In der Welt zu Hause

Gerade lese ich einen Blog von einer Familie, die mit ihren vier Kindern um die Welt reist. Für ein Jahr. Als Armin mich vorhin fragte, was wir heute Abend machen wollen, habe ich nur kurz hinter meinem Laptop gegrunzt: „Muss diesen Blog lesen….“

Blog-Bilder aus Tasmanien und Koh Samui ziehen an mir vorüber. Orte, an denen ich selbst schon war und die sich auf ewig in mein Herz und meine Träume eingebrannt haben. Eine heiße, neidische Sehnsuchtswelle überrollt mich und ich frage mich: Warum können wir das nicht machen? Warum hab ich nicht den Mut – wie damals vor 14 Jahren – und kündige alles, um Freiheit und Abenteuer zu erleben? Diesmal zusammen mit meiner Familie? Sofort brüllt mich die Vernunft an: Schule! Haus! Arbeit! 

Aber ich sehne mich seit Monaten wie schon lange nicht mehr nach fernen Ländern, Abenteuern, Salzwasser. Nach heißem Asphalt in lauten amerikanischen Städten und stillen Quellen in den Urwäldern Ozeaniens. Nach dem Gefühl übersprudelnder Freiheit und Schönheit. Damit verbunden nagt an mir die Frage, ob das jetzt schon alles war. Ob erwachsen sein bedeutet, sich ganz und gar der deutschen Vernunfts-Dreifaltigkeit zu beugen: Häusle, Sparen, Arbeit.

Vronis Weltreise 5

Es ist ja irgendwie ganz nett, zu wissen, wo ich hingehöre und welche Routine mich morgen erwartet. Auf Reisen wusste ich das nicht. Ich trieb mal hierhin, mal dorthin. Ich wusste nie, welchen Bus oder Berg ich am nächsten Tag besteigen würde. Wo ich schlafen würde. Oder welchen Menschen ich begegnen würde. Das war Reiz und Last zugleich. Nichts war verlässlich. Es konnten sich keine tieferen Freundschaften bilden. Alles blieb irgendwie an der Oberfläche und selbst die atemberaubendsten Szenarien verblassten irgendwann zur Normalität.

Vronis Weltreise 6

Aber nun leide ich schon zu lange an einer Überdosis deutscher Vernunfts-Normalität und würde am liebsten alles abbrechen um aufzubrechen. Aber wir wollen ein Haus kaufen und ich frage mich gerade: Will ich das wirklich? Oder sind meine Fluchtgedanken normale Wehen auf dem Weg zur Sesshaftigkeit? Mir geht es wie einer panischen Braut kurz vor der Hochzeit: „Ich heirate jetzt diesen Mann und das war’s dann!“

Ich habe die sanften Hügellandschaften Tasmaniens vor meinem inneren Auge und vor meinem Fenster die Weiden und Hügel und Weinberge Hohenlohes. Ich habe  noch immer den Geschmack einer Schokotorte dieses tasmanischen Cafés auf der Zunge. Und ich habe alle Zutaten im Keller, um ganz neue Rezepte auszuprobieren. Ich höre noch immer das türkisfarbene Rauschen am Great Barrier Reef. Und hier daheim höre ich Kinderlachen, die  Kreissäge meines Mannes, das Singen der Abend-Amsel. Ich spüre noch immer tiefe Dankbarkeit über unverhoffte Gastfreundschaft in L.A. und Chiang Mai. Hier daheim freue ich mich über jeden Gast, dem ich die Tür öffnen und eine Tasse Kaffee machen darf.

Ich möchte noch eine Weile meinen Träumen und Sehnsüchten und Erinnerungen nachspüren. Ich werde meinen alten Rucksack aus dem Keller holen, den Kindern Geschichten am Lagerfeuer erzählen, unter den Sternen schlafen, billigen australischen Rotwein trinken, Fremde einladen, Currys kochen, Unerwartetes tun, intensiv leben.

Ich kann vielleicht nicht spontan mit meiner Familie in die Welt aufbrechen. Aber ich kann die Welt zu mir nach Hause holen. Sie wartet nur darauf, dass ich ihr die Tür öffne…

Vronis Weltreise 7

 

 

11 Kommentare zu „In der Welt zu Hause

  1. Liebe Veronika, mal wieder sprichst du mir echt aus dem Herzen. Genau diese Gedanken hatte ich in den letzten Tagen auch öfter. Manchmal ist der Alltag einfach anstrengend und drückend und dann frage ich mich, ob das Aufwachsen im Reihenmittelhaus mit Schulpflicht und Arbeitsdruck wirklich der Weg ist, Kinder gesund und glücklich aufwachsen zu lassen oder ob es da nicht doch andere Möglichkeiten gäbe. Ich glaube, ich lese den gleichen Blog und ich habe mich auch schon öfter gefragt, warum wir das eigentlich nicht machen. Aber dann schaue ich mir meine Kinder an und weiß, dass sie genau hier und jetzt richtig aufgehoben sind, trotz allem, was ich manchmal an unserer Gesellschaft und unserer Art zu Leben nicht kindgerecht finde. Sie gehören hierher, in ihr Leben, zu ihren Freunden, ihren Verwandten, ihren Nachbarn, in ihr warmes Nest und ihr vertrautes Leben. Es ist gut, dass es so gekommen ist und es gibt auch mir ganz viel Kraft und Befriedigung, drei kleinen Wesen ein Zuhause geben zu können.
    Und trotzdem denke ich immer mal wieder darüber nach, ob das alles war. Ob da nicht doch noch ein anderes Haus (also in meiner Fantasie ein großer Gutshof) auf uns wartet, ob wir nicht doch nach Schweden oder Norwegen ziehen sollten, nur mal so für ein bis zwei Jahre. Ich glaube, so ist das bei rastlosen Geistern. Die Gedanken sind frei und es zieht sie manchmal eben weit in die Ferne, aber das geht besonders gut von einem warmen, sicheren Ort aus.
    Wir beschäftigen uns gerade mit ähnlichen Fragen, wenn es um unsere nächsten Urlaube geht. Wir reden im Moment oft darüber, wie wir zukünftig reisen wollen. Weiterhin im großen Zelt? Trauen wir uns endlich mal wieder weiter weg (und da reden wir derzeit nur davon, ob wir das Zelt mal wieder am Mittelmeer aufbauen, statt am Bodensee und nicht von Koh Samui). Nehmen wir all unsere Ersparnisse in die Hand und kaufen wir ein gebrauchtes Wohnmobil, statt 2017 den ersten Kredit abzulösen oder sind wir vernünftig? Sind wir vernünftig und warten wir mit unserem USA-Tripp, bis die Kleinste im Grundschulalter ist oder ziehen wir einfach los, weil wir jetzt Sehnsucht haben und das Leben uns in den letzten Jahren schon ein paar Mal gezeigt hat, dass Aufschieben nicht immer eine gute Idee ist?
    Ist es mit kleinen Kindern anderseits nicht schon genug Abenteuer, wenn das Familienzelt einem Orkan auf Texel standhält und man zusammen im Schlafsack kuschelt und Geschichten erzählt?

    Ich habe immer nach irgendwas Sehnsucht – es gehört dazu. Aber das heißt nicht, dass ich unzufrieden bin. Rastloser Geist halt ;-).

    1. OH Mann, vorhin hatte ich dir einen längeren Kommentar geschrieben, dann erwischte ich die falsche Taste und alles war weg. Grummel. Jetzt mach ich’s kurz: Ich bin ebenfalls ein rastloser Geist, immer auf der Suche, immer voller Sehnsucht. Das ist wohl meine Triebfeder fürs Schreiben… Ja, wir sind ebenfalls hier verwurzelt und würden wir nun um die Welt bummeln, so wäre es v.a. für unsere Jüngste ein gigantischer Unsicherheitsfaktor.
      Aber ich rate euch, auch mal so richtig unvernünftig mit dem Reisen zu sein. Was haben wir uns schon so manches Mal mit Reisen in rote Zahlen gestürzt. Wir kamen auch wieder raus. Und von den Erinnerungen zehren wir heute noch….
      Liebe Grüße!

      1. Ja, ein bisschen Unvernunft schadet sicher nicht ☺. Ich bin selbst gespannt, wie wir uns letztlich entscheiden werden.
        Ich habe noch einen Buchtipp für dich: Kennst du Mut für zwei von Julia Malchow? Aber danach ist das Fernweh nahezu unstillbar. Liebe Grüße

      2. „Mut für zwei“ habe ich verschlungen. Mit einem Kleinkind in der transsibirischen Eisenbahn. Total beeindruckend!

  2. Immerhin hast du einen Schatz voller Reiseerinnerungen und Bildern, den du bei Bedarf auspacken und teilen kannst! Du hast schon viel von der Welt gesehen 🙂 das ist cool!
    Und ja, es gibt viele Wege die Welt zu sich zu holen. Wünsche dir dabei viel Erfolg und evt geht’s ja doch mal auf eine Abenteuerreise mit der Familie. Muss ja nicht gleich ein ganzes Jahr und um die Welt sein!

  3. Oh, Koh Samui – wie gerne denke ich diese Zeit zurück! Mein Mann und ich reisen sehr gerne und es ist eine gemeinsame Leidenschaft. Nun werden unsere Freunde um uns herum seßhaft, bauen ihre Häuser und wir wissen noch gar nicht in welcher Richtung es für uns geht. Häufig werden wir nach unseren Plänen gefragt, die wir selber noch nicht wissen. Im Moment fühlt es sich hier in der kleinen Wohnung im Haus meiner Eltern richtig an und ich genieße einfach das Jetzt. Aber was danach kommt, ist offen.
    Unser Alltag ist durch unser Engagement unter den Flüchtlingen ziemlich international geworden. Unterschiedliche Sprachen, Kulturen, Essgewohnheiten sind hier präsent und das ist gerade ziemlich spannend. Also auch eine Art sich die Welt nach hause zu holen 🙂

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