Familie

Wir brauchen mehr Dörfer!

img_3822_kleinIch bin abgekämpft. Präpubertäre Schübe in diesem Hause fordern alle meine Energie. Nach einer Menge hochemotionaler Schleudergänge dieses Wochenende liege ich nun völlig zerzaust und schwindlig auf der Couch. Von dort werde ich mich die nächsten Stunden nicht mehr wegbewegen.

Ich denke in letzter Zeit viel darüber nach, warum wir Eltern von Babies, Klein-, Schulkindern und Teenies so enorm viel Druck, Müdigkeit, Erschöpfung ausgesetzt sind. Vor kurzem hätte ich die Schuld noch auf unsere sich immer schneller drehende Leistungsgesellschaft geschoben. Und obwohl ich sie mit verantwortlich mache, so bin ich doch auf eine verblüffende Erkenntnis gestoßen.

Wir brauchen ein Dorf, um ein Kind großzuziehen. Aber es gibt keine Dorfbewohner mehr. 

Unsere Gesellschaft hat im letzten Jahrhundert einen grundlegenden Individualisierungsprozess durchgemacht. Die alten sozialen Strukturen sind aufgelöst. Wir haben Freiheit gewonnen, aber die Bedeutung von Zugehörigkeit, Sicherheit, Sinn, Anerkennung verloren. Am Ende dieses Prozesses stehen wir Mütter und Väter, die ohne gewachsene Gemeinschaft ihre Kinder großziehen müssen.

Ich bin in meinem Leben zigmal umgezogen. Immer für einen Job. Mein Mann ebenfalls. Unsere Freunde und Familien sind überall verstreut. Und irgendwann landeten wir genau hier, in einem Dorf. Niemand kannte uns, niemand kennt unsere Eltern. Niemand wusste, wer wir genau waren, was wir taten, wie wir tickten. Wir waren Strandgut, das neugierig und abwartend beäugt wurde. Und dann kamen unsere Kinder. Ich war allein. Die Erziehung unserer Kinder lastete alleine auf den Schultern meines Mannes und mir. Mich quälte das Gefühl, nicht genug zu geben, obwohl ich mich doch bis zur Erschöpfung abstrampelte. Mich quälten Einsamkeiten und mitten in der anstrengendsten Zeit meines Lebens war ich gezwungen, mir ein soziales Netz aufzubauen. Ich war Teil eines Dorfes, dessen Bewohner ich nicht kannte und sehnte mich danach, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die mich wirklich kennt und mit der ich mein Leben, die Arbeit, meine Fragen, meine Schmerzen teilen konnte.

Vorhin, nach einem letzten Drama (eines von sehr vielen dieses Wochenende!), sagte mir eine gehässige innere Stimme: „Du hast nicht genug getan!“

Ich glaube dieser Stimme nicht mehr.
Denn ich habe gewaltig viel getan. Ich habe meine Kinder die meiste Zeit ohne ein Dorf großgezogen. 

Ihr lieben Mütter und Väter dort draußen, die ohne gesunde soziale Strukturen euren Alltag und die Erziehung eurer Kinder bewältigt: Ihr leistet enorm viel! Ihr seid Helden, keine Versager! Und lasst euch nicht entmutigen, wenn ihr kein Dorf habt. In eurer Umgebung gibt es hundertprozentig Menschen, die sich ebenfalls nach Zugehörigkeit sehnen. Vielleicht nicht mal 100 Meter entfernt. Legt euer Smartphone zur Seite und fasst Mut.

In den letzten Jahren hat sich mein „Dorf“ langsam gefüllt. Andere Mamas, Nachbarn, neue Freunde. Dankbar, das bin ich!

Aber ich vermisse einen starken, über Generationen gewachsenen Familien- und Dorfverbund, der sich gegenseitig stützt und trägt. Ich leide unter der Unverbindlichkeit unserer Moderne. Ich hinterfrage einen Zeitgeist, der Karriere und Geld vor den Menschen stellt. Ich bewundere jede Mutter, jeden Vater, jeden Single, der sein Leben ohne ein Dorf meistert.

Es ist kein natürlicher Zustand, in dem wir leben und unsere Kinder großziehen. Wie und ob wir jemals wieder zurückfinden, das bezweifle ich. Aber wir können neue Strukturen aufbauen. Damit unsere Kinder später nicht die gleichen Kämpfe kämpfen müssen wie wir.

So, jetzt gute Nacht! Ich muss dringend noch Voice glotzen!

 

11 Gedanken zu „Wir brauchen mehr Dörfer!“

  1. Es ist so gut, dass Du siehst, was Du geleistet hast. Ich frage mich auch ganz oft, wie manche Eltern, insbesondere Alleinerziehende, das alles schaffen, wenn ich, sogar mit Mann und Oma für den Notfall in der Nähe, schon so oft nicht mehr kann. Für mich sind alle Eltern bärenstark. Alles Liebe

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  2. Ach herrje, jetzt muss ich dich schon wieder mit einem Kommentar belästigen! Aber als ich deine Worte gestern Abend las, das kullerten die Tränen unaufhaltsam. Ich bin unendlich dankbar für meine Familie, sie ist meine Lebensentscheidung, die ich niemals bereue. Aber ich hatte nicht den Schimmer einer Ahnung wie einsam ich sein würde. Und ich dachte an die Zeit, als ich zum ersten Mal Mama wurde und völlig fremd hier war. Ich wusste doch gar nicht, wie das so funktioniert mit einem Baby und man konnte keinen fragen. Ich dachte an die Geburt meiner Tochter, nach der ich unter Depressionen litt und niemanden um Hilfe bitten konnte. So vertraut war man nicht, mit den Krabbelgruppenbekannten. Und an die Zeit meiner Schwangerschaft mit den Zwillingen, in der ich ab der 20.Woche liegen musste, 17 lange Wochen und wir waren allein. Und ich dachte an heute, wo ich mich jeden Tag durch das Schul und Alltagsdickicht schlage und manchmal gerne einen Rat hätte. Das hört sich entsetzlich wehleidig an und das will ich nicht sein. Bekannte gibt es hier jede Menge, Sonntags nach der Kirche kann man unverbindlich plaudern, aber gewachsene Strukturen fehlen. Und hier ist es tatsächlich so, dass alle nach einem Jahr Babypause wieder arbeiten und die Kinder in die Krippe geben. Außer meinem Sohn gibt es nur noch ein Mädchen in seiner ersten Klasse, das nicht Ganztageskind ist. Und nein, ich meine das nicht wertend. Wir haben für unsere Familie nur eine andere Entscheidung getroffen und Einsamkeit ist eine Folge. Ich vermisse Strukturen auf die wir bauen können, andere Alltagsmenschen, die das Leben der Kinder bereichern könnten. Ich vermisse Pfarrgemeinden, die Leben teilen und nicht nur den Untergang bejammern. Entschuldige den Sermon, liebe Veronika, du hast mit deinen Worten in ein Wespennest meines Herzens gestochen.

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  3. Ich bin unfassbar berührt von deinem Post, denn die Einsamkeit und die Erschöpfung kenne ich. Mir sind auch fast die Tränen gekommen, als ich diesen Text gelesen habe. Ich habe zwei Jungs, die alles andere als angepasst sind, was auch gut ist. Aber es fordert unglaublich viel Kraft und Liebe. Momentan , um genau zu sein, seit ein paar Wochen bin ich ungeduldiger, impulsiver und werde viel schneller aggressiv. Das mag ich selber nicht. Aber mir fehlt einfach mal Ruhe, vor allem Ruhe zusammen mit meinem Mann. Die Unverbindlichkeit unter den Menschen habe ich schon zu oft kennengelernt. Ich habe in Freundschaften investiert und mich geöffnet, Vertrauen geschenkt. Gefühlt war alles umsonst. Ich habe zwei „best friends“, die aber weit weg wohnen, die im Alltag nicht da sind. Es ist verrückt, das man heutzutage so einsam sein kann. Jetzt, wo doch alles global ist und alle miteinander vernetzt. Aber weißt du was ich auch für Erfahrungen gemacht habe? Das die ältere Generation gar nicht mehr so sehr daran interessiert ist den jüngeren zu helfen. Ich spüre da oft Ignoranz, Arroganz, Strenge und Desinteresse. Es bringt auch nichts, mehr Dorfbewohner zu haben, wenn diese einem nur das Gefühl geben alles falsch zu machen.

    Danke für deinen Post.

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  4. Wir Erwachsenen müssen uns klarmachen, wie bedeutend wir im Leben unserer Nachbarskinder sind, dass wir in deren Leben eine Rolle spielen. An das, was wir gesagt haben, werden sich die Kinder später nicht mehr erinnern, aber sie werden sich erinnern, dass wir sie beachtet, uns ihnen freundlich zugewendet und sie ernst genommen haben.

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  5. Oh, du hast so recht! Ich bin in der glücklichen Lage, ein kleines Dorf zu haben. Trotzdem weiß ich genau, was du meinst.
    Auch ich stelle mir immer mal wieder die Frage, wie das weitergehen soll. Nicht nur im Hinblick auf die Begleitung unserer Kinder. Es ist toll, wenn man da Generationen um sich hat, wenn Kinder von Großeltern lernen können – ich habe das große Glück, es zu erleben.
    Aber es gibt noch eine andere Seite der Medaille: auch unsere Eltern/die ältere Generation wird uns irgendwann brauchen und ich frage mich, wie das dann gehen soll. Wir sind weg, wir haben unser Leben, wir sind dicht. Trotzdem lieben wir unsere Eltern vielleicht ja und wir wollen gern, dass es ihnen gut geht, dass sie gut versorgt sind, dass sie nicht anonym irgendwo gepflegt werden. Dieser generationsübergreifende Zusammenhalt hat ja nach beiden Richtungen Sinn gemacht.

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  6. Vielleicht zu Deinem kleinen Trost möchte ich sagen, dass wir in einem Dorf leben und zu den Großeltern ins Haus gezogen sind und dieses dann selber angebaut haben. Als die Kinder noch klein waren, ja, da war dies eine große Bereicherung für alle Seiten (neudeutsch eine Win-Win-Win-Situation).
    Doch ich muss sagen, dass sich das ab der Pubertät unserer Kinder geändert hat. Die Großeltern sind da nicht mehr mitgekommen. Wir sind unseren Kindern viel näher als unsere Eltern uns in dem Alter waren. Ab da war und ist es nicht mehr so prickelnd, und ich habe mir oft gewünscht, dass wir nicht mehr zusammen wohnen würden. Vielleicht kannst Du Dich also irgend-
    wann auch freuen, dass Oma und Opa nicht alles von Euch mitbekommen….
    Und Dorfleben heißt nicht unbedingt Idylle! Wir haben im Dorf keinen richtigen Anschluss bekommen, weil das 1. kein Dorf mit einem guten Zusammenhalt ist und 2. wir nicht in der Feuerwehr und beim Frauenturnen waren. Aber immerhin sind meine Männer alle im Fußball-
    verein des Dorfes – doch das reißt es offensichtlich nicht raus.
    Unsere Kinder haben eher darunter gelitten, dass wir so „Ökos, fromm und Großfamilie“ waren und nicht so viel mitgetratscht haben und dadurch auch nicht richtig dazu gehörten.
    Also: Dorfidylle gibt es nicht! (Außer von der Natur umgeben zu leben, was ich sehr schätze!).
    Im Endeffekt muss jeder für sich und für seine Ehe und seine Kinder und seine Eltern und Schule und Umgebung schauen, egal wo er lebt. Einsamkeit ist überall!

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    1. Ein schöner Post, Veronika, der so einiges bewegt (hat).
      Auch in mir. Und bessere Worte hätte ich ebensowenig finden können.

      Leider sehe ich die romantische Dorfidylle so nicht. Dörfer unterliegen Zu – und Wegzügen. Es fehlt an offenen Bezügen.
      Zudem finde ich ist ein Dorf nur so lange offen, wie es die Dorfbewohner auch sind.

      Steckt nicht in jeder Stadt ein Dorf ?

      Folglich will ich sagen: Du kannst es dir überall schön machen. Dafür braucht es kein Dorf und keine Stadt. Nur offene und herzliche Menschen.

      Gerade das zu finden, kann ebenso eine Aufgabe sein.

      Liebe Grüße,
      Rosetta

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      1. Liebe Rosetta,
        Danke dir für deinen Kommentar! DIE Dorf-Idylle, wie man sie sich wünscht, gibt es sicher nur sehr selten. Da wollte ich auch nicht idealisieren. Aber ich habe Dorf auch als Metapher benutzt. Ein Dorf kann alles Mögliche sein: Großfamilie, Gemeinde, Hauskreis, Nachbarschaft. Dörfer stecken überall 🙂 Liebe Grüße zurück!

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  7. Liebe Veronika, ich konnte mich auch so gut reinfühlen in deine Worte. Ich habe innerhalb von 4 Jahren in 3 Bundesländer gelebt, bin mit 19 Jahren ausgewandert nach Deutschland und ja, ich fühle und fühlte mich oft einsam und entwurzelt. Ich freue mich auf jedes kleine „Dorf“, ob es im Treppenhaus ist, an der Arbeitsstelle mit manchen Kolleginnen, die einem das Gefühl von Heimat und Angenommen sein geben, trotz unterschiedlicher Herkunft, im Gottesdienst, wo man als Fremde herzlich wahrgenommen und begrüßt wird….im Kreise der eigenen Familie trotz Querelen und Reibereien, wenn es hart auf hart kommt, hält man zusammen, das „Dorf“ der Freunde, auch wenn sie in der Ferne sind…. ich dachte zurück an mein Heimatdorf, man war aufeinander angewiesen, man hat sich geholfen, wir waren arm. Große Ereignisse wurden vom ganzen Dorf getragen: Hochzeiten, Beerdigungen, Geburten, Kirchenfeste, Katastrophen. Alleine hätte das keiner geschafft. Es ist bestimmt auch ein Ergebnis der Wohlstandsgesellschaft, dass die Menschen sich voneinander entfernen. Wir werden einsamer als einsam und krank an der Seele. Ich wünsche uns viel Trost in so verzweifelten Momenten und, kommt lasst uns beginnen, Dörfer zu bauen, auch wenn sie noch so klein sind, es lohnt sich bestimmt.
    Und Danke, dass du wieder einmal für soviel gesprochen hast. Elke

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  8. Habe gerade erst deinen Post gelesen, obwohl ich schon länger und regelmäßig deinen Blog verfolgen. Die Kommentare dazu sprechen mir aus dem Herzen. Wir leben in Frankfurt, aber eigentlich komme ich aus einer dörflichen Gegend. Manchmal ist Frankfurt wie ein Dorf und das tut mir gut. Nachbarn denen ich vertraue, Leute, die mich auf der Straße wiedererkennen und grüßen, andere Mütter, die mich versorgen mit Kleidung oder einer Einladung zum Kaffee. Dennoch vermisse ich verbindliche Freundschaften und Menschen, die einem spontan unter die Arme greifen, wenn man Hilfe braucht. Viele Mitmenschen erleben ich, ob Stadt oder Land, als total verplant, gehetzt und selbstzentriert. Ich habe Angst, dass das schon auf mich abgefärbt hat. Aber ich gebe nicht auf und hoffe weiter dass sich freundliches, authentisches, ehrliches Verhalten positiv auf meine Beziehungen und Freundschaften auswirkt und ansteckend ist. So nach dem Motto :“Ins Wasser fällt ein Stein….“

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