Krise am Sonntagmorgen

Sonntagmorgen. Klassischer Zeitpunkt für eine klassische Familienkrise, nicht wahr? Die Woche über geht jeder seinen Aufgaben, seinem Leben nach. Und am Wochenende will jeder von uns seine Bedürfnisse gestillt wissen, die er vielleicht schon tagelang hinten angestellt hat. Armins Bedürfnis: Ruhe, Zeitung, Kaffee, Schlaf. Mein Bedürfnis: Ruhe, Anerkennung, Lesen, Schreiben, Joggen, Gottesdienst. Amelies Bedürfnis: ganz viel mit Mama und Papa spielen. Josefines Bedürfnis: mit Mama Pfannkuchen backen und kuscheln. 

Zuerst brummelte Armin am Frühstückstisch (ich hatte ihn zu früh geweckt. Ach, was soll’s, ich HATTE ihn GEWECKT). Dann brummelte ich beim Blick auf die Uhr. Keine Zeit zum Joggen. Oder Lesen. Vergiss das Schreiben. Nach dem Frühstück bekam Amelie einen Emotions-Anfall und schluchzte: „Nie, nie, nie spielen Mama und Papa mit mir. Immer, immer, immer müsst ihr irgendwas arbeiten. Mama putzt und Papa muss arbeiten.“ Ich geriet sofort in Verteidigungs-Haltung (die Stimmung war bereits angespannt): „Amelie, stell dir mal vor, wenn ich keine Wäsche waschen, nicht mehr putzen, nicht mehr aufräumen würde – wie würde es dann hier aussehen?“ Amelies Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Mann Mama! Hier sieht es doch eh immer blitzeblank aus!!!“ 

Mein Gewissen lastete schwer auf mir. Und ich fragte mich wahrscheinlich zum tausendsten Mal während meiner Mutterlaufbahn, wie ich allem und jedem und dann auch noch meinen Bedürfnissen gerecht werden könnte. Dann schob ich Amelies Anfall weg mit dem festen Entschluss, ihr jeden Tag 10 Minuten oder eine ganze Stunde zu widmen. Ich atmete durch, schickte meinen Mann aufs Sofa, packte meine Kinder ins Auto und ließ sie ihre abgefuckten Crocs in den Gottesdienst anziehen. Ich war einfach zu erschöpft, ihnen ihre schicken blauen Sandalen anzuziehen. Die ich ehrlich gesagt immer dann anziehe, um der Welt zu zeigen: Hey, meine Kinder sind sowas von stilsicher!“. Aber an diesem Morgen waren wir drei alles andere als stilsicher. Ich fühle mich emotional ausgelaugt und nicht mehr in der Lage auf weitere Bedürfnisse einzugehen. „Mama, krieg ich nachher ein…“ „NEIN!“ „Mama, ich will aber doch nur..“ „Ich hab NEIN gesagt und das heißt nein oder sprech ich neuerdings Chinesisch?“ „Mama, was ist chineschis?“

Wir brauchen diese Sonntagmorgen-Explosionen, die uns ärgern und aufwühlen. Dann sind wir nämlich endlich gezwungen, Position zu beziehen und auszusprechen (oder zur schreien), welche Bedürfnisse wir verspüren. Die wir vielleicht schon viel zu lange vernachlässigt haben, um es allen um uns herum Recht zu machen. Aber wenn ich das Gefühl für mich selbst verliere, dann verliere ich. Ich verliere mich dann nämlich in Selbstmitleid und dann tue ich nur noch alles mit einer unausgesprochenen Märtyer-Haltung. Tödlich fürs Familienklima. 

Also, was sind meine Bedürfnisse diese Woche?

  • Bloggen (ha, Punkt erfüllt!)
  • meinen neuen Schmöker „Der Distelfink“ lesen
  • an meinem Buch weiter basteln
  • Rückzug und Ruhe
  • wertvolle Herz-zu-Herz-Zeit mit meinen Kindern verbringen (10 Minuten oder eine Stunde, total egal. Hauptsache es findet statt!)
  • Joggen

Ich weiß nicht, ob es letzten Endes wichtig ist, alle Bedürfnisse zu stillen. Vielleicht ist es einfach nur wichtig, mir wieder Folgendes klar zu machen: hinter den Rollen als Mutter, Ehefrau, Fotografin, Schwester, Tochter, Freundin, Trouble-Shooter stehe ich mit meiner ureigenen Persönlichkeit, unbeeindruckt von meinen Rollen. Aber wenn ich das vergesse, dann vernachlässige ich das Zentrum meines Herzens. Dann verliere ich mich und erwarte von anderen, meine Bedürfnisse zu erkennen und zu stillen.

Die Folge? Krise am Sonntagmorgen. 

So, ich muss weiter. Mich meinem blitzeblanken Haus widmen. 

 

Kommentar verfassen