Es ist ein weiterer warmer Tag, die Straßenbahn ist voller müder Menschen. Sie rattert uns in die Vororte, spuckt uns aus in die Hitze zwischen den Weinbergen. Meine Augen brennen. Sie haben den ganzen Tag auf Bildschirme gestarrt und mein Gehirn mit Informationen und KI-Prompts geflutet.
Ich schließe die Haustür auf, in dem Tochter-Zimmer verausgabt sich mal wieder Freddie Mercury mit seiner Bohemian Rhapsody. Die Katze miaut mir entgegen, als wäre ich drei Wochen weg gewesen. Alles, was ich jetzt möchte, ist ein 5-Liter-Eimer Eiskaffee und Ruhe.
Meine Hand greift automatisch nach dem Handy. Aber da erinnere ich mich: Mist, ich habe die Social Media-Sperre eingeschaltet. Ich starre ein paar Minuten auf die Wetter-App, bis ich die Lust verliere. Ist ja eh nichts neues. Sonne, Hitze, Sonne, Wind, Sonne.
Ich schmeiße den Apparat aufs Kissen und blättere in Devotions von Mary Oliver. Ich habe die us-amerikanische Poetin vor vielen Jahren entdeckt, lieb gewonnen und mir nun diese Sammlung ihrer schönsten Gedichte gegönnt.
Ich lese Sea Leaves. Ein Gang über den Strand. Die Dichterin sammelt essbare, salzige Pflanzen. Daheim kocht sie daraus eine Mahlzeit, friert die Reste ein. Und stellt am Ende des Gedichts die Frage: „The only thing I don’t know is, should the activity of this day be called labor, or pleasure?“
„Das Einzige, was ich nicht weiß, ist: Soll man die Tätigkeit dieses Tages als Arbeit oder als Vergnügen bezeichnen?„
Die Pause auf dem Sofa ist vorbei. Der Garten muss gewässert werden. Die Äpfel aufgelesen, die Brombeeren gepflückt, die Wäsche aufgehängt werden.

Ich gehe zur wilden Brombeerhecke hinter dem Haus. Und ich wundere mich. Trotz der Dürre trägt sie dicke, süße Beeren. Im hohen Gras singen die Grillen ihr Lied. Der alte dicke Igel raschelt durchs Unterholz. Ich muss ihm nachher noch eine Schale Wasser bringen. Pling, plong, landen die Beeren im Sieb. Die Anspannung des Tages rinnt aus mir heraus, es ist eine Wohltat, mit meinen Händen zu arbeiten und ein Ergebnis zu sehen.

Und ich frage mich: Ist dies Arbeit? Oder Vergnügen?
Als nächstes verlangt mich die Wäsche. Im Sommer hänge ich sie immer nach draußen. Der Trockner steht arbeitslos und beleidigt in der Ecke. In der Abendhitze kühle ich mich zwischen den feuchten, duftenden Bettlaken und Handtüchern.

Und ich frage mich: Ist dies Arbeit? Oder Vergnügen?
Der Wassertank spuckt seine Reste in die Gießkanne. Ich stehe geduldig daneben. Lasse das Wasser auf Gemüsebeete und in den Wurzelbereich meiner gestressten Japananemonen laufen. Ich höre sie vor Wonne und Erleichterung seufzen.

Und ich frage mich: Ist dies Arbeit? Oder Vergnügen?
Ich denke zurück an diesen Tag. Acht Stunden vor dem Bildschirm fühlen sich nicht immer großartig an (und das müssen sie auch nicht). Heute sind mir neue Ideen durch den Kopf geflattert, die ich notiert habe und hoffentlich umsetzen kann. Die Tastaturen klackerten, die Klimaanlage pustete, ich räumte Postfächer und Ordner auf, die Kaffeemaschine gurgelte. Ich unterhielt mich mit Kollegen, lachte mit einer anderen Kollegin im Waschraum, trug meine Müdigkeit in die Küche und schaute den Baukränen vor dem Fenster zu.
Und ich frage mich: Ist dies Arbeit? Oder Vergnügen?
Ich glaube: Arbeit und Vergnügen sind Tanzpartner. Mal übernimmt der eine, dann wieder der andere die Führung. Mal fliegen sie über die Tanzfläche und mal tanzen sie den Stehblues. Mal verstolpern sie sich und geraten aus dem Takt und treten sich gegenseitig ordentlich auf die Füße.
Und ich glaube: Das Vergnügen lässt sich an den unmöglichsten Orten finden. Am Wickeltisch genauso wie im Klassenzimmer. An der Fertigungsstraße genauso wie im Postauto. Im OP-Saal genauso wie auf der Kanzel. Im Büro genauso wie im Hörsaal.
Ja, und manchmal darf es sich auch einfach nur wie seelentötende, ermüdende Arbeit anfühlen. Es gibt ja auch einen Feierabend, an dem wir brombeerpflückend und wäscheaufhängend (oder was auch immer uns erfüllt) das Leben spüren und den heiligen Zwischentönen lauschen können.
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