Reisen, USA

Zum Leaflooker geadelt

Unser geschirrklapperndes Monster
Unser geschirrklapperndes Monster

Boston – Cape Ann

Wir haben wertvollen Schlaf nachgeholt! Und so starten wir gestärkt in den Tag, an dem wir Wohnmobil übernehmen und Vorräte einkaufen müssen.

Die Übernahme klappt reibungslos. Nun erfahren wir auch, dass wir Touris leicht verächtlich Leaf-Lookers genannt werden, also „Blättergucker“. Ja, dazu stehen wir! Ich bin ganz scharf auf den Indian Summer, ist doch der Herbst meine absolute Lieblingsjahreszeit. Hier in New England geht das Jahr quasi mit einem Mordspaukenschlag aus verschwenderischen Farben zu Ende. Linda, die uns einweist, hat sofort einen Narren an Amelie gefressen. Apropos Amelie. Sie ist ein echter Türöffner, mit jedem und allen kommen wir sofort ins Gespräch. Die Kinderfreundlichkeit der Amerikaner kann man wortwörtlich nehmen – überall werden wir sehr zuvorkommend behandelt, Amelie wird bestaunt und junge sowie alte Frauen kreischen vor Entzücken auf, sobald sie einen neugierigen Blick in den Buggy geworfen haben. So eben auch Linda, die Amelie mit Kinderspielzeug und Schmusattacken überhäuft. Unsere Süße fremdelt kein bisschen und fast habe ich den Eindruck, sie nutzt diese Zuneigungsbeweise weidlich aus.

So, nun sitzen wir endlich im Camper, unser Zuhause für die nächsten drei Wochen. Wir haben uns beim Fahren für die klassische Rollenverteilung entschieden: Armin fährt und ich navigiere (und nörgle). Amelie sitzt hinter uns und betrachtet mit großen Augen die amerikanische Landschaft, die am Panoramafenster vorbeizieht. Nächster Halt: Supermarkt. Mit einer Mischung aus Entzücken und Grauen betreten wir den amerikanischen Konsumtempel. Kilometerlange Kühltruhen erstrecken sich vor mir, gefüllt mit 50 Pizzasorten, die mir zuzurufen scheinen: „Kauf mich, kauf mich, schau meine verführerischen Käsefäden an!“ Der Einkauf erstreckt sich über Stunden, denn es gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen, wenn man „nur“ ganz normale Lebensmittel möchte. Vor dem Reisregal kapituliere ich vor dem Überangebot und möchte mich am liebsten heulend auf den Boden werfen. Ich will einfach nur stinknormalen Basmatireis. BASMATIREIS!! Ich finde nur: Reis nach Cajunart, Asian Fried Rice, Italian Supergorgonzola Rice, Rice and Beans usw. Leider gilt dieses Überangebot nicht für Babygläschen. Hier herrscht eine dünne Auswahl an 50 Gramm-Gläschen (alle Mamis werden jetzt entsetzt mit dem Kopf schütteln, denn das entspricht ungefähr einem Viertel von dem, was Babies pro Mahlzeit essen). So, dann kaufe ich eben einen Kürbis und koche selbst Brei. Pah! Ich schiebe den bis an den Rand gefüllten Wagen an die Kasse. „How are you today?“ ertönt es, die Standardbegrüßung, auf die der Amerikaner auf keinen Fall eine umfassende Berichterstattung der eigenen Befindlichkeit erwartet. Höchstens ein „Good thanks“ – auch wenn einem gerade die Mutter gestorben sein sollte.

Abends rumpeln wir dann auf den Campingplatz auf der Halbinsel Cape Ann. Wir sind müde, genervt. Denn einige Um- und Irrwege liegen hinter uns. Was als Highway ausgeschrieben war (vor meinem geistigen Auge sah ich eine wohlgeteerte deutsche Autobahn), entpuppte sich als schlechtere Landstraße, die von roten Ampeln gesäumt war. Die Straßenqualität machte einer DDR-Autobahn alle Ehre. Unser Geschirr und Besteck tanzte in den Schränken Boogie-Woogie, so dass uns noch später am Abend die Ohren klingelten. Unser Campingplatz liegt in einem offenen Mischwald, in dem offensichtlich die Eichhörnchen die Oberherrschaft an sich gerissen haben. Abends sitzen wir beim monotonen Gesang der Grillen unter den dunklen Bäumen und wehren uns erfolglos gegen die Müdigkeit, die uns früh ins Bett zwingt. Armin schläft über dem Führerhaus, Amelie und ich beziehen das Bett im hinteren Teil unseres Campers.

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