Bunt und Dunkel

In meinem neuen Buch, gleich im ersten Kapitel, erzähle ich von einem Besuch in einem thailändischen Bergdorf. Dort beobachtete ich, wie eine junge Frau an einem mechanischen Webstuhl einen bunten Teppich webte:

„Mir geht dieser Teppich nicht aus dem Sinn. Einerseits, weil ich mich nach diesen vielen Jahren immer noch furchtbar ärgere, dass ich ihn nicht gekauft habe. Andererseits, weil ich in ihm eine Metapher für mein Leben sehe. Mein Leben. Alles ist miteinander verwoben, alles ist durchdrungen und zusammen gehalten von starken Kettfäden.

Da gibt es keine Lebensbereiche, die außerhalb der Kettfäden liegen. Alles, was ich erlebe und sehe, fühle und höre, schmecke und durchtrauere fügt meinem Lebensteppich ein weiteres Muster, eine weitere Farbe hinzu. Nichts ist unwichtig. Die 95% Alltag sind genauso heilig wie die restlichen 5% großer Momente.

Gottes Kettfäden durchdringen meinen Morgen, meinen Mittag, meinen Abend, meinen Schlaf. Sie durchdringen meine Arbeit, mein Reden und mein Schweigen. Sie durchdringen mein Pflanzen, Pflegen, Putzen. Sie durchdringen die letzten Minuten am Abend, wenn ich meine Kinder zudecke und die ersten Minuten am Morgen, wenn ich schlaftrunken Frühstück zubereite und die Katzen füttere. Nichts ist unwichtig, alles ist von seiner Heiligkeit erfüllt.“

Ich muss an das zurückliegende Wochenende denken. Ich habe es ausgefüllt mit meiner Stärke und meinem Versagen. Die ganze Bandbreite. Ich war die nörgelnde Mama und Ehefrau („….das Chaos, DAS CHAOS!“), ich war Freundin und Gastgeberin, Fotografin und ein unsicheres kleines Kind. Ich war einfach nur ich mit dem, was ich geben kann und was ich nicht geben kann. Alles, alles, ist Teil meines Lebensteppichs. Soviel Buntes: Ein Abend mit Freunden und voller Tafel. Ein Shooting auf einem Bauernhof. Malen mit den Kindern. Soviel Dunkles: Zweifel in der Nacht. Enge im Hals und im Herz. Streben nach Perfektion. Sorge um mich selbst.

Sonntag Abend, nach einem aufreibend holprigen Tag, trudelte die Email einer lieben Freundin ein:

„Ich wollte dir nur kurz schreiben, denn ich sitze hier heulend, nachdem ich das erste Kapitel gelesen habe. Denn Gott hat noch eine extra Message für mich oben drauf gepackt. Ich liebe den Vergleich mit dem gewebten Teppich. Und was ich sehe? Dass Gott diesen Teppich hochhebt, ihn hält, LIEBT, verrückt nach ihm ist! Den GANZEN Teppich. Unseren ganzen Alltag, das Gute, das Schlechte und alles. Mit seiner vorbehaltlosen, alles umfassenden Liebe.“

Es fällt mir immer noch schwer, mich mit allem wie ich bin, lieben zu lassen. Aber ich lerne. Ich lerne, dass alles zu meinem Leben gehört. Das Bunte und das Dunkle. Was ich von der Fotografie her weiß: Das Bunte braucht das Dunkle als Kontrast, vor dem es sich abheben kann. Ohne das Grau, das Schwarz kann unser Leben nicht leuchten. 

Heute ist ein grauer, regnerischer Morgen und ich fühle immer noch mein Versagen vom Wochenende. Und die Scham. Und die Freude. Ein weiteres Muster in meinem Lebensteppich.

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5 Kommentare zu „Bunt und Dunkel

  1. Liebe Veronika. Drin Buch ist wirklich sehr berührend, ich lese es auch gerade. Am Samstagabend hatten wir in unserer Kirche eine Lobpreis-Nacht mit Worship-Central. Ich empfand diese als unglaublich tiefe und intensive Begegnung mit Gott. Sehr berührend und sehr nachhaltig. Ich bin dann am Sonntag in einer Mischung aus melancholischem Nachspüren, Übermüdung und spiritueller Überflutung debil friedlich Grinsend durch meinen Vormittag getorkelt. Als sich am Nachmittag langsam eine Art Katerstimmung einschleichen wollte, habe ich eine kurze Kinderpause genutzt, um mich in dein Buch zu vertiefen. Über Gott und dich in der Wäschekammer und in der Küche zu lesen, war unglaublich erdend und Mut machend. Es hat mir gezeigt, dass es wunderschön ist, Gott bei unglaublich lauter Musik in einer Kirche zu finden – aber dass ich ihn genauso finde, wenn am Montag daran scheitere, den Dreck des Wochenendes zu entfernen. Ein unglaublich wichtiges Buch, gerade für uns Frauen.
    Was das Versagen angeht – sa habe ich am Samstag einen unglaublich wichtigen Satz mitgenommen: it’s not your battle. It’s mine!
    So oft kämpfen wir vergeblich gegen etwas an und scheitern immer wieder. Wir versagen genau in den Bereichen, in denen wir perfekt sein wollen. Wir schlagen Schlachten und verlieren – jedes Mal. Aber Gott will gar nicht unbedingt, dass wir sie schlagen. Er will, dass wir da wirken, wo er uns hingestellt hat, ihm vertrauen und ihn die Schlacht schlagen lassen. Wir dürfen verlieren und schwach sein, Fehler machen, er regelt das trotzdem.

  2. Liebe Veronika, auch ich möchte dir von ganzem Herzen für dein Buch danken. Ich weiß nicht, für wen, oder warum du es geschrieben hast-ich kenne dich ja gar nicht-aber es fühlt sich so an, als sei es für mich geschrieben worden. Und auch ich habe schon manches Tränchen beim Lesen vergossen, weil du so wunderbar in Worte fasst, was mich schon so lange umtreibt. Oft empfinde ich meinen Alltag nicht als heilig, sondern als Monster, das mich aufzufressen droht. Manchmal möchte ich meinem Gott entgegenschreien, dass ich das alles gar nicht schaffen kann. Der Tag hat zu wenig Stunden, die Anforderungen sind mannigfaltig, mein Anspruch zu hoch, meine Möglichkeiten doch begrenzt. Die Gedanken in deinem Buch sind wie ein großes Trostpflaster. Zu lernen, dass es so wie es ist gut ist, ist vielleicht eine Lebensaufgabe. Liebe Grüße und noch alle guten Wünsche für dein neues Lebensjahr

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