und dann biegen wir in die Prinsengracht ein. Die Schlange vor dem Anne-Frank-Haus reicht bis zur Westerkerk, die Kirche, deren Glocken Anne Frank in ihrem Tagebuch beschrieb.

Mit 14 Jahren las ich zum ersten Mal das Tagebuch der Anne Frank. Im Anschluss begann ich sofort wieder von vorne und las es noch fünf weitere Male. Ich war ein von extremen Stimmungen geplagter Teenager und fühlte mich zum ersten Mal verstanden. Annes Worte sanken in mein Herz und beruhigten dort einen sehnsüchtigen Winkel. Ich war nicht wie Anne eingesperrt, ich musste mich nicht vor einem Feind verstecken. Aber ich war auf andere Weise eingesperrt, in einem Körper, den ich nicht mochte, in einem Wesen, das ich nicht sein wollte.

Jedes Mal hoffte ich, das Buch würde anders ausgehen. Dass es nicht mit dem 4. August 1944 endet, sondern damit, dass Anne den Krieg überlebt und sich ihren Traum erfüllt und als Schriftstellerin nach Paris geht. Ich bewunderte ihre Schreibgabe. Anne inspirierte mich, Tagebuch zu schreiben. Ich schrieb und schrieb.  Und dann riss ich Seiten raus, weil sie dem Vergleich nicht standhielten, weil ich mich für meine Alltäglichkeiten schämte. Meine Sehnsucht nach Gesehenwerden und Anerkennung verhallte unbeantwortet auf den Seiten meines eigenen Tagebuchs.

Wir bewegen uns stumm durch das Anne-Frank-Haus. Ich weine seit dem Betreten, es herrscht eine eigenartige Schwermut. Ich bin kein Teenager mehr, sondern Mutter. Und ich nehme Anne Frank nicht mehr als Gleichaltrige wahr, sondern aus der Mutter-Perspektive. An der Wand entdecke ich Bleistift-Markierungen. Margots und Annes Wachstums-Schübe, aufgezeichnet vom Vater. Bis sie nicht mehr weiter wachsen durften. Ich weine immer noch, als wir nach dem Rundgang durch das Versteck im Hinterhaus eine Multimedia-Show ansehen. Wegbegleiter Annes und berühmte Persönlichkeiten äußern sich zu ihr. Nelson Mandela erzählt, dass viele Häftlinge auf Robben Island Annes Worte gelesen hatten und neuen Mut schöpften.

Und meine Lieblingsschauspielerin Emma Thompson sagt in einer bewegenden Rede:

“All her would-haves are our opportunities.”

(Alle ihre potenziellen Möglichkeiten sind unsere echten Möglichkeiten)

Dieser Satz bleibt hängen. Ich kaufe mir eine Postkarte mit einem Bild von Anne und ihrer Schwester Margot. Das hänge ich mir daheim auf und schreibe darunter: „All her would-haves are my opportunities.“ Mein Alltag fühlt sich wieder bleiern an, wie schon vor unserem Amsterdam-Trip. Belanglose Tage reihen sich aneinander. Und dann sehe ich mir die Postkarte an. Wie viele von Annes Teenager-Tagen fühlten sich unwichtig und wie eine endlose Warterei an? Sie schrieb sie alle nieder und Gott nahm ihre Worte und schlug sie der Welt um die Ohren. Als Offenbarung, dass kein Leben zu klein, zu unbedeutend und wertlos ist. Als Beweis, dass in den verstecktesten Winkeln unseres Lebens Schönheit und Hoffnung zu finden sind. Als Aussicht auf unsere Möglichkeiten, die sich jeden Tag vor uns ausbreiten.

Im Gegensatz zu Anne darf ich in die Welt hinausrennen und meinen Mund weit aufreißen: „Ich liebe dich“ und „Ich bin dagegen“ und „Ich komme dich besuchen“ und „Ich will für Gerechtigkeit aufstehen“ und „Das machen wir jetzt“. Ich muss nicht flüstern, mich verstecken und meine Träume unterdrücken. Ich darf laut singen, lachen, schreien, heulen, planen. Ich darf jüdische und muslimische und atheistische Freunde haben und mit ihnen gemeinsam Essen teilen. Ich darf meine Gedanken öffentlich niederschreiben und die größte Angst ist die, eine schlechte Rezension zu erhalten.

Ich kann heute Morgen aufstehen und mit Gott reden. Ich kann die Waschmaschine anstellen, den Kühlschrank öffnen, Brot auf den Tisch stellen und meine Kinder wecken. Ich kann mit meinen Mädchen den pinken Morgenhimmel anschauen und sie dann zur Schule schicken. Ich kann meine Haare kämmen und dabei graue Strähnen entdecken. Ich darf heute einen Tag älter werden. Ich darf laut Musik hören und dabei Gemüse im Garten pflanzen. Ich darf Betten machen, die noch warm sind. Ich darf mit meiner Mutter, meinem Mann, meinem Nachbarn reden. Ich darf den Fernseher anschalten und für Beirut, Paris und Nigeria beten. Ich kann per App Geld spenden und Kleidung für Flüchtlinge sammeln. Ich darf reinen Wein einschenken und Essen kochen. Ich darf Kind Gottes sein und darüber reden. Ich darf meinen Mann küssen und meine Kinder nachts zudecken.

Unser Leben mit all seinen Möglichkeiten ist bereits ein heiliges Geschenk und wir müssen es nicht künstlich mit Bedeutung aufladen. Eugene H. Peterson sagt dazu: „Der biblische Glaube hat wenig Toleranz für „Große Ideen“, „grandiose Wahrheiten“ oder „inspirierende Gedanken“ abgetrennt von den Menschen und Orten an denen sie sich zutragen. Gottes große Liebe und seine Absichten mit uns werden hineingearbeitet in das Durcheinander, die Stürme, die Sünde, den blauen Himmel, den Alltag, in die Sehnsüchte unseres gewöhnlichen Lebens.“ (frei übersetzt aus The Message)

Die Postkarte hängt jetzt, ein halbes Jahr später, immer noch an ihrem Platz. Im Flur, wo ich täglich hundert Mal dran vorbei gehe. Und manchmal bleib ich bewusst stehen, schaue die Karte an. Annes Blick richtet sich zur Seite, in die Ferne. Das Kinn gereckt. Zu dem Zeitpunkt der Foto-Aufnahme ist sie noch frei. Wenige Monate später wird sie ein eingesperrtes Mädchen mit Stift und Tagebuch in der Hand sein. Zwei Jahre später wird sie in Bergen-Belsen sterben und in ein Massengrab geworfen werden. Eine Mahnung an mich, eine gereckte Faust in den Himmel.

„Ich will fortleben, auch nach meinem Tod“, schrieb Anne ein Jahr vor ihrem Tod in ihr Tagebuch. Diese Worte drücken eine Sehnsucht aus, die wir alle in uns tragen. Wir wollen etwas Größeres, Besonderes. Im Hier und Jetzt gibt es das aber nicht abgetrennt von unserem Leben. Das Große und Besondere kommt daher im Alltagsgewand. Still und leise. Anne schrieb einmal darüber, wie sie aus dem Dachfenster einen blühenden Kastanienbaum betrachtete. Es war eine so alltägliche, nebensächliche Sache, die Anne aber mit Leben und unbändiger Sehnsucht füllte. Ich stelle mir vor, wie sie ihre Hand ausstreckte und den Drang verspürte, nach draußen in den luftigen Mai-Tag zu rennen und unter dem Baum zu tanzen.

Das letzte halbe Jahr habe ich alles aufgeschrieben. Meine Stürme, meine Sünden, über den blauen Himmel und meinen Alltag, meine Sehnsüchte. Ich will lebendig sein, denn ich habe nur dieses eine Leben. Und Gott webt seine Liebe, seine Absichten, seine Möglichkeiten hinein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

8 Gedanken zu „Was Anne Frank mit meinem Leben zu tun hat“

  1. Danke für diese berührenden und wertvollen Zeilen! Mein Alltag als Mama von drei Kindern fühlt sich gerade auch sehr unbedeutend und monoton an. Damit hadere ich immer wieder. Deine Worte haben mir geholfen, meinen Blickwinkel zu ändern und auf Gottes Spuren in meinem Mama-Alltag zu achten.

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  2. Und wieder sitze ich hier und darf deine guten Gedanken konsumieren. Du hast recht, wir sind Previligierte, Beschenkte. So frei, binden wir uns immer wieder eigene Alttagsfesseln, gewebt aus Trägheit, mit denn Gefühl das Dinge nicht so laufen, wie sie sollten. Dabei übersehen wir, dass wir handeln können, das es uns bei genauerem Hinsehen gut geht, das der Blickwinkel des Betrachtens nur hin und wieder verschoben werden muss. Manchmal durch Menschen wie Anne Frank, manchmal durch Dinge die einfach so in unser Leben einschlagen, vor allem aber immer durch Gebet.

    Ich danke dir!

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  3. Liebe Veronika,
    Letztens las ich ein Buch über das Thema „Scham“ („Tired of trying to Measure up“ von Jeff van Vorderen). Dein Text hat mich sehr daran erinnert. Die Lähmung, nicht allem gerecht zu werden, viel zu wollen und sich zu verurteilen wenn man es nicht schafft. Darüber zu vergessen, dass man Gottes geliebtes Kind ist und ER unsere wahre Identität stiftet. Die uns der Teufel immer wieder zu stehlen versucht. Viel Kraft und Gottes Segen für deinen weiteren Weg!

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