Es ist eine Lust zu leben, auch wenn die Weltlage beschissen ist

 

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Der Sommer 2016 will sich in unsere Erinnerung brennen. Er weigert sich hartnäckig, die Bühne zu verlassen,nicht wahr?

Nun sind wir gestern Nacht aus Italien heimgekehrt. Wie ich dieses Land vermisst habe! Ehrlich gesagt, wusste ich gar nicht, dass ich es vermisse. Italien ist wie ein alter Freund aus der Schulzeit. Immer irgendwie da im Hintergrund. Auch wenn ich mir neue Freunde anlache und eine Weile fremdgehe. Aber wenn man sich dann wiedertrifft, kann man sofort an die guten alten Zeiten anknüpfen. Yep, so ist Italien für mich. Ein alter, guter Freund, bei dem ich mich sofort rundum wohlfühle. Er füttert mich mit Gelato (täglich), kocht Ziegenkäse-Risotto, schenkt mir dunkelroten Primitivo ein, verwöhnt meine Augen mit den Farben des Mittelmeers. Und er liebt sogar meine zwei kleinen Bambini wie verrückt! Wie konnte ich dir jemals den Rücken kehren, mein Liebster, mi amore!

Wir bewohnten ein ligurisches Steinhäuschen mitten in einem Olivenhain mit Blick aufs Meer und gelegentlichem Waldbrand. Unsere Nachbarn waren eine Montessori-Lehrerin mit Familienanhang aus Karlsruhe und die ersten Tage war ich bemüht, pädagogisch korrekt mit meinen Kindern umzugehen. Natürlich nur, wenn unsere Nachbarin in Hörweite war. Bis wir uns abends bei einer Flasche Primitivo gegenseitig erzieherische Fehlschläge gestanden. Dann war der Bann gebrochen und ich konnte wieder nach Herzenslust mit meinen Kindern lautstark genervt sein.

Aber eigentlich waren wir doch die meiste Zeit alle sehr gechillt. Das musste an der Stille liegen. Es war fast immer ohrenbetäubend still. Manchmal wehte ein I-A aus dem Eselstall durchs Tal. Ab und zu hörten wir Autohupen, die aber nur aus dem Grund betätigt wurden, weil die Kurven so eng und scharf waren, dass man entgegenkommenden Verkehr warnen musste. Einmal hörte ich sogar meine Montessorinachbarin genervt mit ihren Kindern schimpfen. Ach ja.

Ich machte es mir zur Gewohnheit jeden Tag mindestens 10 Minuten still im Freien zu sitzen und nur zu sein. Manchmal war es sogar eine Stunde. Und ich habe mich wie eine Durchgeknallte durch mehrere Bücher gefressen. Die Biografie von Hannah Arendt habe ich innerhalb von 12 Stunden durchgepflügt. Ich hatte kein Internet. Zwei Wochen lang nur Familie, Bücher, Pool, Schreiben, Gelato-Fressen und mit unseren deutschen Nachbarn abhängen. Manchmal überfiel mich mein schlechtes Gewissen angesichts der Nachrichten (Hallo Nordkorea, habt ihr noch alle Reisschüsseln im Schrank???) Wie kann ich denn in aller Ruhe hier sitzen und das Leben so sehr genießen? Die große Denkerin des 20. Jahrhunderts, Hannah Arendt, sagte nach ihrer Flucht aus einem französischen Internierungslager:

„Es ist eine Lust zu leben, auch wenn die Weltlage beschissen ist.“ 

Genau so haben wir unsere Ferien gelebt. Mit einer überdimensionalen Lebenslust. Und diese Haltung will ich in meinen Alltag hinüberretten. Denn – verdammt ja!: Es ist eine Lust zu leben, auch wenn wir in persönlichen und gesellschaftlichen Schieflagen manchmal unsere Balance verlieren, hinfallen, uns die Knie und das Maul aufschlagen, unseren Kindern und Ehepartnern nicht gerecht werden und sowieso wie immer 10 Kilo zuviel wiegen.

Der erste Tag daheim lässt sich nicht schlecht an. Es ist wohltuend, daheim zu sein und in unser nachbarschaftliches Beziehungsgeflecht zurückzuschlüpfen. Es ist schön, wieder einen Geschirrspüler, eine Waschmaschine, das gewohnte Bett zu haben.

Nun haben wir noch einen letzten Ferientag vor uns. Und den will ich (abgesehen von einem irren Wäscheberg) mit soviel Lebenslust vollstopfen wie möglich: Das letzte Buch durchackern, Pippi Langstrumpf glotzen, Lagerfeuer machen, 10 Minuten still sein und dann am Abend hektisch verstreute, vergessene Schulsachen zusammensuchen.

Und es ist schön, wieder hier zu sein. In meinem Blog. Ich habe ihn vermisst!

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22 Kommentare zu „Es ist eine Lust zu leben, auch wenn die Weltlage beschissen ist

  1. Willkommen zurück, du Liebe! Wir haben dich hier auch vermisst. Wunderschöne Bilder, mich hat kein einziges gelangweilt.
    Wir haben uns dieses Jahr erstmal nur bis Südtirol vor gewagt. Aber nächstes Jahr wollen wir auch gern nach Ligurien (kennst du wen, der einen guten Campingplatz kennt?) . Ich beneide dich um die 300 km, die du es näher hast ☺.
    Ich wünsche dir ein gutes Ankommen im Alltag und viel Power für alles, was kommt (und ich bin neugierig, weil irgendwas war da doch ☺)

    1. Hi Daniela, Danke für deinen lieben Kommentar! Leider hab ich null Connections zu Campern. Ligurien kann ich echt empfehlen – uns hat es Bombe gefallen! Die Kinder fanden das riesige Meerwasser-Aquarium in Genua am Tollsten.
      Jaja, es steht bei uns noch was an…aber darüber schreib ich erst zu späterem Zeitpunkt (und nein an alle Mitleser: Ich bin nicht schwanger!).
      Liebe Grüße
      Veronika

  2. Hallo Veronika,

    danke für diese tollen Eindrücke. Das Haus am Meer, das liest sich toll. Wir waren noch nie in Italien, ist von uns aus mit den vielen Kindern einfach noch zu weit. Da fährt man zu lange im Familienbus und ist nachher sicherlich sehr nahe dran, wahnsinnig zu werden. Aber ja, ich mag auch mal dorthin.

    Gestern habe ich den Chutney nachgekocht. Steht ja in der aktuellen Family. Bin sehr gespannt, wie es uns schmeckt.

    Liebe Grüße
    Andrea

    1. Hi liebe Andrea, du als Mutter weißt ja am besten, was und wieviel du deiner Familie zumuten kannst. Wenn lange Fahrten jetzt noch nicht drin sind, dann ist es so und das ist ok. Wir sind nachts gefahren, um Staus zu vermeiden. Das hat sich wirklich bewährt! Irgendwann ist sicher Italien für euch drin 🙂

  3. Liebe Veronika,
    herzlichen Dank für die herrlich schönen Bilder und deine Gedanken!! Ich bekomme Fernweh…
    Schön, dass du zurück bist. 😊

  4. Willkommen zurück und einen guten Start euch morgen wieder! Könntest du mal einen Beitrag mit Buchempfehlungen schreiben? Wenn ich im Herbst (hoffentlich) mit dem Examen durch bin, will ich ganz, ganz, ganz viel lesen!!!
    Liebe Grüße, Miriam

  5. Liebe Veronika, ich freu mich auch, dass du zurück bist! Wie so oft sprichst du mir aus der Seele und erinnerst mich mit deinen Fotos an Bilder in meinem Kopf (war heuer auch in Italien). Danke!
    LG und einen guten Start in den Alltag! Elina

  6. Und wir haben dich vermisst, liebe Veronika! Willkommen zurück :-)! Ich hoffe, ihr habt euch super gut erholt. Habt einen guten Start im Alltag!

  7. Auch von mir ein sonniges Willkommen!! Ich hab Dich und Deine Schreiberei auch sehr vermisst. Gib uns mal einen Tipp, wo man dieses Steinhaus finden kann – klingt nämlich toll! Die nächsten Ferien kommen bestimmt … Herzliche Grüße aus Würzburg – Anett

  8. Hallo Veronika!
    Wie schön, ich freu‘ mich sehr, wieder von dir zu lesen.
    Einen fröhlichen Start in den Alltag wünsche ich dir und deiner Familie!
    Viele Grüße von
    Petra

  9. Hallo Veronika,
    nach 13 Jahren Sizilien Abstinenz, ging es mir ähnlich wie dir . Ich habe garnicht gewusst, wie sehr ich es vermisst hatte.

    Deine Bilder haben typisch italienische Momente eingefangen. Sehr schön !

    Einen guten Start mit allen,
    Rosetta

  10. Wie schön wieder von euch zu hören bzw. zu lesen und zu sehen. Die Bilder sind „molto bellissima“ ! Und die Liebeserklärung an Italien riecht und schmeckt man förmlich 😊
    Ich wünsche euch dass ihr ganz viel dolce vita mit in den Alltag nehmen könnt!
    Sonnige Grüße von Sonja

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