Reset

Wehe mir, die Sonne scheint mit ihrem enthüllenden Licht. Dann hetze ich mit Riesenschritten durch den Flur, schaue weder nach rechts noch nach links. Fällt mein Blick doch dummerweise auf die Wände, ringt mich mein schlechtes Gewissen nieder. Seit Wochen wollte ich hier streichen. Vor sechs Jahren waren die Wände jungfräulich weiß. „Zu weiß!“, wie ich damals meckerte. Heute wünschte ich, sie wären noch immer so.

Aber zwei Kinder und eine Katze später zieren die Wände allerlei Spuren. Jetzt hätte ich also meinen damaligen Wunsch-Ton: Eierschalen-weiß. Nur das diese Farbe nicht aus dem Baumarkt, sondern von vielen schmutzigen Patschehändchen stammt.

Ich hab echt keinen Plan, wann ich diese dämliche Wand anpinseln soll. Jeden Tag schreibe ich morgens hoffnungsvoll in meinen Terminplaner: Zum Baumarkt fahren! Farbe kaufen!! Abends verschiebe ich es auf den nächsten Tag. Und setze ein weiteres Ausrufezeichen dahinter.

Es ist ja nicht nur der Flur. Alle Wände haben eine General-Sanierung nötig. Allein nur vom Drandenken fühle ich mich schon ganz ausgelaugt und schwach.

Dieses Gefühl, als wir hier vor mehr als sechs Jahren einzogen! Es herrschte soviel Platz, es roch nach frischer Farbe und Holz und Leim. Der Duft eines verheißungsvollen Neuanfangs, der mich inspirierte, unseren Wohnraum zu gestalten. Ganz neu. Alles auf Anfang. Reset.

Seit wir uns Häuser auf Verkaufsportalen im Internet ansehen, sehe ich unser Haus in einem ungünstigeren Licht. Warum haben wir kein Eichenparkett und keine dänische Landhausküche und keine gerade Böden? Als heute die nörgelige Unzufriedenheit ihren Siedepunkt erreichte, reichte es mir. Ich drückte den Reset-Knopf. Alles auf Anfang. Ich erinnerte mich an das erhebende Gefühl unseres Einzugs. Und die damit verbundene tiefe Dankbarkeit für ein echtes Zuhause. Vergessen war die dänische Landhausküche (…fast).

Ich brauche für alle Lebenslagen einen Reset-Knopf. In meinen Freundschaften. Mit den Kindern. In meiner Ehe. Für meine Arbeit.

Reset: In Konflikten, in denen ich nicht mehr weiß, was eigentlich der Auslöser war.

Reset: Im Gefühls-Chaos, das mich aus der Realität heraus reißt.

Reset: Nach einer Fress-Attacke.

Reset: Wenn ich anfange, mich mit der Schreib- und Fotografie-Leistung anderer zu vergleichen.

Reset: Wenn Unzufriedenheit mein Herz vergiftet.

Reset: Wenn ich mir und anderen nicht vergeben kann.

Alles auf Anfang. Ich möchte mich immer wieder an die aufregenden, vielversprechenden, hoffnungsfrohen Anfänge erinnern und aus ihnen neuen Antrieb gewinnen. An das Ja-Wort vor dem Altar. An die ersten Stunden mit meiner neugeborenen Tochter an der Brust. An meine ursprüngliche Liebe für Bilder und Worte. An Menschen, die mich – nachdem sie mich wirklich kennen lernten – nicht von meiner Seite wichen.

Zu irgendeinem Zeitpunkt in unserem Leben machen wir den ersten, glückssprudelnden Schritt. Je weiter wir uns vorwärts tasten, desto mehr besteht die Gefahr, dass wir uns in den Fallstricken unserer eigenen Dunkelheit verheddern. Aus der Lust am Schreiben wird das Streben nach Lob. Zwischen die bedingungslose Liebe zu unserem Partner, den Kindern drängen sich dann doch Bedingungen. Wachsender Zweifel an der Zuneigung von Freunden drängen zum inneren Rückzug.

Wir sehnen uns nach dem Ursprünglichen zurück. Nach unschuldigeren, einfacheren Zeiten. Vielleicht ist diese Sehnsucht ein Hinweis darauf, dass solch ein Ort tatsächlich auf uns wartet. Wo irgendwann ein fetter Reset-Button für die ganze ächzende Schöpfung gedrückt wird.

Mal sehen. Bis dahin muss ich mehrmals täglich auf meinen Reset-Knopf eindreschen.

Zurück auf Anfang. Zurück zur Liebe. Zurück zur Gnade.

13 Kommentare zu „Reset

  1. Wie recht du hast… du sprichst mir aus dem Herzen. Nur könnte ich es nicht so gut formulieren… 😉 Danke für diese Gedankenanstösse! Und nun nach einem chaotischen Start in den Tag mit trödelnden Kindern – Reset! Ein ganzer Tag liegt noch vor mir! Auf den fetten Reset-Button freue ich mich auch schon…

  2. wunderschön geschrieben. Heute brauche ich ganz dringend den Reset- Button, zurück zur Gnade, für mich, für eine Situation, die ich nicht einfach aus der Welt schaffen kann. Danke. Liebste Grüße zu dir (und ich finde euer Zuhause wunderbar, weil ihr darin lebt und liebt udn so lebendig seid…daneben kacken die dänischen-super-edel-geputze- Pintreststylischewhatever Häuser total ab:-)

  3. Hatte mir das Streichen unseres Treppenhauses für März vorgenommen. Spuren von geschätzten 1000 Menschen und Möbeln der etwa letzten zehn Jahre. Wird frühestens April…

  4. …kein echter Ersatz für’s Streichen, aber eine ziemlich gute Zwischenlösung für die extremen Stellen (rund um den Lichtschalter oder direkt über dem Schuhregal…) finde ich die Radierschwämme. Anfeuchten und die Flecken damit „wegradieren“. Geht fix und ist förderlich für die Optik, bis dann die Zeit für’s Streichen reicht…
    Viele liebe Grüße
    Elisabeth

  5. bin eigentlich niemand der Kommentiert (das ist mein erstes Mal :-))
    Ich musste an eine Predigt denken. Vielleicht passt die ja grad bei dir.

    http://www.icf-kraichgau.de/media/other.html
    LADIES LOUNGE 2014
    08 Nov 2014 – Charlotte Gambill
    Session 4

    vielleicht findest du ja einen ruhigen Moment um sie zu schauen 🙂 Sei gesegnet meine liebe.
    Grüße Anne

  6. Ja, manchmal muss man den Reset Knopf drücken, damit man wieder spürt, was doch alles gut ist !
    Dankbar für die Wohnmöglichkeit (egal ob Wohnung oder Haus), die Familie, Freunde, unsere Nahrung…….und auch ganz einfach die vielen kleinen Dinge des Alltags ! Es gibt Tage, da merke ich auch, wie sich die Unzufriedenheit einschleicht, ich fange an zu vergleichen, schaue nach anderen, nörgel……und dann denke ich wieder, mensch sei doch dankbar, da bin ich auch, aber manchmal gibt es halt diese Tage und man muss einfach mal wieder den Reset Knopf drücken !
    Und ganz ehrlich, wer will schon in einer super tollen Hochglanzwohnung am besten noch in weiß (sehr kinderfreundlich:-) wohnen, bzw. fühlt sich dort wohl. Dann lieber so gemütlich wie bei Euch mit all dem Leben ! Wir haben ein altes Haus gekauft, es gibt so viel zu renovieren, zwischen Kindern, Tieren und allem drum herum….alles nach und nach ! Und irgendwann findet sich auch die Zeit zum streichen !;-)
    Liebe Grüße,
    Birgit

    1. Danke für deinen Kommentar, Birgit. Du hast ja recht – alles nach und nach. Oder gar nicht. Heute muss ich auch wieder Prioritäten setzen und einiges fallen lassen. Ein bisschen im Garten werkeln, ein Möbelstück streichen, mit den Kindern spielen, mit einer Freundin telefonieren…..dafür die Wäsche, den Staub und das Kinderzimmer-Chaos liegen lassen.
      Liebe Grüße
      Veronika

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