Familie

Wanted: Besonnenheit!

Letzte Woche war ich das erste Mal in meinem Leben in einem Fernsehstudio. Und zwar beim ERF Fernsehen mit meinem Buch „Problemzone Frau“. Soviel vorweg: Ich bin nicht fürs Fernsehen geboren. Lasst mich weiterhin Bücher schreiben in meinem einsamen Kämmerlein und ab und zu eine linkische Story auf Instagram teilen.

Der Fernsehauftritt fühlte sich wie der erste Schultag an einer neuen Schule an: Was und wer kommt auf mich zu? Habe ich beim Griff in den Kleiderschrank richtig gelegen? Kann ich auf alle Fragen eine allgemein verständliche Antwort geben (oder werde ich aus Nervosität plappern wie ein geistloser Wasserfall?)? Werden die mich mögen? Werden andere besser sein als ich?

Vor der Aufzeichnung ließen wir uns das Mittagessen schmecken und dabei konnte ich die anderen Teilnehmer der Talkrunde beschnuppern. Neben mir saß ein wahrhaftiger Popstar der Gegenwart: Eine Virologin. Mirjam Schilling, eine junge Frau (neuerdings nenne ich Frauen Mitte 30 jung), die an der Uni Oxford an der Interaktion zwischen Viren und dem angeborenen Immunsystem forscht. Sie hat ein Buch darüber geschrieben. Und sie kennt sich natürlich auch mit dem Corona-Virus und den Impfungen aus. Mir brannten zwischen meiner Falafel und dem Couscous tausend Fragen auf der Zunge. Ich hielt mich höflich fünf Minuten zurück, denn die arme Frau muss sicherlich tagtäglich ein regelrechtes Fragen-Bombardement ertragen. Aber ihre Gelassenheit gab mir letztendlich den Mut, sie nach ihrer Einschätzung der aktuellen Lage zu befragen. Ihre sachlichen, fundierten Aussagen waren wie sanfte Chillout-Musik nach einer Nacht in einem dröhnenden Technoclub. Wohltuend in einer Zeit der schrillen, aufgeheizten Debatten. Unser Gespräch erinnerte mich daran, dass Besonnenheit eine fast vergessene Tugend ist, die einer dringenden Renaissance bedarf.

Ich weiß nicht, wie es euch geht. Aber bei mir hat das Treibgut aus Verschwörungstheorien und Impfhysterien und neuer frommer Gesetzlichkeit einen gewissen emotionalen Schaden angerichtet. Nicht, dass ich mich an dieses Treibgut hängen möchte. Aber mir tut es in der Seele weh, dass gerade in meiner Ecke der christlichen Welt so viele Menschen – ja schon fast gierig! -nach dem Treibgut greifen und immer mehr aus der Realität weggespült werden. Ich fühle mich abgehängt.

Und mich bedrängen schmerzhafte Fragen und Erkenntnisse wie:

Warum fühle ich mich in der evangelikalen Ecke mittlerweile so alleine?
Wo gehöre ich denn hin, wenn ich einer Virologin Glauben schenke (die ihr Fachwissen nicht aus YouTube-Videos bezieht, sondern dafür *shocking!* jahrelang studiert hat)?
Warum „muss“ ich in Gesprächen mit anderen verheimlichen, dass ich geimpft bin? (Leider passiert es, dass ich dafür gerade in frommen Kreisen stellenweise angefeindet werde)
Ich weigere mich, mich der apokalyptisch-christlich aufgeheizten Hysterie und dem daraus resultierenden Verfolgungskomplex anzuschließen.
Wie kann ich falsche Schuldgefühle entlarven und unschädlich machen, die auftreten, wenn man sich aus alten Frömmigkeitsmustern löst? Wenn ich die Bibel differenzierter betrachte und unterschiedliche Lesarten stehen lassen kann?

Wir brauchen sehr viel mehr ruhige Besonnenheit. Die finden wir (ICH!) aber nicht in den Kommentarspalten diverser sozialer Medien und in aufgeheizten Debatten. Ich impulsives Menschlein bin der Frage nachgegangen, wie ich Besonnenheit kultivieren kann, und ich bin zu diesen Antworten gekommen (magst du deine eigenen Erfahrungen hinzufügen?):

Mich und meine Deutungshoheit nicht so fürchterlich ernst nehmen. Überhaupt haben wir das Lachen verlernt. Vor allem über uns und unsere eigenen Dummheiten.

Den Stimmen kluger, erfahrener, ausgewogener Menschen zuhören.

Stille suchen.

So wenig Online-Nachrichten und soziale Medien konsumieren wie möglich.

Meinen Drang zum Rechthabenwollen wie einen kratzigen Wollpulli ausziehen. Die Erleichterung folgt auf dem Fuß.

Menschheitsgeschichte studieren. Dann wird schnell klar, dass früher nicht alles besser war.

Einen gesunden Tagesrhythmus einüben: Frische Luft. Gute Arbeit. Es gut sein lassen. Mit Menschen gemeinsam essen. Am Abend Handy und Laptop ausschalten. Vernünftige Bücher lesen. Beten.

Und ich finde Besonnenheit in der Hinwendung zu einem lebensbejahenden Gott. Einem Gott, der die Viren erschaffen hat und unsere Gehirne und Virologinnen und unseren Verstand. Einem Gott, der immer für das Leben ist und der sich hartnäckig dem menschlichen Schubladendenken entzieht. Einem Gott, der klare Worte spricht und sich dann wiederum ins Mysteriöse zurückzieht, so dass wir nicht in Versuchung kommen, ihn zu deuten. Einem Gott, der Gerechtigkeit liebt und immer IMMER ganz besonders die Randfiguren:

Alle, die sich abgehängt fühlen.

Alle, deren Seele in der Coronazeit einen Knacks bekommen haben.

Alle, die mit ihrer Frömmigkeitsform und Glaubensgeschwistern nicht mehr klar kommen.

Alle, die es schwer haben, sich aus manipulativen Verstrickungen herauszuwinden.

Alle, die sich verwirrt und überfordert fühlen.

Alle, die genug damit zu tun haben, ihren Alltag zu bewältigen und doch vom Gefühl geplagt werden, nie genug zu tun.

Alle, die sich auf den Intensivstationen und in der Pflege einen Burnout holen.

Ihr seid Helden.

Szenenwechsel: Der Drehtag ging zu Ende, ich sagte, was ich sagen wollte. Und hörte den anderen Talkteilnehmern zu. Die Virologin flog zurück zu ihrer Arbeit nach England. Und ich habe einen Beutel Catering-Donuts und den Entschluss zur Besonnenheit mit nach Hause genommen. Die Donuts sind aufgegessen, die Besonnenheit muss erst noch eingeübt werden.

Drei Dinge zum Ende:

  1. Mein Buch Coffee and Jesus geht bereits in die zweite Auflage. Machst du mit mir eine Flasche Sekt auf?
  2. Herzliche Einladung zu zwei Frauenabenden im November. Bist du dabei?
  3. Bitte lass dich impfen zum Wohle der Allgemeinheit. Just saying.

10 Gedanken zu „Wanted: Besonnenheit!“

  1. Danke für deine Worte und Gedanken.

    „Warum „muss“ ich in Gesprächen mit anderen verheimlichen, dass ich geimpft bin?“ – das geht mir leider als Ungeimpfte genau so. Diese Spaltung, die mittlerweile allein durch das Impfthema entstanden ist, finde ich sehr zermürbend und traurig. Wo gehöre ich hin, wo fühle ich mich gesehen und wo kann ich fruchtbare Gespräche führen… diese Fragen beschäftigen mich auch immer wieder. Ich bin auf beiden Seiten für ein besonnenes Miteinander.

    Ich habe da im aktuellen Buch von David Steindl-Rast „Orientierung finden“ einen schönen Abschnitt zur Nächsten- (und Feindes)liebe gelesen: „Meine Liebe wird sich daran zeigen, dass ich zwar alles tue, um ihren Bemühungen entgegenzuwirken und es ihnen unmöglich zu machen, Schaden anzurichten, ihnen aber gleichzeitig den Respekt erweise, der jedem Menschen gebührt, uns sie so behandle, wie ich selbst behandelt werden möchte, wenn unsre Rollen vertauscht wären. Inmitten meiner tatkräftigen Opposition darf ich niemals vergessen, dass das Selbst meiner Feine mein Selbst ist.“

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  2. Hallo Veronika,
    Gegen die Schuldgefühle kann ich dir einmal Inspired von Rachel Held Evans empfehlen und es gibt einen ganz guten Vortrag von Siegfried Zimmer zum Exodus auf YouTube. Der ist allerdings etwas polemisch manchmal, aber ich konnte für mich trotzdem viel Gutes raus ziehen.
    Ich bin auch immer wieder erschrocken über die Panik und Realitätsferne die in manchen christlichen Kreisen im Moment herrschen. Meine Papa meinte dazu man müsse mal Bücher aus den 70ern lesen wo die Christen da überall die Entdzeit entdeckt haben 😉
    Liebe Grüße
    SB

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    1. Das Buch von RHE lese ich gerade zum zweiten Mal. Es ist eine absolute Wohltat! Und den Exodusvortrag kenne ich auch. Ja, über die gelegentlichen Spitzen muss man hinweghören 😉
      Die Endzeit war ja schon immer da, nicht wahr? Schon die ersten Christen lebten in der Naherwartung.

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      1. Hätte ich mir eigentlich denken können, dass du das bestimmt schon kennst 😉
        Ich mag in dem Buch von RHE auch die Perspektive auf die Offenbarung total – war für mich eine sehr neue aber sehr heilsame Sichtweise.
        Liebe Grüße
        SB

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  3. Liebe Veronika, du bist nicht alleine. Ich glaube du erlebst teilweise das Stadt/ Land Gefüge, was das Impfen anbelangt. Klar, ich kenne ein Paar Christen, die sich nicht impfen lassen aus diversen Grunden, aber die Mehrheit ist geimpft. So oder so, sollst du das machen, wovon du überzeugt bist. Und mit über 40 brauchst du dich gar nicht dafür entschuldigen!!! Ich habe dein Coffee und Jesus Buch auf der Wunschliste zur Weihnachten und habe heute einer guten Freundin Heiliger Alltag und Hoffnung leuchtet ausgeliehen.

    Liebe Grüße aus Böblingen,
    Cree Scheier

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  4. Danke für die Gedanken.
    Ja wir brauchen mehr freundliches Miteinander um den anderen einfach in seiner Sicht auf die Dinge stehen zu lassen.
    Und trotzdem Danke, dass du öffentlich Stellung zum Impfen nimmst!

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  5. Ich glaube auch, dass es ein Segen ist, dass es die Impfung gibt. Dennoch wäre es weise und angemessen, im Blick zu behalten, dass das „Corona-Risiko“ innerhalb der Altersgruppen unterschiedlich verteilt ist ( Kinder und Jugendliche haben in aller Regel sehr milde Verläufe).
    Heute wissen wir, dass die Impfung nicht immer vor einer erneuten Ansteckung schützt, dann kann es auch zu einer Weitergabe des Virus kommen. Das kann für Ältere echt zum Problem werden, die noch keine Booster-Impfung haben.
    Testen wäre das Gebot der Stunde!!
    Die 2G-Regel finde ich problematisch. Hier dürfen seit der Einführung von 2G Jugendliche ab 16 Jahren nicht mehr im Sportverein mittrainieren. Also auch als gesunder, negativ getesteter Jugendlicher bleibt man ausgeschlossen. Das ist eine Diskriminierung, die mich betroffen macht.

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