Reiten, Amsterdam, Anne Frank

Warnung: Der folgende Blogbeitrag ist unzusammenhängend, vollgestopft mit Bildern und Erlebnissen und Gedanken. Beschwert euch hinterher nicht, ich hätte euch nicht gewarnt…

Los gehts!

Vor ein paar Tagen sind wir gen Norden gestartet, das Auto vollgestopft mit Herbstklamotten, Stiefeln und Büchern (eine Reise ohne Bücher ist unvorstellbar….und IMMER habe ich zuviele Drucksachen dabei und zu wenig Socken). Wir verbringen die Herbstferien bei meinen Schwiegereltern in Norddeutschland. Dort, wo die Menschen seltsam sprechen, viel Schnaps trinken und genauso grummelig wie bei uns im Süden sind.

Julie, unsere 13-jährige quirlige Nichte aus den USA lebt ein Jahr bei ihren Großeltern (also meinen Schwiegis) und die ist natürlich ganz aus dem Häuschen, dass Leben in der Bude ist. Ich selbst hatte den Plan, mich die meiste Zeit schreibend zurückzuziehen, aber daraus ist dann doch nichts geworden.

„You wanna come horseback riding, Vroni?“(Möchtest du reiten gehen?). Tausend Ausreden schossen mir durch den Kopf: Ich habe Rückenschmerzen. Ich habe keine Reiterklamotten dabei. Mir ist kalt. Ich kann das bestimmt nicht mehr. Ich habe meine Tage. Ich bin zu alt für den Scheiß. 

Und ich sagte Ja.

Als junges Mädchen bin ich leidenschaftlich gerne geritten. Ja, ich war eines von DIESEN Mädchen! Pferdenärrisch. In meinen Träumen ritt ich die ganz großen Turniere und gewann kiloweise Pokale. Ich wollte richtig richtig gut sein im Reiten und es allen zeigen, dass ich mit meinen 12 Jahren was kann. In allem war ich Mittelmaß. Mit nichts stach ich heraus. Ich fühlte mich unsichtbar, nicht wahr genommen. Blöde Pubertät. Uns wurde eingeredet, dass wir gut sein müssen, in dem was wir tun. Schule. Sport. Musik. Hobby. Also betrieb ich alles, was ich tat mit verbissener Ernsthaftigkeit und schaffte es doch niemals über das Mittelmaß hinaus. Ich konnte mit nichts glänzen, was natürlich in einem Alter der erschütterten Identität nicht hilfreich ist. Selbst angesagte Klamotten blieben mir verwehrt, weil in einer Familie mit fünf Kindern kein Budget für teure Benetton-Pullis und Levis-Jeans vorhanden war.

Mich hat das mutlos gemacht. Irgendwann gab ich das Reiten auf. Und das Klavierspielen. Und das Schreiben. Und das Malen. Weil man mir immer nur sagte: „Streng dich mehr an, das kannst du sicher noch besser.“ Und danach bekam ich eine 3 oder 4 oder eine weitere Ermahnung.

Heute würde ich meinem 14-jährigen Ich verständnisvoll über den Kopf streicheln und sagen: „Du hast Spaß an diesen Sachen und das ist die Hauptsache. Freu dich wie verrückt daran, dass du auf einem Pferd sitzen kannst oder wenn du den Stift zur Hand nimmst oder wenn du eine Melodie auf dem Klavier spielst. Schau nicht auf das Ergebnis, nur auf die Freude!“

Vielleicht wollte ich deswegen zuerst mit Julie nicht reiten gehen. Weil ich es nicht gut genug kann. Aber ich habe Ja gesagt. Und ich hatte den Spaß meines Lebens, als wir zwei auf unseren Pferden über nebelverhangene Wiesen und durch bunte Wälder jagten, wo mir die Zweige nur so ins Gesicht peitschten und ich laut „Woooohooooo“ schrie.

Ich konnte es noch: Lautlos mit dem Pferd kommunizieren, der leichte Trab, der Jagdsitz. Ich hätte mir dieses Erlebnis beinahe selbst verbaut mit meinen Selbstzweifeln. Und es hat mir Mut gemacht, EINFACH ZU MACHEN und den urteilenden Stimmen meiner Jugend den Mund zuzuhalten.

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Ich muss nicht der nächste Paul Schockemöhle, der nächste Picasso, der nächste Ansel Adams, die nächste Margret Atwood sein.

Von den Meistern darf ich lernen. Und dann zu mir selbst zurückkehren und ich selbst sein. Pures herrliches lebensbejahendes Mittelmaß!

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Gestern haben wir unsere zwei Gören bei den Schwiegis und der begeisterten Julie geparkt und sind nach Amsterdam abgehauen. Die Ruhe auf der hinteren Sitzbank war ungewohnt. Anfangs drehte ich mich noch immer um und musste jedes Mal realisieren, dass wir alleine sind!

Die Fahrt nach Amsterdam zieht sich. Holland ist flach und langweilig und die Autobahn verläuft schnurgerade. Armin kauft sich Lakritze und weil mir so furchtbar langweilig ist, teste ich, ob ich dieses schwarze Zeugs nicht doch mögen könnte. Das erste Lakritz spucke ich angewidert aus dem Autofenster. Hoffentlich ist es dem Holländer hinter uns an die Windschutzscheibe geflogen. Die müssen doch echt mal merken, dass das Zeug ungenießbar ist. Dann probiere ich das nächste Lakritz, vielleicht war das erste verdorben.

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Ne! Schmeckt wie eine Mischung aus Erbrochenem und verdorbenem Fisch.

Aber wir nähern uns Amsterdam!  Wir haken den Besuch eines Flohmarkts und des Pralinenladens mit den WELTBESTEN PRALINEN ab.

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IMG_8568_edited-1 IMG_8562 IMG_8565Anschließend steuere ich einen Starbucks an. „Hier gibt es sicherlich Pumpkin Spice Latte“, rufe ich. Armin erwidert näselnd: „Aber vergiss beim Bestellen nicht die Betonung auf La-TÄÄÄII!“

Endlich, endlich halte ich wieder einen Pumpkin Spice La-TÄÄÄII in der Hand. Das letzte Mal hab ich ihn in Yale getrunken, was einer herbstlichen Kaffee-Offenbarung gleich kam. Ich war damals völlig angefixt und entsprechend begeistert reagiere ich darauf, dass es diesen Kaffee auch in Amsterdam gibt. Endlich halte ich das flüssige Gold in der Hand!!!! Nach sechs langen Dürre-Jahren!!!!

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Ich bin voll glückseliger Erwartung. Boah, riecht der lecker!

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Erster Schluck. Totale Ernüchterung. Was ist denn das für eine ekelhafte Plörre? Das ist kein Pumpkin Spice La-TÄÄII! Das ist dünner Kaffee mit irgendeinem zimtigen Ekelsirup. Bäh! Ich könnte vor Enttäuschung heulen, pfeffere die halb leergetrunkene Plörre in den nächsten Mülleimer und schäme mich für meine First-World-Problems….

Zucker- und koffeinerfüllt bummeln wir weiter durch Amsterdam, das mir so vertraut ist durch viele, viele Besuche.

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Mit 14 Jahren hatte ich das Tagebuch der Anne Frank gelesen verschlungen. Und dann las ich es noch zehn weitere Male. Jedes Mal hoffte ich, das Buch würde anders ausgehen. Dass es nicht mit dem 4. August 1944 endet, sondern damit, dass Anne den Krieg überlebt und sich ihren Traum erfüllt und als Schriftstellerin nach Paris geht. Annes Worte gingen tief und füllten einen sehnsüchtigen Winkel meines Herzens. Ich fühlte mich in meinem Teenager-Empfinden verstanden. Ich war nicht wie Anne eingesperrt, ich musste mich nicht vor einem Feind verstecken. Aber ich war auf andere Weise eingesperrt, in einem Körper, den ich nicht mochte, in einem Wesen, das ich nicht sein wollte.

Ich bewunderte ihre Schreibgabe. Anne inspirierte mich, Tagebuch zu schreiben. Ich schrieb und schrieb. Und hörte wieder entmutigt auf. Ich würde niemals so gut schreiben können wie Anne.

Mit 25 Jahren besuchte ich das Anne-Frank-Haus in Amsterdam. Ich kann mich kaum mehr daran erinnern.

Mit 41 Jahren besuche ich mit Armin erneut das Anne-Frank-Haus. Ich weine vom ersten Augenblick an. Als hätte man eine innere Schleuse geöffnet. Heute bin ich Mutter und nehme Anne Frank nicht mehr als Gleichaltrige wahr, sondern aus der Mutter-Perspektive. Mein Mutterherz heult auf vor der grausamen Wahrheit, dass die ganze Familie bis auf den Vater ausgelöscht wurde. An der Wand entdecke ich Bleistift-Markierungen. Margots und Annes Wachstums-Schübe, aufgezeichnet vom Vater. Bis sie nicht mehr weiter wachsen durften.

Ich weine immer noch, als wir nach dem Rundgang durch das Versteck im Hinterhaus eine Multimedia-Show sehen. Wegbegleiter Annes und berühmte Persönlichkeiten äußern sich zu ihr. Nelson Mandela erzählt, dass viele Häftlinge auf Robben Island Annes Worte gelesen hätten und neuen Mut schöpften.

Und meine Lieblingsschauspielerin Emma Thompson sagt in einer bewegenden Rede:

„All her would-haves are our opportunities.“
(Schwierig zu übersetzen: Unsere Möglichkeiten sind alle ihre „was-wäre-gewesen-wenns“.)

Anne war meine erste Inspiration. Und ich hatte den Fehler gemacht, mich mit ihr zu vergleichen. Ich durfte in ihr Buch eintauchen, mich vollsaugen mit ihrer Lebenskraft und dann habe ich 20 Jahre gewartet, bis ich wieder anfing zu schreiben. Ich will aus Lust an meinem Leben schreiben. Ich will aus Dankbarkeit für dieses eine kostbare Leben schreiben.

All her would-haves are my opportunities. 

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10 Kommentare zu „Reiten, Amsterdam, Anne Frank

  1. Ach Veronika, das hast du wunderbar geschrieben! Ich will auch reiten (obwohl ich`s nicht kann!) und nach Amsterdam (ICH LIEBE AMSTERDAM!) Pumkin-Spiece-Latte will ich nicht- klingt eklig. Und DIE BILDER -TOLL!!!!
    Im Anne Frank Haus war ich auch schon und hab geheult und mich geschämt für mein Heimatland… Kommt gut wieder und genießt die Zeit!!! Liebste Grüße! Christina

  2. Liebe Veronika,

    seit geraumer Zeit lese ich begeistert aus deinem Leben.

    Anne Frank‘ s Schicksal hat mich bereits zu Schulzeiten sehr bewegt.

    Heute bewegt mich dein Blogeintrag. Feuchte Augen Ausdruck deines lebendigen Schreibstils.

    Hab noch eine gute Zeit.

    Liebe Grüße

    1. Liebe Vroni, nächstes Jahr kommt eine Anne Frank-Neuverfilmung ins Kino. Teile davon wurden in Franken gedreht. Die Hauptdarstellerin heißt Lea, so wie Deine Nichte. Fast wäre Deine Großnichte Mila Sophie heute an deren Geburtstag geboren worden, es war kurz davor.
      Bis bald
      Christine

  3. Liebe Veronika, deine Bilder sind einfach toll. Und deinen Text hab ich mal wieder sehr genossen. Vor allem, weil ich mich auch immer als „Mittelmaß“-Mädel gesehen habe. Interessant, dass es bei mir auch Auswirkungen auf der sportlichen Ebene hatte. Ich war nämlich begeisterte Fußballerin. Aber ich hatte da wohl nicht genug an mich geglaubt….
    Liebste Grüße,Lena

  4. Hallo Veronika, seit einiger Zeit lese ich deinen Blog und habe dabei oft das Gefühl, in einen Spiegel zu schauen. Aber noch nie so sehr wie heute, denn ich lese den Beitrag in Amsterdam! Meine Füße tun mir weh vom Van Gogh-Museum + Jordaan + 9-Straatjes und noch ein bisschen mehr, so sitz ich auf dem Sofa, checke meine Mails und betrachte deine tollen Fotos und denke: Das muss gestern gewesen sein, da war es viel nebliger als heute… Sehr lustig! Nur eins verstehe ich nicht: Wie kannst du Lakritz nicht mögen?! Das schmeckt doch köstlich, die reinste Geschmacksexplosion 😉 Liebe Grüße, Elina

    1. Hi Elina,
      dann sind wir uns gestern vielleicht sogar über den Weg gelaufen! Ja, gestern Abend war es herrlich neblig, eine ganz besondere Stimmung in Amsterdam, fast london-mäßig. Sorry, ich habe echt VERSUCHT Lakritz zu mögen, aber es geht einfach nicht….
      Mir tun heute auch die Beine weh vom vielen Laufen. Eine schöne Erinnerung an eine meiner Lieblingsstädte 🙂
      Viele liebe Grüße
      Veronika

  5. Liebe Veronika…den PSL mag ich auch sehr. Du machst doch so viel selbst…warum nicht auch den PSL? Ich hab mir eine Pumkin Spice Gewürzmischung selbst gemischt (Zimt, Ingwer, Nelken etc.) -Rezepte dazu gibts online en Masse, einfach ausprobieren, was Dir am besten schmeckt. Im Internet finden sich noch so einige Rezepte, wie man mit dem daraus entstandenen Gewürz, Kondensmilch und Kürbispüree eine Art Sirup macht und diese dann ab in den Lattä. Nunja, diese Jahr bin ich faul geworden und mache einfach 1-2 tl vom Gewürz zusammen mit der Milch warm bevor ich sie schäume. Dann den Espresso rein und noch mit Ahornsirup süßen so viel man aushalten kann. Sicherlich gesünder als die Coffeeshop Variante (die schmeckt mir mittlerweile fast nicht mehr).

    1. Danke für den Tipp, Rebekka! Ich erinnere mich, dass der PSL in den USA tatsächlich nach Kürbis geschmeckt hat und nicht ganz so extrem süß war. Ich werde mal meine eigene Mischung ausprobieren. Schlimmer als beim europäischen Starbucks kann es nicht werden…..

  6. Vielen Dank- gerade mit diesem Artikel (wunderschön zusammenhangslos oder wie warntest Du 🙂 ?und mit sooo tollen Bildern) sprichst Du mir mal wieder aus der Seele! Wir waren gerade mit unseren Dreien (2,5,7) im Hollandurlaub in dem Lager dort, in demAnne Frank war-und es hat unsund auch schon unsere Kleinen sehr berührt. Und wirkönnen nur lernen wie unbedarft und gleichzeitig kindlich ernsthaft sie an dieses Thema herangehen!

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