Freitags-Futter

9:15 Uhr
In einer knappen Stunde beginnt das Frauenfrühstück, bei dem ich einen Vortrag halten soll.

Ich frage mich mal wieder, warum ich das tue! Meine Hände sind nass geschwitzt, meinen Herzschlag hört man bis nach Heilbronn und ich trinke die dritte Tasse beruhigenden Lavendeltee. Ich leide an Lampenfieber. Ich leide ganz schrecklich daran. Egal, wie oft ich schon vor einem Publikum stand. Leider wirke ich recht souverän, was aber überhaupt nicht der Fall ist. Innendrin bin ich immer noch das zehnjährige Mädchen mit seiner Unsicherheit, ob es gemocht wird, ob ihm zugehört wird.

Jedes Mal jagt mir der Anblick von vielen erwartungsvollen, auf mich gerichteten Augen eine Heidenangst ein. Mit Routine bekomm ich das Lampenfieber nicht in Griff. Außerdem hab ich jetzt einen Mörder-Hunger. Ich brauch Essen!! Und ich will Kaffee trinken. Aber den verkneif ich mir. Sonst bin ich ja nur noch ein zitterndes Nervenbündel, das man niemandem zumuten kann……

12:45 Uhr
Ich habe heute zweimal gefrühstückt. Einmal Mittag gegessen. Ich bin satt.

13:23 Uhr
Endlich komme ich dazu, den Morgen Revue passieren zu lassen. Ich bin immer noch satt – rundum. Und ich weiß gar nicht, warum ich mich heute morgen sooooo reingestresst habe. Kaum stand ich vor den Frauen, war die Aufregung verflogen.Und – ich kann es kaum glauben – es hat mir richtig Spaß gemacht! Ich bin ganz beglückt und erfüllt heimgekommen.

15:00 Uhr
Langsam kommt der Hunger wieder. Er kommt doch immer und immer wieder. Ich kämpfe gegen ihn an. Weil ein schlanker Körper das höchste Gut unserer westlichen Welt ist. Und ich bin meilenweit von diesem Ideal entfernt. Nachher, nachher werde ich meinen Körper wieder füttern. Er ist mehr als nur eine Projektionsfläche meiner unrealistischen Wünsche, sondern er ist mein Vehikel, mein Begleiter von Geburt an, mein Ausdrucksmittel aller Gefühle. Er verdient mehr als nur ein paar Salatblätter ohne Dressing….

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Auszug aus dem Buch „Essen als Ersatz“ von Geneen Roth

5 Kommentare zu „Freitags-Futter

  1. Guten Morgen Veronika,
    du hast mir mal wieder aus der Seele gesprochen.Beides kenne ich aus eigener Erfahrung.Meine Waage war heute morgen auch nicht sehr nett,aber dann ist das halt so.Ich habe auch schon mal Vorträge gehalten bei einem Frauennachmittag und bei einem Frauenfrühstück,vorher war ich das reinste Nervenbündel.Hinterher schwebt man auf Wolke 7 und fragt sich wozu das ganze Aufregen.Nur beim nächsten Mal ist es wieder so.Worüber war den dein Vortrag?
    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende und lass dir dein Essen schmecken.Du weißt ja,wer nicht genießt wird ungenießbar 🙂
    Liebe Grüße von Pippi vom Flohmarkt des Lebens

  2. Liebe Veronika,
    ich fände spannend, was du zum Thema Gastfreundschaft weitergeben kannst! Magst du uns deine Gedanken vielleicht auch hier im Blog nahe bringen?
    An dieser Stelle auch ein großes Lob für dein tolles Buch. Ganz oft erkenne ich mich wieder in deinen Erzählungen… Ich lese es immer während des Stillens 🙂
    Ganz lieben Gruß,
    Annika (mamasieben)

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