Familie, Gedanken, Glaube

Wunderbar!

Drei Wochenenden hintereinander waren wir unterwegs gewesen: Nordhorn, Sendelbach, Barcelona, Würzburg. Nach dieser bewegten, vollen Zeit haben wir uns danach gesehnt, in ein stinknormales Familien-Wochenende einzutauchen. Ich fühlte mich ausgelaugt, erschöpft und wollte nur eins: bis mittags im Schlafanzug rumhängen und Pfannkuchen essen.

Dieser Wunsch wurde mir gestern erfüllt. Herrlich. Armin wühlte im Garten-Dreck („Das war meine letzte Garten-Aktion für dieses Jahr!“) und ich legte ein Mini-Beet in einer Zinkwanne für die Kinder an. Mit kindlichem Enthusiasmus pflanzten sie Kohlrabi und Amelie sinnierte bereits, wie sie diesen verwenden würde: „Au ja! Fischstäbchen mit Kartoffelbrei und Kohlrabi-Gemüse!!“ Mal sehen, ob Spinat und Radieschen, die sie ebenfalls gesät hatten, die gleichen Begeisterungsstürme ernten würden.

Nachmittags tauschte ich meinen Pyjama notgedrungen gegen einen Badeanzug ein. Die Kinder wollten schwimmen gehen. Ich wollte nur im warmen Kinderbecken liegen und ab und zu Grunz-Geräusche von mir geben. So dass meine Familie und der Bademeister sicher sein konnten, dass ich noch lebe. Ich fühlte mich wirklich sehr müde und emotional ausgelaugt. In den letzten zwei Wochen war eine altbekannte Stimme aufgetaucht, von der ich dachte, sie würde sich nie wieder zu Wort melden. Aber da war sie, hämisch grinsend. Sie lockte mich in ihren schwarzen, klebrigen Sumpf: „Du bist nicht liebenswert. Unter deiner netten Fassade bist du ein hässlicher Mensch. Warte nur, bis das die anderen erkennen!“ Ach geh weg, blöde Stimme. Aber was, wenn es wahr ist? Was, wenn die Leute um mich herum bemerken, dass ich eine zutiefst fehlerhafte, nur mittelmäßig begabte und cellulite-geplagten Frau bin?? Ich scheuchte die düsteren Gedanken weg, wandte mich meinen Mädchen zu, die frei und unbelastet im Wasser plantschten. Ich planschte mit und freute mich über ihre Freude.

Später schälten wir uns aus unseren nassen Sachen. In Umkleide-Kabinen mach ich immer besonders schnell, denn ich hasse sie abgrundtief. In Umkleiden fühle ich mich immer wie eine verklemmte 6-Klässlerin, bei der die fiesen Klassenkameradinnen über die Trennwand spannen und dann lautstark verkünden: „Iiiih, die Vroni trägt Omi-Schlüpper!!“

Während ich also schnell schnell schnell machte, umkreiste mich Josefine neugierig. Sie studierte mich von allen Seiten, um mir dann das Ergebnis ihrer peinlichen Leibesvisitation mitzuteilen: „Mama, du bist einfach wunderbar. Wunderbar!!“

Ich war geschockt und wollte fast erwidern: „Ähm, Kind, hast du meine Cellulite gesehen? Die Rundungen an Stellen, wo normalerweise keine Rundungen sein sollten? Meine knubbeligen Knie?“ Meine Tochter hat das alles gesehen: Einen Menschen, den sie aus tiefster Seele liebt (und manchmal auch total blöd findet – vor allem wenn sie Kräutersuppe essen muss).

Angesichts ihrer arglosen Bewunderung kamen mir die Tränen. Sie umarmte mich. Die hässliche Stimme verstummte. Und eine andere Stimme gewann Raum: „Du bist wunderbar.“

In all unserer Zerbrochenheit und Fehlerhaftigkeit sind wir versucht, der hässlichen Stimme zu glauben, die uns einflüstert:

„Was bist du nur für eine Mutter. Deine Kinder müssen später bestimmt mal in Therapie“

„Du kriegst ja echt nichts auf die Reihe. Was bist du nur für eine Null.“

„Andere Frauen bekommen das auch hin. Warum du nicht. Irgendwas stimmt nicht mit dir.“

„Wenn du die 20 Kilo abnimmst, dann kann endlich dein Leben anfangen.“

„Du wirst dich nie ändern.“

„Kein Wunder, dass dich alle verlassen. Du bist halt einfach nicht liebenswert.“

„Reiß dich zusammen. Als Christ reagiert man so nicht.“

Welch gewaltige Änderung und Heilung würde in unserem Leben passieren, wenn wir diesen Lügenstimmen nicht mehr glauben? Sondern der Stimme derer, die uns von Herzen lieben.

Und der Stimme des EINEN, der mehr, besser, tiefer und ewiger liebt als jedes menschliche Wesen.

Du hast alles in mir geschaffen und hast mich im Leib meiner Mutter geformt. Ich danke dir, dass du mich so herrlich und ausgezeichnet gemacht hast! Wunderbar sind deine Werke, das weiß ich wohl. Du hast zugesehen, wie ich im Verborgenen gestaltet wurde, wie ich gebildet wurde im Dunkel des Mutterleibes. Du hast mich gesehen, bevor ich geboren war. Jeder Tag meines Lebens war in deinem Buch geschrieben. Jeder Augenblick stand fest, noch bevor der erste Tag begann.  Wie kostbar sind deine Gedanken über mich, Gott! Es sind unendlich viele. Psalm 139, 13-17

9 Gedanken zu „Wunderbar!“

    1. Ich denke, wir dürfen unsere Fehler anschauen, ohne gleich unsere ganze Person in Frage zu stellen oder abzuwerten. Wir versagen als Mütter tagtäglich, was aber nicht heißt, dass wir als Mütter eine Katastrophe sind 🙂 Ich bin sicher, du machst das ganz prima!

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  1. Danke für so viel Ehrlichkeit und so schöne Worte. Ja, die Stimme. Ich habe sie in letzter Zeit auch wieder gehört – bei mir ist sie besonders laut in Zeiten in denen ich viel für andere mache und wenig für mich und mir gleichzeitig wünsche auch ein bisschen verwöhnt und „bemuttert“ zu werden. Wenn andere das dann nicht leisten (können), richte ich den Zorn und die Enttäuschung gegen mich…

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