Dankbarkeit, Familie, Gedanken

Nährboden

Ich bin neun Jahre alt. Auf dem runden Kieferntisch im Esszimmer schieben meine zwei Schwestern und ich die rote Tischdecke zur Seite. Es kümmert uns nicht, dass wir sie dabei völlig zerknittern. So etwas wird uns erst 30 Jahre später stören. Draußen wird es schon früh dunkel. Unser Vater arbeitet im Hühnerstall, eigentlich sollten wir ihm helfen. Aber wozu hat man große Brüder? Sollen die das machen. Denn wir wollen unbedingt basteln, unsere weibliche Seite ausleben. Meine große Schwester zeigt uns, wie man Bilder aus Naturmateralien gestaltet. Nach kürzester Zeit türmen sich Linsen, Mais, Bohnen, Sonnenblumenkerne und weitere Vorräte aus Mutters Speisekammer auf dem Tisch. An meinen Händen kleben mehr Linsen als auf dem Bild. Aber der Ehrgeiz hat mich gepackt, ich will es meiner großen Schwester gleich tun. Meine kleine Schwester verliert schnell die Lust und geht lieber mit ihrer verunstalteten Barbie-Puppe spielen.

In der Küche werkelt Mutter vor sich hin, singt zu einem Lied im Radio. Ich verdrehe vorpubertär die Augen und popele ein paar klebrige Bohnen aufs Papier. Einer unserer Brüder kommt herein, mit einem Korb voll Holz. Er soll den Ofen anschüren. Im Vorbeigehen macht er, wie sich das für einen großen Bruder gehört, ein paar abfällige Bemerkungen über unsere Kunstwerke. Später bin ich dann frustriert. Weil mein Bild nicht so toll geworden ist wie das meiner großen Schwester. Ich widme mich also lieber einem meiner Enid-Blyton-Bücher und wünsche mir mal wieder nichts sehnlicher, als in einem Internat zu wohnen.

Hier auf diesem Hof in diesem Mini-Kaff passiert nie was Aufregendes. In den Büchern schon. Ich hab nur nervige Geschwister. Und keine coole Zwillings-Schwester. Ich gehe auf eine Dorfschule mit ganz gewöhnlichen Lehrern und ihren Schrullen. Und nicht auf ein Internat mit schicken Französisch-Lehrerinnen. Ich beschäftige mich in meiner Freizeit mit Bohnen und Hühnern und stinkenden Jungs. Und nicht mit Tennis und dem Fangen von Verbrecherbanden.

Als Neunjährige rief die Lücke, die zwischen Realität und Traumwelt herrscht, einen große Sehnsucht und Unzulänglichkeit in mir hervor. Heute schaue ich diese Neunjährige an und denke mir: Was hatte dieses Mädchen Glück! Während sie mit einem Fuß in ihrer Traumwelt herumstolperte, war der andere Fuß fest verankert in einem Großfamilien-Gefüge. Voller Leben und Konflikte und Lachen und Schreien und Chaos und Raum zum Träumen.

Sie nahm es Schultern zuckend als selbstverständlich hin, dass immer jemand da war. Dass sie im Herzen der Natur und im fühlbaren Rhythmus der Jahreszeiten heranwuchs und lernte. Dass sie in der Dorfschule die Grundlagen lernte, die auch heute noch ihr Leben mit Leidenschaft erfüllt: Lesen, Schreiben, Kunst. Dass sie schon als kleines Kind die Freiheit hatte alles auszuprobieren: Auf Bäume klettern, Kochen, Backen, Angeln, Skifahren, im Wald herumstromern, Basteln, Banden gründen, Musik machen.

Ich habe mein allereigenstes Kinderleben geführt. Nicht das Leben einer Romanfigur. Alles, was in meiner Kindheit geschehen ist, kann mir keiner mehr wegnehmen. Kein gegenwärtiges oder zukünftiges Ereignis kann irgendwas daran ändern oder hinzufügen oder wegnehmen.

Warum ich über meine Kindheit schreibe? Weil ich hoffnungsvoll sentimental bin, vor allem in letzter Zeit. Und weil die Kindheit meiner eigenen Mädchen an Erinnerungen rührt, die eingestaubt waren und die ich jetzt wieder hervorhole.

Die Erinnerung hilft mir heute, vieles gelassener zu sehen. Meine Kinder werden ihre Kämpfe ausfechten und verlieren. Sie werden mit der Realität hadern und meckern. Sie werden verwirrende Zeiten durchleben auf der Suche nach ihrer Identität.

Ich kann meine Kinder nicht vor allem schützen. Aber ich kann ihnen ein sicherer Hafen sein, in dem sie andocken, Sicherheit und Liebe und Zuspruch auftanken. Ich darf ihnen Nährboden sein. Im Vertrauen darauf, dass vieles, was ich versuche zu säen manchmal erst viele Jahre später aufgehen wird.

Doro1

4 Gedanken zu „Nährboden“

  1. Jö – das kleine Mädchen auf dem Foto links, sieht aus wie unsere mittlere Tochter in diesem Alter. Es könnte sie sein! 😉 Und auch sonst entdecke ich mein Leben in deinem Blogeintrag. Ich lebte eine Zeitlang in den Enid Blyton und anderen Büchern und fand mein eigenes Leben todlangweilig. Aber wie sehr sehnte ich mich nach jüngeren Geschwistern, wie du sie hattest und ich war tatsächlich oft allein und einsam. Aber später fand Gott genau durch diese Einsamkeit einen Zugang zu mir.

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  2. Ach, das hast du so schön beschrieben! Da werde ich auch ganz sentimental… Du hast Recht, man merkt oft erst in der Erinnerung welche Schätze man bekommen hat. Ich hoffe sehr, dass ich Samu auch so einen sicheren Hafen schenken kann und er später einmal dankbar zurückschaut (und sich nicht nur an eine alte, müde Chaosmama erinnert:-)).
    Liebste Grüße!!!
    (Ach und du bist eine tolle Mama!!! Spürt man immer wieder zwischen den Zeilen und ich kann viel von dir lernen!)

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  3. Tja, Sendelbach war halt Sendelbach. Und es stimmt: Unsere Kindheit fand zwar auf dem tiefsten Land statt, aber es war gut so. Ich erinnere mich an viele Dinge voller Dankbarkeit. Danke für deinen tollen Text!!!
    Liebe Grüße,
    der Typ mit den abfälligen Kommentaren zu den Kunstwerken …

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