Familie, Gedanken, Hobbies

Zuviel des Guten

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In unserem Briefkasten steckt jede Woche ein Provinzkäseblatt. Ich nehme es gerne als Unterlage für Brownies Katzenfutternäpfe. Am liebsten platziere ich diese auf den Promi-News. Whiskasflecken machen sich wahnsinnig gut auf dem Liebesleben von Kim Kardashian. Den Nachruf auf Hugh Hefner heb ich mir aber auf zum Auslegen des Hasenkäfigs. Bunnyköttel gefällig?

Aber bevor ich die Zeitung zweckentfremde lese ich sie von A bis Z durch. Zuerst die Todesanzeigen. Dann die amtlichen Bekanntmachungen, gefolgt von den kirchlichen Nachrichten. Mein persönliches Schmankerl sind die Veranstaltungstipps: Butterstampfen im Freilichtmuseum, Achtsamkeits-Workshops im Wald, Kürbis-, Kastanien-, Wein-, Pilz- und Apfelfest, Flohmarkt, Mittelaltertage, Halbmarathon für Einbeinige, Erlebnismarkt, Kinderkino, Maislabyrinth, Führungen durchs Atomkraftwerk und und und….. Man könnte meinen, kein einziger Mensch verbringt mehr das Wochenende in den eigenen vier Wänden, sondern hetzt vom Babybasar zur Kleinkunstbühne, vom verkaufsoffenen Sonntagen zur Vernissage. Ich finde viele der Veranstaltungen sehr verlockend, aber der Gedanken an deren Fülle schießt mir mehr Adrenalin ins Blut als jeder Sprung vom 10-Meter-Brett. Wir leiden nicht nur an materiellem Überfluss, sondern steuern auch in unseren Kalendern auf einen Kollaps zu. An dieser Stelle schlage ich das Käseblatt entschlossen zu und führe es seinem eigentlichen Zweck zu.

Es war wie immer ein Wochenende voll wunderbarer Veranstaltungen….und wir waren nicht dabei.  Aber auch daheim erschlägt mich die Fülle an Angeboten: Bücherstapel, Strickzeug, Herbstwald, Marmelade kochen, Bastel- und Nähprojekte, Kaffee-Einladungen, Briefeschreiben….. Ich werde mit guten Dingen überschüttet und kann diesen ganzen Segen, in dem ich lebe, gar nicht aufnehmen. Wie ein Schwamm, der kein Wasser mehr aufnehmen kann, weil er bereits gesättigt ist.

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Heute morgen beim Erntedank-Frühstück schmierte sich Josefine ein halbes Glas Nutella auf ihren Pfannkuchen. Ich ermahnte sie: „Mäßige dich, Kind!“ Sie sah mich mit diesem fragenden Blick an, den sie aufsetzt, wenn sie an meinem Verstand zweifelt. „Was soll denn DAS heißen??“. Also erklärte ich ihr die Bedeutung des Wortes „mäßigen“. Auf einmal fielen uns so viele Dinge ein, bei denen wir uns mäßigen müssen. Alles gute Dinge wie Nutella, tolle Events, Bloggen, Schuhe-shoppen und Kaffeetrinken. Der Wert einer Sache steigt doch immer damit, dass sie nicht inflationär wird.

Dieses Wochenende habe ich mir Weniges herausgepickt: ein bisschen lesen, ein DIY-Projekt, viel Pumpkin-Spice-Kaffee trinken und dem Herbst zuschauen, ein bisschen stricken, Birnen-Brombeer-Crumble backen, Ernte-Dank-Körbchen packen, giftige Pilze sammeln (Unwissentlich hatte ich statt Wiesenchampignons die giftigen Karbolchampignons gepflückt. Danke Wikipedia, du hast uns vor einer nächtlichen Kotz-Orgie bewahrt!).

Ich muss immer wieder mein Gutes auf Weniges beschränken, damit meine Seele darin nicht ertrinkt.

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5 Gedanken zu „Zuviel des Guten“

  1. ich wußte gar nicht, daß es auf dem Land auch so ein Überangebot an Veranstaltungen gibt. Habe den Beitrag gern gelesen und finde die Grund-Tendenz verständlich: Vereinfachen und Entschleunigen. Trotzdem bleibt mein erster Gedanke: Ein Luxusproblem.

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  2. Liebe Veronika, du hast ja so Recht! Wir leben hier ja ziemlich in der Pampa ( ich sage „ziemlich“, weil Mariazell ist der bedeutendste Wallfahrtsort in Österreich) , aber an „Events“ herrscht derzeit auch kein Mangel… Meine beiden jüngsten Töchter 7 und 13 meinen aber oft, dass Recht auf ständige Events welcher Art auch immer zu haben ( Dank auch an die amerikanischen Teenagerserien, wo immer irgendwie Party gemacht wird). Sie davon fernzuhalten geht leider nicht, die großen Mädchen, 16 und 18 schauen auch Mal ganz gerne… Besonders mit unserer 13jährigen, die eine leichte geistige Beeinträchtigung hat, ist es da nicht ganz so leicht, oft meint sie nämlich, im realen Leben muß das auch so sein. Ich sehne mich mit 48 und nach fünf Töchtern eher nach der „eventfreien Zone“, abgesehen davon, was bei uns sowieso noch läuft. Alles Liebe und liebe Grüße-Karoline.

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  3. Oh je da habt ihr aber Glück gehabt mit eurem Pilzen, wobei ich ausdrücklich davor warne Wikipedia zu befragen sondern Pilze die man nicht kennt besser stehen zu lassen. Ich selbst musste letzte Woche den Giftnotruf kontaktieren, mein 18 Monate alter Bub hatte auf einmal einen Pilz in der Hand und ich war mir nicht sicher ob er ihn gekostet hat. Darauf hin wurde ich mit dem Pilz und Kind zur Pilzexpertin geschickt. Die warnte mich auch nochmal ausdrücklich niemals das Internet, Apps oder Bücher zu befragen. Erst unterm Mikroskop zeigte sich unser Exemplar als ungiftig. DANKE GOTT

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  4. Danke, danke, danke! Als Lehrerin kriege ich am Montag beim Morgenkreis immer das Gefühl als Mutter versagt zu haben, weil wir nicht kurz mal am Wochenende in Rom waren, diverse klassische Konzerte oder Museen besuchten etc., sondern nur aufgeräumt und ein bisschen rumgelungert haben. Wahrscheinlich tut uns allen die entspannte Variante sogar besser als die (wirklich spannenden!) Angebote in der Nähe alle mitzunehmen. Und ab jetzt sogar ohne schlechtes Gewissen, den Bildungsauftrag bei den eigenen Kindern zu vermasseln.

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  5. Oh, ich fühle mich ertappt, es gibt so viel, was ich noch schönes machen möchte…
    Doch die Kinder brauchen auch Zeit am Stück zum Spielen. Das ist eine Bedürfnisweckungsmaschinerie – und Termine, die nur an einem Tag stattfinden setzen mich manchmal ganz schön unter Druck… und oben genannte Morgenkreise – die ich in meiner Schulzeit schon doof fand (sorry) weil die anderen von Ausflügen erzählen konnten und ich nicht und ich manchmal jetzt denke – hopp mach was, damit meine Kinder was zu erzählen haben…
    Danke für diesen tollen Blog, wo man auch die Gedanken der anderen zu Deinen Gedanken lesen kann! Das bereichert mein Leben!

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