Stille

Gestern Abend war wieder Hauskreis. Und ich hatte die Leitung. Ich stand also an der Flip-Chart rum und hampelte mich ab. (Yep, ich arbeite mit Flip-Chart, ich Oberstreber). Meine weitschweifigen Ausführungen langweilten das Publikum. Einige blickten heimlich auf die Uhr. Ich konnte sie verstehen. Innerlich war ich eh nicht ganz da. Während ich griechische Begriffe wie „Hamartia“ und „Metanoein“ erklärte (und ich dafür noch mehr strafende, gelangweilte Blicke erntete), schweiften meine Gedanken ab:

In ein französisches Tal, dessen dunkle Bergkuppen hervorspringen, wie die Zacken eines Messers. Direkt nach dem Hauskreis schaltete ich die Nachrichten ein. Und ich stellte sie schnell wieder aus. Das Geschnattere und die Spekulationen der sensationsgeilen Journalisten verstummten. Es wurde still im Haus. Die Flip-Chart stand noch da. Der Bildschirm war schwarz. Die Kinder schliefen friedlich.

Nach dem Lärm kommt immer ein Moment der Stille, der etwas Überirdisches und fast Tröstliches hat. Weil die Stille nicht versucht zu erklären, sondern nur ihre warme weiche Decke über mein wundes Herz legt. Wie eine Mutter, die ihrem weinenden Kind ein tröstendes“Sssschhhhh“ zuraunt.

Ich mag mir den Lärm, der vor zwei Tagen in dem Germanwings-Airbus geherrscht hat, nicht mal ansatzweise vorstellen. Es entstehen Szenen vor meinem inneren Auge, die ich nicht schnell wegschalten kann. Ich erinnere mich an einen Flug, als ich noch Flugbegleiterin war. Anflug Stockholm. Unwetter. Die Anschnallzeichen leuchteten röter als sonst. Wir saßen alle auf unseren Plätzen, ich in der hinteren Galley. Ich spürte, dass etwas nicht in Ordnung war. Die Maschine wurde durchgerüttelt, die Passagiere waren unruhig und ich versuchte mein Stewardessen-Pokerface zu wahren. Während ich mich durch die Ungewissheit hindurchlächelte, spulte ich innerlich das Vater-Unser ab, immer und immer wieder. Wir landeten sicher. Die Piloten kamen käsebleich aus dem Cockpit. Kurzes, geschocktes Innehalten und dann wieder zurück in den Lärm des Alltags.

Vor zwei Tagen brach der Lärm für 150 Menschen jäh ab. Und die Stille legte ihr Tuch über das Zackengebirge. Ich stelle mir vor, dass Gott dort schon gewartet hat. Mit offenen, liebenden Armen. Und seinen Kindern ein tröstendes „Ssssschhhh“ zugeraunt hat.

Ich hoffe, dass es so war. Der Tod darf nicht das letzte Wort haben. Sondern der, der hinter ihm wartet.

12 Kommentare zu „Stille

  1. Leider war mit großer Wahrscheinlichkeit die überwiegende Mehrzahl der Flugpassagiere nicht mit einer lebendigen Hoffnung auf ein ewiges Leben bei Gott erfüllt. Wen Gott rettet, und wer von diesen Menschen nun in seiner Ewigkeit ist, darüber vermag ich mir kein Urteil zu erlauben. Aber auch wenn uns als Mittrauernden tröstende Worte gut tun, gelingt es mir nicht, meine Augen und mein Herz vor der Wahrheit zu verschließen, nämlich dass leider so viele Menschen ein ewiges Leben in der Verdammnis verbringen werden. Sorry für diese unschönen untröstlichen Gedanken, aber das konnte ich so irgendwie nicht stehen lassen.

    1. Hallo Corinna,
      ich moechte mich nicht darueber erheben, zu spekulieren, wie es in dem Herzen jedes Einzelnen aussieht. Das steht mir nicht zu. Und es ist auch nicht meine Aufgabe. Es ist eine Sache zwischen Gott und dem jeweiligen Menschen. Und wie Gott sich dem Einzelnen jeweils offenbart, bleibt ganz IHM ueberlassen (auch wenn es erst in den letzten Lebenssekunden sein mag). Gut, dass ich mir darum keine Gedanken machen muss.
      LIebe Gruesse
      Veronika

      1. Das unterschreibe ich sofort. Wie gesagt, auch ich vermag mir kein Urteil darüber zu erlauben, wen Gott wie rettet. Dass er seine Kinder, die womöglich unter den Opfern waren, in seine ewige tröstende Heimat aufnimmt, ist wirklich ein schöner Gedanke und daran glaube ich auch. Aber eben auch an die andere Seite der Ewigkeit, die leider auf viele wartet.
        LG Corinna

  2. Sehr schön geschrieben, ich bekomme eine Gänsehaut. Danke dir für diesen wunderschönen Beitrag. Denn auch ich habe zwei Töchter, die jüngste heißt Amelia 🙂 (einer der Gründe, warum ich dich und deinen Blog so mag). Aber zurück zum Thema, mir geht es die letzten Tage ähnlich. Ich liebe meine Kinder, doch manchmal nimmt die Angst einen großen Raum in meinen Kopf ein, was – wenn ich die beiden verliere, was – wenn sie ohne Mama aufwachsen…. Warum habe ich überhaupt Kinder, wenn die negativen Gedanken so sehr überwiegen und ich in ständiger Angst lebe? Ich schaue schon länger keine Nachrichten mehr an, weil mich die Ereignisse traurig machen, aber warum fällt es mir so schwer mich in diesen Zeiten an etwas positives zu erinnern, weiterzuleben, weiterzumachen…. Ich wünsche uns allen viel Kraft! LG Anastasia

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