Nörgelei, Lufthansa und Fettweggürtel – erste Reiseerlebnisse

Unser Abenteuer hat begonnen – 1 Monat New England mit unserer 9 Monate alten Amelie. Nun sitze ich gerade im Bostoner Sheraton und lasse die letzten 48 Stunden, einige davon recht bizarr, Revue passieren.

Rückblende: Fahrt zum Frankfurter Flughafen. Obwohl der Verkehrsfunk freie Fahrt angekündigt hatte, stehen wir kurz vor Hockenheim im Stau. Da ich eine Person bin, die leicht aus der Ruhe zu bringen ist, erst recht seitdem mein Nervenkostüm durch babybedingte kurze Nächte dünn ist, explodiert mein Ärger im Auto. „Alles unfähige Autofahrer! Die sind schuld, wenn wir zu spät zum Flughafen kommen!!“ (Tatsächlich waren wir aber pünktlich 3 Stunden vor Abflug beim Check-In). „Lasst unsere Vroni nörgeln“, so ertönt es trocken vom Beifahrersitz. Wenn uns auf Fahrten langweilig ist, dann bilden Armin und ich aus den Buchstaben auf Nummernschildern Sätze. Vor uns prangt LU-VN….

Endlich am Check-In in Frankfurt. Hier beginnt eine Odysee, die erst kurz vor Start ihr – glückliches- Ende findet. Wir hätten gerne zwei Sitze vor der Trennwand, die für Eltern mit Babies geblockt ist, da an der Wand Babybettchen für Langstreckenflüge eingehängt werden können.  So war zumindest die Info der Lufthansa-Infohotline. Allerdings sind diese schon vergeben, bis auf einen Platz. Macht nix, Hauptsache Amelie hat ihr Bettchen und muss nicht acht Stunden auf unserem Schoß sitzen. Dafür nehmen wir gerne in Kauf, getrennt zu sitzen. Am Gate lassen wir uns von einem Mitarbeiter bestätigen, dass ich diesen restlichen Platz bekomme. Ich juble. Das Jubeln vergeht mir, als wir boarden und ich feststellen muss, dass entgegen aller vorherigen Behauptungen und Versprechen alle Plätze vor der Trennwand vergeben sind: an amerikanische Passagiere, ohne Babies.

Jetzt platzt mir der Kragen…auf der Lufthansa-Homepage, bei der Hotline, beim Check-In: überall wurde behauptet, diese Reihe sei nur für Eltern mit Babies. Selbst ein weiteres, konsterniertes Paar mit 4 Monate altem Baby, das zwei Plätze schon vor Monaten an der Trennwand gebucht hatten, geht leer aus. Da stehe ich nun, mit meiner geduldigen Amelie auf dem Arm und koche vor Wut über soviel Inkompetenz. Die einzigen kompetenten Mitarbeiter der LH sind die unterbezahlten Flugbegleiter, die die Situation entschärfen (man spricht hier auch von Deeskalation, das wusste ich noch von meiner Saftschubsenausbildung….*klugscheißermodusaus*), indem sie die Trennwandpassagiere mit Charme und Diplomatie dazu bewegen, mit uns Plätze zu tauschen. Wir sind schon auf dem Rollfeld, als wir mit Kind und Krempel (Gott, wieviel Kram man braucht, wenn man mit Baby verreist!!) und viel Getöse umziehen. Kaum lasse ich mich in meinen Sitz mit einem Aufseufzer der Erleichterung plumpsen, weht mir ein Duft aus Richtung Windel entgegen. Unsere allen Situationen gewappnete und routinierte Flugbegleiterin gibt mir grünes Licht zum Turbowindelwechseln, denn wir sind in Richtung Startbahn unterwegs. Rasantes Windelwechseln auf minimalstem Raum ist eine Kunst, von der ich feststelle, dass ich sie beherrsche. Kaum sitzen wir wieder (ich schwer atmend nach der ganzen Hektik), erhebt sich der Airbus in die Luft Richtung Boston.

Der hart erkämpfte Babyplatz
Der hart erkämpfte Babyplatz

Im Gegensatz zum turbulenten Auftakt des Fluges, verläuft dieser dann völlig unspektakulär und störungsfrei. Amelie verschläft Start, den größten Teil des Fluges und Landung. Sie scheint meiner Globetrottergene und Armins Gelassenheit geerbt zu haben. Ach ja, die Einreiseformulare für die USA…die muss ich auch für Amelie ausfüllen. „Waren sie vor 1945 am Völkermord der Nazis beteiligt“ oder „Haben Sie gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen“, so lauten einige der Fragen, die ich für Amelie mit Ja oder Nein anzukreuzen habe. Wer wäre so ehrlich, hier mit Ja zu antworten?? Und was wären die Folgen? Ausweisung, Guantanamo, Todesspritze???

Wie dem auch sei, endlich stehen wir auf amerikanischem Boden und quartieren uns erstmal im Flughafenhotel ein. Eine unruhige und kurze Nacht macht für Armin und mich den Jetlag nicht leichter. Amelie hingegen schläft den Schlaf des weltreisenden Babies. Solange sie die Reise gut verkraftet, bin ich bereit jedes Opfer zu bringen. Gegen drei Uhr nachts ist es dann aber erstmal vorbei mit Nachtruhe. Völlig erschöpft knipst Armin das Licht an: „Alles Gute zum Geburtstag, mein Schatz“. Ja, es ist mein Geburtstag, den ich gerade sehr müde in einem nichtssagenden Hotel, in einem nichtssagendem Industrieviertel verbringe. Das ist gerade ziemlich deprimierend. Um mich abzulenken, gingen wir ein bisschen Shoppen. Auf der Toilette des Ladens ereilte mich ein kurioser Marketingversuch: ich hatte gerade Amelie gewickelt, als sich eine Klotür öffnete und eine füllige schwarze Frau meines Alters ihren großen Auftritt hatte: „Hey, Mommies, look at me (jetzt sinngemäß auf Deutsch weiter) Schaut euch meinen tollen Körper an! Ein Körper wie eine Eieruhr. Und wollt ihr das Geheimnis wissen?“ Sie ließ mich und eine weitere Frau nicht lange im Dunkeln tappen, machte ihre Hose auf, lupfte ihr Shirt und zum Vorschein kam ein Fettweggürtel, den sie prompt öffnete. Ein cellulitöser, von mehreren Schwangerschaften gezeichneter Bauch fiel mir entgegen. „Wenn ihr Interesse am Fettweggürtel habt, hier meine Visitenkarte“. Damit drückte sie jeder von uns ihre Karte in die Hand und wackelte mit ihrer Eieruhrfigur davon. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Lachen, weil das die kreativste Werbestrategie war, die mir seit langem begegnet ist und Weinen, weil sie MIR einen Fettweggürtel angeboten hatte!!!! Der Fall liegt klar: nach dem Abstillen geh ich auf Diät. Pfeif auf den Fettweggürtel!!! Mogelei ist nicht, spätestens abends beim Ausziehen zeigen sich die nackten Fakten ohne Retuschierung und Schönmalerei.

Armin und ich pflegen nun noch ein bisschen unseren Jetlag, werden nachher meinen GEburtstag bei Sushi und Budweiser feiern und früh zu Bett gehen (Bombengeburtstag).

Morgen früh mieten wir dann unser Wohnmobil an. Sind schon tierisch gespannt!!!

7 Kommentare zu „Nörgelei, Lufthansa und Fettweggürtel – erste Reiseerlebnisse

  1. Liebste Smoorbärchens,

    ich bin schon nach diesem einen Eintrag ein FAN eures Blogs!
    Danke, dass ihr die lustigen und weniger lustigen Tage eurer Abenteuerreise mit uns allen teilt… ich wünsch euch, dass ihr -ohne Probleme- den passenden Wohnwagen bekommt… also: ab die Post!

    Liebe Grüße aus der Heimat,
    Steffi

  2. Na das klingt ja nach nem Megaspass bis jetzt haha…hab mich köstlich amüsiert beim lesen…also schwesterherz…verkrampf dich net! Immer locker bleiben…alles halb so schlimm wenn mans doppelt nimmt. lol

  3. Hey ihr Smoorbären!
    amüsant von euch zu lesen!
    am meisten hab ich gelacht bei „konsterniert“ und „den einreiseformularen“
    tolle lektüre, die eure kleine da liest. sie hat gute chancen nach ihrem abi 2024 germanistik zu studieren und in die literarischen fußstapfen ihrer mama zu treten
    anbei, wenn du clever bist packst du „drogenmafia, mauerblümchen, wagner pizza, glätteisen“ in den nächsten blogeintrag und du hast deinen auftrag von april 2008 erfüllt 🙂

  4. Hi ihr Camper,
    lese mit Genuss eure Berichte!
    Bin gespannt, was ihr noch so alles erlebt!
    Your big brother is watching you!
    Big brother
    Martin

  5. Liebe Veronika, vor ein paar Monaten habe ich dein Buch „Heiliger Alltag“ per Zufall in der Buchhandlung entdeckt. Eine Sehnsucht überkam mich, als ich den Titel des Buches auf dem Umschlag las… ich nahm es mit zur Kasse. Beim Lesen weinte ich dann ganz viel. So ein wehmütiges und dankbares Weinen, das gut tut… Als ich das Buch nach zwei drei Tagen fertig gelesen hatte, bestellte ich „Willkommen an meinem Tisch“ und begann fleissig Wallnüsse mit Ahornsirup zu rösten und Gulasch zu kochen – einfach mit Linsen statt Fleisch – wir sind Vegis. Seit ich im Buchladen dein Buch „Heiliger Alltag“ gefunden habe, lese ich auch deinen Blog. Und jetzt möchte ich ganz unten anfangen. Im September 2009. Ich lese wie du mit deinem 9 Monate alten Baby auf Reisen warst damals…. als ich mich mitten in meiner Trauer befand, nachdem unser zweitältestes Kind als Baby in den Himmel gereist war. Deine Baby-Blogeinträge sind noch ganz aktuell und erfrischend für mich, da unser fünftes Kind jetzt im Babyalter ist. (Ich rede mir ein, dass sie noch ein Baby ist. In Wirklichkeit ist sie 15 Monate alt und rennt mir davon).
    Liebe Veronika ich möchte dir danke sagen für die Ermutigung und Inspiration. Danke für deine Jogginghosen-Phasen und die Höhenflüge am Herd. Danke für deine Liebe zur Natur, deine Fähigkeit ganz in eine Lebensphase einzutauchen, dein Nichtverschweigen der Schwierigkeiten im Alltag und für die wundervollen Bilder. Danke, dass wir Frauen zusammen einen Heiligen Alltag erleben dürfen und du uns darin ein Vorbild bist mit deiner Echtheit und deinem JA zum Leben und zu Gottes Liebe zu uns.

    Herzlich, Judith aus Zürich mit einem Himmelsprinzen und vier Töchtern im Alter von 15 Monaten bis 11 Jahren – und dem besten Ehemann

    1. Liebe Judith, ein paar Mal hatte ich schon angesetzt, dir zu antworten. Jetzt aber wirklich! Danke Danke Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, ein bisschen von dir zu erzählen. Es hat mich so sehr bewegt. Wenn ich schreibe, weiß ich ja am Ende eigentlich nie, wo die Worte landen. Ob sie überhaupt landen? Und nun sind sie bei dir in Zürich gelandet. Ich bin sicher, du kannst auch so viel Ermutigendes aus deinem Leben berichten, dessen Höhen und fürchterliche Tiefen dich geprägt haben. Ich freu mich, wenn wir in Verbindung bleiben! Liebe Grüße
      Veronika

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