Das ist zum Kotzen

„Magen-Darm ist echt die Hölle!“

„Stimmt. Vor allem, wenn die Kids es nicht rechtzeitig zum Klo schaffen. Das ist so eklig!“

„Oh ja. Ich schalt in solchen Situationen einfach in den Roboter-Modus. Ich bin ein Ro-bo-ter und wi-sche oh-ne Wür-gen die Ko-tze weg.“ 

Dieses Gespräch habe ich gestern mit einer Freundin auf dem Spielplatz geführt. Die Sonne lachte vom enzianblauen Himmel, die Kinder lachten mit, ich dachte an die armen Mitbürger in ihren muffigen Büros und fand es famos, eine Mutter zu sein. Ich konnte endlich wieder durchatmen.

Die ersten Tage der Woche waren anstrengend und vollgepackt. Josefine hatte die Ringelröteln und war bis heute daheim. Nebenbei musste ich noch einen Foto-Auftrag abschließen, den ich nicht vor mir herschieben wollte. Also schob ich eine Nachtschicht ein.

Mein Rücken jaulte schon die ganze Woche, aber ich bin Profi darin, ihn verbissen zu ignorieren. Ganz nach meiner Devise: Wenn ich tapfer genug bin, gehts auch wieder vorbei. Letzte Nacht war Schluss mit tapfer. Der Schmerz schoss in alle Richtungen und die einzige schmerzfreie Position war stehend, mit einem abgewinkelten Bein. So kann man auch super schlafen. Ich dachte: Jetzt müssen die harten Drogen her. Da hilft dir auch dein Hippie-Kräutertee nicht mehr. Ich versank im herrlichen Schmerzmittel-Nebel.

Heute Nachmittag durfte Josefine wieder in den Kindergarten. Ich legte mich auf die Couch, döste selig eine halbe Stunde im Tabletten-Himmel, plauderte mit Schwesterherz am Telefon, säte Spinat und putzte die vernachlässigten Böden, auf denen sich Wollmäuse zu wohl gefühlt hatten. Ich fand es mal wieder sehr famos, eine Mutter zu sein.

Dann drehte sich ein Schlüssel im Türschloss um. Mist, was macht Armin schon daheim und stört mich in meiner Hausfrauen-Wonne? Mein Mann kam mit Leidensmine die Treppe hoch, verschwand murmelnd im Schlafzimmer und ward nicht mehr gesehen. Dann kamen die Kinder vom Kindergarten heim. Amelie hatte Bauchweh. Ich kochte ihr einen Hippie-Kräutertee, den sie eine halbe Stunde später zusammen mit einer bunten Mageninhalts-Mischung auf Couch, Flokati-Teppich und diverse Kissen erbrach. Mehrmals. Ich dachte an das gestrige Gespräch mit meiner Freundin auf dem Spielplatz und schaltete in den Roboter-Modus. Ha, mein 30-jähriges Selbst sollte mich jetzt mal sehen! Das hätte es niemals gekonnt – so professionell Kotze aus dem Flokati entfernen, parallel ein verstörtes Kind baden und dabei keine Miene verziehen, dachte ich. Ich bin echt erwachsen geworden. 

Jetzt sind alle im Bett verstaut. Nur ich bin noch wach. Ich merke, wie sich der Blues an mich heran schleicht. Die Woche war hart. Und endet in einer Enttäuschung. Morgen wollte ich mich eigentlich vormittags mit einer Freundin bei IKEA treffen. (Das wäre echt praktisch, weil wir könnten seit heute ein neues Sofa und einen neuen Flokati brauchen!). Nachmittags hätte ich einen Termin zum Styling und anschließend sollten Fotos von mir gemacht werden. Vorhin habe ich alles abgesagt. Und sehe einem weiteren langen Tag entgegen, an dem ich alle meine Bedürfnisse auf dem hintersten Parkplatz abstelle.

Anfang der Woche hatte ich eine Bibelstelle gelesen, in der Jesus einen Gottesdienst in einer Synagoge besucht. Dort bemerkt er eine Frau, die schrecklich verkrüppelt ist. Er unterbricht die Gottesdienst-Ordnung, wendet sich dieser Frau zu und heilt sie. Damit löst er natürlich einen Eklat aus, weil er die schöne gewohnte Ordnung über den Haufen wirft. Ich kam von dieser Bibelstelle nicht los. Sie hängte sich an mich, zwickte und kratzte mich. Bis ich Folgendes erkannte: „Lass dich diese Woche unterbrechen und leg deine lieb gewonnene Routine ab. Du wirst von Menschen gebraucht werden. Vertrau mir.“

Es ist tatsächlich so eingetroffen. Und die entscheidende Frage ist jetzt, ob ich mich beleidigt zurückziehe und darüber klage, wann ICH ICH ICH endlich mal wieder am Zug bin. Oder ob ich die Unterbrechungen annehme und mein Ego zurückstelle. Ich tendiere zu Ersterem. Aber ich entscheide mich für Letzteres.

Und nein, ich bin kein Roboter. Ich bin eine Frau aus Fleisch und Blut und mit Bedürfnissen und mit einem Herz voller Liebe. Das mich dazu befähigt, über Rückenschmerzen und vollgekotzte Flokatis und abgesagte Dates hinauszuwachsen. Und das Leben anzunehmen, wie es sich halt gerade präsentiert. Manchmal lachend. Manchmal kotzend.

Gerade will ich diesen Beitrag veröffentlichen, da sendet mir eine Freundin dieses Zitat von Henri Nouwen:

„Früher habe ich mich ständig darüber beklagt, dass ich bei meiner Arbeit unterbrochen wurde, bis mir bewusst wurde:die Unterbrechungen SIND meine Arbeit.“

Geht’s noch deutlicher?

4 Kommentare zu „Das ist zum Kotzen

  1. Hallo meine Liebe, das hört sich alles soooo sehr bekannt an! Seit ich deinen Block lese, fühle ich mich sehr vertraut mit dir, so ehrlich und lebensnah. Mit meinen 3 Kindern hab ich schon ganz ähnliche Dinge erlebt. Ich wünsche dir morgen (trotz allem) offene Augen für die kleinen, besonderen Augenblicke und Gottes Trost und Liebe zum durchhalten!!

  2. Sehr hilfreich … wie oft denke ich „Och, nö! Das kann ich jetzt gar nicht brauchen!“ und fühle mich deprimiert, bis ich mich damit abgefunden und eingerichtet habe. Später höre ich mich dann ab und an sagen „Eigentlich gut, dass wir im Durch-den-Alltag-Rennen unterbrochen worden sind und uns Zeit nehmen mussten!“ Tatsächlich will ich einfach alles unter Kontrolle haben und das macht was mit mir … Kontrolle abgeben und mich den Gegebenheiten beugen kann auch sehr entspannend sein.

  3. Kenn ich. Ähnliches spielte sich hier vor 14 Tagen ab. Nur bei mir waren es nicht Sofa und Flokatis, sondern Supermarkt, Auto, neue Tragejacke und Kinderbett. Bleib stark, es geht vorbei – und kommt wieder ;-).

Kommentar verfassen