Gedanken, Glaube

Ich bin ein explodierter Farbeimer

Mich überkamen in letzter Zeit Zweifel. An mir selbst und an dem, was ich tue. Oder besser: dass ich überall und nirgendwo tätig bin. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, alle Hochzeiten aufzuzählen, auf denen ich tanze. Es sind….eine Menge: Foto-Aufträge, Kolumne, Buch, Gemeindebrief, Frauenfrühstück, Eltern-Stammtisch, Hauskreis, Book-Club, Beziehungen leben und bauen und pflegen, Kinder erziehen. Ich komme mir manchmal wie ein Farbeimer vor, der explodiert ist und seine Farbe hier und da verteilt. An allen möglichen und unmöglichen Orten (ich sage nur Foto-Shooting im Kreissaal.…).

Die Sache ist die: Ich liebe alles, was ich tue. Und ich fühle mich meistens nicht überfordert, da nie alles gleichzeitig stattfindet. Niemand hat mich in irgend etwas hinein gedrängt. Es war alles meine freie Wahl. Was nicht heißt, dass ich von Zeit und Zeit meine Wahl überprüfe. Und ich kann alle diese Dinge nur deswegen tun, weil ich zu Vielem Nein gesagt habe. Als ich das Buch geschrieben habe, nahm ich keine Foto-Aufträge an. Wenn ich viele Foto-Aufträge annehme, schraube ich anderes zurück. Ich habe Nein zu Leitungs-Anfragen gesagt, Nein zur Mitarbeit auf Jugendfreiheiten, Nein zur Mitarbeit in der Gemeinde. Ich bin maximal nur zwei Abende in der Woche weg.

Also, die Zweifel: Sie nagten an mir. Ist es richtig, ein explodierter Farbeimer zu sein? Umkoordinierte Farbkleckse überall und keine hübsche, klar abgesteckte Farbfläche? Ist es ok, auf zig Hochzeiten zu tanzen, seinen Kräften ohne genaue Zielrichtung ihren freien Lauf zu lassen? Wie ein neugieriger Hund, der mal hier und dort schnuppert und dann ziellos seine Geschäfte erledigt?

Hinter meinen Zweifeln steht der fromme Anspruch, sich zielgerichtet für Gemeinde, Freizeiten, Hauskreis usw. zu engagieren. Ich kann sie nur schwer abschütteln – diese fromme Prägung, die immer auch mit schlechtem Gewissen behaftet ist, wenn man ihr nicht (mehr) folgt. Diese Prägung macht mich wütend, weil sie mich in eine Schablone pressen will, in die ich einfach nicht hineinpasse. Ich bin aus ihr herausgewachsen, weil ich endlich gelernt habe, wer ich tatsächlich bin: eine freiheitsliebende, im Herzen immer noch rebellische, zutiefst häusliche, introvertierte, extrovertierte, vielfältig interessierte Frau. Ich packe Gott, meinen explosiven Schöpfer in eine enge Schublade, wenn ich versuche einem frommen Ideal zu entsprechen.

Gestern Abend war bei uns Hauskreis. Wir nahmen uns die Bibelstelle aus dem Matthäus-Evangelium vor, in der es darum geht, dass wir Salz und Licht sein sollen. Dabei saßen wir aber nicht brav im Kreis, sondern wir verteilten uns im Haus. Lesend, Betend. Nachdenkend. Schreibend. Malend.

Ich nahm meine neue englische Bibel zur Hand. Es ist „The Message“ – eine recht moderne, freie Übersetzung, die ich sehr liebe und die in ganz neuer Weise zu mir spricht. Ich las die Matthäus-Stelle, wieder und wieder. Sie beginnt mit den Worten:

You are here to be light, bringing out the god-colors in the world. (Matthäus, 5, 13)

Bäm!

Ich begann ziellos auf einem Papier zu kritzeln. Ich malte, ich schrieb. Und dann formte sich aus meinem Innersten heraus ein Gedicht, das mir auf alle Fragen der letzten Woche eine klare Antwort gab.

Be You

God-created beautiful unique You

Light-Bearer

Your being

pointing to the Creator and the Lover

of all colors.

Be grey, red, yellow, purple, green, blue, brown, orange, black.

All the colors

bleeding into HIM.

Your color

unhidden

free

uncurled

splashing

shining.

So needed by the world. 

5 Gedanken zu „Ich bin ein explodierter Farbeimer“

  1. ich sitze hier mit tränen in den augen und bin tief berührt von dem,was du geschrieben hast! fühle mit, sehe und spüre mich selbst in deinen worten. ich sein – mit allem, was zu mir gehört, mit allem, was sein darf und sein kann! abstreifen von festlegungen – innerlichen und äußerlichen – und ich sein! ein guter weg. den möchte ich weitergehen! und nicht alleine! begleitet von dem, der als erstes gesagt hat: ich bin! danke dir!

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  2. Wow….oder bäm. Sooo schön und ich habe sofort gedacht: hoffentlich schreibt sie über dieses Post oder alldem was hier steht, einen Artikel für die family…du bist mit all diesen Gedanken nicht alleine und ich bin mir ziemlich sicher, dass viele viele viele ähnlich fühlen oder sich von deinen Gedanken getröstet und verstanden fühlen…so wie ich.
    Danke!

    Liebe Grüße, Maike

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