Närrische Tage

Heute habe ich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich mit Vorfreude einen Kinderfasching besucht. Bisher war diese Sonntagnachmittags-Veranstaltung immer eine echte Strafe für mich. In der Rangfolge von unbeliebten Freizeitaktivitäten kommt direkt nach Kinderfasching dann nur noch ein Helene-Fischer-Konzert oder der Besuch eines Indoor-Spielplatzes an einem Schlechtwetter-Tag.

Ich habe zwei Wochen lang keinen Fuß vor die Tür gesetzt. KEINEN! Gut, ich hab auch nicht unbedingt viel verpasst. War ja nix los da draußen außer grauem Wetter und mürrischen Menschen. Zunächst war ich so krank, dass ich das Bett nicht verlassen konnte. Nicht mal in der Lage zum Lesen war ich. Eigentlich wollte ich nur ganz dramatisch sterben und meinem Vertretungsarzt schlechte Rezensionen auf Jameda schreiben. Dann war auch der Rest der Familie krank. So richtig mit Fieber. Wir haben nie Fieber und ich war überfordert. Trinkt mein Kind genug? Ist 40 Grad bereits lebensbedrohlich? Soll ich die Symptome googeln? Und während der ganzen Kinderpflege war ich selbst noch krank und machte tatsächlich nur das Nötigste. Ich hatte an manchen Tagen Angst, ich würde niemals mehr aus meiner Lethargie erwachen.

Aber seit ein paar Tagen kehren die Lebenskräfte zurück und heute war ich richtig heiß auf drei Stunden Kinderfasching in der Turnhalle mit Polonäse und plärrender Helene Fischer und schießenden Cowboys. Mit alten Freunden an einem Tisch sitzen, unsere Kinder brav mit Pommes und Popcorn füttern und dem Schnee zuschauen, der vor den Fenstern leise die Felder bedeckte. Ach, nach einer Leidenszeit sind selbst die banalsten Dinge wunderbar!

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Und dann gewann ich auch noch beim Mohrenkopfwettessen, was den Tag so richtig schön abgerundet hat. Auch wenn meine Kinder steif und fest behaupten, ich hätte geschummelt. Ganz schön frech, die Kleinen. Untergraben einfach mal so meine phänomenalen Mohrenkopfwettessen-Qualitäten. Ach ne, man sagt doch jetzt politisch korrekt Schoko-Kuss, oder?

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In unsere Krankheitszeit fiel auch der Dachausbau, der dann jäh abgebrochen werden musste. Nun liegen immer noch Gipsplatten rum, alles ist halbfertig und in manchen Nächten fahre ich aus dem Schlaf wie von der Tarantel gestochen hoch und mir wirbeln alle halbfertigen Haus- und Gartenprojekte durch den Kopf. Ich habe Angst, dass wir uns irgendwann an den provisorischen Zustand gewöhnen und auch noch in 10 Jahren auf einer halben Baustelle wohnen. Und dann ist da noch mein Buchprojekt, das ebenfalls halbfertig auf dem Schreibtisch liegt. Alles zerrt gerade an mir und ich fühle mich, als hätte jemand die Handbremse angezogen. An manchen Tagen spülen große Depri-Wellen über mich hinweg.

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Also Prioritäten setzen. Zunächst die Faschingskostüme. Amelie wollte als Eiswaffel gehen und Josefine als Katze. Hab ich beides gestern abgehakt. Als nächstes wuppe ich mein Buchprojekt. Ein Buch ist echt zu 90 Prozent reine Disziplin und 10 Prozent Inspiration. Und danach folgt hoffentlich endlich der restliche Dachausbau. Und dann der Gemüse- und Blumengarten.

Ich bin müde. Noch immer steckt mir die überwundene Grippe in den Knochen. Aber ich gebe mir Zeit. Und Gnade. Ich gebe mir selbst die Erlaubnis, kaputt sein zu dürfen. Und deprimiert. Es ist ja nicht für immer. Genauso wie dieser dunkle Winter (gab es jemals einen dunkleren??) nicht ewig dauern wird. Aber trotzdem müssen wir durch, mit unserer Portion Müdigkeit und Traurigkeit und halbfertigen Projekten und Krankheiten. Und dann kommen Tage, an denen wir wieder singen werden. Das ist die Hoffnung, die sich mein ganzes Leben lang immer wieder bewahrheitet.

Und wenn nix mehr geht, hilft auch mal ein Mohrenkopf. Pardon, ein Schoko-Kuss.

 

9 Kommentare zu „Närrische Tage

  1. Ach – ich mag dich einfach. Fürs Mohrenkopf-Wettessen, für witzige Eiswaffel-Kostüme und deine Ehrlichkeit jenseits des Hochglanzes, den man auf anderen Blogs bekommt.
    Übrigens soll es wohl tatsächlich der dunkelste Winter seid über 50 Jahren sein, habe ich gelesen.
    Erhol dich gut und viel Erfolg für dein Buchprojekt. Ich bin sehr gespannt.

  2. Wie schön, dass es dir besser geht! Nach zwei Wochen Hausarrest fühle ich mit dir. Wenigstens war ich nicht richtig krank und bin nur RundumdieUhrpflegekraft. Der Frühling wird kommen. Und alles andere auch. Hoffe ich. Liebe Grüße

  3. Ich habe heute eine email mit lauter mutmachenden Bekenntnissen bekommen und in meinem Blog mauerbloom.wordpress.com niedergeschrieben. Vielleicht interessiert es dich ja. LG Andrea

  4. Schön, dass es allen wieder besser geht und der Faschingsnachmittag Freude und Spaß bereitet hat. Das Eiswaffel-Kostüm sieht toll aus! Wir sind alle Eisfans und lieben im Sommer Eis in allen Variationen, gerne auch selbstgemacht. Alles Liebe und Gute und viel Freude und Kraft für das neue Buchprojekt.

  5. Liebe Vroni,
    danke, danke,danke! Auch mich plagt gerade die Depri-Welle recht heftig und es tröstet mich, dass ich da nicht die einzige bin! Ich denke an Dich und bete für dich und…
    der Wetterdienst sagt SONNE für die nächsten Tage! Gott trägt uns durch!

    1. Liebe Ute, die Sonne wünsch ich dir auch – dass sie dunkle Gedanken vertreibt und deine Stimmung hebt. Fühl dich umsorgt – denn das bist du 🙂 Liebe Grüße nach Franken!

  6. Ich liege gerade auch total desillusioniert, zermatscht, platt und unattraktiv auf dem Sofa rum und kämpfe mehr oder weniger erfolgreich gegen das Fieber und seinen miesen Bruder Schüttelfrost. Wahrscheinlich veranlasst dieser leicht an wahnsinn grenzende zustand mich auch das erste mal was zu kommentieren. Wer weiß. Jedenfalls trifft dein eintrag gerade voll ins schwarze bei mir. Wird es jemals wieder ein Leben außerhalb des sofas/Bettes geben?! Fakt Ist, im Kühlschrank brennt immer ein Licht. Ein schwacher Trost aber eine konstante im Leben 😂
    Liebe Grüße und danke für das ermutigen. Das war toll.

  7. Hallo Veronika, freue mich sehr, dass es dir wieder besser geht! Deine grundsätzlichen Gefühle bezüglich des Kinderfaschings kann ich sehr gut verstehen…wir hatten die umgekehrte Reihenfolge- zuerst Fasching und dann Brechdurchfall und grippaler Infekt. Jetzt geht es langsam wieder besser und heute habe ich mich zu einer Langlaufrunde aufgerafft, trotz Schnee und Wind. Vertreibt aber Depressionswellen , auch wenn’s mir schwerfällt, den Hintern hochzukriegen.Wünsche dir viel Energie für die nächsten Projekte!

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