Bilder, Familie, Wochenende

Wackliges Wochenende

Ich wollte euch einen polierten Blogeintrag zu unserer alljährlichen Herbstparty präsentieren. Bilder und Worte hatte ich bereits im Kopf geformt. Alles säuberlich verpackt mit einer hübschen Schleife rum. Blog-, Instagramm- und eitelkeitstauglich.

Aber die Wahrheit war chaotisch, durcheinander, unpoliert. Bitteschön:

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Die Kleinen fanden die Party super und waren mit großem Feuereifer dabei. Egal ob Zimtschneckenessen, Geländespiel und Kürbischnitzen.

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Die Größeren hingegen machten einen auf dicke Hose und Krawall. Grollend dachte ich: Wo sind denn die 10-jährigen hin, die handzahm und süß sind? Stattdessen hatte ich da so ein paar rotzige Exemplare, von denen eins auch noch sein Handy zückte und alle anderen in dessen Bann zog.
Ich: „Was guckt ihr da?“
Rotzige Möchtegernteenies: „Tik Tok.“
Ich: „Was ist denn Tik Tok?“
Rotzige Möchtegernteenies: „Hahaha, du weißt nicht was Tik Tok ist? Hahahaha. Boah!“ Ich, die uncoolste Mutti der Nation: „Legt das Handy weg.“
Und das, obwohl ich noch vor 20 Jahren jeden Hiphoptext hiphoppen konnte. Wenn die das wüssten! Aber sie würden mich ja noch mehr auslachen, wenn ich ihnen mit Salt ’n Pepa oder Tupac käme.
Ich war frustriert. Sauer über schlechtes Benehmen. Über Respektlosigkeiten mir gegenüber. Und das hat meine Freude an der ganzen Sache getrübt.

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Am Abend war ich dann dermaßen platt und motzig, dass ich – kaum war Armin zur Tür rein – ihm in die Arme fiel und ihn gleichzeitig boxte. Die Dramaqueen in mir hatte das Ruder übernommen. Sie kann das gut. Sich in etwas reinsteigern. Nur noch die Haare in der Suppe zählen. Apropos Suppe. Da war noch was mit Kürbissuppe, bei der besagte 10-jährige Würgegeräusche von sich gaben und ich sie am liebsten ohne Essen raus in den Regen gestellt hätte.

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Der nächste Tag brachte meiner düsteren, geknickten Stimmung keine Besserung. Jede kleine Kleinigkeit brachte mich zu Überschäumen. Zuviele Menschen, zu viele Streitigkeiten, zuviele Worte, zuviele Emotionen. Ich merkte: Die letzten Wochen waren voll gepackt und nun bekam ich die Quittung: Einen emotionalen Absturz. Das Crescendo folgte am Abend und die  halbwegs schlaflose Nacht füllte ich mit vielen wütenden Gebeten, mit denen ich rachedurstigten Psalmisten Konkurrenz machte. Seit Monaten und Jahren bete ich nämlich für eine Sache, in der Gott schweigt. Nicht eingreift. Und gestern Nacht ist mir einfach mal ganz groß der Kragen geplatzt. Ich möchte mit Gott streiten können, ihm sagen, was ich von seinem Nichthandeln halte. Mich an ihm abarbeiten und dann doch am Ende heulend in seine Arme sinken. Wohin sonst soll ich denn gehen?
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Der Sonntag begann mit dunklem Regen. Vor unserem Schlafzimmerfenster beugten sich die Bäume, Blätter wirbelten durch die Luft. Mein Lieblingswetter, das mich sonst immer in Hochstimmung versetzt. Aber nicht heute. Ich kam kaum aus dem Bett, war so bedrückt und weinerlich wie lange nicht mehr. Am liebsten hätte ich mit der ganzen Welt einen Streit vom Zaun gebrochen. Amelie wollte so gerne mit mir lesen. Ich schickte sie weg. Und fühlte mich als Versagerin.
Lange Zeit saß ich vor dem Fenster und sah der Welt zu, wie sie sich vom Licht verabschiedete. Dann schlief ich nochmal zwei Stunden.
Das Gute an meinen depressiven Schüben ist: sie dauern nie besonders lange. Nachmittags hob sich bereits die schwere Gefühldecke, die mich die letzten Tage fast erstickt hatte und ich konnte wieder atmen. Ein bisschen lächeln. Mit den Kindern basteln. Musik machen. Ihnen ihr Lieblingsessen kochen.

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Nun lade ich gerade die Bilder des Wochenendes herunter. Bild für Bild zeigt mir, dass mitten in meinem ersten persönlichen Herbststurm auch so viel Gutes war. Kinderlachen. Genuss. Wärme. Zusammensein. Kreativität. Schönheit. Das eine ist nie so ganz ohne das andere. Blicke ich durch den Sucher meiner Kamera, dann blende ich alles aus, und sehe nur dieses kleine Viereck. Diesen kleinen Moment im Lauf der Zeit. Ich friere ihn ein. Konserviere ihn wie den Geschmack meiner eingeweckten Birnen, die den Sommer in sich tragen und die ich an kalten, dunklen Wintertagen öffne, um mich an die Sonne zu erinnern und uns satt zu machen.

 

9 Gedanken zu „Wackliges Wochenende“

  1. Liebe Veronika. Es ist so schön von dir zu lesen. Wenn du über deine Gefühlswelt, dein inneres Chaos, deine Freuden schreibst, fühle ich mein innerstes Erleben so in Worte gefasst. Ich finde mich darin dabei immer wieder, fühle mich verstanden. Vielen Dank dafür. Und ich bin so froh und dankbar, dass ich damit nicht allein bin.

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  2. Veronika, aber mir hast Du gerade eine Riesenfreude gemacht. Denn ich sehe, dass Du meine Naturschatzsuche von 2013 mit Deinen Kindern gemacht hast. In solchen Momenten denke ich: Doch, das lohnt sich alles, was man im Internet von sich zeigt. Ich mag Deinen Blog sehr und deshalb war es gerade richtig toll zu sehen, dass ich wenigstens den Kleinen eine Freude machen konnte. Note to myself – ich muss ein cooles Herbstpartyspiel für Große entwickeln. Svenja

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  3. Liebe Veronika, danke für den Einblick in deine Gefühlswelt. Ja, manchmal ist das so, man möchte Hochglanz und bekommt Kratzer und Beulen geliefert.
    Ich wünsche dir dass du dich nicht davon abbringen lässt so wunderschöne Herbstfeste zu feiern. Und ich wünsche dem 10jährigen Mädchen dass es im Nachhinein erkennt was für eine schöne und wertvolle Zeit du gestaltet und geschenkt hast.
    Wenn du mal ein Frauen-Herbstfest planst würde ich mich glatt einladen lassen, das Handy zu Hause lassen und mit Genuss und vielen „Mmmhhhs“ deine Kürbissuppe essen…
    Liebe Grüße und einen wunderschönen Herbst
    Sonja

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  4. Es ist so wertvoll, auch Ungeschöntes zu teilen. Danke für den Einblick in Dein Herbstwochenende. Gott ist mittendrin! Mit dem wunderschönen Foto von Dir auf dem aktuellen SCM- Prospekt hast Du mir auch mitten im Alltag ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Selbst wenn Du Dich in manchen Momenten davon weit entfernt fühlst sieht ER Dich immer so, auch in Deiner Wut und Deinem Versagen. Gottes Freude ist ein ehrliches Herz!

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  5. Du sprichst mir so aus der Seele! Eigentlich hatte ich für diese Herbstferien sowas Großes geplant: Meine Oma ist im letzten Jahr gestorben und der Plan war, die kleine Geldsumme, die sie uns hinterlassen hat, für eine Ein Kind-Ein Erwachsener.Reise auszugeben (statt für eine Autoreparatur oder sowas). Nun ist meine kleinste Tochter tatsächlich mit meinen Eltern happy im Schwarzwald auf dem Bauernhof, mein Mann mit großem Sohn in Rom und ich… zu Hause mit meiner Tochter (statt in „meiner“ Stadt San Sebastian), weil Airbnb lastminute die Unterkunft gecancelt hat.
    Laune also eh schon mies und nun habe ich mir ein tolles Programm aus dem Ärmel geschüttelt, um unsere Zeit zu zweit auch besonders zu machen: Shoppen, Erlebnisbad, Anne auf Green Gables Filme, Fussmassage, Wanderung,Restaurant-Mittagessen und eine Halloweenparty mit Freundinnen (fünfte Klasse). Und was kommt nun per Whatsapp: „Was, wir schauen da nur einen Halloweenfilm und basteln was? Was soll das für eine Party sein?“ „Was , da kommen nur fünf Leute ?“ (die übernachten hier auch alle!). Nach deinem Beitrag , werde ich nun deinem Beispiel folgen: Bilder machen, Zähne zusammenbeißen , Handys einsammeln :o)) und alles am nächsten Tag Revue passieren lassen. Dankeschön!!!!

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