Familie, Freundschaften

Why oh why

Ich sitze hier müde mit meiner morgendlichen Dosis Koffein am Laptop. Die letzten Wochen war viel los. Einige schöne Fotoaufträge – den letzten wickle ich heute ab. Dann ist erstmal ein bisschen Pause. Zwischendrin habe ich viel geschrieben, viel gegärtnert, viel Sport getrieben und war ganz viel Mama. Letztes Wochenende waren dann meine Freundin und ihre Tochter zu Besuch. Ich hatte ihr zum 40. Geburtstag einen Freundinnen-Tag geschenkt. Denn mal ehrlich: wir haben doch alles ALLES ALLES! Und niemand braucht einen zehnten Schal oder das hundertste Buch (ähäm, also ICH freu mich über solche Dinge trotzdem…). Also haben wir einen Freundinnen-Tag im Spa verbracht. Sonne und Zuneigung und Kraft getankt.

Und wenn mal keine Freundin zur Verfügung steht, dann vergrabe ich mich zur Entspannung und zum Krafttanken in Bücher. Gerade verschlinge ich in einem Affenzahn „Grabesgrün“ von Tana French. Gestern Nacht musste ich so lange lesen, bis mir die Buchstaben vor den Augen verschwammen. Ich leide mit der Hauptfigur mit. Ein bisschen zu sehr. So sehr, ehrlich gesagt, dass ich vorhin um 5 Uhr hochschreckte und darüber nachgrübelte, ob Detective Ryan dem Wahnsinn verfallen wird oder nicht. Gestern Nacht erinnerte ich mich auch daran, als mir mein Vati vor langer Zeit – ich muss 10 Jahre alt gewesen sein – erklärte, dass man dieses Einfühlen in eine literarische Person Identifikation nennt. Wir waren im Auto unterwegs, wie so oft. Denn er lieferte an vielen Tagen der Woche Eier aus und ich begleitete ihn gerne dabei. Unter anderem auch, weil ich ihn mit allen möglichen Fragen löchern konnte. „Warum singen die im Radion immer über Liebe – das ist doch voll langweilig?“ „Warum heißt unser Landkreis Haßberge?“ „Kennst du das: dass du so sehr in ein Buch eintauchst, dass du mit den Leuten im Buch mitfühlst?“

Meine Eltern hatten einen Hof, einen großen Garten, fünf Kinder und ehrenamtliche Arbeit ohne Ende. Heutzutage würden alle Burn-Out-Warnlampen angehen. Damals hat man seine Pflicht getan, ohne zu jammern. Natürlich hatten sie lange nicht soviel Zeit wie ich heute. Aber sie haben Zeitnischen genutzt. Wie zum Beispiel beim Autofahren. Oder bei den Mahlzeiten. Da wurde geredet, erklärt, diskutiert. Und ich durfte meine ganzen Warum-Fragen loswerden. Auch wenn ich bis heute immer noch keine plausible Erklärung von meinem Vater hinsichtlich der Liebes-Schnulzen bekommen habe.

Diese Erinnerung an unsere Autofahrten und meine vielen Warum-Fragen macht mir neu bewusst, dass ich auf die vielen Fragen meiner Töchter eingehen will. Momentan werde ich nämlich von zwei Seiten mit Warum-Fragen bombardiert. Und ganz ehrlich: gegen 11 Uhr morgens möchte ich mich kreischend im Klo einsperren und mir die Ohren zuhalten. Ich kann zwischen 8 Uhr morgens und 8 Uhr abends keinen Gedankengang und kein Gespräch ohne Unterbrechung führen. Meine kleinen Unterbrecher sind neugierig auf die Welt und saugen Wissen auf wie Schwämme. Und dabei gerate ich oft genug an meine Grenzen. Ich kann einfach nicht erklären, warum die Zahlen nie zu Ende sind. Oder warum Spinnen acht Beine besitzen („…weil Gott die halt so gemacht hat“). Ich hoffe, dass es zu jeder unbeantworteten Frage eine Folge „Sendung mit der Maus“ gibt!

Ich sehe, dass der Zeiger vorrückt. Auf 8 Uhr morgens. Ich bereite mich innerlich vor. Auf verschüttete Milch. Auf Schwestern-Streitigkeiten. Auf nasse Küsse. Auf Warum-Fragen. Ich atme durch, lächle und denke an lange Autofahrten mit meinem Vater.

Ein Gedanke zu „Why oh why“

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